Quelle: Archiv MG - KULTUR LITERATUR - Von Bestsellern
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Literaturnobelpreis für Gabriel Garcia Marquez
HUNDERT JAHRE EINSAMKEIT?
Alljährlich verleiht die Schwedische Akademie der Schönen Künste
den Literatur-Nobelpreis an Dichter für deren "ungewöhnliche li-
terarische Qualitäten". Dabei achtet das Komitee sehr auf die
ausgeglichene Verteilung dieser Qualitäten über den ganzen Glo-
bus. Erhielt vor 2 Jahren ein gewisser Milosz aus Polen, letztes
Jahr ein Österreicher den Preis, so war es nur gerecht, daß heuer
wieder einmal ein Schriftsteller aus einer entfernteren, "schwer
durchschaubaren" Weltgegend an die Reihe kam.
Folglich signalisierten die Preisrichter bereits geraume Zeit vor
der offiziellen Bekanntgabe des Preisträgers, daß ein Schrift-
steller, der auf dem lateinamerikanischen Subkontinent beheimatet
ist, sich reelle Chancen ausrechnen könnte, mit "literarischen
Qualitäten" ausgestattet zu werden.
Fündig wurden sie bei einem Exil-Kolumbianer, der sein Dichterda-
sein ständig auf der Flucht vor "totalitären Regimes" unter er-
schwerten Bedingungen ausüben muß, was sein Opus geradezu präde-
stiniert, in den Rang eines "unübertroffenen Ausdrucks" latein-
ameiikanischer Wirklichkeit erhoben zu werden. Flugs wurde seinen
Histörchen und Anekdoten über hodenbrüchige Diktatoren, die so
einsam sind, weil ihnen niemand Briefe schreibt, die Volksauf-
stände provozieren, weil sie alle Häuser partout blau anstreichen
wollen, eine höchst eigene Art von "Subversivität" attestiert.
Diese liebevollen und einfühlsamen Schilderungen gelten als
"realistische Beschreibung lateinamerikanischer Wirklichkeit".
Während im revolutionären Aufruf der "Declaracion de La Habana
1962" verkündet wurde:
- "Die lateinamerikanischen Völker haben angefangen, G e-
s c h i c h t e zu machen." -
steht heute fest, daß sie ein wunderbares Material für
G e s c h i c h t e n abgeben.
Eine große W e l t literatur ist entstanden, auch und gerade
weil die dort einheimischen Massen nicht lesen können und andere
Sorgen haben als ein gutes Buch. Wenn die Europäer s t o l z
sind auf ihre Geschichte, Kultur und Lebensart, dann haben die
Lateinamerikaner ein R e c h t auf Stolz. Man braucht nicht
einmal viel Phantasie, um auch den kolumbianischen Bürgerkrieg in
ein farbenprächtiges Romangemälde zu verwandeln. Wo man ohne die
Deutung eines Marquez nur blindwütiges Gemetzel um die Macht zwi-
schen "Roten" und "Blauen" vermuten könnte, steckt hinter den To-
ten und Gemarterten nichts weniger als die Herausbildung einer
authentischen kolumbianischen Identität. Das Schlimme an hundert
Jahren südamerikanischer Geschichte sind also nicht die Toten,
Hungernden und Verfolgten; wirklich u n g e r e c h t ist die
ausbleibende A n e r k e n n u n g durch die "I. Welt". Über
"Hundert Jahre Einsamkeit" beklagt sich Garcia Marquez an die 500
Seiten lang und sein Ruf ward erhört: Übersetzungen in 24 Spra-
chen, Preise und Ehrungen jede Menge für ihn als literarischen
Repräsentanten seines Subkontinents. Und auch die Welt des Kapi-
tals hält die Kommunikation mit modernsten Mitteln aufrecht: Drei
Mal täglich überprüfen die Banken der imperialistischen Metropo-
len den Stand des Geldverkehrs bei ihren südamerikanischen
Schuldnern.
Daß diese lateinamerikanische Welt "ungerecht" und brutal ist,
ist heute ein sehr langweiliges Urteil und falsch noch dazu;
richtiggestellt durch Autoren wie Garcia Marquez: Es handelt sich
in Wirklichkeit um eine Welt voll ungeahnter und noch ungehobener
geistiger Schätze, ein literarisches El Dorado für den imperiali-
stischen Weltgeist! Man darf sich seinen literarischen G e n u ß
nicht durch das Elend vermasseln lassen, im Gegenteil: Gerade die
verzweifelte K u n s t des Überlebens der "Erniedrigten und Be-
leidigten" ist das pittoreske Material für diesen Genuß; die Ma-
chenschaften und Tricks der Herrschaft Stoff für poetische Psy-
choanalysen komplexer Charaktere, die weit mehr darstellen als
brutale Gorillas, zumal sie an ihrer eigenen Herrschaft leiden
und ihre Gewalt gegen die Armen und Rechtlosen mit zahlreichen,
akribisch ausgemalten Deformationen der eigenen Individualität
bezahlen müssen. G e l e s e n werden die Bücher des Garcia
Marquez selbstverständlich weder von den einen, denen seine Soli-
darität gilt, noch von den anderen, denen er viel Verständnis
entgegenbringt. Das Publikum dieser Romane sind drüben wie hier
i n t e l l e k t u e l l e Genießer, die mit der Lektüre den
Opfern ihre Reverenz erweisen und von der persönlichen Tragik der
Täter ergriffen sind.
