Quelle: Archiv MG - KULTUR LITERATUR - Von Bestsellern
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Christa Wolf
AUCH IN DER WELT DER LITERATURKRITIK:
ZWEI AKTE AUS EINEM SCHAUPROZESS
"Zuvor haben sie den Schriftstellern Puderzucker in den Hintern
geblasen, jetzt wollen sie ihn wieder rauskratzen." (HECKMANN,
"Süddeutsche Zeitung" vom 25.6.)
Daß DDR-Schriftsteller ihren bisherigen Zuspruch in den letzten
Wochen entzogen bekommen, kann nicht an ihnen liegen. S i e ha-
ben schließlich ihre Werke, denen zu Zeiten der Mauer der
verdienstvolle Kampf um "Individualität innerhalb einer sich als
Kollektiv verstehenden Gesellschaft" oder darum, "eindeutig und
vorfabriziert erscheinende Antworten auf die Probleme der sozia-
listischen Gesellschaft zu relativieren" (Klappentexte zu Christa
Wolf), durchweg zugebilligt wurde, nicht umgeschrieben. Aber die
bundesdeutschen Feuilletonisten, die arbeiten gerade schwer an
neuen Maßstäben der Literaturkritik.
Offenbar erfordert die Annexion Ostdeutschlands auch eine demo-
kratische Säuberung der Beiträge, die bisher von dort aus die
deutsche Kultur bereicherten. Und dafür werden neue Richtlinien
für die Wertschätzung ostdeutscher Dichterei ausgegeben. Dichter,
bist Du auch stets dem gerecht geworden, was wir in Dir und Dei-
ner Kunst bewiesen haben wollen? Warst Du, als es ihn noch gab,
auch wirklich immer unser glaubwürdiger Zeuge gegen den Unrechts-
staat drüben? So heißen die neuen Fragestellungen der demokrati-
schen Textanalyse, die gegen den
I. Präzedenzfall Christa Wolf
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in Anschlag gebracht werden. Gegenstand der Anklageschrift gegen
sie ist eine 79 geschriebene, 89 fertiggestellte und jetzt veröf-
fentlichte autobiografische Erzählung, "Was bleibt", über eine
Zeit, in der Christa Wolf vom DDR-Stasi verfolgt wurde. Für
Die Ankläger
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steht der Fall klar: "Die Staatsdichterin der DDR", "die Natio-
nalpreisträgerin, die prominenteste Autorin ihres Landes, SED-
Mitglied bis zum letzten Augenblick, ein Opfer der Stasi?" Da la-
chen wir doch laut. Für die Vorverurteilung braucht man keinen
Blick in die Erzählung zu riskieren: Die kann kein richtiges Op-
fer gewesen sein - auch wenn niemand die Fakten ihrer Bewachung
bestreiten mag. Eine S t a a t s dichterin von d e m Staat ist
eher selber Stasi als ein Opfer, wie es uns - heute - gefällt.
Die Erzählung ist aber nicht nur durch die Partei-Mitgliedschaft
soweit diskreditiert, daß sie wie weiland ihr Herkunftsland in
Anführungszeichen gesetzt wird. Die Zugehörigkeit zur falschen
Partei macht, genau analysiert, ziemlich jeden literarischen Wert
zunichte. In bewährter Wendemanier wird die politische Glaubwür-
digkeit der Wolf angezweifelt, und damit steht fest, daß ihr
dichterisches Werk kein Aufschrei der humanitas gegen das System
mehr gewesen sein kann. So ist es schon durch sein Veröffentli-
chungsdatum ziemlich vollständig erledigt: Es ist nämlich "zu
spät" veröffentlicht, "peinlich wie ihr Parteiaustritt zu einem
Zeitpunkt, der keine Risiken mehr barg"; und wenn der Ausgang ei-
ner Rezension vom Veröffentlichungsdatum abhängt, dann werden
Kritiker kriminalistisch:
"Wann genau? In diesem Herbst ist viel passiert, da kommt es auf
das Datum an."
Weil "zu spät" veröffentlicht, erfüllt sie den Tatbestand
unglaubwürdiger Kunst, "verlogener" und "berechnender" Darstel-
lung.
