Quelle: Archiv MG - KULTUR SPORT - Verrückte im nationalen Dienst


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UNVERGESSENE LEHREN AUS OLYMPIA

Pierre de Coubertin oder: ------------------------- Der Endsieg der Olympischen Idee in Los Angeles 1984 ---------------------------------------------------- Dem Begründer der modernen "olympischen Idee", Baron Pierre de Coubertin (1863-1937), kam diese angesichts des schlechten Ab- schneidens Frankreichs bei der imperialistischen Aufteilung der Welt in Kolonialreiche. Zudem hatte er ein Gespür für die "soziale Frage". So betrübte ihn, daß die proletarische Jugend mit ihren Aufgaben im Produktionsprozeß und daneben unzufrieden werden könnte und diese Unzufriedenheit sich entweder im Verfal- len an irgendwelche Laster oder, schlimmer noch, im Hereinfallen auf revolutionäre Ideen niederschlagen könnte. Deshalb, so der Baron, "muß das Leben der proletarischen Jugend von der Freude am Sport durchdrungen werden. Es muß dies geschehen, weil sie das billig- ste Vergnügen, das dem Prinzip der Gleichheit am besten entspre- chende, das wirksamste gegen den Alkohol und das produktivste an beherrschten und kontrollierten Energien ist." (Coubertin, Der olympische Gedanke) Neben dieser harmonisierenden Wirkung versprach sich Coubertin eine erzieherische. Der begeisterte Anhänger des Kolonialismus - "Und mit welcher fieberhaften Erregung verfolgen Sie nicht die Expeditionen jener mutigen Männer, die tapfer ihr Blut vergießen, wenn es gilt, dem Handel der Nation ein weiteres Kontor zu öffnen und einmal mehr unsere Trikolore auf einer Eingeborenenhütte zu hissen." - erklärte sich die britische Überlegenheit bei der Landnahme mit "der pädagogischen Reform, welche in dem Vereinigten Königreiche um 1840 vorgenommen wurde. In dieser Reform nimmt die körperliche Übung gewissermaßen die erste Stelle ein." Zwar ist der moderne Hochleistungssport nicht gerade eine Veranstaltung zur Hebung der Volksgesundheit - nicht wenige der herauskommenden M o n s t e r beenden ihre Karriere als Frühinvaliden -, doch sorgen sich mitt- lerweile alle zivilisierten Staaten um die "Leibeserziehung" schon der Kinder. Und die Olympiade als "Quelle der Muskelfreude des Sports" tut dank weltweiter Fernsehübertragungen - wo es we- niger ums Mit m a c h e n als ums Mit g u c k e n durch die na- tionale Brille geht - eben jene Wirkung, von der Coubertin ge- träumt hat: "Aus dieser Quelle wird für die einen, die Bürger, sowohl wie für die anderen, die Arbeiter, die gute soziale Laune fließen." In Los Angeles sammelte die Weltmacht Nr. 1, die uniformierte Teile ihrer Jugend in allen Ländern stationiert hat, Punkte für sich im Stadion mit ihrer Sportjugend. Schwarze Athleten, die mit Muskelkraft dem Ghetto entkommen sind, liefen Ehrenrunden mit dem Sternenbanner und ein jovialer älterer Herr, der beruflich die größte Kriegsmaschinerie der Weltgeschichte kommandiert, begrüßte die "Jugend der Welt" zum friedlichen Wettstreit. Es lebe der Sport: ------------------ Bei demokratischen Staatsmannern ist es ein Zeichen von hehrer Gesinnung, wenn sie für die Zeit zwischen den Kriegen etwas für die p r a k t i z i e r t e H e i m a t l i e b e tun. Ge- trennt von den ökonomischen Gegensätzen und von den politischen Händeln organisieren sie auch mal Olympia, bei dem der L e i s t u n g s v e r g l e i c h d e s S p o r t s der R e p r ä s e n t a t i o n d e s S t a a t e s untergeordnet wird, auf daß dieser umso heller erstrahle. Sieg oder Niederlage sind deshalb keineswegs bloß eine sportliche Angelegenheit, son- dern Bewährung der Nation oder Schande. Deshalb gehen sie auch nicht nur die Sportler an, sondern ihren Verband, damit die Poli- tiker und die Ö f f e n t l i c h k e i t. Eine "Zeitung für Deutschland" verfällt regelrecht in Kulturpessimismus angesichts der schlappen Haltung deutscher Hochleistungssportler: "Aber weil sie alles haben, so scheint es mußten sie alles ent- behren: die Lehrjahre im Kampf um bitter notwendige Siege. Sie haben kaum jemals den Stachel verspürt, der zur Annahme einer Si- tuation des Alles oder Nichts treibt... Sie sind gänzlich uner- fahren, ungewöhnt in der Irrationalität einer Kampfsituation, in der plötzlich ein Gegner Kräfte entfesselt, als gelte es sein Le- ben." (FAT-Leitartikel vom 11.8.) Dabei ist das B o n n e r V e r t e i d i g u n g s m i n i- s t e r i u m höchst erfolgreich an der kalifornischen Front präsent gewesen: Zwei Bundeswehrsoldaten kamen auf der Radrenn- bahn zum Einsatz. Gefreiter Gölz holte Silber und der Oberge- freite Schmidtke Gold auf die Hardthöhe. Seine Waffengattung heißt Radrennfahren: "In der Hauptsache trainiere ich. Dienst mach ich vielleicht zwei Stunden pro Woche." So täuscht sich der "schlaue Fredy" über seinen Kampfauftrag. Im Unterschied zu den "Sportoffizieren " aus den Ostblockarmeen, über die man