Quelle: Archiv MG - KULTUR LITERATUR - Von Bestsellern
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Klaus Mehnert +
DER SOWJETMENSCH LEBT
Demokratische Weltbürger müssen Bescheid wissen. Aufklärung brau-
chen sie vor allen Dingen über die Völker, mit deren Staat sich
ihr eigener anlegt. Unschätzbares hat in dieser Hinsicht Klaus
Mehnert geleistet.
Mehnert bereicherte die Vorstellung vom Feind im Osten um die hu-
man-christliche Komponente und wurde so zum Vater des aufgeklärt-
demokratischen Feindbildes und zum Reisebegleiter manchen deut-
schen Kanzlers. Voraussetzung und Grundlage seiner "anerkannten
Kennerschaft" ist dabei weniger seine im Wortsinn erfahrene
Kenntnis der UdSSR ("zweimal in der 'harten Klasse' der Transsi-
birischen quer durch Rußland") als sein Glaubensbekenntnis:
"Die schale Gleichmacherei des Bolschewiken... lehne ich ab als
eine Vergewaltigung der Völker; mit ihr die enge Lehre vom Klas-
senkampf... Ich verabscheue die Verplanung des Menschen... Es
vergeht während meines Aufenthalts in der Sowjetunion kein Tag,
an dem ich es nicht als großes Glück empfinde, selbst kein Unter-
tan des Sowjetstaates zu sein, sondern ein freier Deutscher."
Einen Mehnert hält seine westdeutsche Gesinnung nicht zu Hause.
Er bereist den Gulag, um seiner patriotischen Pflicht zur Abscheu
vor kommunistischer Herrschaft nachzukommen. Ein Buch über seine
Dankbarkeit, Deutscher zu sein, bedarf bei ihm der Leistung, so-
wjetische Wirklichkeit mit eigenen Augen und Ohren (ohne Dolmet-
scher, da "akzentfrei russisch"!) erfahren zu haben - damit
stellt er sich den Ausweis der Glaubwürdigkeit aus: "objektiv,
aber nicht neutral". Eine "Gemeinde..., deren Zahl in die Millio-
nen geht" (Süddeutsche Zeitung), gibt es zufällig seit der Grün-
dung der BRD auch schon. Auf dem Markt der Bestätigung von Vorur-
teilen halten sich Nachfrage und Zufuhr dank Mehnert, diesem
Grzimek der falsch regierten Asiaten, die Waage. Er kommt seinem
Publikum mit dem Selbst-sehen und -hören dessen, was ihm längst
geläufig ist. Ebenso wie russische Augenzeugen nur dann als
"authentisch" gelten, wenn sie die richtige (=Dissidenten-)
Gesinnung vorweisen können.
"Ein Volk von ungewöhnlicher Glaubens- und Leidensfähigkeit"
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oder: Der Russe im Iwan
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Gegen die Russen hat Mehnert überhaupt nichts. Im Gegenteil, er
"liebt" sie; schließlich ist er in Moskau (als Kind reichs- und
treudeutscher Eltern, versteht sich!) geboren, ist mit Russen
aufgewachsen und hat dem Volk aufs Maul und speziell dem weibli-
chen untern Rock geschaut:
"Einmal lüpfte ich einem gleichaltrigen Dorfmädchen beim Spielen
den Rock, um festzustellen, wie es dort aussah."
Mit dieser natürlichen Ausstattung an "typisch russischer Neu-
gier" und deutscher Skepsis macht er sich an die Frage:
"Ist der Sowjetmensch mehr sowjetisch oder mehr Mensch?"
Erste, nur scheinbar vorläufige Antwort:
"Wie alle menschlichen Wesen lebt auch der Sowjetmensch in Grup-
pen und Gliederungen verschiedener Art, die sein Empfinden, Den-
ken und Handeln mitbestimmen und damit erst ganz verständlich ma-
chen."
