Quelle: Archiv MG - KULTUR LITERATUR - Von Bestsellern
zurück
Bücher, die man nicht mehr lesen muß
Tausch/Tausch: Sanftes Sterben - Was der Tod für das Leben bedeu-
tet, Hamburg 1985
Abgesang einer psychologischen Persönlichkeit
SELBSTGENÜSSLICHE NEKROMANTIE
Es sei vorweg gesagt: Das Buch des Hamburger Psychologie- und
Sterbeprofessors ist unlesbar. Über 300 Seiten quälen sich Tod-
kranke mit sich und ihrem Leiden herum, und der Professor beob-
achtet und beschreibt mit wachsender Begeisterung deren jämmerli-
che Versuche, im Sterben einen Sinn zu finden. Kein Stadium des
Siechtums der an Krebs verstorbenen Anne-Marie Tausch wird als
"Möglichkeit zur Selbstentwicklung" ausgelassen; schamlos soll
man mit dem Professor Leuten hinterhersteigen, die den Abgang ei-
nes Verwandten "miterleben durften"; und am Ende muß man sich
auch noch durch die trostlos eintönige Wiedergabe der
"Erkenntnisse" quicklebendiger Menschen durchbeißen, die ihren
Verstand zu nichts Besserem zu gebrauchen wissen, als ihn auf die
idiotische Vorstellung zu konzentrieren, sie lägen bereits auf
der Totenbahre. Und aus jeder Zeile die gleiche Botschaft der zi-
tierten Leichen in spe: Was hat man sich in seinem Leben über
vieles ganz überflüssig gegrämt, wo man am Ende doch ohnehin
stirbt. - Wem so etwas gefällt, der hat nicht nur das Persönlich-
keitsideal eines bedürfnislosen, und deshalb glücklichen Menschen
hinter sich, sondern ist auch noch scharf darauf, sein Le-
bensideal in Gestalt der sterbenden Vorbilder zu genießen. Wider-
legen läßt sich solcher Wahnsinn schwerlich; für den HHZ-Leser
lohnt es sich aber durchaus, seinen Entstehungsgrund in Erfahrung
zu bringen. Die Totenbeschwörung Prof. Tauschs ist nämlich eine
Konsequenz der allenthalben respektablen,selbstbewußten Persön-
lichkeit. Man nehme z.B. folgende aus dem Zusammenhang gerissene
Leseprobe:
"Ich kann auch bei fortschreitender schwerer Erkrankung und wahr-
scheinlichem Sterben mein Leben noch lebenswert gestalten. ...
Wenn ich mich dem Fluß des Geschehens anvertrauen kann, dann
brauche ich vor nichts mehr Angst zu haben. ... Es war erstaun-
lich, wie Anne-Marie immer mehr Dinge loslassen konnte. Jeden Tag
war es etwas Neues. Das Essen fiel ihr schwer, das Schlafen, das
Aufrichten. Sie konnte diese zunehmende Schwäche ohne Bitterkeit
und Klagen annehmen."
Ein keineswegs außergewöhnliches Kompliment: 'Anne-Marie läßt
sich nicht unterkriegen! Wiewohl sie allen Grund zum Klagen
hätte, klagt sie nicht.' - Wer es zu hören bekommt, weiß gemein-
hin, daß er wieder mal der Blöde war, weil er zwar allen Grund
zum Ausflippen hätte, aber von vorneherein "einsieht", daß es
nichts nützt. Nur: Anne-Marie ist gar nicht die Blöde, denn er-
stens setzt sie vor ihre Klaglosigkeit kein leider, sie ist nicht
so "vernünftig" sich zu 'fügen', sondern behauptet ihre Anstren-
gung, sich mit dem Tod abzufinden als beglückend, und zweitens
soll die Charaktereigenschaft des "Loslassens" ja gerade unabhän-
gig von allen profanen Hindernissen, mit denen es sich abzufinden
gilt, generell gepflegt sein. V.a. wenn man gerade nicht stirbt.
Anne-Marie ist nicht die Blöde, sondern eine Ideal-Persönlich-
keit: Sie will nichts, also kann sie nicht enttäuscht werden,
also ist sie wunschlos glücklich - toll! Daß die "Erfahrung des
Sterbens" einem diesen Charakter nahelege, ist allerdings erlo-
gen. Gut, für Anne-Marie geht praktisch nichts mehr, deshalb ist
die Verrücktheit noch lange nicht zwingend, man brauche nur auf
jedes praktische Bedürfnis zu verzichten, und prompt stelle sich
Zufriedenheit ein.
