Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle


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       Münchner Hochschulzeitung Nr. 8, 26.01.1983
       
       Noch eine Bedingung für den Faschismus
       

RICHARD WAGNER

Nicht nur in seinem Proseminar "Nietzsche und Wagner", sondern auch in Zeitungsinterviews und Buchveröffentlichungen führt H. ZELINSKY - Assistent am Germanistischen Institut - einen Kreuzzug wider den Ungeist Richard Wagners. Nun wäre nichts gegen einen Angriff auf Wagners Antisemitismus und seine deutschnationalen Erhebungewerke einzuwenden. Es wäre auch schnell zu klären, warum Hitler an solcher Verherrlichung deutschen Wesens Gefallen fand. Diesen Nachweis aber will ZELINSKY gar nicht führen. Er tritt da- gegen an, daß Wagner "sehr zu Unrecht zur deutschen Kultur" ge- rechnet wird, will also die deutsche Kunsttradition rein halten. In seinem Eifern dafür schreibt er Wagner und seinen Werken zu, "eine enorme Rolle" in bezug auf den Faschismus gespielt und "furchtbar Geschichte gemacht" zu haben. "SPIEGEL: Dann waren die Gralsritter des 'Parsifal' also in der SS wieder auferstanden? ZELINSKY: soweit würde ich nicht gehen. Aber natürlich verkörpert die SS den Gedanken eines neuen Adels oder Ordens, wie ihn Wagner in der Gralsritterschaft dargestellt hat." Engagiert für die deutsche Kunst, schreibt er Wagner eine politi- sche Gefährlichkeit zu, die weder Wagners Werk trifft, noch Klar- heit über Faschismus schafft. Im Gegenteil: Das Ärgerliche ist daß Faschismus zu einem geheimnisvoll durch künstlerische Geheim- bünde und kaum zu benennende Mechanismen geistiger Verführung hervorgebrachten Mythos verrätselt wird. Wie gesagt: Wenn man Faschismus zu einer Folge Wagners machen will, eine Herrschaftsform zum Resultat von Kunstschaffen, und sei es nur in der Form, Wagner neben lauter anderen Bedingungen als "geistige Quelle" zu führen, dann muß man gerade den Unter- schied von künstlerischer Verherrlichung einer Idee und prakti- scher Durchsetzung einer Staatsgewalt bestreiten. Wenn man 'Verbindungen' von geistigem 'Hintergrund' und politischer Tat entlarven will, dann wir ein Heldenepos zum politischen Programm und eine SS-Truppe zur Verkörperung eines neuen Adels-Gedankens. ZELINSKY bringt drei Varianten dieser 'Verbindung': 1. Hitler war in seiner politischen Gesinnung nicht nur Opfer ei- ner Rienzi-Aufführung: Diese Zeugnisse Kubizeks - und andere natürlich auch - zeigen, daß auf die Schriften, die Hitler von Wagner gelesen hat, bei ihm etwas ausrichten, daß er dessen Kunst- und Weltanschauung sehr genau verstanden und zu der seinigen gemacht hat." Weil Hitler Wagner g e l e s e n hat, ist Wagner für "Mein Kampf" verantwortlich - ganz abgesehen davon, daß es auf den Un- terschied zwischen Kunststreitschrift und Politik überhaupt nicht mehr ankommen soll? Faschismus = Hitlers Person = dessen Ideolo- gie = Wagnerideen. Drei verkehrte Gleichsetzungen braucht man schon für diese 'Verbindung', die antisemitische Ideen zum Grund dafür erklärt, in die Tat umgesetzt worden zu sein. 2. "Vasallen, Propheten und Heilslehrer", Wagnerianer, waren gleichzeitig Faschisten. Diese 'Verbindung' - gleichzeitig Wag- ner- und Hitlerfan, deswegen f o l g t das eine noch lange nicht aus dem anderen - verfolgt ZELINSKY mit lächerlicher Akri- bie: "Allen voran Cosima Wagner, die gerade Wagners weltanschauliches