Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle


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       Dortmunder Hochschulzeitung Nr. 31, 29.11.1983
       
       Peter Sloterdijk
       Kritik der zynischen Vernunft
       

900 SEITEN INTELLEKTUELLES HEIMWEH

Der intellektuelle Bestseller dieses Jahres ist ein Buch, das auf fast 1.000 Seiten mit humorigen Einsichten der folgenden Art nicht gerade sparsam umgeht: "Ist es nicht das (der Sieg des "unvermeidlichen Amoralismus der Wirklichkeit"!), was die Sozialdemokratie heute lernt, indem sie, fast wider Willen, von der Großen Dialektik (?) erfaßt wird?" (169 f.; Fußnote des Autors dazu: "Weniger feierlich gesagt, vom großen Durcheinander, von der Ambivalenz des Tatsächlichen." - Mindestens!) "Es gibt zwischen (!) Sein und Bewußtsein ein Mittleres, das bei- des (!) ist und in dem die Scheinantithese von Geist und Materie verschwindet. Marx hat diese Vision (?) in seiner Theorie des Ka- pitals umgesetzt." (191 - Wahnsinn!), "Der Arsch scheint (!) dazu verurteilt, sein Dasein im Dunkeln zu fristen, wie" (ehem, wie..., ah genau) "wie der Clochard unter den Körperteilen." (282) "Doch was wird erst geschehen, wenn die Normen von Militär und Staatswesen, mit denen der Wissenschaft und der Religion, der Se- xualität und der Medizin sich ineinander verhaken und ver- stricken?" (551 - brrrr.) Als Parodie auf den Jargon freier Wissenschaft scheinen diese Schmarrbeuteleien allerdings nicht aufgefaßt worden zu sein. Ja, sein gelungener Versuch, "den sterbenden Baum der Philosophie noch einmal blühen zu sehen" (28), hat dem Autor sogar den Ruf einer aufmüpfigen und dabei theoretisch wohlfundierten Gesinnung eingetragen. Dies läßt sich wohl nur damit erklären, daß Peter SLOTERDIJK mit seiner "Kritik der zynischen Vernunft" tatsächlich ein B e d ü r f n i s seiner Käufer und (womöglich) Leser er- füllt hat. 1. Das Problem: "Zynische Vernunft" ----------------------------------- So sieht es auch der Autor selbst. Einfach nur ein Buch geschrie- ben zu haben, wäre ihm entschieden zu wenig gewesen. Nein, einer historischen Notwendigkeit hat er sich gestellt und einen Auftrag der Zeitläufte übernommen, der "uns" doch irgendwie am Herzen liegt: "Wenn die Dinge uns (!) brennend auf den Leib rücken, muß eine Kritik entstehen, die das Brennen zum Ausdruck bringt." (19) Das ist schlich gesagt, zumal es gleich von Anfang an klarstellt, daß sich SLOTERDIJK nicht daran messen läßt, ob seine Kritik denn stimmt und zu etwas gut ist; Hauptsache, sie bringt den Ausgangs- punkt hinreichend "zum Ausdruck", wie schrecklich n a h e dem Schriftsteller alles mögliche geht. Denn überhaupt besteht der "Zynisnismus" unserer Zeit nicht zuletzt gerade darin, daß nie- mand von nichts mehr so richtig erschüttert werden kann: "In der Wurstigkeit gegen alle Probleme liegt die letzte Vorah- nung davon, wie es wäre, ihnen gewachsen zu sein." (Wie denn du alter Angeber?) "Weil alles problematisch wurde, ist auch alles irgendwo egal." (17) Man wäre zwar interessiert, zu erfahren, was einem denn nicht egal sein sollte - bloß geht solche Frage völlig an der Absicht des Moralapostels vorbei, der "Betroffenheit" ganz jenseits des- sen, worum es geht, sehr grundsätzlich für wichtig befinden möchte. Er jedenfalls ist, was man ihm abnehmen soll, vom Atom- krieg bis zur Rolle des Busens in der Reklame so ziemlich von je- dem tatsächlichen oder fiktiven "Problem" betroffen, das sich eben auf 1.000 Seiten unterbringen läßt. Und was stößt