Genau genommen entlarvt der Rezensent nur eines: Die Verlogenheit
seiner eigenen Maßstäbe. Jahrelang waren nämlich einem GREINER
Wolf-Werke gerade recht als Zeugnis der Unmenschlichkeit eines
Systems. Da kam es auch auf eine SED-Mitgliedschaft nicht so an,
solange "ein Fitzelchen Renitenz" hineinzuinterpretieren war.
Heute sind wir in den politischen Maßstäben ein wenig weiter. Da
geht es nicht mehr darum, die Unerträglichkeit sozialistischen
Lebens am Dichteraufschrei - und sei er noch so gedämpft: Welche
Kunst, ihn so gegen die Zensur zu verstecken! - zu belegen. Nein,
heute steht fest, daß wahre deutsche Kultur die ist, die dem
richtigen System laut ein Lied und sonst nichts singt. Und da ha-
ben Vögel ausgeschissen, die sich nicht rechtzeitig und eindeutig
dazu bekannt haben. Nicht einmal ein Schuldbekenntnis würde ihnen
noch helfen. Sie gäben es ja glatt noch zu.
Unter diesen Auspizien findet der inquisitorische Verstand am
Fall der Christa W. seine Belege:
Der B e w e i s N r. 1 gegen sie und ihr Werk lautet: Künst-
lerisch unwert, weil k e i n e p o l i t i s c h e K a m p f-
s c h r i f t gegen die SED. Unterhalb von Agitprop gilt nichts
mehr als Literatur, was im Sozialismus Dichter zum Phantasieren
anreizte. Und was jahrelang einem Greiner leichteste Übung war
und ihm auch heute noch locker gelingt, nämlich manche poetisch
verklausulierten "Objekte" als Stasi-Amtsgebäude zu in-
terpretieren, gilt heute als drückebergerischer Frevel:
"Denn hat nicht das Verbrechen Namen und Anschrift?"
"Ja, es ist dieser angenehme Christa-Wolf-Sound, diese flaue Un-
verbindlichkeits-Melodie in der apart formulierten Sprache, es
ist diese für Christa Wolf typische Unschärfe-Relation zwischen
der wirklichen Welt, die als ferne Ahnung herüberschimmert, und
der poetischen Welt ihrer Texte. Aus dieser Unschärfe-Relation
hat sie schon immer ästhetischen Mehrwert geschlagen, nur war der
Mehrwert noch nie so gering und so schäbig erkauft wie in diesem
Text..."
Während dieser apart formulierende Schwätzer seinen politischen
Mehrwert aus der Dichtung von drüben in seiner gewohnt schäbigen
Art schlägt: Dichtung nach Art des Verfassungsschutzberichtes,
das hätten wir genießen können. So aber gerät die Differenz der
poetischen Welt zur wirklichen, die doch sonst Dichtung so über-
legen und wertvoll macht, zum Verbrechen. An der anti-
kommunistischen Botschaft, die man drüben gerne formlos und der
denunziatorischen Absicht angemessen plakativ präsentiert bekom-
men hätte. Etwa so:
Honni, Mielke und Konsorten
an den Galgen allerorten
B e w e i s N r. 2 ist der Unglauben, des Rezensenten gegen-
über den beschriebenen Gefühlen. Weil ein SED-Mitglied (Karasek
weiß es im "Spiegel" noch besser: "lange Zeit Kandidatin des ZK")
nicht als Stasi-Opfer gelitten haben kann, entlarvt er die
Schrift als heuchlerische Selbststilisierung:
"Wir begreifen: Die Frau gerät in Panik. Wir begreifen noch mehr.
Auf S. 26 heißt es: 'Ich hatte schon ziemlich lange nicht mehr
geweint.' Auf S. 43 lesen wir 'Ich weinte.' Es bleibt uns nichts
erspart. Das etwa wären die dramatischen-literarischen Höhepunkte
dieser 'Erzählung'."
Seit wann dürfen denn Schriftstellerinnen nicht mehr autobiogra-
fisch bedeutsam weinen? Da wäre es bald aus mit dem Stoff, aus
dem Feuilletons sind. Nur weil er der Dichterin ihr Leid nicht
mehr abnehmen w i l l, gießt er Häme aus.
B e w e i s N r. 3: Dadurch, daß Christa Wolf im Realen Sozia-
lismus dichtet, s c h m a r o t z t sie an der dort herrschen-
den Unterdrückung. Sie b e r e c h n e t ihre künstlerische
Wirkung, "verwertet Bedrohlichkeit", ist "Innerlichkeit, die sich
literarische Fluchtburgen baut".
