Quelle: Archiv MG - KULTUR LITERATUR - Von Bestsellern
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Robin Norwod, "Wenn Frauen zu sehr lieben. Die heimliche Sucht,
gebraucht zu werden", Rohwolt
VUI ZVUI GFUIH...?
Das Buch von Norwood ist seit über einem Jahr der Renner unter
den psychologischen Ratgebern, in der Spiegel-Bestsellerliste
steht es immer noch auf Platz eins. Kritische Stimmen zu dem Werk
gibt es auch: Das "zuviel Liebe" nur auf Frauen zu beziehen, be-
stärke diese noch in ihrer Opferrolle. Dieser Einwand tut zwar
dem Gerechtigkeitsgefühl genüge, trägt aber mitnichten zur Lösung
des Rätsels bei, das uns schon angesichts des Buchtitels im Kopf
herumgeht: Wie kann aus etwas, das laut Autorin jeder Mensch will
und braucht und das ihn glücklich macht (= Liebe), durch ein "zu
sehr" (wo geht das eigentlich los?) das Gegenteil, etwas Schädli-
ches, Zerstörerisches werden?
Lust am Leid
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Frau Norwood stellt das Problem so vor:
"Wenn Gespräche mit unseren engsten Freundinnen sich meistens nur
um unseren Partner drehen, um seine Gedanken, seine Gefühle...,
dann lieben wir zu sehr. ... Wenn wir viele seiner Charakterzüge,
Einstellungen und Verhaltensweisen eigentlich ablehnen, sie aber
in dem Glauben hinnehmen, daß er sich uns zuliebe ändern wird,
wenn wir nur aktiv und verständnisvoll genug sind, dann lieben
wir zu sehr. Wenn die Beziehung zu einem Partner unser seelisches
Wohlergehen, vielleicht sogar unsere körperliche Gesundheit und
Sicherheit gefährdet, dann lieben wir zweifellos zu sehr." (9)
Daß es dergleichen Liebesnöte massenhaft g i b t, ist kaum zu
bestreiten - nur belegen sie nicht, was damit belegt werden soll.
Es geht doch gar nicht ums M ö g e n des geliebten Schnuckels
(ein Gefühl, das sich auch weder steigern noch übertreiben
läßt!), wenn das bißchen Liebesleben gleich als Daseinsmittel-
punkt, Hort immerwährenden Verständnisses, ja sogar als Kraft-
quell seelischen wie körperlichen Wohlergehens i n
A n s p r u c h g e n o m m e n wird. "Der Irrtum, daß in der
Welt der Liebe Platz sei für die freie Betätigung der Individua-
lität, da der/die andere zum Lieben und Geliebtwerden da sei,
wird als Forderung geltend gemacht und logischerweise bitter ent-
täuscht." (Die Psychologie des bürgerlichen Individuums, Resul-
tate Verlag, München 1985, S. 69) Psychologin Norwood ist frei-
lich eine Parteigängerin des modernen Liebesideals und hält es
für logischer, die fälligen Enttäuschungen bis hin zur Selbstzer-
störung ausgerechnet - qua "zuviel" - aus d e m Anliegen herzu-
leiten, das dabei a u f d e r S t r e c k e b l e i b t: der
Zuneigung. Man muß sich das Lieben nur dementsprechend vorstel-
len, d.h. hinkonstruieren, nämlich so:
Es gibt "viele Frauen", die einen "liebewollen Partner suchen".
Jetzt schauen sie aber - obwohl sie das Gegenteil suchen! - gar
nicht darauf, ob der Auserwählte wirklich liebevoll ist, sondern
picken sich haargenau einen Kerl heraus, "der nicht zu uns paßt,
der lieblos oder unzugänglich ist", den "wir" aber g e r a d e
d e s w e g e n "noch mehr begehren, noch mehr brauchen" (S.
9/10). Wirklich ein schönes Rätsel und eine selten zwingende Er-
klärung dafür, daß das höchste der Gefühle mitunter ins Gegenteil
umkippt: Die Frauen w o l l e n das eben so.
Dieser "Grund" für den allgegenwärtigen Frust kürzt zwar mit der
Lust auch gleich das Leiden heraus: Wenn Frauen sowieso auf un-
sympathische, gleichgültige, alkoholsüchtige Paschas aus sind,
die sie mißhandeln, dann dürften sie ja gar keine Probleme haben,
weil sie bekommen, was sie wollen, bzw. umgekehrt. Dieser - ihrer
- Logig möchte die Psychologin aber auch wieder nicht folgen und
erinnert sich an den Ausgangspunkt, demzufolge frau im L e i d
bekanntlich die L i e b e, im Trunkenbold den verständnisvollen
Männe sucht. Frauen w o l l e n, was sie nicht wollen - wenn
diese kopfzermarternde Diagnose nicht die klare Vermutung recht-
fertigt, daß Frauen unmöglich Herr ihres eigenen Willens sein
können! So kommt der Untertitel "Von der S u c h t, gebraucht
zu werden" zustande: Die Frau kann nicht anders, sie braucht das
Leiden wie eine Droge, sie ist krank.
Was Hänschen nicht kriegt...
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Wie das, wo es sich doch um gar keinen natürlichen Zustand han-
delt, den man durch physiologische Therapie beseitigen könnte?
