Quelle: Archiv MG - KULTUR LITERATUR - Von Bestsellern


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       Friedenspreis des Deutschen Buchhandels
       

LEW KOPELEW - DER GUTE MENSCH AUS RUSSLAND

Wenn es ihn nicht gäbe, den Friedenspreis des deutschen Buchhan- dels, man müßte ihn für die Verleihung an Kopelew erfinden. Russe und Verehrer der Deutschen, Faustübersetzer, reiner Moralist und bloßes Opfer der Sowjetunion, so gut und heimatlos jenseits aller Politik, daß das Land, das ihn, seinen durchgeistigten Verehrer, ehren und beherbergen darf, eine feinfühligere Selbstbeweihräu- cherung gar nicht veranstalten könnte. Sein Lebenswerk ist seine Biographie, und die zerfällt nur wegen seiner Geradlinigkeit in zwei Hälften: er war so sehr dafür, daß er vor lauter Dafürsein bei seinem Staat aufgelaufen ist. Seine Darstellung der Weltenläufte kennt nur ein Thema: sein Gewissen. Das ist so groß und schwammig, daß er sich prinzipiell für alles verantwortlich erklärt. Wenn dann die realen Mächte zuschlagen, wenn Hungersnot herrscht, die Freundin abhaut, er im Gefängnis sitzt, stets entdeckt er seine Verantwortung und bekennt sich schuldig. Und die rückhaltlose moralische Selbstverurteilung stellt die Lauterkeit seiner Maßstäbe dermaßen außer allen Zwei- fels, daß er 1. mit dieser Dauerdialektik von Schuld und Sühne wie alle Moralisten zu sehr viel fähig gewesen ist und 2. seine ganze Kritik an der Welt immerhin ist er ja zum Dissidenten gera- ten (worden) - sich darin zusammenfaßt, daß in der Befolgung von Idealen Lug und Trug herrscht, weil es zwei Sorten von Menschen gibt: G u t e, zuweilen verführt, und Gewissen l o s e. Mit den anderen in einen Topf (oder auch eine Gefängniszelle) ge- worfen zu werden, gegen diese Schmach kämpfte Kopelew sein ganzes Leben, um seine Ehre als guter Narr besorgt. Der ideale Mitläufer -------------------- Daß er als Kind über Karl-May-Romanen, Onkel Toms Hütte u.ä. zer- floß, war ja noch altersbedingt, doch machte er im Kapitel "Erste Liebe und erste Ideologie" gleich so weiter: Er entdeckte die einzige Liebe, die ihn nie enttäuschen konnte, die zum besseren Deutschland. "Meine kindliche Germanophilie ver- schmolz leicht mit der allgemeinen Menschenliebe..." Und da blieb sie! Von Karl May über den tüchtigen Sowchos-Direktor Maier und dessen Töchterchen, gewissenhafte deutsche Ingenieure zu Las- salle, Liebknecht und leibhaftigen deutschen Kommunisten und Schriftstellern, reichlich gute Deutsche. Zum Kommunismus kommt er ebenso: "Bei Lassalle verstand ich fast nichts, vertiefte mich aber mit um so größerer Verehrung in die einigermaßen verständlichen Pas- sagen über die Notwendigkeiten der Volksmacht und die Unausweich- lichkeit des Sozialismus. Liebknecht erzählte dagegen klar und deutlich vom Heldentum und vom schrecklichen Schicksal der Pari- ser Kommunarden. Als ich von der blutigen Maiwoche und dem Tod Dombrowskis las, weinte ich dieselben heißen Tränen wie über mei- nen Lieblingsbüchern von Nekrassow, Korolenko und Dickens. Mein Entschluß stand endgültig fest: Ich bin ein überzeugter Kommu- nist!" Doch diese Begeisterung geht dann beim Jüngling zu weit - nach der Pfadfinderperiode läuft er mit einer Gruppe Jugendlicher in die "trotzkistische Opposition" ("...zogen mich die heroischen Mythen von Trotzkij und seinen Gefolgsleuten an..."). Kopelews Zuständigkeit für die Politik stößt an Grenzen: Stalin bekommt von ihm gemäß seiner damaligen Fraktionszugehörigkeit zwar eine schlechte Note, nämlich "...daß Stalin ein beschränkter, machthungriger Bürokrat sei, der sich als Lenins besten Schüler betrachtete, obwohl er in der Theorie schwächer war als andere Partei-Führer. Er war ein erfah- rener und gewissenloser Apparatschik.... Trotz allem dachte ich, er könnte sich noch bessern, wenn man ihn nur von seinem Posten entfernte und ihm eine untergeordnete Arbeit anwiese." Aber Stalin hatte gesiegt, Kopelew wurde eingesperrt, bekam eine untergeordnete Arbeit zugewiesen und wurde Stalin-Verehrer. Seine (bescheidene) Mitarbeit bei der Kollektivierung der Landwirt- schaft, als während der Hungersnot den Bauern das letzte Getreide weggenommen wurde, sollte später wieder einen Punkt auf dem Konto "Verführung" abgeben. Als Arbeiter