Quelle: Archiv MG - KULTUR LITERATUR - Von Bestsellern
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E.O. CZEMPIEL / C.C. SCHWEITZER:
Weltpolitik der USA nach 1945; Bonn 1984
CZEMPIEL - EIN 'THINK-TANK' MACHT MOBIL
In der Einführung zu ihrem Buch tun Czempiel/Schweitzer das
"erkenntnisleitende Interesse" dieses 477-Seiten-Wälzers wie
folgt kund:
"Für die Darstellung der amerikanischen Weltpolitik gegenüber der
Sowjetunion ergibt sich die Schwierigkeit, daß sie die Ent-
wicklung eines Konflikts zwischen grundsätzlich antagonistischen
Systemen zu beschreiben hat, an dem ihre Autoren auf der Seite
des Westens selbst teilnehmen. Damit entfällt der Anspruch auf
parteilose Objektivität (die es in den Sozialwissenschaften nicht
gibt und nicht geben kann), und es ergibt sich die Notwendigkeit,
die erkenntnisleitenden Interessen, die in Darstellung und Ana-
lyse eingegangen sind, wenigstens zu umreißen. Diese Interessen
richten sich auf die Bewahrung der liberalen Demokratie des We-
stens, auf ihre Verbesserung und Vertiefung, und auf die - inter-
ventionsfreie - Ausbreitung ihrer Organistionsprinzipien über die
ganze Welt. Diese Interessen sind insofern richtungsgleich mit
den Zielen, die die USA wie der Westen insgesamt im Ost-West-Kon-
flikt verfolgen..." (10)
Eine "Schwierigkeit" hat dieser Ernst Otto Czempiel sicher nicht.
Für den Professor, der schon immer etwas neidisch war auf seine
amerikanischen Kollegen, weil denen dort des öfteren das Ehrene-
tikett 'think-tank' (zu deutsch: Denk-Panzer!) verliehen wird,
versteht es sich ja ganz von selbst, daß er am Kampf der NATO-
Staaten gegen das staatssozialistische System t e i l n i m m t.
Ganz ohne Umschweife wirbt er mit dem offensiven B e kenntnis,
wonach alle von ihm angebotenen "E r kenntnisse" über den Ost-
West-Konflikt mit wissenschaftlicher Objektivität keineswegs zu
verwechseln sind. Daß sie vielmehr einzig und allein von dem In-
teresse "geleitet" sind: Heute gehört uns der Westen, und morgen
'die ganze Welt'!
Linientreue
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gegenüber den politischen Direktiven aus Bonn und Washington -
das ist d a s schlagende A r g u m e n t der Experten Czem-
piel und Schweitzer.
Den Vorwurf parteilichen Denkens - das war ja mal ein Vorwurf ge-
gen linke Kritiker! - reklamieren die zwei als Ehrentitel für
sich und ihre Wissenschaft: stolz brüsten sie sich damit, etwas
anderes gar nicht zu w o l l e n, als "richtungsgleich" mit
denen zu denken, die die M a c h t haben und ihren Einsatz in
Richtung Osten befehlen. (Das ist eingestandenerweise ihr
I n t e r e s s e, zu dem sie mit ganzem Herzen stehen. Die Heu-
chelei, als Sozialwissenschaftler k ö n n t e n sie gar nicht
anders, als parteilich zu denken, ist also reichlich über-
flüssig.) Da gibt es kein kleinliches Kritisieren mehr, kein vor-
sichtiges "Hinterfragen" dieses Zwecks hinsichtlich gewisser
"Gefahren" - diese Touren von gestern, mit denen man vornehme Di-
stanz hielt zu der Sache, die man legitimierte, gelten heute als
Drückebergerei. Kein Abklopfen der Außenpolitik mehr "auf der Fo-
lie" harmonisierender Begriffsschöpfung in Gestalt von
'Strukturmodellen', 'Gleichgewichtssystemen' und angeblich frie-
densgarantierender 'Interdependenz' (wo bleibt eigentlich Ihr
"asymmetrisches Gitter", Herr Czempiel?), jetzt wird Flagge ge-
zeigt. Unser Frontstaat macht mobil (im Bündnis, versteht sich),
und Hochschullehrer der deutschen NATO-Republik präsentieren ihre
Wissenschaft als bedingungsloses Ja.
