Quelle: Archiv MG - KULTUR LITERATUR - Von Bestsellern

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       Peter Sloterdijk
       

GEIST UND NATION - DAS NEUESTE AUS DEM REICH DES ANGEPASSTEN DENKENS

Niemand zwingt einen freien Geist zur Parteilichkeit. Das machen die Geister noch allemal selbst. Und wie! Freie Geister sind nicht weltfremd. Durch wichtige Ereignisse lassen sie sich anregen. Sie sinnen den Weltläuften nach und ver- fallen auf Tiefsinn der folgenden Art: "Nun, ich habe an diesem Morgen von nichts anderem gesprochen als von diesem Irgendetwas, das zwischen dem natus und der Nation be- steht, von dieser Verbindung zwischen Nationalität und Natalität, von diesem Rätsel, das uns dadurch aufgegeben wird, daß wir nicht anders können, als in eine Nation zu kommen, wenn wir anfangen, zur Welt zu kommen. Nationen sind also politische Mutterin- stanzen, sie sind und haben politische Schoßfunktionen ... Und darum haben die nationalen Fragen für uns in letzter Instanz im- mer etwas Rührendes..." (Sloterdijk) Daß die Nation als Thema ansteht, entnimmt der nachdenkliche Mensch dem Gang der nationalen Dinge: dem Ereignis einer nationa- len Vergrößerung, wie sie sonst nur einer siegreichen Kriegspar- tei zuteil wird. Die Seite ist klar. Aber wie verfällt der Philo- soph auf seine Etymologie? Was veranlaßt ihn, am Wort statt an der Sache weiterzugrübeln? Und wenn schon: Warum plädiert er nicht für die strikte Unterscheidung zwischen den falschen Ideen einer naturwüchsigen Zusammengehörigkeit, die er im Wort ent- deckt, und der imperialistischen Realität des deutschnationalen Großmacht-Projekts? Was treibt ihn, gerade umgekehrt der lateini- schen Grammatik eine Blut- und Boden-Ideologie vom Mütterchen Deutschland abzulauschen, von der demokratische Intellektuelle neulich noch ein wenig zurückgezuckt wären? Das ist einerseits Freiheit. Den versponnenen Umweg, die gegen- wärtige Deutschlandpolitik als eine Politik des Mutterschoßes zu besprechen, hat kein Propagandaministerium angeordnet. Diesen Einfall schöpft der Philosoph aus dem Verfahren, das er in seiner Wissenschaftsdisziplin gelernt hat: an der Sprache entlang nach Sinnprinzipien fahnden, die dem besprochenen Gegenstand Ehre ma- chen. Darin ist freilich auch schon die andere Seite der Freiheit des Denkes und Deutens enthalten. Ohne Verantwortung für die Ob- jekte seines freien Meinens will kein Intellektueller einen Ge- danken fassen. Wenn die Nation als Thema angesagt ist, weiß jeder gleich, daß er dieses Ding mit seinen Gedanken umsorgen soll - wofür sonst hätte ihm der Staat die Freiheit des Denkens gewährt? Von der Parteilichkeit für die großen und wichtigen Dinge dieser Welt weiß sich ein freier Denker also nie entbunden. Aber das be- schränkt ihn nicht. Das fordert ihn heraus - zu um so freierer Suche nach Gesichtspunkten, unter denen den thematisierten Sachen eine Parteilichkeit für sie zusteht. Geist ist, wenn die brave Voreingenommenheit für alles, was der Nation wichtig ist - und was wäre der wichtiger als sie selbst? -, sich vom plumpen "Jawoll" des einfachen Untertanen löst und den schönen Schein hervorbringt, der Denker hätte die Sache frisch aus einem ansehn- lichen Sinnprinzip herbeideduziert und gerechtfertigt. So nutzt der Geist seine Urteilsfreiheit - nämlich um sich bei jedem Anlaß durch bedingungslos konstruktiven Gebrauch dafür zu bedanken. Wie konstruktiv der fällige Einfall zu sein hat: das ist Gegen- stand der freien Konkurrenz der Intellektuellen. Da setzt einer dem andern Maßstäbe. Sloterdijk jedenfalls läßt alles hinter sich, was auf eine Rechtfertigung der Nation aus idealistischen Vorstellungen über ihren praktischen Nutzen hinausläuft. Er er- hebt die Irrationalität der nationalen "Gemeinschaft", die Zu- rückweisung aller pragmatischen Rechtfertigungsversuche mit Hilfe von Natur-Analogien, den Gesichtspunkt unfreier Abhängigkeit des einzelnen vom Ganzen zum Mindestmaß philosophischen Grübelns über den neuen Höchstwert der Nation, nämlich sie selbst. Vor ein paar Jahren noch wollten manche Leute wissen, "wie es dazu kommen konnte", zum Nationalsozialismus und seiner Befürwortung durch gelehrte Männer. Bitte sehr: So geht so was! Und will noch jemand wissen, wie es kommen kann, daß nicht bloß ein Volk, sondern auch seine intellektuellen Vordenker einem na- tionalistischen "Taumel" "verfallen"? Auch dafür gibt Sloterdijk ein Beispiel: "Die deutschen Dinge, mit Fichte zu reden, haben sich bewegt und werden bewegend. Über die Bildschirme der fernsehenden Welt rol- len Tränen, derer sich, zum allgemeinen Erstaunen, niemand zu schämen hat... Und inmitten dieses allgemeinen Durchdiemauergehens, inmitten dieses Herauskommens und Überdiegrenzetretens immer wieder ein Bild, das offenkundig stärker werden wollte als die gesamtdeut- sche Zusammengenommenheit; ... immer wieder dieses Vertrauen auf ein so noch nicht erlebtes Sichnichtschämenmüssen, dieses Mitge- hen mit der integren Erschütterung, dieses Sichhinüberweinen in eine andere Seinsweise, und vor allem dieses Selbstbewußtsein der Tränen, hinter das nicht mehr zurückgegangen werden kann." (Sloterdijk) Gefühlsaufwallungen ist schwer zu widersprechen. Deswegen geht ihr Inhalt, die Sache, der sie gelten, aber noch lange nicht au- tomatisch in Ordnung. Beides zu verwechseln, ist der Kunstgriff von Leuten, die ihr Vorhaben so unwidersprechlich machen wollen wie die Freudentränen, die aus damit gegebenem Anlaß vergossen wurden. So sind schon Kriegserklärungen mit dem Herzklopfen bei schmissiger Marschmusik "verkauft" worden. Dabei hat Sloterdijk noch nicht einmal ein wirkliches eigenes po- litisches Anliegen; so wenig wie die meisten Intellektuellen, die sich durch "die Lage" zu öffentlichem oder halböffentlichem Den- ken herausgefordert fühlen. Ihm gelten die Tränen gar nicht, die er philosophisch feiert. Aber das ist er sich und seiner Gedan- kenfreiheit schuldig: das exzessiv belebte Nationalgefühl als na- tionale Errungenschaft zu würdigen, "hinter die nicht mehr zu- rückgegangen werden kann". Das Mitmachen in Deutschland kriegt neue Maßstäbe; freie Denker verkünden sie. Mit einem wahren Urteil geht dieser freie Verstandesgebrauch nicht zusammen. Die Welt des Geistes ist ein einziger Sumpf der Untertänigkeit und der Aufforderung dazu. Für jede Gemütslage die passende Dummheit: Das ist die unverzichtbar politische Leistung der Gedankenfreiheit. zurück