Über den homo sowjeticus ist damit dreierlei gesagt: Erstens ist
er Mensch wie wir und geht damit uns alle und die UNO an also ein
einziger Springquell von Menschenrechtsansprüchen. Zweitens ist
er ein possierliches Tierchen dieser Gattung mit Empfindungen
usw. Der gebildete Leser weiß, daß es sich hier nur um den Russen
handeln kann, der dann zusammen mit seiner Menschlichkeit über-
haupt gegen drittens, nämlich die "Gliederungen", die sein Emp-
finden, Denken und Handeln knechten, in Anschlag gebracht werden
kann.
Auf die Darstellung der "Gliederungen", Rudel und Hackordnung,
kann Mehnert dabei getrost weitgehend verzichten. Als negative,
d.h. als Beschränkungen des darzustellenden russischen Menschen
heute, tauchen sie so und so dauernd auf. Das "freundliche Bild",
das Mehnert vom Sowjetmenschen ausbreitet, verrät Sachkenntnis
und die Originalität einer gediegenen Schulbildung. Er dichtet
nämlich den Russen das Einmaleins eines anständigen Staatsbürgers
als Rassemerkmal an, das Politiker in aller Welt von ihren Völ-
kern erwarten. Der Russe ist von Haus aus und auch heute noch -
trotz Sowjet - verzichts- und opferbereit, freiheits- und vater-
landsliebend, gesetzestreu und gottesfürchtig. Ein Teil dieser
"liebenswerten" Züge konnte durch den "bolschewistischen Züch-
tungsversuch" zwar nicht ganz weggemendelt, aber doch zurückge-
drängt werden. Nur gegen die Vaterlandsliebe hilft bekanntlich
nichts - nicht einmal der Bolschewismus:
"Von allen Stützen der Regierung ist, so scheint mir, der Patrio-
tismus des Russen die stärkste. Dieses spezifisch russische Va-
terlandsgefühl ist ein Naturphänomen, das lange vor den Bolsche-
wiken existierte und das sich auch trotz den jahrelangen Angrif-
fen der Bolschewiken nicht demontieren ließ. Es ist die Liebe zu
Mütterchen Rußland, zu seiner Landschaft, seiner Sprache, seinen
Liedern und Sprichwörtern."
Daß es die Sowjetunion zu was gebracht hat, liegt also an den
Russen und daran, daß die Sowjets die ihnen untergebenen Menschen
und ihre brutal unterdrückten positiven Eigenschaften schamlos
und geschickt - die neidvolle Bewunderung ist nie zu überhören -
ausgenutzt haben. Daß Stalin dem Nationalismus zu neuen Ehren
verholfen hat, weil er die Abwehr des antibolschewistischen Feld-
zugs einen "großen vaterländischen Krieg" geheißen hat, verwech-
selt Mehnert dabei zielsicher mit der "Wiederbelebung" verschüt-
teter Naturgefühle des russischen Volkes. Nicht zu fassen gar,
wie russische Pfaffen sich dazu hergeben konnten, ausgerechnet
Stalins Waffen zu segnen!
Kaum Iwan im Russen
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Aber gerade weil der Bolschewismus den russischen Menschen be-
herrscht und unterdrückt, indem er sich seiner Eigenschaften be-
dient, kommt Mehnert zu dem Fazit, daß auch der Sowjetmensch
Russe geblieben ist - er hat's ja selbst gesehen:
"Nach allem, was ich in Jahrzehnten gesehen, erlebt, erfahren
habe, bin ich im Gegenteil der festen Überzeugung, daß auf die
eingangs gestellte Frage, ob der Sowjetmensch mehr sowjetisch
oder mehr Mensch ist, die Antwort eindeutig lautet: mehr
Mensch...
Aber von dem, was wir als 'typisch bolschewistisch' bezeichnen
und was in der Tat für die Parteifunktionäre und ihresgleichen
charakteristisch ist: von jener gefühlskalten (!), berechnenden
Leidenschaft (!) des Fanatikers, dem der Zweck alle Mittel hei-
ligt, habe ich bei der überwältigenden Mehrheit der Russen wenig
finden können."
