Quelle: Archiv MG - KULTUR LITERATUR - Von Bestsellern
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Nahost-Bestseller
ALLAH IST GROSS - DER IMPERIALISMUS IST GRÖSSER
"Das Prinzip des europäischen Geistes ist die selbstbewußte Ver-
nunft, die zu sich das Zutrauen hat, daß nichts gegen sie eine
unüberwindliche Schranke sein kann, und die daher alles antastet,
um sich selbst darin gegenwärtig zu werden." (Hegel, Enzyklopädie
III, Paragr. 393, Zusatz).
Von der Welt des Islam hat die deutsche Nachkriegsgeneration er-
ste Informationen, von Bagdad nach Stambul quer durchs wilde Kur-
distan, bei Karl May erhalten; über Jerusalem im Religionsunter-
richt und das Heldenepos vom kleinen tapferen Volk der Juden, das
damals noch nur westlich des Jordan die Wüste fruchtbar machte,
wurde beim Klassenbesuch im Kino gesunden. Inzwischen steht da
unten "unser" Öl im Feuer, die Juden, immer noch klein und tap-
fer, führen einen Vernichtungskrieg nach dem anderen, und neben
Hadschi Halef Omar sind auch andere Mohammedaner wie der Ayatol-
lah Khomeini und Libyens Revolutionsführer Gadafi bekanntgewor-
den. So ist der Nahe Osten für den europäischen Geist keine
Sphäre von Freiheit und Abenteuer mehr, sondern eine
"Krisenregion", von der aus der Freiheit Gefahr drohen soll.
Während das westliche Krisenmanagement vor Ort "unsere Sicher-
heit" vorwärtsverteidigt, von Tel Aviv bis zur Straße von Hormuz,
sorgen die Chefreporter des demokratischen Fernsehens als Buchau-
toren für die beruhigende Gewißheit: Alles durchschaut, die Sache
ist auch geistig im Griff. Und daneben liefert noch jedes Gemet-
zel Stoff für moderne Abenteuer, deren Helden nicht mehr Kara Ben
Nemsi heißen, sondern mit Decknamen im israelischen Geheimdienst
sich für den Endsieg des Guten auf der Welt schlagen.
"Allah ist mit den Standhaften"
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Unter diesem Titel hat Peter Scholl-Latour seine "Begegnungen mit
der islamischen Revolution" zu einem handlichen Schmöker von 776
Seiten binden lassen. Nach Indochina ("Tod im Reisfeld") wird
hier ein weiteres Stück Globus zwischen den Philippinen und der
Westsahara zum Material, an dem dieser narzißtische Genießer al-
ler Schlachtfelder seine so erfolgreiche Mischung von Psycholo-
gismus und Rassismus als hintergründig-tiefschürfende Erklärung
der gerade aktuellen Welträtsel zusammenmixen kann. Man hat ei-
gentlich das Buch schon gelesen, wenn man folgenden Satz auf
Seite 23 zur Kenntnis genommen hat:
"Die Offiziere... waren geprägt vom präzisen amerikanischen
Drill, aber ein Hauch hispanischer Grandezza haftete ihnen noch
an, gemildert durch die malaiische Herkunft."
Dies zur philippinischen Armee. A n d e r e s kommt nicht, nur
m e h r davon, immer noch mehr d a v o n über Iraner, Alge-
rier, Israeli, Libanesen, Syrer, Jordanier, Saudis, Ägypter, Sa-
harauis, Malayen', Indonesier, Pakistanis, Yemeniten, Senegale-
sen, Afghanen, Kasachen, Kirgisen und Türken. Ein einziges Panop-
tikum "stechender Blicke", "hagerer Gesichter", "schneidender
Stimmen", "ausgemergelter Gestalten", "rassiger Frauen" und Ver-
gleiche der folgenden Art:
"Der kleine Wuchs, der schmale Schnurrbart über vorstehenden Zäh-
nen gaben ihm das Aussehen eines Nagetiers."
Das erfährt man bei Scholl-Latour über Bani-Sadr. Das erledigt
den Mann mehr als "sein Ruf, ein verkappter Marxist zu sein". Und
die Lesergemeinde zwinkert ihrem Lieblingsautor über die Buchsei-
ten zu, wenn er als "Frucht von drei Jahrzehnten persönlicher Er-
fahrung" (Klappentext) verrät:
"Agententätigkeit und Homosexualität ergänzen sich häufig in die-
sem Teil der Welt."
Der Voyeurismus als Berufsethik kennt nicht nur alle Bordellvier-
tel östlich und westlich von Suez, wittert hinter jedem ver-
schleierten Frauengesicht "mühsam zurückgedrängte Glut", sondern
macht sich ganz prinzipiell Menschen und Mächte als gebündelte
Kraft aus Blut und Landschaft zurecht:
"Die Tuareg-Männer, diese hageren Wölfe der Wüste, die nur aus
Haut, Sehnen und Knochen bestehen, verzehren sich in Sehnsucht
nach diesen dickbäuchigen, weiblichen Amphoren, in die sie zur
Lust und mit dem angespannten Willen zur Fortzeugung ihren Samen
ergießen würden."
Unappetitlichkeiten dieser Art treiben die Weltgeschichte und
Weltpolitik voran und wenn dann noch die "alles verzehrende Kraft
einer Idee, des Islam" dazukommt, dann Gnade uns Gott: "Die Mos-
lems vor der Tür. Die Türken in Berlin" heißt das Schlußkapitel,
und Peter Scholl-Latour hat den Okzident gewarnt. Am Ende des Bu-
ches gedenkt man nicht ohne Wehmut des verheißungsvollen Auftakts
auf Seite 1:
"Wir wurden für Agenten des amerikanischen Geheimdienstes gehal-
ten, und wenn es uns nicht gelang, diesen Verdacht zu entkräften,
blieben nur geringe Chancen, das Fischerdorf Tuburan lebendig zu
verlassen."