ihm an all dem auf? Natürlich das zynische Nichtwahrhabenwollen; SLOTERDIJK gestattet sich keine Abschweifungen. Eine "bewußte Wahl der Unbe- wußtheit" (241) zeichnet für den Krieg ebenso verantwortlich - wir leben nämlich in einer Vorkriegszeit, "die alle ans Lebensge- fühl (?) rührenden Konflikte" (welche? alle!) "auf den Moment zu vertagen entschlossen ist, in dem der äußere Krieg die Begegnung mit der inneren Wirklichkeit überflüssig machen wird" (244 f.) -, wie für das unglückliche Selbstbewußtsein der vermarkteten Brust: "Diese modernen Geschäftsbrüste existieren, philosophisch gespro- chen," (Schelm!) "nur an sich, als Dinge, nicht für sich, als be- wußte Körper. Aber was wären Brüste für sich selbst, unabhängig von ihrer zynischen Entblößung auf dem Warenmarkt?" (281) Eine Frage, die, wenn man sie nicht stellt, also "vertagt", ein- deutig die zynischen Grundzüge "unseres" Bewußtseins verrät und letzten Endes am Krieg mindestens mitschuld ist! SLOTERDIJK ist aber nicht zufrieden damit, aus der Abwesenheit seines rührenden Mitgefühls mit Gott weiß was gleich einig außerhalb seiner mora- lisch aufgeplusterten Problemstellung existierende Zeithaltung namens "Zynismus" zu verfertigen. Dieses Hirngespinst erweckt er zum Leben, indem er ihm einen bevorzugten sozialen Ort ver- schafft, wo es gewissermaßen aus den äußeren Umständen hervor- wächst - im "Überbau des Westens" (28) mit seinen praktischen und theoretischen Verantwortungsträgern. Was da los ist: "Handeln wider besseres Wissen ist das globale Überbauverhältnis heute, es weiß sich illusionslos und doch von der 'Macht der Dinge' herabgezogen." (38) Und was hat das "aufgeklärte falsche Bewußtsein", dieser "böse Realismus" davon? "Es ist krank, an dem Zwang, vorgefundene Verhältnisse, an denen es zweifelt, hinzunehmen, sich mit ihnen einzurichten und am Ende (!) gar deren Geschäft zu besorgen." (40) Ein schlagender Beweis dafür, daß SLOTERDIJK im Gegensatz zu sei- nen theoretischen Pappkameraden von jeder Zweifelsucht frei ist. Den Zynismus der Macht, der praktisch im Eintreiben, theoretisch im gutwilligen Deuten der Kosten besteht, die das Volk justament für so hohe Werte wie "Freiheit" und "Verantwortung" übernehmen darf - bemerkt er überhaupt nicht, weil er im Staat eh nur "Dinge" zu sehen weiß, die "ihren Gang gehen". Dafür denkt er sich der Macht seines konstruktiven "Zynismus" zuliebe die oberen Etagen der Gesellschaft mit opportunistischen Sensibelchen voll, die sich sehenden Auges an irgendwelchen unmoralischen "Geschäften" beteiligen, die es offenbar auch ohne ihre Macher gibt! Weil er praktische Zwecke nicht von ihrer moralischen Qua- lifikation und diese nicht von Wissen unterscheiden kann, läßt sich mit dem ganzen Arsenal der "Zynismuskritik" folglich selbst ein Atomkrieg außerordentlich gemütlich beurteilen: "Doch wollen wir keiner Partei und keinem Verantwortlichen (erg. der atomaren Rüstung) ungewöhnlich böse Motive unterstellen." - Ihnen ohne jede Bewertung einfach bestimmte Interessen "unterstellen" wollen "wir" allerdings auch nicht, sondern lieber den "ungewöhnlich" dummen Spruch loswerden: "Im Rahmen des Mögli- chen tut jeder, was er kann." (255). Na, wenn das so ist! 2. Der Hintergrund: Ky- und Zynismus ------------------------------------ Nachdem ihm soweit alles klar ist, bleibt für den "philosophischen Schriftsteller ersten Ranges" (FAZ) eigentlich nur noch eine Frage offen. Es genügt ihm nicht, mit dem "Zynismus" ein Problem zu haben - dieses Problem braucht