"Sie ist die Malerin des Idylls... Das Idyll aber gewinnt seine
Leuchtkraft erst vor dem schwarzen Himmel... Und insofern ist die
Publikation dieses Textes doch nicht unbegreiflich. Sie ent-
spricht dem literarischen Kalkül Christa Wolfs, einer Autorin,
die sprachliche Intelligenz mit schwermütiger Sentimentaität zu
paaren weiß. Das kommt gut an."
Die nicht geglaubte Darstellung der Individualität muß einer
B e r e c h n u n g entspringen. Bloß: Worin erkennt der Rezen-
sent das? Hat er nicht selbst jahrelang die Darstellung des ge-
brochenen Idylls, die er jetzt geißelt, als Zeichen literarisch
höchstmöglichen Mutes in der Systemkritik gewertet? Idyllemalen
soll jetzt auf einmal einzig und allein deswegen, weil man es
dort tut, ein Schmarotzen am Hintergrund des Völkergefängnisses
sein - und darüber wird der Reiz des Poetischen zur niederen Ef-
fekthascherei und gemeinen Manipulation. Ein schlichtes Verbot
für das Dichten im falschen System - im Nachhinein.
Genauso Karasek im "Spiegel". Christa Wolf sei keine Opportuni-
stin, sondern, eher schlimmer, "mehr eine ins Innerliche emi-
grierte Autorin." Seit wann ist denn die "innere Emigration" des
Dichters negativ? Galt sie zu Nazizeiten nicht einmal als äußerst
entsagungsreicher Weg des Künstlerindividuums, weiterhin dem Hu-
manum zu dienen unter der grausamen Strafe, nicht veröffentlichen
zu dürfen? So erspart er ihr den Vorwurf, als "Opportunist" mit-
gemacht zu haben, um sie prinzipiell wegen ihres Rückzugs auf In-
nerlichkeit für ehrlos zu erklären. Die zählt 1990 eben nicht
mehr als Kampf gegen den SED-Staat .
Die Verteidiger
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- Walter JENS, Volker HAGE, Christa DERICUM u.a. - verfügen über
ein ähnlich anspruchsvolles Niveau der literarischen Wertung und
bezweifeln v.a. eines nicht: Daß den Sozialismus bruchlos zu be-
dichten, ein Verbrechen wäre. Aber für sie hat Christa Wolf genug
Distanz an den Tag gelegt:
"Ihr ist nichts vorzuwerfen. Sie hat nie ein Amt bekleidet, sie
hat sich nie danach gedrängt, in einem Verband den Vorsitz zu
führen, sie hat sich nicht einmal um die Rolle beworben, die
Grand Lady der Literatur zu werden. Sie ist berühmt geworden,
weltberühmt. Durch öffentliche Auftritte? Durch politische
Parolen? Durch üble Nachrede? Nein, nur durch eines: durch ihre
Arbeit, durch die Literatur."
Freilich: Wenn sie das alles gemacht hätte? Und als Vorsitzende
des Schriftstellerverbandes für die Leuchtkraft des Sozialismus
geworben? Dann würden auch diese so behutsamen, toleranten und
liberalen Geister nicht umhin können, ihre Literatur in Anfüh-
rungszeichen zu setzen. Weil für Sozialismus zu sein oder gewesen
zu sein schon lange keiner Widerlegung mehr bedarf, um abgeur-
teilt zu werden.
So aber werden Jens und Konsorten nicht irritiert in ihrer anti-
kommunistischen Literaturliebe und bleiben auch im Fall der Chri-
sta W. ihrer Logik treu, wonach eine Beschränkung des Menschen-
rechtes auf Dichten fraglos gegen das System spricht, das sie
wohl nötig hat, und das schon hinlänglich die Güte der Dichtung
belegt, um die es geht.
