Quelle: Archiv MG - KULTUR LITERATUR - Von Bestsellern
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Elias Canetti, Masse und Macht
VOM WELTBILD EINES NOBELPREISTRÄGERS
Von Nobelpreisträgern heißt es, sie bekämen diese höchste Aus-
zeichnung für herausragende Leistungen auf ihrem Fachgebiet. Na-
mentlich nun der Laureat auf dem Felde der Literatur soll darüber
hinaus in seinem Werk "westliche Gedanken seiner Zeit" dichte-
risch gestaltet haben. Grund also, sich mit dem aktuellen Titel-
träger Elias Canetti näher zu befassen.
Nachfolgendes erscheint verspätet. weil die MSZ-Redaktion so
schnell niemanden bewegen konnte, die prinzipiell 500 Seiten
nicht unterbietenden Opera Herrn Canettis auch nur zu überflie-
gen. Glücklicherweise ergriffen unsere Genossen von der "Wiener
Hochschulzeitung" der MG "die nationale Erfreulichkeit, daß
Österreich in Gestalt eines im bulgarischen Rustschuk geborenen
Sohnes spanisch-jüdischer Eltern mit Wohnsitz Zürich gegen alle
unangebrachten Inanspruchnahmen der mitbeteiligten Länder den Li-
teraturnobelpreis für 'uns' verbuchen konnte." Am theoretischen
Hauptwerk des Dichters forschten sie nach, was der weltbeste
Dichter und Denker 1981 so zu bieten hat, und was der Leser
selbst an nötiger Einstellung zum Gelingen ungestörten Kunstge-
nusses mitbringen muß.
Der Mensch
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"Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbe-
kanntes."
Der Nobelpreisträger weiß in der Folge vom homo zu berichten, daß
ihn "die Berührungsangst vor Unbekannten" (!) bewegt, solang' er
strebt. Zur Bestätigung dieser einmaligen Verrücktheit, nicht zu
wissen, w o v o r man sich fürchtet, aber sicher zu sein, daß
"es" einen berührt, arbeitet sich Canetti an einer endlosen Auf-
zählung von B e k a n n t e n ab. Damit das Busfahren, das Woh-
nen, Anziehen und Schlafen- als Beispiel für die Angst vor
U n b e k a n n t e n und dessen Berührung taugt, muß der Dich-
ter alle diese menschlichen Aktivitäten durch Wegdenken der
b e k a n n t e n Gründe und des b e k a n n t e n nützlichen
Umgangs mit den Dingern verfremden: Demnach trägt man Kleider
nicht, weil sie kleiden, sondern als moderne Ritterrüstung, damit
d e r Angreifer nicht bis zum "nackten, glatten, wehrlosen
Fleisch durchzudringen" vermag. In Häusern w o h n t man nicht,
sondern sucht sie als Schutzwall, um sich "dem plötzlichen, uner-
warteten Griff aus dem Dunkel zu entziehen". Hände akzeptiert der
Meister nur als "zur Kralle geformte Symbole der Angst". Der Re-
staurantbesuch, die Tramfahrt, selbst das Schlafen sind dem homo,
kaum hat dieser "die Grenzen seiner Person festgestellt", der un-
unterbrochene Versuch, der Berührungsangst zu entgehen.
Diese prinzipielle Angst hat mit einem b e s t i m m t e n Ge-
fühl gar nichts zu tun. Wie sollte es auch? Es ist ja das von je-
dem besondern Gefühlsinhalt gereinigte Angst p r i n z i p, ein-
fach die Angst vor Berührung und d a m i t vor jedem menschli-
chen Handeln.
L e s e e r f a h r u n g 1: Bei Canettis Wurf handelt es sich
um logischen Unsinn ersten Ranges. Wie soll sich denn die
V i e l f a l t menschlichen Handels einem e i n z i g e n
Prinzip verdanken, das konsequent vertreten nur eine Handlung zu-
läßt: Ab in den Eisschrank und fest die Tür verriegelt? Was ist
denn bloß der Grund dafür, daß sich die Menschen in den wenigsten
Fällen mit der Eisschranktour begnügen und sich weiterhin beim
Essen, Gehen, Lieben, Schlafen, Lernen der Berührungsgefahr aus-
setzen? Um diesem "literarischen Wiener" die erbauliche Genehmi-
gung für die in mehr oder weniger plumpen Bildern - die ver-
krallte Hand kennt man doch aus dem letzten Horrorschinken - vor-
getragene Darstellung der "Schlüsselbegriffe zum Verständnis un-
seres Zeitalters" zu erteilen und gleichzeitig wie der Meister
selbst über die Ungereimtheiten souverän hinweg- und zum litera-
rischen Genuß emporzusteigen, dazu bedarf es eines einsamen Ent-
schlusses des geneigten Lesers, der abseits und unter Mißachtung
der erwähnten Qualitäten des Textes gereift sein muß: Mein Gott,
ist der Canetti gedankentief! Ohne diese textunabhängig getrof-
fene Bereitschaft, das alles für furchtbar g'scheit finden zu
wollen, ist es nämlich niemandem möglich, sich in Verspottung
seines eigenen praktischen Umgangs mit Lehrern, Studenten,
Schaffnern und Zahnärzten etc. partout einzubilden, deren Aufgabe
bestünde nicht darin, zu lehren, zu studieren, Fahrschein zu
zwicken und Zähne zu reißen, sondern um d a m i t eine gefähr-
liche Attacke gegen das berührungsverängstipte Ego zu reiten. Und
zwar ausgerechnet deswegen, weil die Zahnärzte und der Schaffner
sich ununterbrochen ganz furchtbar vor der Berührung fürchten
tun.
