Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle


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       Josef Haslinger, Politik der Gefühle
       Ein Essay über Österreich
       

EIN STARKES GEFÜHL FÜR POLITIK

Seit langem ist es wieder einem "linken" Autor gelungen, den Buchhit für österreichische Intellektuelle zu verfassen. Der Ge- genstand seiner Erörterung erklärt schon deswegen nicht den Ver- kaufserfolg weil inzwischen kaum ein politisches Buch von etwas anderem als dem Verfall politischer Kultur handelt. Die von Has- linger geteilte kreuzbrave Sorge über den angeblichen Qualitäts- verlust politischer Wählerbetörung erklärt höchstens seine plötz- liche Gesellschaftsfähigkeit, die ihm sogar Rezensionen in stock- konservativen Tageszeitungen einbrachte. Wenn an diesem Buch überhaupt etwas Besonderes ist, das es von anderen Elaboraten zum selben Sujet unterscheidet, dann ist es die gänzlich unrouti- nierte und darin schon wieder glaubwürdige Naivität, mit der sich Haslinger trotz aller politischen Widerwärtigkeiten zu seinem Kinderglauben bekennt, wonach Politik, Wahrheit und Moral ganz unbedingt zusammengehören. Wo jedermann diese Gleichung längst unter der Rubrik "politische Sonntagsreden" abgehakt hat, fordert Haslinger mit der Emphase des Wahrheitssuchenden das Recht auf niveauvolle, überzeugende, wahre politische Agitation für alle Menschen aufrechten Ganges ein. Das ist zwar auch nicht gerade neu, als Seelentrost für alle intellektuellen patriotischen Dumm- köpfe, die sich durch die "Schande" Waldheim beim kritisch- selbstbewußten Mitmachen gestört fühlen, hat sich das Buch trotz- dem seine Anerkennung verdient. Eine gar nicht alternative Politpropaganda: ------------------------------------------- Mehr Wahrheit beim Wählerbetrug ------------------------------- Josef Haslinger meldet Kritik an dem ganzen Unsinn an, mit dem einem Politiker und ihre Propagandaabteilungen tagtäglich den Nerv töten. Als Ursache dafür Will er herausgefunden haben: "Politik der Gefühle meint Politik als ästhetisches Verfahren, als eine Sache des Geschmacks; genauer: Politik nach dem Verfah- ren der Warenästhetik, der Produktwerbung. Die Grundfrage jeder Marketing-Abteilung: "Wie verkaufe ich das den Leuten?" gilt mittlerweile auch als Frage eines Politikers durchaus als normal. Die Propagandaabteilungen der Parteien wurden zu "Informations- büros". Diese Umbenennung sollte jene Aufdringlichkeiten welt- anschaulicher Auseinandersetzungen vergessen machen, die Politik den Verfahren der Warenästhetik bislang weitgehend versperrt hatte. Dann erst ist Politik vermarktbar wie das sprichwörtliche Waschmittel, wenn ihre Inhalte keine Angelegenheit der Gesinnung mehr sind, vielmehr eine Sache des Gefühls." (41) "Ihr (der Politik in Österreich) kommt es auf Grundsätze, Wahr- heit usw. nicht mehr an." (42) Wenn Politiker und ihre Werbemanager sich fragen "Wie verkaufe ich das den Leuten?", dann ist das Weder ein Fall politischer "Gesinnungslosigkeit" noch ein Einbruch der Werbebranche in die ihr wesensfremde Domäne der Politik; erst recht ist es keine Frage von gestern und heute in dem Sinn, daß sich Politik "mittlerweile" von einer ihr innewohnenden "Grundsatz "treue und "Wahrheits"suche zu ihrer eigenen Verfehlung hinentwickelt hat. Die Frage war und ist der B e g r i f f d e m o k r a t i- s c h e r A g i t a t i o n. Demokratische Politik legt darauf Wert, die Abhängigkeit der von ihr per gesetzlicher Gewalt souverän Regierten bei allen sich notwendig einstellenden Fährnissen zu einem positiven Willen zur politischen Herrschaft auszugestalten, der sich neben der alltäg- lichen Dienstbarkeit für Wirtschaft und Nation in regelmäßigen