"Die Werke: verboten, vertagt, tabuisiert. Die Autoren: gedemü-
tigt, eingeengt und ins Exil gejagt. Und dennoch: Welche Kunst
von Weite, Rang und verweisender Kraft!" (JENS)
Damit sind sie zufrieden beim Leisten der deutsch-deutschen Lite-
raturkritik geblieben und mögen auch jetzt noch in der Wolfschen
Poesie eine schöne Allegorisierung ihrer einfältigen Idee vom Sy-
stem, dem brutalen, und vom Ich, dem geknechteten, finden. Für
ihr Gemüt ist solche Literatur Opposition. Spricht doch
"Christa Wolf hier von der seelischen Enteignung, von Fremdheit,
dem schlechten Gewissen, dem Nachdenken über die Grenzen des Sag-
baren. Alle diese Worte umreißen die Aura des Apparats, den Dik-
taturen aufzubauen pflegen und der sie trägt. Das auffällige Vor-
handensein der Kontrolleure zerstört die Möglichkeit, Ich sagen
zu können, die der Literatur der DDR zunächst ihre Gegengewicht
gegen den Dogmatismus gegeben hatte." (DERICUM in der SZ vom
21.6.)
So einfach ist das: Ein wenig seelisch fremdbestimmt, ein wenig
"schlechtes Gewissen" und vor allem ein wenig künstlerische
Qualen über die "Grenzen des Sagbaren" - die sich immer so leicht
daher sagen lassen -, und schon spüren wir die "Aura des Appa-
rats". Kaum kokettiert jemand mit der Schwierigkeit, "ich sagen
zu können", schon ist das ein deutlicher Hinweis darauf, daß er
gegen einen Moloch von System kämpft, der ihm genau das verbieten
will. Und so mancher Rehbraten, der in Büchern Erwähnung findet,
ist eine aufreizende Anklage gegen die Datschas der Nomenklatura.
So macht in den Augen der Verteidiger der Umstand den Wert der
Kunst von Christa Wolf aus, daß die Dichterin ihrer antikommuni-
stischen Pflicht wohl nachgekommen ist.
Soweit die im ästhetischen Tribunal vertretenen Positionen. Und
jetzt? Merkt irgendeine Stimme in der westdeutschen Öffentlich-
keit, daß Dichter sich in ihrer Kunst einer Wertschätzung er-
freuen, die ihren Maßstab bloß aus der Frage bezieht, ob sie be-
kennende Antikommunisten waren oder nicht? - und zeigt sich viel-
leicht befremdet vom Totalitarismus einer demokratischen Kultur,
deren Repräsentanten sich höchstpersönlich - ganz ohne McCarthy
oder alliierte Entnazifizierung - zum geistigen Blockwart auf-
bauen, der die Ehre deutscher Kunst von sozialistischen Elementen
freihält? Von wegen! Kaum mit Christa W. fertig geht der Schau-
prozeß in eine 2. Runde: Die DDR-Literaten stehen insgesamt am
Pranger und werden dem westdeutschen Gesinnungs-TÜV der freiheit-
lichsten Art unterzogen: Haben sie etwa zu den Falschen gehalten?
Vor dem Anschluß der DDR muß offenbar noch dringend geklärt wer-
den, was das für Typen sind, die Dichter von drüben. Und jeder,
der sonst damit kokettiert, von den hierzulande Mächtigen als
"Schmeißfliege" betrachtet zu werden, stellt sich erstmal grund-
sätzlich auf den Standpunkt des Schädlingsbekämpfers. Zu diesem
Zweck üben die "Schmeißfliegen" erst einmal Selbstkritik. Im
Nachhinein gesehen war es wirklich bloß Scheiße, auf die sie ge-
folgen sind: "...denn auch wir haben uns geirrt" (Greiner), den
Dichtern von drüben unverdient "Sonderrabatt" geschenkt und glatt
"alles begrüßt und bejubelt aus der DDR, das auch nur ein Fitzel-
chen Renitenz erkennen ließ." (Podak, alle "Süddeutsche Zeitung"
vom 25.6.) Mit der koketten Konzession, sich geirrt zu haben,
setzen die Herren Feuilletonisten sich ins Recht, die Literaten
von drüben für ebendenselben "Irrtum" unter Anklage zu stellen.
Ihr Verfolgungsinteresse halten sie nicht für ihren persönlichen
Wahn, sondern auch noch für einen Dienst an einer neuen objekti-
ven Lage:
"Der Perspektivenwechsel steht in niemandes Belieben, er ist ob-
jektiv." (Greiner)
Damit steht die neue Generallinie fest, nach der denen von drüben
vom Standpunkt eines sauberen Feuilletons zu kommen ist. Kunst
oder Nicht-Kunst das ist nicht mehr die Frage. Daß sich der Geist
in den Dienst einer falschen Sache gestellt hat, steht auch schon
fest. Die strafrechtliche Würdigung der subjektiven Verantwort-
lichkeit liegt an. Und so wird aus dem Fall Christa W. ein Grund-
satzurteil der Mittäterschaft eines Standes.