Gerade weil Garcia Marquez Literatur nicht zum politischen
Sprach r o h r degradiert - so die Dialektik hiesiger Kulturbe-
trachter -, ist er so "subversiv": Seine Geschichten vermitteln
mit unbändiger Vorstellungskraft Einblicke in das "rückständige"
und doch so "schillernde" Wesen dortiger Eingeborener. Anläßlich
der Ehrung des G.G. Marquez erging sich so der demokratisch ge-
schliffene Verstand in schwärmerischen Rezensionen über die
"Mentalität" der Bewohner dieses Landstrichs. So wird einerseits
die Karl May-Romantik in den Romanen Marquez' herablassend gou-
tiert als "stagnierende Zeit", also als "Rückständigkeit" dorti-
ger Zivilisation, über die sich geschmäcklerisch die Nase rümpfen
läßt. Andererseits macht die zur Natur dieser Leute erklärte Aus-
gelassenheit und Wildheit diese "Exoten" zu interessanten Kultur-
trägern und bestätigt zugleich den Stolz über die eigene Zivili-
siertheit.
Als wollte Marquez diesen modernen Rassismus bekräftigen, verkün-
digte er in seiner Rede anläßlich der Preisverleihung voller
Stolz, daß er zu Recht zu dem Kulturdeppen geadelt wurde, der die
"gespenstige Wirklichkeit" Lateinamerikas aus tiefem Herzen aufs
Papier fließen läßt: Natürlich gehören Kriege, Elend und Unter-
drückung zu "unserer Wirklichkeit". Das wollte er allerdings
nicht einfach als Kritik an den dartigen Zuständen verstanden
wissen. Im Gegenteil: Marquez rührte seine Zuhörer damit, daß
diese Wirklichkeit,
"die eine Quelle unersättlicher Schöpferkraft voller Unglück und
Schönheit speist",
nicht nur hervorragendes Material für seine poetischen Ergüsse
sei, sondern das ganze Volk großartig antörnt:
"Dichter und Bettler, Musiker und Propheten, Krieger und Böse-
wichte, die wir alle Geschöpfe dieser Wirklichkeit sind, müssen
die Einbildungskraft kaum bemühen..."
Auf einen Mißstand bei dem Genuß seiner Romane wollte Marquez al-
lerdings schon hingewiesen haben: Wenn Lateinamerika mit
"Schädigungen des Lebens", die Spitzenmaterial für den Dichter
abgeben, "von der Geschichte" reichlich gesegnet ist, dann darf
es sich ein einheimischer Literat nicht nehmen lassen, selbst,
ganz authentisch, über die eigene "Identität" zu berichten. An-
dernfalls, so die Sorge des Dichters, können die Europäer nicht
verstehen, was sie an den Lateinamerikanern haben und leisten
dieser Weltgegend den Bärendienst, daß sie sich selbst immer we-
niger kennt und darüber schließlich in Trauer versinkt. Also
sollten die Europäer bedenken,
"daß die Schäden des Lebens nicht für alle gleich sind und daß
für uns die Suche nach der eigenen Identität ebenso hart und blu-
tig ist, wie es für sie war. Die Deutung unserer Wirklichkeit mit
Hilfe fremder Schemata trägt nur dazu bei, uns immer unbekannter,
immer unfreier, immer einsamer zu machen."
Während sich die '"europäische Seele" nach blutigen Kriegen zu
einer korrekten "nationalen Identität" emporgearbeitet hat und
sich in aller Seelenruhe auf die Dritte Große Schlacht vorberei-
tet, tappt die "lateinamerikanische Seele" noch im Dunkeln:
"Erkenne dich selbst!" ruft der Colonel Aureliano Buendia in
"Hundert Jahre Einsamkeit", gequält von "fremden Ideologien".
Aber die Lateinamerikaner werden es schon noch schaffen, so wie
es die Europäer geschafft haben. Dazu brauchen sie jedoch die An-
erkennung des alten Kulturkontinents. Die Suche muß sich lohnen,
zumindest für diejenigen, die, wie Garcia Marquez, fündig gewor-
den sind.
Also, Wikinger, von Uppsala, schafft ein, zwei, viele Nobel-Lati-
nos! Und wenn ein G a r c i a Robles amtierender Friedensnobel-
preis ist, ein G a r c i a Marquez den Literaturnobelpreis be-
kommt, dann ist der Wunsch jenes bolivianischen Intellektuellen
nur allzu verständlich, der für G a r c i a Meza, den letzten
"einsamen" Diktator Boliviens, den Nobelpreis für Chemie gefor-
dert hat. Denn, "oh schwer durchschaubare und phantastische la-
teinamerikanische Wirklichkeit", hat er doch den bolivianischen
Peso in Scheiße verwandelt...
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