Welch ein Gegensatz! Der Mensch leidet unter dem Sowjet, wenn
auch nicht alle es merken und vor allem fast alle ihre Unzufrie-
denheit geschickt verbergen - ohne allerdings mit Klaus zu rech-
nen:
"So stößt man immer wieder auf Menschen, die ein Doppelleben füh-
ren: nach außen enthusiastische Bekenner zum Bolschewismus, ste-
hen sie diesem in Wirklichkeit distanziert, ja mit starker Abnei-
gung gegenüber. Viele Menschen bewegen sich gleichzeitig auf zwei
Ebenen: auf der einen demonstrieren sie begeisterte Unterstützung
des Regimes, auf der anderen lehnen sie es insgeheim ab."
Ob da nicht was abfällt für das obligatorische Kapitel
"Der Sowjetmensch und wir"?
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eine Frage, die Mehnert in allen seinen Büchern zu allem Überfluß
auch noch ausdrücklich stellt!
Die Begutachtung von Volk und Staat auswärts aus "deutscher, eu-
ropäischer, abendländischer Sicht", die Frage, ob denn die Russen
(ebenso wie Chinesen, "Burmanen" usw.) für uns zu gebrauchen
sind, ist damit für den "Kosmopoliten" nämlich noch nicht abge-
schlossen. Seine hohe Meinung vom Russen verdankt sich nicht nur
"unseren Interessen", sie berechtigt auch zu einigen Ansprüchen
an den Sowjetmenschen:
"Gibt es Kräfte und Bewegungen, die weitergehen, die diese staat-
liche Autorität als solche, bewußt oder unbewußt, negieren und
auf weitere Sicht untergraben könnten, gibt es Ansätze oder we-
nigstens Ansatzpunkte eines - 'Widerstandes'?"
Der Kenner befragt hier sein Studienobjekt namens "Sowjetmensch",
ob es auch die Mission erfüllen will, die ein deutscher Intellek-
tueller ihm zugedacht hat. Dabei fällt Mehnert auch gleich ein,
daß die Anerkennung der p o s i t i v e n Eigenarten des be-
sprochenen Menschenschlags ermunternd wirken dürfte.
"Wir müssen dem Sowjetbürger durch unser Verhalten verständlich
machen, daß wir ihm und damit der ganzen Bevölkerung der So-
wjetunion gegenüber keine unfreundlichen Gefühle hegen, daß wir
vielmehr für seine kulturellen Leistungen Hochachtung empfinden
und das Sowjetvolk als eines der großen Völker der Gegenwart be-
trachten, dessen Freundschaft wir wünschen."
Wo Klaus jedoch auf einen Russen trifft, "der mir persönlich, gut
gefiel", aber seine guten Seiten den politischen Interessen des
Sowjetstaates zur Verfügung stellt, hört das Zutrauen auf. Einem
s o l c h e n Russen legt er erstens gleich die regierungsamtli-
che Bonner Deutung russischer Kriegskalkulation in den Mund:
"Überfall auf Schwächere". Und zweitens tritt er ihm mit einem
klaren "Ja" zur NATO entgegen:
"Wenn es im russischen Volk Menschen gibt, sympathische Menschen
wie Sie, die mir auseinandersetzen, daß ein Präventivkrieg gegen
einen Schwächeren unter gewissen Umständen (die Sie bestimmen!)
durchaus gerechtfertigt ist, dann dürfen Sie sich nicht wundern,
wenn ich meine und meines Volkes Zukunft nicht auf den Friedens-
willen der Sowjetunion, sondern auf das militärische Gleichge-
wicht der beiden Weltlager stützen möchte." (Klammer von K.M.)
Eine schöne Weltsicht, die am Feind immer wahrnimmt, was das ei-
gene Lager laufend wahr macht, und als imperialistische Botschaft
nichts an Aktualität verloren hat.
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