Ermächtigungsritualen, demokratische Wahlen genannt, äußern soll. Wie sollte man dafür mit "Wahrheit" agitieren können? Wie sollen denn 100.000 Arbeitslose bei gleichzeitiger Kürzung der Arbeits- losengelder für die Große Koalition respektive für Jörg Haider sprechen? Als Beihilfe für den demokratischen Wählerauftrag, alle angesagten Härten in ein Argument für (bessere) Politik zu ver- wandeln, besteht die Kunst demokratischer Agitation ausschließ- lich im Wählerbetrug. Wer es besser versteht, die Opfer als (leider) notwendige und sich als deren unbestechlichsten Exekutor zu "vermarkten", hat die Nase vorn in der Parteienkonkurrenz um die Ämter, die die Staatsmacht bedeuten. An diesem demokratischen procedere hat der kritische Staatsbürger Haslinger überhaupt nichts auszusetzen. Wenn er die Politiker an dem kreuzbraven Lu- xusbedürfnis blamiert, sie sollen beim Wählereinseifen nicht so schändlich auf Qualität verzichten. Es ist schon ein sehr unter- täniger Ärger, sich durch politische Waschmittel-Werbung als zoon politikon mit aufrechtem Gang entehrt zu wähnen. Daß die agitatorische Betreuung des Bürgerverstands durch seine Politiker den Grund im permanent ausgetragenen Gegensatz zwischen Staat und Bürger hat, egal ob dieser gerade Budgetkonsolidierung, Pensionsreform oder Sozialstaats"rettung" = kürzung heißt, inter- essiert Haslinger überhaupt nicht. Getreu der alten Sozialkunde- weisheit, wonach die politischen Regenten die Regierten mit klu- gen Argumenten und in sachlicher Auseinandersetzung zu überzeugen hätten, begeistert sich Haslinger für gelungene politische Agita- tion und entwirft einen Sittenkodex des Agitprop; ohne der damit bekundeten, sehr prinzipiellen Parteilichkeit für saubere Herr- schaftspropaganda wäre er zu einer schlechten Meinung über die gegenwärtige Politik überhaupt nicht fähig. Dabei läßt er sich auch nicht von dem Umstand beeindrucken, daß das demokratische Herrschaftsverhältnis die Freiheit der Politiker einschließt, ihre Regierungsgeschäfte auch gleich mit der amtskundigen Legiti- mation zu versehen. Von wegen Bürgerbetörung mit Wahrheit und Grundsatzfestigkeit: Die gesamte journalistische Meinungsvielfalt reduziert sich auf das emsige Interpretieren und Ausgestalten des von oben verordneten Beurteilungsstandpunkts, ob denn nun auch wirklich die richtigen "Sachzwänge" effektiv und sachkundig ins Werk gesetzt werden. Ungeachtet dieses sehr eindeutig auf gei- stige Linientreue ausgerichteten demokratischen Agitprops hält Haslinger die politischen Auseinandersetzungen für so was wie eine freie Rhetorenkonkurrenz um die besseren Argumente samt betörender Verpackung. Weil die Betrachtung der Politik vom Standpunkt ge- bzw. mißlungener Agitation sich völlig jenseits der politischen Inhalte und Differenzen um die Vermittlung von Politik sorgt, büßt Haslinger auch jede Unterscheidungsfähigkeit zwischen Regenten und Revolutionären ein, wenn er mit Bloch letz- teren im besonderen, politischen Agitatoren im allgemeinen hinter die Ohren schreibt: "Die Verlockung ist das Mittel zu Zweck der Vermittlung einer für den Rhetoriker feststehenden Überzeugung. ... Bloch gab ihnen (kommunistischen Parteirednern) eine Lektion in Sachen Rhetorik: 'Gerade die Wahrheit verlangt, in ihrer angemessenen Fülle wie pädagogischen Vermittlung, daß sie nicht nur ist und wird, son- dern auch scheint.'" (42) Die Hure Politik: vermarktet, käuflich, anpaßlerisch ---------------------------------------------------- Haslingers Kritik an der Politik besteht in nichts anderem als seiner Sehnsucht nach qualitätsvoller = überzeugender Wählerbetö- rung und der sich darüber notwendig einstellenden Enttäuschung über den politischen Verrat an seinen Idealen