Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle

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       Günter Grass warnt vor Deutschland - "Das Monstrum will Großmacht
       sein"
       

DER TROTZIGE PATRIOT

Günter Grass gehört zu den wenigen, denen nicht unmittelbar ein- leuchtet, daß die Wiedervereinigung aller Deutschen zu einem Staat alle Zweifel am Projekt einer deutschen Großmacht erledigen soll. Unter dem Titel "Ein Schnäppchen namens DDR" schrieb er ganze 2 "ZEIT"-Seiten lang seine Bedenken gegen die Machenschaften der größer gewordenen deutschen Nation auf, denen sich unsere Brüder und Schwestern ausgeliefert sehen. Nicht, daß Grass prinzipiell etwas dagegen hätte, daß "zusammenwächst, was zusammengehört". Schon lange vor den Ereignissen des Sommers '89 hatte er sich ja s e i n e Vorstellung einer Einigkeit der Deutschen, die sein soll, unter dem Titel "kulturelle Identität" zurecht- und inso- fern dem Zug der Geschichte und ihren Bahnhöfen bereits vorausge- dacht. Aber jetzt, wo der wirkliche, politische nationale Wille Fakten setzt, kann Grass nicht umhin festzustellen, daß sich seine schöne Idee von Deutschland als wesentlich sprachliches und kulturelles Gesamtkunstwerk ziemlich abseitig ausnimmt. Offenbar ist es um d i e dann wohl nicht gegangen bei der Eingemeindung von fünf neuen Bundesländern. Und da er dies auch noch selber be- merkt, könnte selbst ein Idealist wie Grass von seiner Schrulle lassen, die deutsche Politik an seiner Auffassung von ihr zu mes- sen; also daran, inwieweit sie sich denn um die Verwirklichung schöner Ideen verdient mache. Aber viel lieber will ein Grass halt Idealist bleiben - und beklagt im Namen einer d e u t s c h e n K u l t u r n a t i o n - die s e i n e r I d e e n a c h schon immer sein sollte -, daß Deutschland nicht geworden i s t, was es doch hätte werden k ö n n e n. I. Die Legende vom humanen Kapitalismus --------------------------------------- Grass ist aufgefallen, daß der Export des Kapitalismus in die DDR erst einmal alles z e r s c h l ä g t, was es dort an einge- richteten Produktions- und Lebensumständen gab: "Der Zusammenbruch der Landwirtschaft, die sprunghaft steigende Arbeitslosigkeit, der neue Zentralismus der Treuhandgesellschaft, die leeren Kassen der Kommunen, das Stasi-Syndrom allerorts, die so oft versprochenen und dennoch hartnäckig ausbleibenden Inve- stitionen, der Unfälle steigernde Gebrauchtwagenhandel, die er- neute Abwanderung von Facharbeitern gen Westen, das Stimmungstief - nach so viel Hoffnungsmache - und das vorausgesagte wirtschaft- liche und soziale Chaos sind offensichtlich..." Mit 'Chaos' allerdings trifft er die Sache ebensowenig wie mit seinem Wettern gegen den "erbarmungslosen Umgang mit Menschen" und gegen die "menschenverachtende Gewalttätigkeit", die in der EX-DDR jetzt vorherrschen soll. Grass macht nämlich für die Reihe von "Folgen", die er aufzählt, gar nicht die Importware Kapita- lismus, sondern gewisse überlebte Methoden verantwortlich, die jenseits der Elbe entfesselt zuschlagen sollen: "Unter dem Eti- kett 'Soziale Marktwirtschaft' wird rüde Ausbeutung geboten...", und die Ostler müssen sich - kaum befreit - dem "Diktat profito- rientierter Kolonialherren" beugen. Ein Etiketten s c h w i n d e l soll in Wahrheit stattgefunden haben. Und warum? Die Herren, die "die Wirtschaft" heißen, und die hier so umsichtig für ein Wirtschaftswachstum sorgen, von dem bekanntlich noch der letzte Penner profitiert, - die sollen 1 Ki- lometer hinter der Grenze auf einmal ganz andere sein?! Und ganz anderes wollen als das, was sie hier so erfolgreich tun?! Wie stellt sich Grass eigentlich vor, warum h i e r der Laden so prosperiert? Ein bißchen - rücksichtsvoll, versteht sich - ausge- beutet mit ganz viel Mitbestimmung dabei, und alle sind's zufrie- den, oder was? Offenbar meint er das wirklich. Offenbar hält er denselben Kapi- talismus, der in Deutschland-West so menschenfreundlich "Soziale Marktwirtschaft" h e i ß t, für dasselbe wie die Verwirklichung seiner eigenen Ideologie - und entdeckt ihn überhaupt erst im Osten, weil dort die Maßstäbe lohnenden Produzierens noch nicht in der