II. Das Generalverdikt als Frage:
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"Waren DDR-Schriftsteller nur Mitläufer und Opportunisten?"
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"Nur Mitläufer" allerdings, danach schreit diese Frage schon rhe-
torisch, so billig sind die Geistesrepräsentanten des Ex-Un-
rechtsstaates nicht anzumachen. Weil jeder diesen demokratischen
Konsens teilt, kommen genau zwei Antworten zustande:
1. Die Schriftsteller waren keine Mitläufer. Sie haben an das
Gute im Sozialismus geglaubt. Irren ist menschlich.
Wieder: Daß sie im Prinzip an einem V e r b r e c h e n betei-
ligt waren, steht auch für die Saubermänner, die eine damit be-
gründete Verfolgung b r e m s e n wollen, außer Frage. Doch
lassen sie Gnade vor Recht ergehen und machen dafür im Namen ih-
rer Mandanten subjektive Entschuldigungsgründe geltend. Die Ange-
klagten haben es nicht besser gewußt; Verbrechen nicht aus niede-
ren, sondern aus höheren Beweggründen, ein Fall tragischer Ver-
strickung läge hier vor und gebiete Milde beim Richterspruch im
Namen der fälligen Säuberung:
"Wenn aber jemand mitmachte, weil er den Marxismus für einen
guten Weg hielt, dann war er kein Mitläufer, sondern ein Ge-
täuschter. Und Getäuschten Vorwürfe machen sollten nur Untäusch-
bare." (WALSER in der "SZ" vom 25.6.)
Der Marxismus h a t keine guten Gründe. Da ist keine Täuschung
möglich. Wer dennoch welche sah, muß also nicht widerlegt werden,
sondern verdient als Getäuschter Mitleid, weil er zu spät zu der
Sache geführt wurde, die alle guten Gründe auf ihrer Seite hat.
Ein Geistesriese wie Walser versteht sich wie nichts auf die
Übung, die Erledigung der DDR von westdeutschem Boden für eine
Widerlegung des Marxismus zu halten. Insofern fällt ihm seine
Großzügigkeit leicht, nachdem er den Marxismus welthistorisch er-
ledigt sieht, den Kollegen die Hand zum Abschwören zu reichen.
Denn eines steht fest: Wo Mißerfolg eines Systems für Unwahrheit
steht, kann unser Erfolg keine Täuschung sein.
Dagegen die Hardliner:
2. Mitläufer? Von wegen! "Sie waren mitverantwortlich". Ihr Kom-
munismus kann kein Irrtum gewesen sein.
Stellvertretend Marcel Reich-Ranicki:
"Christoph Hein, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Hermann Kant, Hei-
ner Müller, Erwin Strittmatter, Christa Wolf und viele andere -
sie alle, die nicht ganz glücklich in und mit der DDR waren,
sollten nicht als "Mitläufer" bezeichnet werden. Vielmehr waren
sie Repräsentanten dieses Staates und - wenn auch auf verschie-
dene Weise und in unterschiedlichem Maße - Mitverantwortliche
dessen, was dort geschehen ist." (Reich-Ranicki, "SZ" vom 25.6.)
Diese Toleranz, die es unter einer säuberlichen alphabetisch ge-
ordneten persönlichen Denunziation nicht tut! Keine Freiheit für
die Feinde der Freiheit. Wir kennen Namen und Anschrift der Ver-
brecher. Ein Irrtum soll das gewesen sein? Das wagen wir doch
ganz sanft zu bezweifeln:
"...manche, weil sie trotz allem glaubten, einer guten Sache zu
dienen. Es fragt sich nur, wie lange man das glauben konnte: an-
gesichts des unmenschlichen Terrors und der haarsträubenden Miß-
wirtschaft, angesichts der Ausbeutung des Volkes und der Ent-
mündigung zumal der Intellektuellen, der Künstler und Wissen-
schaftler." (Marcel Reich-Ranicki, SZ vom 25.6.)
Wir haben es doch schon immer gewußt. Kommunismus mitzumachen,
das kann doch kein Irrtum sein. Nur böser Wille.
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