Ganz so, als ob das Attribut "Kriegshetzer" ein akademischer Eh-
rentitel wäre, den er sich verdienen will, verkündet Professor
Czempiel gleich vorneweg, daß ihm keiner vorwerfen könne, er
wisse nicht, wofür er Propaganda macht: für die globale Endlösung
der Systemfrage. "Ausbreitung der Organisationsprinzipien" der
NATO-Demokratien in jeden Erdenwinkel, aber klar doch! Czempiel
nimmt hier für ein
Kriegsprogramm
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Partei, und er ist sich dessen sehr bewußt. Denn wie kommt der
Mann wohl auf die Idee, den befürworteten Freiheits-Expansionis-
mus mit der Parenthese "interventionsfrei" zu verzieren? Weil er
nur zu genau weiß, daß der Osten nicht freiwillig die Waffen
streckt, wenn der vereinigte Kapitalismus ihm das Recht bestrei-
tet, der w e l t weiten Herrschaft der Freiheit im Wege zu ste-
hen. Die kleine Friedensheuchelei, die sich der Politologe Czem-
piel noch leistet, ist der des Politikers Kohl kongenial. Wenn
der Kanzler ein ums andere Mal verkündet: "Die Teilung Deutsch-
lands muß weg!", und dann nachschiebt "natürlich mit friedlichen
Mitteln!", dann verrät dieses stereotype Dementi ebenso regelmä-
ßig, woran der Mensch realistischerweise denkt - bei d e m Pro-
gramm!
'Vorwärts mit freedom and democracy!' ist das Motto, unter dem
das Buch den Inhalt der US-Außenpolitik seit 1945 dokumentiert
und goutiert: Da mögen die auf 300 Seiten ausgebreiteten Politi-
kerreden, Militärdoktrinen, UNO-Ansprachen und Geheimpapiere aus
dem Pentagon eine beispiellose Ansammlung beabsichtigter und
vollzogener Gewalttätigkeiten der westlichen Führungsmacht zum
Besten geben -, irgendwelche Gedanken darauf zu verschwenden, was
hier 'Freiheit' und was hier 'Demokratie' eigentlich meinen, ha-
ben Czempiel/Schweitzer längst hinter sich gelassen. Daß es sich
um menschheitsbeglückende Ideale handelt, nach denen noch der
letzte Bewohner der sibirischen Taiga sich sehne, wird von ihnen
gar nicht erst behauptet. Die Frage, ob und für wen jene
"Prinzipien" sich lohnen, sät nur überflüssige Zweifel. Und daß
Freiheit und Demokratie hierzulande als absolut würdige Kriegs-
gründe gelten, wer wollte das bestreiten?
Die Gedanken sind frei - fürs Dienen!
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Und wo bleibt bei all der programmatischen, der Leserschaft vor-
weg voll tiefer Überzeugung mitgeteilten Begeisterung für die Ta-
gesordnung des Imperialismus das Wissenschaften?
Keine Sorge, das braucht darüber nicht zu kurz zu kommen. Daß die
(hierzulande ja von Staats wegen großzügigerweise erlaubten) den-
kerischen Freiheiten vielmehr so richtig produktiv werden können,
wenn sie beherzigen, wo's lang zu gehen hat - der Herr Professor
hat's nicht vergessen:
"Diese (seine erkenntnisleitenden) Interessen sind insofern rich-
tungsweisend mit den Zielen, die die USA wie der Westen insgesamt
im Ost-West-Konflikt verfolgen, richten sich aber nicht auf deren
Durchsetzung oder Rechtfertigung, sondern auf deren Analyse und
Erklärung: Auch wenn sie deren Werte und Ziele teilt (von wegen
erklärt!) unterscheidet sich Politikwissenschaft und Politik da-
durch, daß sie nicht gewinnen (nicht will?), sondern aufklären
will. (Worüber eigentlich aufklären? Ach so:) Nur auf diese Weise
dient sie auch der Politik, weil sie nur so Einsichten in die Be-
dingungen vermitteln kann, unter denen diese Politik selbst steht
und die sie ständig schafft. Engagement und Kritik behindern sich
gegenseitig (das wäre ja furchtbar, wenn Kritik die Obrigkeit
behindern täte!!) sondern verstärken sich (Herzlichen Glück-
wunsch!)" (10)
Ein Denk-Panzer ist zwar kein richtiger, stellt der Professor
fast schon bedauernd fest. Aber auch wenn eine aufrechte Gesin-
nung a l l e i n noch keine Schlacht gewinnt, liegt doch nach
Czempiel hier die schöne Chance, das für die Durchsetzung der po-
litischen Ziele entscheidende "Engagement" der Machthaber durch
konstruktive "Kritik" zu befruchten. Wie - Sie haben gegen diesen
Vergleich ja wohl sicher keine Einwände, Herr Czempiel! - das
schönste Artilleriebataillon erst mit einer funktionierenden Feu-
erleitstelle zu rechter Wirksamkeit gelangt, muß sich die freie
Wissenschaft immer die strategisch-politischen Ziele der herr-
schenden Macht vor Augen halten und sodann ihre Aufgabe darin se-
hen, die Mittel kritisch, d.h. einzig und allein daraufhin zu
begutachten, ob sie für jene Ziele auch hübsch tauglich sind. Die
Politologie hat ein
Mittel der Feindbekämpfung
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zu sein:
"Es geht um die Frage, welche Konfliktstrategie einem Gegner an-
gemessen ist, dessen System und politische Praxis inakzeptabel
sind..." (245)
Die theoretische Einlösung dieses Standpunkts, der derjenige ei-
nes abgebrühten Präsidentenberaters ist, durch den Möchtegern-
Brzezinski Czempiel schaut entsprechend aus. Die versprochene Ex-
post-Prüfung der von den USA angewandten Konfliktstrategien gegen
das "Reich des Bösen" besteht in einfühlendem Nachvollzug ("In
den Augen der Reagan-Administration strebt die SU...", ja wonach
wohl?) und schierer Akklamation der imperialistischen
Kalkulationsweise. Wen wundert's? Denn wie vermöchte sich der
Kenner besser am Arsch der Präsidentengalerie der Weltmacht Nr. 1
zu profilieren als mittels der Mitteilung, er, E.O. Czempiel,
hätte in aller Regel genau d i e strategischen Konzepte vorge-
schlagen, welche Truman, Kennedy, Nixon und Reagan gewählt haben!