Vermächtnis beflissen gehütet und weiterverbreitet hat, dann ihr Schwiegersohn, der spätere Bayreuther Haus-Ideologe Houston Ste- wart Chamberlain ..., durch ihn Vermittlung zwischen dem Hause Hitler und Wagner ..., beerdigt durch die SA .... Bernhard För- ster der Schwager Nietzsches ... greift die Idee Wagners: Auswan- derung nach Amerika auf .... Bildung einer deutschen Kolonie in Paraguay ..." So entsteht eine kriminalistische Theorie, wie Wagnersche Machen- schaften Hitler politisch angemacht haben!" 3. Wagners Werk 'verbindet' ihn mit dem Faschismus: "Gerade vom 'Parisfal' lassen sieh konkrete Spuren verfolgen bis ins Dritte Reich ..." Daß Parsifal sündigt, sich durch allerlei Taten reinigt und da- durch wieder zum Gralshüter qualifiziert, mag ja deutsche Herr- schaftstugenden glorifizieren; es mag ja sogar sein, daß das Böse von Wagner manchmal als jüdisch charakterisiert wird, bloß ist deswegen das Dritte Reich noch lange nicht Realisierung der Wagnerschen Tugendlehre. Ganz zu schweigen davon, daß ein Einsatz der g-Pauke, auch wenn Wagner ihn als "Vernichtungsklang" ver- standen wissen will, nicht Musik zum "Holocaust-Vorläufer" macht. Aber anders als über solch billige Analogien: Musik = Vernich- tung, Gewaltstil, Erlösungslehre = Vernichtungslehre, Faschismus = Vernichtung ist eben der Schluß von der Kunst auf die Politik nicht zu haben. ZELINSKY landet schließlich mit seinen 'Verbindungen' bei einer Agenten-Manipulationstheorie: Daß Wagner "ein einzigartiges dich- terisch-musikalisches Darstellungs- und Kompositionsvermögen hatte" und ein "Bewußtsein davon, ... welche Rolle seine Musik als Weltanschauungsträger spielte", soll seine besondere Perfidie in der Durchsetzung seiner Botschaft ausmachen. Daß Wagner selbst offenbar von solchen Kräften seiner Musik überzeugt war - "Nun denken sie, meine Musik, die mit ihren feinen, feinen, ge- heimnisvoll-flüssigen Säften durch die subtilsten Poren der Emp- findung eindringt, um dort alles zu überwältigen, was irgendwie Klugheit und selbstbesorgte Erhaltungskraft sieh ausnimmt, alles hinwegschwemmt, was zum Wahn der Persönlichkeit gehört und nur den wunderbar erhabenen Seufzer des Ohnmachtsbekenntnisses üb- rigläßt." (Wagner) - macht auch nicht überzeugender, daß man einen faschistischen Wil- len gerade unter Umgehung von Geist und Wille, eingeträufelt be- kommt. Es ist vielmehr besonders ärgerlich, daß so - über die finstere Wirkung von Klängen- sich Faschismus verbreitet haben soll, also der praktische Entschluß vieler Menschen, sich auch dieser Herrschaft zu beugen, endgültig exkulpiert wird. ZELINSKYs Resultat ist so sehr opernmäßig: Da wird eine Karajan- sche Handbewegung, die Beifall untersagt, um die Weihestimmung bei "Parsifal" nicht zu stören, zum Beleg faschistischer Gefahr (der Zusammenhang suggeriert: Die "Bayreuth-Idee wirkt in ihren Verschwörern weiter!) und ausgerechnet A u f k l ä r u n g ü b e r W a g n e r zur politischen Pflicht, bei der Frage nach den Vorspuren Hitlers und des Dritten Reiches". Dabei täuscht sich ZELINSKY über die deutsche Kulturöffentlich- keit von heute: bei deren Abgebrühtheit in Sachen Faschismus dis- kreditiert ihn nämlich gerade seine politische Entlarvungsab- sicht. Der "Spiegel" goutiert zwar seinen Beitrag zur Wagner-Dis- kussion, stellt aber genüßlich und hämisch seinen Eifer als Über- treibung heraus. zurück