wahrheitssuchenden Diskurses. Welche Inhalte ihm im speziellen fehlen, verschweigt er, wobei sie schon deswegen nicht furchtbar anders sein können, weil Haslinger Kreisky kurzerhand zum interessantesten politi- schen Kopf Österreichs hochjubelt. Aber ihm geht es auch gar nicht um bestimmte politische Anliegen, die er gerne in der Öf- fentlichkeit repräsentiert sehen würde. Er v e r d o p p e l t einfach die Politik in ihre praktische Verlaufsform und ihre ei- gentlichen Inhalte, um den ebenso naiven wie widersprüchlichen Idealismus zu einer 150 Seiten starken kritischen Theorie aufzu- blasen, daß die Politik ihre ureigenste inhaltsbezogene "klassische" Agitation zugunsten ihrer werbemäßigen Vermittlung aufgibt. "Die Gefühle gelten in der klassischen Agitation als das Flexi- ble, Lenkbare, das Verformbare. Die neue Gesinnung ist Frucht ei- ner veränderten Gefühlsbasis. Ganz anders die zweite Strategie. Sie will die Gedanken auf unbe- stimmte Gefühlsebenen lenken, wobei die Gefühle das Unantastbare, Grundlegende sind, und die Gedanken das Flexible, das den Gefüh- len einen Artikulationszusammenhang schafft. Politik in Öster- reich beschränkt sich im großen und ganzen auf die zweite Strate- gie. ... Es ist die Strategie einer prinzipiellen Standpunktlo- sigkeit. Der Werber bewegt sich selbst, umschmeichelt den Umwor- benen, hält ihn in gegebenen Gefühlswelten fest und bestätigt diese. Deren Abkunft interessiert ihn nicht, nur deren Ausdruck. So steht auch hier am Schluß eine Aussage, doch die Aussage ist relativ beliebig. Sie hängt davon ab, zu wem der Werber spricht." (42) So saubrav der Vorwurf ist, daß die Politik das klassische Agita- tionsverhältnis von Gesinnung und Gefühl verkehrt und damit sich selbst aufgibt, so falsch ist er. Von wegen, die Politiker würden ihre werbemäßig vorgetragene Gesinnung aus den "Gefühlen" der "Umworbenen" gewinnen und sich bei diesen haltlos einschmeicheln! Einmal abgesehen davon, daß Haslinger damit ausgerechnet den Po- litikern äußerste Volksnähe attestiert, die gerade rückhaltlos Opfer samt Opfergesinnung von ihren Bürgern einfordern und damit sehr offen die Unvereinbarkeit von Profit, dazugehöriger Politik und den materiellen Interessen der Betroffenen werbewirksam kund- tun; wie sollten denn die "Gefühle" der "Umworbenen" all die agi- tatorischen Wendungen hervorbringen, die einzig aus den politi- schen Beschlüssen und Taten ihren legitimatorischen Sinn gewin- nen? Die Bundesregierung beschließt ein flächendeckendes Rationa- lisierungsprogramm - und ausgerechnet die zigtausend Betroffenen sollen von sich aus darauf verfallen, die alte Ideologie von der Arbeitsplatzbeschaffung zum schlimmsten Frevel an der Wirt- schaftsvernunft zu erklären und die "Rentabilität" zum absoluten Wert zu erheben? Oder: Gerade wenn die Bürger aufgrund vermehrter Arbeitsausstellung und solidarischer Lohneinbußen verstärkt auf sozialstaatliche Unterstützungen angewiesen sind, soll ihnen die Parole einfallen, daß die Benutzung des Sozialstaats eine einzige Gefährdung dieser schönen Einrichtung sein soll? An den alten wie neuen Agitationsinhalten läßt sich unschwer entdecken, daß poli- tische Agitation sich keiner "prinzipiellen Standpunktlosigkeit" verdankt bzw. "relativ beliebig" ist; es braucht schon die jewei- ligen politischen Absichten zur Erklärung der diversen agitatori- schen Wenden, mit denen die Regierenden ihre Bevölkerung darauf einschwören, was sie demnächst auszuhalten haben und mit welchen politischen "Sachgesetzlichkeiten" sie sich ihren Schaden als hart, aber (leider) notwendig zu verdeutlichen haben. Haslinger ist freilich kein solcher Zyniker, daß er allen Ernstes die angesagte Sparpolitik als Auswuchs der "machtpolitisch