Oder dasselbe andersrum, als "Kritik": Sofern alle bisher pro-
bierten "Konzepte" der US-Konfrontationspolitik - sprich: der je-
weilige Mitteleinsatz - den angestrebten E n d s i e g
n i c h t erbrachten, waren sie, im nachhinein gesehen und ge-
messen an diesem Maßstab, naturgemäß allesamt nicht der Weisheit
letzter Schluß. Weshalb laut Czempiel immer just dann Selbstkri-
tik und Korrektur - zu deutsch: eine Wende - anstand, wenn sie
von den Führungsfiguren vollzogen wurde.
Leseprobe gefällig?
* Ein Bravo auf Präsident John F. Kennedys Entscheidung für
das damals einzig realistische "Konzept der Koexistenz":
"Die Gefahr der nuklearen Zerstörung der Welt, die zu Beginn der
sechziger Jahre durch die Entwicklung der Langstreckenraketen
eminent und für jeden deutlich geworden war, läßt nur noch die
Koexistenz übrig." (235)
* Applaus für Ronald Reagans folgerichtige Entscheidung zur "Re-
Konfrontation":
"Nachdem die Linkage-Politik Nixons und Kissingers sich nicht
bewährt hatte und der Versuch Carters und Vance' erwiesen hatte,
daß er, jedenfalls kurzfristig, die Einflußerweiterung der So-
wjetunion auch nicht stoppen konnte, blieb offenbar nur noch das
traditionelle Instrument der Aufrüstung und der militärischen
Macht übrig." (313)
* Andererseits stellt sich genau solange, wie Reagans Ta-
gesordnung, die "letzten Kapitel in der Geschichte des Kommunis-
mus zu schreiben", noch nicht eingelöst ist, natürlich
"auch hier die Frage, ob der Einsatz militärischer Macht die exi-
stierenden Probleme (!) zu lösen imstande ist." (393)
Da hilft nur Abwarten -, weshalb an dieser Stelle konse-
quentgerweise das Manuskript des NATO-Kampfberichterstatters ab-
bricht.
Alles in allem zeigen Czempiel und sein Co-Autor Schweitzer, daß
die freiheitlich-demokratischen Hochschulen die Rolle der Propa-
ganda-Abteilung dieses unseres Staates hervorragend erfüllen. Wo
letzterer im NATO-Verbund die Mobilmachung der Republik anordnet,
da salutiert ein Czempiel ganz freiwillig; als Mann, der stolz
darauf ist, Mitglied der r i c h t i g e n Parteihochschule zu
sein.
P.S.: Eine kleine Frage drängt sich nun doch noch auf: Ham'se ei-
gentlich jedient, Herr Czempiel? Über den engen Zusammenhang von
Dienen und Wissenschaft wußten Ihre älteren Kollegen ja auch
schon Bescheid. Wir lassen sie hier noch einmal kurz zu Wort kom-
men:
"Der Dienst im Heere macht unsere Jugend tüchtig auch für alle
Werke des Friedens, auch für die Wissenschaft. Denn er erzieht
sie zur selbstentsagenden Pflichttreue und verleiht ihr das
Selbstbewußtsein und das Ehrgefühl des wahrhaft freien Mannes,
der sich willig dem Ganzen unterordnet."
So besehen kann allerdings die Frage auch auf sich beruhen. Daß
dieser Professor diese soldatischen Lektionen beherrscht, hat er
weiß Gott unter Beweis gestellt.
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