Die Masse
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"Es ist die M a s s e allein, in der der Mensch von dieser Be-
rührungsfurcht erlöst werden kann. Sie ist die einzige Situation,
in der die Furcht in ihr Gegenteil umschlägt."
Waren die Leistungen des Menschen gerade noch ein einziges unun-
terbrochenes Bemühen zur Vermeidung von Körperkontakten, sucht
nun derselbe Mensch Ausweg aus dieser Situation, indem er sich
ausgerechnet der Berührung e n m a s s e genußvoll hingibt.
Ein Widerspruch? I wo, vielmehr ein gelungenes Beispiel dialekti-
scher Dichtkunst. Canetti pflegt dieses Paradox, indem er es ganz
unverblümt ohne den leisesten Versuch zur Begründung, warum die
Angst mir-nix-dir-nix zur Sehnsucht fortschreitet, im Jargon hin-
schreibt: "Die Furcht schlägt in ihr Gegenteil um." Mit viel
Liebe zur Paradoxie konzipiert der weltmeisterliche Widersprüche-
klopfer seinen Massebegriff einzig auf der umwerfenden Logik des
G e g e n s a t z e s: Die vom Menschen so ersehnte Masse ist
einfach das G e g e n t e i l der bisher ausgedachten dürren
Menschenwünsche. Oder anders: Der Mensch wünscht sich die Auf-
nahme in eine Masse, weil diese alles das birgt, wovor er sich
fürchtet:
- Ist der Canetti-Mensch damit beschäftigt, die "Grenzen seiner
Person zu spüren" und "zu erhalten", schätzt er die Masse zur Er-
reichung eines "Zustands absoluter Gleichheit", also gerade der
Auslöschung jeglicher Individualität: "Ein Kopf ist ein Kopf, ein
Arm ist ein Arm, auf Unterschiede kommt es nicht an!"
- An der Masse lernt der Berührungsverängstigte auch prompt ihre
Dichte zu genießen: "Sie (die Masse) kann nicht dicht genug sein.
Es soll nichts zwischen sie fallen, es soll möglichst alles sie
selber sein." "Je heftiger die Menschen sie aneinanderpressen, um
so sicherer fühlen sie, daß sie keine Angst voreinander haben
müssen."
Ab jetzt gibt es nur mehr ein geschichtsmächtiges Subjekt: die
dichte, in sich geschlossene Masse, die nichts neben sich duldet,
das Einzelindividuum in sich zu verschlingen sucht; was sich die-
ses wiederum gerne gefallen läßt. Gründe für die geschichtliche
Tat gibt es keine mehr, außer dem einen: "Alles geschieht, weil
die Masse wachsen will." Denn: "Ohne zu wachsen, droht ihr der
Zerfall."
Damit hat sich der Denker die Basis geschaffen für ein tiefsinni-
ges, spannend bedrohliches Geschichtsbild. Sein Erklärungsversuch
der "geschichtlichen Kraft" wird durch das literarische Bild ver-
wirklicht, das sich an der unaufhaltsamen Selbstbewegung der dun-
klen, entindividualisierten, nicht- und vielstrukturierten Meute
begeilt. Kein Mensch tut mehr etwas aus den Gründen, die er dafür
hat. Statt dessen passiert tagtäglich folgendes:
"Eine ebenso rätselhafte wie universale Erscheinung ist die
Masse, die plötzlich da ist, wo vorher nichts war. Einige wenige
Leute mögen beisammen gestanden haben, fünf oder zehn oder zwölf,
nicht mehr. Nichts ist angekündigt, nichts erwartet worden.
Plötzlich ist alles schwarz von Menschen. Von allen Seiten strö-
men andere zu, es ist, als hatten Straßen nur eine Richtung....
sie haben ein Ziel... das Ziel ist das schwärzeste - der Ort, wo
die meisten Menschen beisammen sind."
L e s e e r f a h r u n g 2: Canettis theoretische Leistung be-
steht in einer Vergeheimnissung der Geschichte, weil Masse; des
Menschen, weil Masse; der Gefühle, weil Angst vor der Masse. Ge-
rade daß nichts mehr so ist, wie man es sich vorgestellt hat, daß
die banalsten Alltäglichkeiten durch die fixe Idee Canettis, al-
les als Ausdruck einer unstillbaren Massensehnsucht zu bespre-
chen, den Zauber des Geheimnisvollen, die Spannung des Bedrohli-
chen annimmt, ist die ganze t r o s t l o s e Substanz der
"literarischen Kraft" des Meisters. Obwohl er sein Buch als
"theoretische Abhandlung über das Phänomen Masse" verstanden wis-
sen will, hat er nichts von seiner dichterischen Freiheit aufge-
geben, persönliche Vorlieben, ausgefallene Gedanken - in freier
Assoziation gereiht - und von jedem Wahrheitsanspruch gereinigte
"Beobachtungen" zu einer großen Denkerbotschaft an ein erlesenes
Publikum zusammenzuspinnen: Es gibt ein Lebenselexier, das uns
alle ohne unser Wissen am Wackeln hält.