nutz- baren" Gefühle der Staatsbürger ausgeben möchte. So sehr er die Allgemeingültigkeit seiner These behauptet, wonach sich die Poli- tik den werbewirksamen Gefühlen unterordnet, so hat er doch an keiner Stelle seines Buches den Versuch unternommen, den aktuel- len Agitationskatalog, angefangen von der Budgetkonsolidierung über die Modernisierungsopfer bis hin zur Entbürokratisierung und Reprivatisierung, als "gegebene Gefühlswelt" der "Umworbenen" herzuleiten. Das spricht freilich schon deswegen nicht für ihn, weil er damit nur beweist, daß er gegen die wesentlichen "Sachzwänge" überhaupt nichts einzuwenden hat. Wie denn auch? Wer ständig die Politik unpolitischer Agitationsinhalte überführen will, kann von diesem Ausgangspunkt her gegen so hochpolitische "Sachargumente" wie Steuer- und Pensionsreform erst gar nicht kritisch werden. Konse- quenterweise landet Haslinger mit seinem Verdacht, Politiker wür- den sich neuerdings wie Waschmittel, also gesinnungslos beliebig vermarkten, bei den zugegebenermaßen unglaublich geisttötenden und weitverbreiteten Auswüchsen demokratischen Personenkults. Das Geheimnis, warum sich Bürger für einen Kanzler- oder Präsident- schaftskandidaten erwärmen können, wenn der mit seinem intakten Familienleben wirbt, kann Haslinger schon deswegen nicht knacken, weil er voller Entrüstung daran festhält, daß solche Agitation unpolitisch und beliebigen Inhalts wäre. "Das Produkt ist dabei nur ein von Gefühlsprojektionen umnebelter Markenname. Es kann Waldheim heißen, oder Pepsi das spielt keine Rolle. Es wird nicht näher beschrieben. Die Aussagen dieser Poli- tik der Gefühle handeln nämlich gar nicht vom Produkt (von einer bestimmten politischen Überzeugung), sondern von der gegebenen Gefühlslage, vom Charakter des Umworbenen." (43) Als ob die Leute nicht genau wüßten, ob sie sich ein Pepsi rein- ziehen oder den Bundespräsidenten wählen. Von wegen umnebelte Ge- fühlsprojektionen! Genau umgekehrt ist es. Daß der private Teil der politischen Persönlichkeit in der Wähleragitation eine Rolle spielen kann, zeugt gerade von der hochgradigen P o l i t i- s i e r t h e i t des Stimmviehs. Man muß schon so sehr von der Notwendigkeit gelungener politischer Führung überzeugt sein, daß man auch noch den hinterletzten Zipfel der Privatheit eines Kandidaten für interessant und beurteilenswert befindet. Wenn sich der Kandidat mit seiner Familie zeigt, weiß immer noch jeder, daß hier einer zur Ermächtigung als politischer Führer antritt und dementsprechend soll man sich überzeugen, ob er auch mit Haut und Haar und seinem ganzen Charakter zur Würde des Amtes paßt. Dieses Privatverhältnis zu den eigenen politischen Führern entspricht einer Politik, wo Kritik an Politikern erst dann richtig aufkommt, wenn sie durch persönliche Bereicherung oder andere allzugrobe Unanständigkeiten die Würde ihres hohen Amtes beschmutzt haben. Die Menschenfeindlichkeit ihrer ganz normalen politischen Umtriebe steht dann freilich längst nicht mehr zur Debatte. Waldheim: Ein unpolitischer Bundespräsident? -------------------------------------------- In der Person des derzeitigen Bundespräsidenten verdichten sich für Haslinger alle von ihm monierten Ärgernisse mit der Politik. Angesichts des familienbetonten Wahlkampfs Kurt Waldheims ver- steigt er sich zu den provokanten Fragen: "Braucht ein Präsidentschaftskandidat ein politisches Programm? Oder wenigstens eine erkennbare politische Gesinnung?" (Klappen- text), um sich prompt mit der Kenntnis des politischen Gehalts der Fami- lie für Gesellschaft und Staat zu widerlegen: "Der österreichische Polizeigeneral Dr. Bögl hat im 'Handbuch der Sicherheit' die Familie als 'die Wurzel' und die 'Keimzelle