Scholl-Latour hat es quicklebendig verlassen, wie alle Stütz-
punkte von Aufständischen, die er heimgesucht hat. Allein schon
das ein Beweis, daß es mit dem Aufstand, gar einer "Bedrohung der
westlichen Welt" nicht so weit her sein kann, wie der Autor die
Nerven seiner Leser kitzeln möchte. Das Buch erweckt fortwährend
den Anschein, als würden alle Protagonisten politischer Auseinan-
dersetzungen in der "Welt des Islam", die Schlächter und die Op-
fer, einen Besuch Scholl-Latours "und meines Teams" als mittlere
Entscheidungsschlacht für ihre Sache einkalkulieren. So ist es
nur gerecht, daß sie hinterher alle gleich aussehen: Aufbereite-
tes Charaktermaterial für den Genuß des europäischen Weltmanns,
sei es nun als Autor oder als Leser, bei dem abgesahnt wird.
Bescheidener, wenn auch mindestens ebenso geschwätzig kommt
"Jerusalem"
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von Gerhard Konzelmann daher. "4000 Jahre Kampf um eine heilige
Stadt" werden auf 495 Seiten im Stil einer Schulfunkserie nacher-
zählt. Der Reiz der Stadt Jerusalem muß dabei von vergleichswei-
ser Beschaffenheit gewesen sein wie die "Herausforderung", die
für einen Reinhold Messner vom Mount Everest ausgeht: Sie ist da
und w i l l erobert werden! Für die ersten paar tausend Jahre
benutzt Konzelmann ganz einfach die Bibel als Quelle. Dann hat er
sich die einschlägigen Geschichtsbücher ausgeliehen und erzählt
daraus Geschichten. Da "entschließt" sich Saladin "eines schönen
Morgens" dazu einzumarschieren, und wenn "die Nacht kühl und klar
ist", ziehen die Kreuzritter auch wieder mal ab. Wer zählt die
Helden, zählt die Schlachten - Konzelmann tut es bis zum happy-
end: "Der Tempelberg gehört uns Juden". Der Rest ist ein städte-
bauliches Problem:
"Der Wiederaufbau (des Tempels der Schrift) würde Abbruch des
Felsendoms und der Al-Aqsa-Moschee bedeuten."
So entläßt Konzelmann seine Leser am Ende in die Botschaft des
ersten Kapitels: "Die Stadt des Hasses und des Leids." Was hier
die einen tun, das schmerzt die anderen. Zur "Schuldfrage" hat
Konzelmann folgende Erklärung parat:
"Diese Erzählung aus dem Talmud vergißt, daß Gott auch neun von
zehn Teilen des Hasses und der Unversöhnlichkeit in der Welt an
Jerusalem vergeben hat."
Mit dieser Hypothek von oben schlagen sich die Völkerschaften
seitdem um Jerusalem und um Jerusalem herum. Und Gerhard Konzel-
mann, "ein Meister der Erzählung und Detailschilderung", macht
daraus, wie der Klappentext als Werbung verspricht, "ein histori-
sches Kolossalgemälde". Ohne Zweifel das "Informativste" seit Ce-
cil B. de Mille's "Die 10 Gebote".
"Die Libelle"
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von John Le Carre ist dagegen nur ein Roman, wenn auch ein kolos-
saler: Fast ein Jahr lang die Nr. 1 auf den Bestsellerlisten des
"Spiegel" und der "New York Times". Le Carres "Little Drummer
Girl" (so der Originaltitel) ist eine englische Schauspielerin,
die vom israelischen Geheimdienst Mossad als Lockvogel zur Ermor-
dung eines palästinensischen Terroristen angeheuert wird, sich
dabei in ihren jüdischen Führungsagenten verliebt und bei ihrer
Tätigkeit "die ganze Tragödie des Nahostkonflikts" mit allen men-
schlichen Schikanen durchleidet. Der Autor mehrerer erfolgreicher
Romane um den Geheimdienst ihrer Majestät schenkt sich diesmal
ausufernde Reflexionen über die Gewissensbisse der Good Guys beim
Ausrotten der Bösen. Und weil die Palästinenser im Buch immer
beim Bombenbasteln vom "Schicksal ihres Volkes" erzählen dürfen,
haben Kritiker Le Carre "hohe Objektivität" bescheinigt. Gerade
dadurch desavouiert sie Le Carre als "fanatische Ideologen", die
persönlich das Leben von Playboys führen, während die schlichten,
eher als spießige Kleinbürger geschilderten Agenten Israels immer
nur an Auschwitz denken müssen und ohne jede weitere Begründung
ihre Killer aussenden. Am Ende des Romans läßt Le Carre seine
Heldin in die Flitterwochen mit dem besten Scharfschützen des
Mossad entschwinden, während sein kompetentester Vorgesetzter,
eine Art jüdischer Smiley, sauer ist über die brutale Art, mit
der die israelische Armee doch noch im Libanon einfällt, obwohl
er doch schon mehr als genug Palästinenser liquidieren hat las-
sen.
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"Ebenso wie im Theoretischen strebt der europäische Geist auch im
Praktischen nach der zwischen ihm und der Außenwelt hervorzubrin-
genden Einheit. Er unterwirft die Außenwelt seinen Zwecken mit
einer Energie, welche ihm die Herrschaft der Welt gesichert hat."
(Hegel, a.a.O.)
Und jeder Krieg schafft Stoff für neue Bücher, die dann Bestsel-
ler werden, zur erbaulichen Vorbereitung des Geistes auf den
nächsten.
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