hierzu- lande herzieht, tun's bei unseren Sportsoldaten auch die Mann- schaftsränge dank Neckermann und Marktwirtschaft: "Sein früherer Arbeitgeber, eine Erdölfirma, steuert noch ein paar Mark hinzu, damit der Fredy nicht darben muß. Und dazu kommen noch einmal Einkünfte aus der Sporthilfe und vom Hersteller jener Räder, die der Kölner benützt." So bleibt bei uns der Amateurgedanke leben- dig: "Unter diesen Umständen wird er (Schmidtke) sich sehr genau überlegen müssen, ob eine u n g e w i s s e Z u k u n f t als Profi tatsächlich so erstrebenswert ist." Die A n a b o l i k a - D e b a t t e n blieben durchweg ausge- wogen, weil die meisten Athleten ihre Mittelchen für planmäßige Monsterzucht rechtzeitig abgesetzt hatten. Leider nicht unser Bahnweltmeister Gerhard Strittmatter. "Pech für Deutschland", al- lerdings "absolut unschuldig", weil der behandelnde Sportarzt versagt haben soll. Dafür holte der zum Glück auf über 2 Meter Länge geratene Fischmensch Groß zweimal Gold für Deutschland und dürfte trotz der vergeigten 200-Meter-Schmetterling seine Werbe- verträge mit C h a p p i ("Unser Prachtkerl", Bild) und C l e a r a s i l noch in Los Angeles unter Dach und Fach ge- bracht haben. Gleich zu Beginn hatte das B o n n e r A u ß e n m i n i- s t e r i u m für einen olympischen Sieg von Schwarzrotgold gesorgt. Die BRD/Westberlin-Auswahl marschierte mit der Bezeichnung "Germany" unter Buchstabe G ein und nicht, wie vom Veranstalter vorgesehen, schon als F (= Federal Republic of Germany). Noch ein schöner Boykotterfolg, weil das DDR-Team mangels Anwesenheit gar nicht erst protestieren konnte. Keines- wegs nur eine "Formalität", stellte Regierungssprecher Boenisch klar, sondern eine "selbstverständliche Rechtsauffassung der Bun- desrepublik Deutschland", die hier mittels der "olympischen Idee" der Weltöffentlichkeit demonstriert wird. Jürgen Hingsen: Ein deutscher Versager -------------------------------------- Sein Sieg im Zehnkampf war ein Auftrag. Erteilt von allen, die das R e c h t ihrer deutschen Nation auf eine siegreiche Selbstdarstellung in L.A. gewahrt wissen wollten. Für die ist die Betrachtung des Geschehens nach dem Gesichtspunkt, wer schneller rennt und weiter hüpft, eine matte Sache. Spannend wird für die Rechtsanwälte des Sieges vielmehr die Frage: Erfüllt unser Mann auch seine P f l i c h t? Der Zehnkämpfer Hingsen hat seine Sache schlecht gemacht und da- mit "unseren Erfolg" vergeigt. Dafür hat ihm der nationalistische Sportjournalismus den ganzen F a n a t i s m u s zuteil werden lassen, der diesen Berufsstand auszeichnet. Das war ein Fest für die ach so kritischen Fan-Betreuer, die sich über nationale "Vorurteile" nur beschweren, wenn sie bei a n d e r e n vorkom- men und die eigenen deutschen Anliegen in den Hintergrund drän- gen. So kriegte der gute, schöne und doofe Hingsen, der sein Leben da- mit zugebracht hat, sich für d e n inter-nationalen Erfolg zu- zurichten, einiges zu hören und zu lesen. Natürlich hat ihm kei- ner seine technischen Fehler groß dargelegt; es ging ja um seine S c h u l d. Wenn er "nicht gescheit in die Stange geht" beim Stabhochsprung, so ist das ein Zeichen einer an Feigheit grenzen- den C h a r a k t e r s c h w ä c h e. Bezweifelt wurden W i l l e und E i n s t e l l u n g des Sportidioten, der da offenkundig nicht unser Bestes gegeben hat. Die Beschimpfungen, er sei ein ausgemachter Schlappmann, ohne die obligatorische Ner- venstärke und Willenskraft, gingen schon mitten in der Nacht in die heimatlichen Fernsehstuben. Und einmal bei psychologischen Beschuldigungen angelangt, wurde der nationale Fahndungsgeist auch noch der letzten Gründe habhaft. V e r w ö h n t ist er, von Sporthilfe und kalifornischen Schwiegereltern - im Gegensatz zu seinem Konkurrenten Thompson, dem als englischen Kolonialkind und -neger die nötige H ä r t e per Sozialisation verabreicht worden ist. "Gelobt sei, was hart macht!" - eine feine Quintessenz für alle Liebhaber des Stoffes, der sich zu Nationalstolz verarbeiten läßt. Nun wissen es alle: Halbe Portionen und sensible Knaben, denen es offensichtlich zu leicht gemacht wird, taugen nichts für die Siege, die "uns" zustehen! Statt zu gewinnen, versagen sie und sind womöglich noch verletzt! Und gegen den Feldzug der na- tionalen Psychologie, die hier als Ankläger auftritt, kann sich der Sportsmann noch nicht einmal wehren. Die M a ß s t ä b e, an denen er da seinen Charakter gemessen kriegt, sind schließlich seine e i g e n e n. Genauso eine "Persönlichkeit" wollte er ja sein, wie sie ihm jetzt anläßlich der Niederlage abgesprochen wird. 'Deutscher Sieger' war ja sein Berufsziel. Leider trägt er, wie man sieht, durch seinen unverzeihlichen Feh- ler ebenso zum nationalen Propagandawesen bei wie andere durch ihren Erfolg. Die demokratische freie Meinung und Josef Necker- mann machen's möglich. zurück