unse- rer sozialen Ordnung' definiert. Aber nicht nur unserer sozialen Ordnung. Die Familie, so werden angehende österreichische Polizi- sten belehrt, ist die 'Urzelle jedes Gemeinwesens.'" (18) Wer sollte geeigneter sein als der oberste Repräsentant der ganz großen Keimzelle, den Reproduktionszusammenhang Familie als be- stimmenden Teil staatlichen Zusammenhalts hochzuhalten. Haslinger weiß auch gar nichts Kritisches gegen den Familienverband, in dem Zuneigung und Gefühl auf wechselseitige Reproduktion verpflichtet werden und dementsprechend ausschauen. Er will ja bloß, gemäß seinem Katechismus ordentlicher Agitation, die politische Propa- ganda von allzu privatem Unpolitischem freihalten. Völlig daneben liegt der linke Philosophiedoktor mit seiner Kri- tik an der Waldheim'schen Pflichterfüllungskampagne. "Wir wissen nicht, wie es Waldheim mit der Pflicht hält. Wahr- scheinlich weiß Waldheim, daß Pflicht inzwischen ein völlig nichtssagender Begriff ist, der gerade deshalb den großen Vorteil bietet, daß sich sein Bedeutungsfeld beliebig arrangieren und mit Pathos aufladen läßt. Man kann Mitläufer aus Pflichtgefühl sein, oder Widerstandskämpfer." (43) Das Zitat ist entgegen der Haslinger'schen Intention ein einziger Beleg für die Vielsagendheit des Begriffs Pflichterfüllung. Of- fensichtlich ist der ehreinlegende Dienst an der Nation ein alle Lager übergreifend begeisternder Lebensinhalt, sodaß sich davon ehemalige Faschisten ebenso angesprochen fühlen wie patriotische Widerstandskämpfer. Gegen das antimaterialistische Bekenntnis zum bedingungslosen Einsatz für eine höhere Allgemeinheit, das dem Einzelnen in seiner Aufopferung Ehre zuspricht, hat Haslinger nichts einzuwenden. An Waldheims Versuch, seinen Kriegsdienst - unter einer aufgrund der Kriegsniederlage falschen Flagge - mit dem obersten staatsbürgerlichen Ehrentitel zu rechtfertigen, är- gert Haslinger die Verlogenheit "eines beliebigen Bedeutungsfel- des" und das dementsprechend falsche Pathos. Da entschuldigt ein Politiker seine Mittäterschaft in der Naziarmee mit dem patrioti- schen Dogma, daß jeder ordentliche Mensch im Ernstfall für sein Vaterland die eigene Existenz und die anderer zu riskieren hat - und dem Kritiker fällt dazu ein, Waldheim würde das Bekenntnis zur nobelsten Staatsbürgerpflicht nicht wirklich ehrlich meinen! Bei all dieser Enttäuschung über die Verstöße der Politiker gegen die von Haslinger geradezu fanatisch verteidigte gute Meinung über eine sittlich hochstehende, wahrheitsdurstige und grundsatz- feste Politik, ist freilich immer noch Platz für eine sehr prin- zipielle Entschuldigung und damit auch für ein bisserl Hoffnung. Indem er lauter Schuldige ausmacht, die nach dem Krieg die poli- tische und einstellungsmäßige Reinigung und Umerziehung der über- lebenden Mitmacher und Aktivisten des Faschismus unterließen, kommt die Demokratie als Staatsform fein weg. Genaugenommen ist sie aufgrund unterlassener antifaschistischer Aufräumungsarbeiten noch gar nicht wirklich, weswegen sie auch für die tagespoliti- schen Schändlichkeiten gar nicht belangt werden kann. Warum die staatsbürgerliche Erziehung durch 7 Jahre Faschismus und einen großen vaterländischen Krieg die damalige Generation dazu befä- higte, reibungslos ab 1945 ihren Dienst als demokratische Staats- bürger und zur allgemeinen Zufriedenheit von Figl, Schärf, Kreisky und Co. zu verrichten, das will Haslinger nicht wissen. Da glaubt er lieber weiter an sein hehres Politideal und hilft sich über die schmutzige Tagespolitik mit der Generalentschuldi- gung hinweg, daß die bei aller Unvereinbarkeit nun schon 40 Jahre fortdauernden Faschistereien die Demokratie immerzu an ihrer Ver- wirklichung behindern. zurück