und Werkszeitungs-Redakteur in einem Traktoren- und Panzerwerk lädt er diesem Konto noch die Op- fer der Stachanow-Bewegung und der damaligen Säuberungen auf - ein treuer Diener seines Staates bis zur Erschöpfung. "Die Partei wurde zu unserer kämpfenden Kirche, die der ganzen Menschheit ewige Seligkeit brachte, ewigen Frieden und das Para- dies auf Erden. Sie hatte siegreich alle anderen Kirchen, Sekten und Häresien überwunden. Die Werke von Marx, Engels, Lenin waren unsere Heilige Schrift, Stalin der unfehlbare hohe Priester." - so erklärt er diese Zeit später. In seiner Rückschau weiß Kopelew auch, was ihn so weit gebracht hat - Manipulation: "Die hypnoti- sierend hartnäckige Wiederholung einfacher Worte und Wortgruppen war eine Besonderheit der Stalinschen Reden, ebenso wie der klare, katechismushafte Aufbau: Frage - Antwort; Ursache - Folge; Prämisse - Schlußfolgerung und Aufzählung der numerierten The- sen." usw. "die Intonation, die psalmodierende Monotonie, der rhetorische Stil.", kein Deutschlehrer hätte das besser sagen können. Dem Vaterland treu ergeben -------------------------- Im "Großen Vaterländischen Krieg" schlug Kopelews große Stunde: Als Major und "Instrukteur für die Aufklärung im Feindesheer" konnte er sein Predigertum in einer Antifa-Schule für deutsche Kriegsgefangene und als Fachmann für Feindpropaganda mit großen Erfolg anwenden. Beispielhaft brachte er den deutschen Soldaten den Antifaschismus bei: a) Die Deutschen sind an sich gute, aber schwache Menschen. "Gewiß, es gibt in Deutschland viele Faschisten die Partei hat rund sieben Millionen Mitglieder aber wirkliche Fanatiker gibt es bedeutend weniger. ... Dafür gibt es ziemlich viel Sympathisan- ten, Mitläufer aus Dummheit, aus Feigheit, aus Opportunismus. Und die überwältigende Mehrheit des Volkes, Millionen und Abermillio- nen Deutsche wurden zu Opfern des Hitlerregimes, zu Opfern des Krieges..." b) Deshalb sind alle Deutschen schuld, sie haben sich - Menschen wie Kopelew, du und ich - verführen lassen (später hierzulande die "Kollektivschuld"). Zu dieser Schuld müssen sie sich beken- nen, "unerträgliche Scham, Verzweiflung" empfinden. c) Zum Glück haben die deutschen Antifaschisten, die den Glauben an Deutschland auch in finsteren Zeiten rein hielten, den Faden zum besseren Deutschland nicht abreissen lassen, für das man Na- tionalist mit faschistischen Idealen sein darf und muß: "Aber es gibt eine andere, eine wirkliche Größe Deutschlands: das ist die Größe des deutschen Geistes, der deutschen Arbeit, der deutschen Vernunft, des deutschen Fleißes. Darauf können Sie stolz sein. Der Deutsche Gutenberg erfand die Buchdruckerkunst, und damit hat er wirklich die ganze Welt erobert. Die Deutschen Dürer, Cranach, Holbein..." (Es folgen die berühmten Deutschen von Luther bis Zeppelin) "...wenn ich Deutscher wäre, würde ich gerade jetzt ganz besonders beharrlich meine Zugehörigkeit zum tragischen Schicksal meiner Heimat bekräftigen." (Die faschisti- schen, Soldaten brauchten sich in dieser Schulung also wirklich nicht groß umzustellen!) Derartige Entdeckungen, nur noch mit dem Zusatz, in welchem Staat dies bessere Deutschland weiterlebt, hätten ausgereicht, um Kope- lew in der BRD wie in der DDR einen bleibenden Oberlehrerposten zu sichern; dummerweise ist er sowjetischer Offizier. In Ostpreußen erlebte er, daß Soldaten der Roten Armee neben den Grausamkeiten, die als militärische Operationen selbstverständ- lich sind, auch auf eigene Faust zerstörten, mordeten, vergewal- tigten, plünderten "War eine derartige Verrohung unserer Leute wirklich nötig und unvermeidlich - Vergewaltigung und Raub, mußte das sein?", "Sinnlos - aus purer Zerstörungswut..." wurden Häuser angezündet; "Marodieren zersetzt die Moral der Truppe." Den eigenen Leuten "drohte Demoralisierung, Verrohung, Entfesselung niedrigster In- stinkte, habgierige und chauvinistische Wünsche." Gegen die "schwer erklärbare Barbarei der Vorgänge" sprachen je- denfalls nicht die Opfer ("Nicht mit ihnen brauchten wir Mitleid haben, aber mit uns.") - wohl aber die Offiziersehre: "Die ganze Schande fällt aber auf uns, die Offiziere und die po- litischen Leiter." Einige Offiziere, denen Kopelew ihre unehrenhafte Haltung unter die