Ehrlicherweise soll sich dieser Charakter auch im "Leben" bewäh-
ren, und hat seinen Entstehungsgrund im Umgang mit ganz anderen
Hindernissen für das praktische Bedürfnis als den Tod. Denn die
Klassengesellschaft hierzulande bietet dem Menschen genug
"Schicksalsschläge", an denen er seine "Stärke" beweisen kann. So
manchen Wunsch gilt es da "loszulassen", weil der Geldbeutel ihn
nicht erlaubt, und im Privatleben ist manche Enttäuschung zu
überwinden, wenn Kind und Frau/Mann den Glücksansprüchen nicht
gerecht werden, die die Unbill, die einem eine Familie aufhalst,
lohnend machen sollen. Da gilt es 'trotzdem' nicht 'bitter' zu
werden, was nicht nur Humor ist, sondern eine recht
n o t w e n d i g e L e b e n s e i n s t e l l u n g. Der
E n t s c h l u ß z u m Z u r e c h t k o m m e n mit den Zu-
mutungen eines Staatsbürger-Daseins bildet also noch allemal den
Ausgangspunkt für die Ausbildung eines Charakters, auf den man
sich dann etwas einbilden darf, und der für manche beim Sterben
als höchster Lebenserfahrung endet. Mit ihm hat sich die gelun-
gene Persönlichkeit das ihr eigene Bewährungsfeld eröffnet. Für
die praktischen Berechnungen ist alles klar; es geht eben, was
geht - und dabei ist kein Zweifel, daß vieles nicht geht. Die
Freiheit beginnt dort, wo es gilt, damit zurechtzukommen. Womit
sie sich notwendig im Reich der Einbildung abspielt.
Einerseits soll man jede Zumutung genauso unbedingt hinnehmen wie
den Tod; nichts soll selbstverständlicher sein, als daß einem
Menschen ohnehin nur zwei Alternativen zu Gebote stehen: Er kann
klagen oder es lassen. Daß dies Alternativen der Gestimmtheit
sind, die für die praktischen Zwecke und Absichten so gleichgül-
tig sind wie ein Kropf, macht sie andererseits aber nicht unin-
teressant: Genau darauf kommt es allein an. Und die Welt steht
psychologisch auf dem Kopf: Das Scheitern mancher Wünsche und Ab-
sichten gilt einfach nicht mehr für entscheidend in der Frage, ob
man mit sich und der Welt zufrieden ist. Letzteres ist gar keine
praktische Frage, sondern eine der Einstellung zu diesem Schei-
tern. Als hätte man nie ein Bedürfnis in der Welt angemeldet,
bzw. als hinge seine Befriedigung allein davon ab, wie man das
Bedürfnis interpretiert. Sodaß nicht nur Studenten sich mit der
dümmlichen Mitteilung begrüßen, daß sie "heute gut drauf sind" -
was nicht etwa die erfolgreiche Bewältigung einer Prüfung meint,
sondern die Stimmung, zu der man sich heute durchgerungen hat.
Die Lebenslüge, die sich immer noch darin offenbart, daß man lau-
fend Gründe zum Klagen weiß, ist freilich eine lebenslange Auf-
gabe, und die charaktervolle Persönlichkeit ist laufend damit be-
schäftigt, alles und jedes, was ihr widerfährt, ob der Wirkung
auf die Gestimmtheit zu beobachten, und sich an die Kandare zu
nehmen, wenn man 'schlecht drauf' ist. Denn ein Hindernis kennt
das Bedürfnis nach einer Einbildung, die sich mit sich und der
Welt bedingungslos in Harmonie wissen will, schon noch: Den eige-
nen Willen, der just noch etwas gewollt hat, und über dessen
Scheitern man jetzt nicht enttäuscht sein darf. Daß der Fuchs die
Trauben nicht will, an die er nicht herankommt, weiß noch jeder
als Heuchelei; aber für das Beglückungsprogramm einer positiven
Lebenshaltung, kommt es furchtbar darauf an, daß man wenigstens
selbst diese Heuchelei glaubt.
Und damit ist eigentlich klar, warum Nekromanten wie Professor
Tausch mitten im 20. Jahrhundert sich einer Beliebtheit erfreuen,
die ihnen nicht nur einen Professoren-Titel, sondern auch eine
stattliche Leserschaft einbringen. Der erzbürgerlichen Heuchelei,
noch jeder Absicht abzuschwören, wenn sich zeigt, daß sie nicht
erlaubt ist; der doppelten Anstrengung, sich in der Welt seine
Zwecke zu setzen und an ihrem Scheitern nicht irre zu werden, ha-
ben nicht nur christliche Heilslehrer Respekt gezollt, indem sie
sie zur Leistung erklärten, auf die man stolz sein darf. Daß man
die eigene Lebenslüge leichter glaubt, wenn andere sie für ehren-
wert halten, diese Lebenshilfe bietet nicht nur die Erfindung ei-
nes Christus als Vorbild, sondern auch eine sterbende Anne-Marie
und ihre Jünger. Die irdische Erscheinung ist in zweifacher Hin-
sicht sogar moderner: Erstens ist das Vollbild lebensechter und
zweitens kommt es ohne die Vertröstung aus, das Glückserlebnis
für die ertragenen Leiden folge dem Jenseits. Wunschlos glücklich
kann man auch schon im Diesseits sein, zumindest kurz vor seinem
Abgang aus diesem.
Die offenbare Verrücktheit, im Sterben den Beweis zu predigen,
daß man besser damit fährt, wenn man sich keine zu hohen Absich-
ten setzt, sondern sie besser 'losläßt' - als käme es dann noch
darauf an - ist eben nicht einfach Unsinn, sondern eine Ideolo-
gie: Die Lebenshaltung eines Sterbenden, bei dem es auf nichts
mehr ankommt, ist genau passend für das Zurechtkommen im Leben.
Auch so kann man hierzulande mitmachen.
zurück