auch noch einen Grund. SLOTERDIJK schreitet also zur Deduktion dessen, wieso die Weltgeschichte sich seit Diogenes mit nichts anderem herumschlägt als mit seiner, der Philosophen, Entgegensetzung von liebevoller und kaltschnäuziger Weltanschauung. Das Betroffen- heitsgetue wird nun gar Ausdruck einer eminent praktischen Hal- tung, die "Kynismus" heißt ein vorgeblicher "Drang von Individuen, gegen die Verdrehungen und Halbvernünftig- keiten ihrer Gesellschaften sich selbst als vollvernünftig-leben- dige Wesen zu erhalten. Dasein im Widerstand, im Gelächter, in der Verweigerung, in der Berufung auf die ganze Natur und das volle Leben..." usw. (S. 400) Das freie Hofnarrentum des Geistes, der es genießt, als Kommentar zu jedem praktischen Zwang von diesem insoweit nicht betroffen zu sein, gelangt hier zur Ehre eines praktischen "Daseins im Wider- stand" - was umgekehrt natürlich die Deutung des gesellschaftli- chen Zwangszusammenhangs als eine theoretische Angelegenheit, seine Auflösung in die Qualität der dazugehörigen Ideologien, nämlich in "Verdrehungen und Halbvernünftigkeiten" erfordert. Daß die wirkliche Herrschaft sich durch ein bißchen Spott über ihre Heucheleien nicht erschüttern Und noch nicht einmal ideologisch besonders verunsichern läßt, gerät SLOTERDIJK konsequenterweise zu der theoretischen Leistung, die "Verdrehung" im Bewußtsein ih- rer Verkehrtheit, also als Lüge, fortzufahren - so als fiele die Herrschaft allen Ernstes mit den Anstrengungen ihrer beflissenen Apologeten zusammen, den Leuten etwas vorzumachen: "Den Begriff Zynismus reservierten wir für die Replik der Herr- schenden und der herrschenden Kultur auf die kynische Provoka- tion, sie sehen durchaus was Wahres daran ist, fahren aber (!) mit der Unterdrückung (!) fort. Sie wissen von nun an, was sie tun." (S. 400) Moralisch wird der Weltlauf hinstilisiert zu einem Gegeneinander von Unterdrückung und - nein, nicht Gehorsam, sondern Widerstand; intellektualistisch wird beides als bloße Geisteshaltung genom- men, die sogar mit nur einer Nuance Unterschied ziemlich iden- tisch sein soll: als theoretische Souveränität, die sich dort, wo sie folgenlose Einbildung ist, mit "k" schreibt und subversiv sein soll, und dort, wo sie solcherlei Einwände in praktischer Selbstsicherheit abweist, Zynismus mit "z" heißt und nicht bloß die Arroganz, sondern das Wesen der Macht ausmachen soll. Die Weltgeschichte: ein Kampf zwischen dem guten Ideal entlarvender Ehrlichkeit und dem schlechten Anti-Ideal der böswilligen Lüge - und insofern ein Widerstreit der Vernunft mit sich selbst - oder mit SLOTERDIJKS eigenen Worten: "Wir werden zunächst trocken zusehen müssen, wie sich in sechs großen Wert(!)bereichen - Militär, Politik, Sexualität, Heil- kunst, Religion, Wissen (Theorie) - jeweils kynisch und zynisch Bewußtseine (!) gegenüberstehen, einander angreifen, zurückschla- gen..." usw. (S. 401) Dem Feuilletonisten ist eben die Welt ein Feuilleton. 3. Das Feindbild: Wissen ist Macht ---------------------------------- SLOTERDIJKs Bilderbuch der gebildeten Sehnsucht nach geistiger Heimat und heiler Welt kein Zufall, daß sein Moralismus der Ver- nunft nicht nur literarische Bilder vom Verfall der intellektuel- len Sitten malt, sondern in zahlreichen Illustrationen auch noch anschaulich werden will - offenbart sein reaktionäres Prinzip dort am deutlichsten, wo die "Meditation" sich ihren Hauptfeind persönlich vornimmt: das Wissen selbst, das Macht sein soll. "In dem Willen zum Wissen rühren sich immer