Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle

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       Patrick Süskind: Deutschland, eine Midlife-crisis
       

BITTERES VON EINEM GEWOHNHEITSTIER

Die Ausgangslage ---------------- Die BRD hat die DDR annektiert, auf deutsch heißt das Wiederver- einigung, und Patrick Süskind, ein Vertreter der Dichterzunft, "fällt" angesichts dieser Tatsache "aus der Welt raus" und in eine "Midlife-crisis" hinein. (Alle Zitate aus "Spiegel" Nr. 38/1990) Macht Herr Süskind vielleicht das Vorwärtsprogramm Deutschland so betroffen? Nein, der Mensch hat ganz andere Probleme. Der Geist: Unvorbereitet auf Großdeutschland -------------------------------------------- Er und seine Generation, zu deren Sprachrohr sich Süskind in dem Aufsatz macht, so lamentiert er, seien völlig überrascht worden von der Wiedervereinigung, da in der Sicherheit aufgewachsen, daß die deutsche Einheit "ein obsoletes Problem" sei und längst nicht mehr auf der Tagesordnung deutscher Politik stehe: "Nein, die Einheit der Nation, das Nationale überhaupt war unsere Sache nicht. Wir hielten es für eine vollkommen überholte und von der Geschichte widerlegte Idee aus dem 19. Jahrhundert, auf die man getrost verzichten konnte. Ob die Deutschen in zwei, drei, vier oder ein Dutzend Staaten lebten, war uns schnuppe." Das ist schon bitter. Da macht man sich auf 40 Jahre Revanchismus der BRD den enorm geistreichen Reim, Nationalismus wäre sowas wie ein blöder Einfall aus dem letzten Jahrhundert. Im übrigen küm- mert man sich sowieso um nichts und zieht es vor zu dichten. Dann hält sich die Politik einfach nicht an das Bild, das man sich von ihr gemacht hat. Doch der Dichter sieht keinen Grund, seine bor- nierte Optik einer Revision zu unterziehen, sondern macht sich selbstbewußt zum Sprecher seiner Generation, die offensichtlich nur ein Problem mit der Wiedervereinigung hat: "Auf alles wären wir vorbereitet gewesen, ... - bloß nicht auf Deutschland einig Vaterland." Das Problem: Weltbild kaputt ---------------------------- Offensichtlich kennt der Mensch keine andere Betrachtung der Welt als die, sich geistig auf sie einzustellen, egal, auf was man sich da einstellen muß. Damit wäre man, so meint er, auf ziemlich alles "vorbereitet" gewesen; weil, je weniger Ahnung man von et- was Bestimmtem hat, offenbar desto größer die Sicherheit wird, daß man im großen und ganzen nicht schiefliegen kann. Nicht der Inhalt des Programms Deutschland ist also Gegenstand der Erschüt- terung, sondern, daß er sich jetzt einen neuen Reim auf Deutsch- land machen muß. Ignorant gegen Zweck und Inhalt der Wie- dervereinigung bemerkt er an ihr nur, daß sein altes Weltbild ausgedient hat, was er bedauerlich findet, weil er sich eben erst zu einer Auffassung über die BRD durchgekämpft hatte, mit der er als Intellektueller schon zufrieden sein konnte. Erstens: "War es uns doch gerade erst gelungen ... uns ein einigermaßen stabiles Weltbild zurechtzuzimmern" - was ist für einen Denker schöner, wenn er den Scheiß, den er in seinem "Weltbild" zusammendenkt, für so überzeugend hält, daß er ihm auf ewig treu bleibt. Das entlastet von den Anfechtungen, sich mal von Staat und Politik einen richtigen Begriff zu machen und schafft Zeit fürs Dichten. Zweitens hat Süskind sich gleich ein so schönes "Weltbild" "zurechtgezimmert", daß es nicht nur eindeutig für ihn spricht, sondern auch für den Gegenstand, dem es gewidmet war: Nicht nur er hat sich in seinem Weltbild pudelwohl gefühlt, sondern durfte das auch noch, weil sein Staat wirklich so klasse war - "Dieser Staat hatte sich ganz unprovisorisch gut bewährt, er war freiheitlich, demokratisch, rechtlich, praktisch - und er war ge- nauso alt oder jung wie wir und daher in gewissem Sinne unser Staat." Das sind also die Attribute, aus denen ein süßes Kind seine Welt- bilder schnitzt. Freiheitlich, demokratisch, rechtlich - also die Ehrentitel, mit denen die schwarz-rot-goldene Herrschaft von sich vermeldet, daß sie über jeden Zweifel erhaben ist; dann noch, nicht zu vergessen, das eigene Alter: Damit schwingt sich ein In- tellektueller dazu auf, dem Staat zu bescheinigen, er hätte das Beste aus sich gemacht, wäre ziemlich perfekt sogar. Und zu einem solchen Staat, dem e r das anerkennend bescheinigen muß, paßt dann eben auch das besitzanzeigende Fürwort "Unser Staat", weil praktisch und gleichaltrig: Das sind die "Begründungen", ohne die ein Mann mit Geist glatt bloß ein gewöhnliches nationalistisches Arschloch wäre. So aber zeichnet sich die innige Bindung, die Pa- trick zu seiner süßen Republik unterhält, dadurch aus, daß der Dichter für sie Worte findet. Aber wie immer wenn bei so enorm poetischen Naturen der harmonische Einklang der fühlenden Seele mit dem Gegenstand ihres Sehnens gestört wird, geraten sie gleich ganz aus dem Gleis. Bloß, weil sein deutsches Wohnzimmer anders aussieht als gestern, hat Süskind eine komplette "Midlife-cri- sis". Tragisch, tragisch. Früher haben nationalistische deutsche Seelen öffentlich an "der Teilung" gelitten. Und jetzt, wo das Vaterland heil ist, leidet einer daran, daß er d a r a n nicht gelitten hat, daß es nicht komplett war. Tja, wer zu spät kommt, muß halt weiter leiden. Also: Weiterleiden! zurück