Um sich den ganzen "Zauber, den dieses - Werk ausstrahlt", zu er-
öffnen, muß sich der Kunstinteressierte jedes noch so harmlosen
Warums entledigen. Und stattdessen so halsbrecherische Gemeinsam-
keiten wie etwa folgende ob der "ungeahnten kulturanthropologi-
schen Zusammenhänge" der "Doppelmasse" schätzen: Nach Meinung des
bedeutendsten Denkers des Jahres 1981 sind nämlich die Jivaros-
frauen mit ihrem Schneckenschalenrasseltanz ebenso eine
"Schutzmasse" für ihre "Doppelmasse" Männer wie die Madagaskar-
frauen:
"Als die Deutschen im Jahre 1941 auf Paris marschierten, wurde
zum Schutze der französischen Soldaten von den Frauen in Tanana-
riva das Mirary getanzt. Es scheint trotz der großen Entfernung
gewirkt zu haben." (Uns würde es nicht wundern, wenn der alte
Herr auch noch ans Schutzengerl glaubt.)
Beide Sorten Weibsbilder stehen mit allen anderen Geschlechtsge-
nossinnen für den epochalen Gedanken, daß Doppelmassen (= belie-
big erfundene Gegensatzpaare wie Mann-Frau oder Lebende-Tote) bei
guter Gennung und "Erregung der einen (Masse) das Wohlergehen und
Gedeihen der anderen fördern."
Man sieht: Selbst der faszinierende Übergang zum Okkultischen -
das Schicksal der Menschen, pardon Massen, ist durch Gefühlserre-
gungen bestimmt, die qua "Beschwörungstanz" über Tausende von Ki-
lometern ihre Wirkung tätigen - schadet keineswegs dem guten Ruf
als bedeutender Theoretiker.
Der Krieg
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An einem sehr zeitgemäßen Thema sei vorgeführt, was einem so al-
les hinderlich ist und daher vergessen gehört, um der originellen
Verquickung von "Erkenntnisgewinn" und "Kunsterlebnis" teilhaftig
zu werden: Die politischen Gründe, auf Krieg zu setzen; die Poli-
tiker und ihre Opfer; der gewaltsame Zwang zum Mitmachen und die
blöden Gründe der Leute, sich den Heldentod als notwendiges Ri-
siko vorstellig zu machen; all das zu klären würde nicht einmal
die Friedrich-Torberg-Medaille einbringen. Hingegen hält ein an-
erkannter Durchblicker am Krieg für mitteilenswert: Es gibt ziem-
lich viele, aufgeteilt in zwei Gruppen, die sich deswegen nicht
mögen, weil beide Massen so aggressiv vor sich hinwachsen, weswe-
gen die eine Masse die andere lieber als tote "Doppelmasse" sehen
möchte. Der Zweck des Ganzen: Wer von beiden wächst länger? Der
Krieg also: ein Doppelmassenwettbewerb um den größten Totenhau-
fen.
Oder mit den geschliffenen Worten eines Nobeldenkers:
"Es ist die wachsende Masse der Nachbarn," (was hat der Canetti
bloß für Nachbarn?) "der man im Kriege entgegentritt. Ihre Zu-
nahme ist an sich beängstigend" (das Bassenasyndrom?). "Ihre Dro-
hung, die im Wachstum allein schon enthalten ist, löst die eigene
aggressive Masse aus, die zum Krieg drängt... Man will die grö-
ßere Masse von Lebenden sein. Auf der gegnerischen Seite aber sei
der größere Haufen von Toten, In diesem Wettbewerb der wachsenden
Massen liegt ein wesentlicher, man möchte sagen, der tiefste
Grund zu Kriegen."
Fazit
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Elias Canettis Werk "Masse und Macht" ist ohne Zweifel ein be-
deutsames Mahnmal für die Trostlosigke't zeitgenössischen Dich-
tens und Denkens. Allein daß das Dichten mit dem Analysieren bei
Canetti so wunderbar zusammengeht, sagt alles über die Qualität
seiner Erkenntnisse. Der Fischer-Taschenbucheinbandtexter hat da-
her völlig recht mit seinem vernichtendem Urteil: "Elias Canetti
ist originell wie kaum ein Zeitgenosse, und er will es sein." Den
Nobelpreis hat der Dichter seiner Funktion als Avantgardist heute
so geschätzter Freiheiten des Geistes wie "Originalität",
"überraschende Gedankenendungen", "man weiß bei Canetti nie, wo
er einen auf die nächsten Seiten hinführt", "Ausbruch aus den li-
terarischen und denkerischen Schemata" völlig zu Recht erhalten.
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