Nase rieb, schwärzen ihn bei den Sicherheitsorganen an. "Ich wurde aus der Partei ausgeschlossen wegen solcher Gedanken und Überlegungen, die ich offen ausgesprochen hatte. Man sah darin 'Propagierung des bürgerlichen Humanismus und Mitleid mit dem Feind'. Mich packte Zorn, ich begriff nicht, warum man mich so mißverstand; mir taten doch nicht die Feinde leid, sondern un- sere eigenen Leute." Kopelew landet im Lager, nicht zuletzt, weil er seine Verteidi- gung in eine flammende Anklage gegen seine Verleumder umdrehte und die nach besten revolutionären Vorbildern verfaßten Beschwer- den und Plädoyers ihn noch mehr reinritten. "Ich will mich also nicht verteidigen. Ich klage an. Ich klage an die hier anwesenden Sabaschtanskij und Beljajew. ... Ich klage sie an, zwei Verbrechen begangen zu haben: das eine gegen eine Person, das andere gegen den Staat. ... Sie begingen und begehen ein Verbrechen gegen den Staat, weil sie vor zwei Jahren einen Politarbeiter ausschalteten, der bei Kriegsende und danach in den besetzten Gebieten in einer Woche, ja an einem einzigen Tag unse- rem Lande und der Partei mehr konkreten Nutzen gebracht hätte als beide zusammen in ihrem ganzen Leben - diesem Leben von Egoisten, Verleumdern und Karrieristen. Sie begingen und begehen ein Ver- brechen an einer Person, indem sie bewußt und in böser Absicht einen ehrlichen Menschen verleumden und einen Staatsbürger, der dem Vaterland und der Partei treu ergeben ist, die schwersten po- litischen Verbrechen zuschreiben." Gnadenloses Moskau ------------------ Nicht daß er jemals an der Politik gezweifelt hätte - daß ihm sein Staat langjährige treue Dienste mit Undank vergolten hatte, das war eindeutig zuviel. In der moralischen Betätigung f ü r seinen Staat zurückgewiesen und als V e r b r e c h e r behan- delt, macht er mit Kritik und Selbstkritik nunmehr seinen Schwenk zum f r e i e n Moralisten, findet zu Menschlichkeit und Reli- gion "zurück", bleibt zuständig für alles in der Welt, ohne daß die äußeren Mächte ihn noch enttäuschen könnten, und ansonsten friedlicher germanophilisierender sowjetischer Bürger. Rückwärts gesehen ist das Lagerleben glückliche Sühne und Läuterung: "Und glücklich war die lebendige Erfahrung des Häftlingsdaseins. Was ich in Gefängnissen und Lagern erfuhr, durchdachte, durch- fühlte," - wenn er nicht gerade gegen die Gleichbehandlung mit ordinären Verbrechern opponierte - "half mir später" - bei der Abfassung der geistigen Früchte dieses Lebens: "Aufbewahren für alle Zeit", mit denen er den "Nachweis einer tiefen, alten Reserve an Menschlichkeit erbringt." (Böll) An sich hätte er damit und mit seinem germanistischen Hobbies auch gut und gerne in der Sowjetunion verrentnern können; nur ließ er sich dann doch, als ein anderer guter Mensch dort schikaniert wurde, zu einem ganzen Brief an die sowjetische Staatsmacht hinreißen des Inhalts, ein Sacharow habe eine solche Behandlung nicht v e r d i e n t. Unterwegs auf Dichterlesung ausgebürgert, hat er jetzt "das Land meiner Träume", wir haben ihn, aber er keine Heimat, womit seine Frau ganze Seiten in der "Zeit" vollschreibt, dafür hat die BRD einen Bestseller, einen Mann und ein Buch. Endlich gibt ein Au- genzeuge, ein Offizier der Roten Armee, sogar ein ehemaliger Kom- munist die Schuld der Russen zu, bekennt sich sogar selbst schul- dig. Das übertrifft alle Vertriebenenverbände! Endlich ein Russe, der Deutschland mit der Seele liebt und uns bescheinigt, gebildet, gut und vorbildlich zu sein - bis auf die Zeit der Verführung und gerade wegen ihr. In Böll und Gräfin Dönhoff fanden sich die kongenialen Vertreter Kopelews in der BRD, für "Die Zeit" gab es eine Vergangenheitsbe- wältigung, bei der Russen wie Deutsche Schuld auf sich luden (unwiderleglich dokumentiert) - die Russen sie aber nicht tragen wollten - bis auf Kopelew. "Er darf sein Vaterland nicht wiedersehen - ein Vaterland, das er mit der ganzen Kraft seiner Person hingebungsvoll liebt." "Gnadenloses Moskau!" (Süddeutsche Zeitung) Überall in der Öffentlichkeit der BRD wird dieser Mann nun herum- gereicht, als Vertreter der reinen Moral "garantiert ideologie- frei" - denn die Lehre lautet eintönig: Menschlichkeit, Kultur, Deutschland gut - Sowjetunion böse. zurück