schon Interessen, die sich nicht im Wissen als solchem erschöpfen, sondern die der Aus- lastung der Subjekte gegen die Objekte dienen. Objektives Wissen in diesem Sinn besitzt Waffencharakter." (S. 641) Natürlich kennt SLOTERDIJK den Unterschied zwischen "Wissen als solchem" und dem Interesse, das sich seiner bedient; wissen will er davon aber nichts. Seine Weltdiagnose besteht ja in nichts als der Leugnung dieses Unterschieds. So latscht er zum abertausend- sten Mal die traditionsreiche Dummheit der "Frankfurter Schule" breit, wonach die theoretische Stellung des Subjekts zu allem und jedem als seinen gedachten Gegenständen zusammenfällt mit dem praktischen Interesse an ihrer Benutzung und dieses mit dem unmo- ralischen Vorhaben, die ganze Welt zu knechten: "Der Krieg der Subjekte, die jeweils das Andere, Gegner oder (!) Ding, zum Objekt machen, erzeugt erst die Folie für die polemi- sche Objektivität der wissenschaftlichen, aufklärenden Diszipli- nen. Das Ding. das g e g e n mich steht, wird zum Gegenstand. Jedes Objekt nähme man es 'an sich' - ist ein potentieller Re- bell. ein Gegen-Ich oder ein Mittel im Kampf gegen mich, genauso wie Ich nur als Rebell gegen das mich Unterwerfende (zum Subjekt Machende) zum Subjekt im philosophischen Sinne wurde." (S. 460) Hoffnungslos, diesen prätendierten philosophischen Verfolgungs- wahn an die Inkommensurabilität von theoretischer Gegenständlich- keit und praktischer Gegnerschaft, von Begreifen und Bepatschen zu erinnern: Er gefällt sich ja gerade darin, noch die krudesten Assoziationen und Äquivokationen als Beleg für sich herbeizuzie- hen, um seinen moralischen Idealismus zu verabsolutieren: "die Nukleartechnologie unserer Tage... ist in Wahrheit nichts als die konsequente Fortsetzung den mineralogisch-metallurgischen Angriffs auf die vorhandenen Strukturen der Materie, reinste Steigerung polemischer Theorie." (S. 648) Wo der reaktionäre Verdacht gegen jedes wissenschaftliche Denken, es möchte seine Gegenstände zu wenig lieben, deswegen zersetzend wirken und so erst alles Unheil in die Welt bringen, dermaßen brutal wird, ist die Erlösung nicht fern. Die aufwendige Entfal- tung eines ungeheuren Scheins von originellem Durchblick durch die "zynische" Natur der Menschheitsgeschichte in allen ihren "Wertbereichen" mündet folgerichtig in eine Botschaft zur morali- schen Genesung, deren frömmelnde Einfalt sich mit jedem Kanzel- wort gegen die Hybris egoistischer Subjektivität messen kann: "Die Kritik der zynischen Vernunft hat gezeigt, wie die in exi- stenziellen und sozialen Kampfzwängen zugleich hart und wenig ge- wordenen 'Subjekte' zu allen Zeiten dem Allgemeinen die kalte Schulter gezeigt und nicht gezögert haben, alle hochkultureuen Ideale zu widerrufen, wenn es um Fragen der Selbstbehauptung ging. Die 'kämpfende Vernunft' ist von vornherein eine aktivisti- sche und ungelassene, die sich um keinen Preis verflüssigen laßt und sich überhaupt nie einem Vorrang des Gemeinsamen, Allgemeinen und Übergreifenden unterwirft. ... Die Praktische Vernunft, die das Treiben der Subjekte zu steuern versucht, rennt wie vergeb- lich gegen das unerweichbare Auf-sich-Beharren von Millionen zer- splitterter Zentren der Privatvernunft an." (S. 946) Hier wird endgültig nicht mehr die bürgerliche H e u c h e l e i ihres f a l s c h e n Eigennutzes überführt, sondern eine an- gebliche "Privatvernunft" des E i g e n n u t z e s v e r- d ä c h t i g t: So sieht die christliche Trendwende 1983 für Intellektuelle aus. zurück