Natürlich, die "Kindheit". Diesmal lautet das beliebte psycholo-
gische Erklärungsmuster:
"Im typischen Fall stammen sie aus einem gestörten Elternhaus, in
dem ihren emotionalen Bedürfnissen nicht entsprochen wurde."
(22).
Daraus folgt psycho-logisch, daß diese Frauen sich als Erwachsene
wieder Situationen suchen, "in denen ihren emotionalen Bedürfnis-
sen nicht entsprochen" wird, weil sie diese unangenehme Situation
schon k e n n e n:
"Nur die Beziehungsmuster, die uns vertraut sind, sind uns auch
angenehm." (53)
Sicher etwas bizarr, aber bitte: Verhalten paßt zu erlerntem Mu-
ster - wo liegt das Problem: Nun, man braucht die Sache mit der
Kindheit ja nur ein bißchen anders zu wenden: "Sie haben selbst
wenig Fürsorglichkeit erfahren und versuchen nun, dieses unge-
stillte Bedürfnis ersatzweise (!) zu befriedigen, indem sie be-
sonders fürsorglich sind, vor allem Männern gegenüber, die in be-
stimmter Hinsicht bedürftig erscheinen." (33)
...will Hans nimmermehr
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Auf den ersten Blick wirkt Frau Norwoods Einfall nicht gerade ge-
schickt: Wenn man das Verhalten dieser Frauen schon aus ihrer
Kindheit ableiten will, ist der Gedanke mit der "mangelnden Für-
sorglichkeit", "keine Befriedigung emotionaler Bedürfnisse", doch
denkbar ungeeignet. Selbst Psychologen dürften den Einfall, aus
dem Kindheitsmangel ausgerechnet ein starkes Bedürfnis nach eben
diesem Mangel abzuleiten, trotz "ersatzweise" und "Muster" für
wenig plausibel halten. Aber an den mindestens drei Varianten,
die die Autorin zur 'Erklärung' der Sucht anbietet, merkt man
schon, worauf es in erster Linie ankommt: Die Sache mit der
"Sucht" will irgendwie ausgemalt sein, Kindheit ist klar, weil ja
Psychotherapie, etwas Negatives in der Kindheit muß es auch sein,
sonst kann es sich ja nicht negativ auswirken, und wie das genau
geht, ist ziemlich beliebig, weil eh wurscht. Norwood schätzt die
Interessenten an ihrem Buch schon richtig ein: Die wollen ja
keine Kritik an dem merkwürdigen Bedürfnis, der ständigen Unzu-
friedenheit mit den Beziehungen nur immerzu das Recht darauf ent-
nehmen zu dürfen, was man "eigentlich" von ihnen erwartet hätte,
sondern eine Bestätigung, daß es sich hier um ein "Problem" han-
delt, an dem manch eine laboriert, für das sie aber nicht kann,
sondern dem sie mehr oder weniger ausgeliefert ist.
Eine Patentlösung: Ignoranz
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Und dieses Interesse bedient Norwood, echt amerikanisch, ganz
ohne wissenschaftliche Skrupel: Sie bietet Techniken und Strate-
gien an, mit deren Hilfe man "lernen" kann, das eigene Glück
nicht in der "Selbstaufgabe", sondern in sich selbst zu suchen.
Das oberste Lernziel heißt, "in jedem (!) Fall glücklich sein",
egal, ob sich der "eigennützige" Mann ändert oder nicht; dazu muß
man unbedingt "üben, sich selbst zu verwöhnen", beziehungsweise
daran "glauben, daß (Ihre) Wünsche und Bedürfnisse sehr wichtig
sind und daß es Ihre Aufgabe (!) ist, sie zu verwirklichen"
(305). Und wer außerhalb des leidigen Liebeskarussels keine
"Interessen" hat, die er für wichtig erklären und zu seiner Auf-
gabe machen könnte, der soll sich gefälligst welche zulegen - aus
Gründen des Lernens, versteht sich, weil er ja sonst nie in den
"Genesungsprozeß" e i n treten kann.
Mit einem Wort: Frau Norwood rät zur I g n o r a n z gegenüber
dem ganzen Quark, den sie erst in Buchlänge als Problem ausge-
rollt hat. Daß man sich eine "Sucht" mit schweren lebensge-
schichtlichen Hintergrund auch einfach ausreden kann, mag viel-
leicht überraschen. Es ist aber nicht inkonsequent für jemand,
der sowieso k e i n e n G r u n d dafür kennt (es also für
"kindheitsbedingt" u.a. hält), daß das Privatleben als Sphäre der
fraglos anerkannten Individualität immer nicht recht funktionie-
ren will.
P.S. Daß auch Schuldfragen gewälzt werden, wenn zwei Menschlein
einander mit ihrem R e c h t a u f G l ü c k und dessen ge-
meiner V e r l e t z u n g das Leben schwer machen, ist der Au-
torin nicht unbekannt. Ihr Tip: Bloß nicht "in jeder Ihrer Bezie-
hungen weitaus mehr als die Hälfte der Verantwortung und Schuld
übernehmen" (23)! Fifty-fifty - dann geht mit der Liebe wenig-
stens nicht auch noch das Selbstwertgefühl baden. Und wegen dem
hat man sich schließlich auf die Sache eingelassen, oder?
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