Perfektion eingerichtet sind, die ihn hier so zufrieden stimmt: Weil die gesamte Gesellschaft dort erst für eine voll- ständige kapitalistische Benutzung h e r g e r i c h t e t wird, und nicht schon so fertig ist wie die hiesige, ist der menschheitsbeglückende Regelfall nicht zu sehen. Darum ist der Kapitalismus in der Zone e r s t e n s u n sozial: "Selbst den notorisch Gutwilligen und allzeit Treugläubigen wird nicht verborgen bleiben, daß Kohl und sein Finanzminister 16 Mil- lionen Deutsche sozial deklassiert haben." Freilich liegt dies für Grass nicht am Kapitalismus, sondern daran, daß vor alle k a p i t a l i s t i s c h e n Methoden ein "früh-" gesetzt gehört. So gesehen sind alle beklagten "sozialen Folgen" z w e i t e n s bloß A u s w ü c h s e, A u s r u t s c h e r, die sich mit unserem guten Kapitalismus, der soviel 'sozial' vor seiner Marktwirtschaft herumträgt, im Prinzip überhaupt nicht vertragen. Deswegen handelt es sich bei dem sozialen Übel in der Zone - d r i t t e n s - für Grass auch wesentlich um einen Verstoß ge- gen das m o r a l i s c h e Bild, das er von seiner Bundesrepu- blik hat und das er gleichermaßen für die Wirklichkeit derselben hält: Einer der ärgerlichsten Umstände nämlich, der ihm an diesem rücksichtslosen ("Früh"-)Kapitalismus auffällt, ist der, daß den Menschen der Ex-DDR jetzt "jene Ausbeutung widerfährt, dessen Fratze vormals die Zuchtmeister leninistischer Schule als Schreckgespenst an die Wand gemalt haben". Das darf einfach nicht sein. Ausbeutung hin, Elend her. Aber daß die leninistischen Zuchtmeister postum in ihrem moralischen Weltbild dadurch recht bekommen könnten, daß so manches von dem, was in der DDR nun Ein- zug hält, an die alten Verdammungslehren des Kapitalismus von we- gen menschenunwürdiger Ausbeutung gemahnt -: das ist für Grass das schlechthin Entsetzliche. Das inspiriert ihn dazu, den Kapi- talismus in der Zone für gar nicht den echten Kapitalismus zu halten, sondern für eine Mißgeburt, für die Charaktere verant- wortlich zeichnen, die der Kulturmensch Grass ganz genau aus den Theaterstücken Bertold Brechts kennt: "Es beweist die übereilte und unvorbereitete Einführung der D- Mark - Währungsunion genannt - von Tag zu Tag mehr den erbar- mungslosen Umgang mit Menschen, die seitdem schutzlos den Me- thoden des Frühkapitalismus ausgesetzt sind." Eine langsame und gut präparierte Einführung der DM hingegen - ach, das hätte ja so schön sein können! Dann wär's nämlich gleich so wie hier geworden und die Welt wäre in Ordnung. Denn genau das ist es, was sich Grass für die DDR wünscht: Die gleichen, prima sozial abgefederten, politischen und ökonomischen Verhältnisse, die sich in der BRD so bewährt haben. Die sind im Grunde vernüf- tig und gut, weil dem Menschen genau entsprechend. Und es ist ge- mein und überhaupt nicht brüderlich, diese segensreichen Errun- genschaften der Humanität im vereinigten Deutschland nicht auch den armen Brüdern und Schwestern zukommen zu lassen, statt dessen - aus niedrigen Motiven - bloß aufs Geschäft zu achten. D a s findet unser Sittenrichter skandalös: "Deshalb zurück zum Profit - diesem Wert an sich - und zur Pro- fitsucht, die keine Hemmungen kennt und zugreift, wo sich was bietet und aus Profitsucht geförderte Verbrechen durch die Ge- setze der Marktwirtschaft absegnen läßt -" Der wahre, zu Recht von der Marktwirtschaft gesegnete Profit näm- lich ist ein g u t e r Wert. Der schafft Arbeitsplätze und Exportbilanzen, die wieder Arbeitsplätze schaffen. Der ermöglicht den Vermietern, großzügig Wohnraum zu stiften, und der sorgt für solch beglückende Institutionen wie die Sozial-, Kranken- und Rentenkassen, damit die, die sich für diesen Wert angestrengt ha- ben, auch dann noch was davon haben, wenn sie sich zuviel für ihn angestrengt haben und nicht mehr können. Profit s u c h t hinge- gen - das ist ja b l o ß Profit. Der schafft Arbeitsplätze nur wenn sie sich lohnen; Wohnraum nur, wenn Miete bezahlt wird, und soziale Sicherheit immer bloß soviel, wie er für seine eigene braucht. Den kann im Grunde keiner so wollen, also ist er ein haltloser Zug von hemmungslosen, aggressiven Triebtätern. Und ge- nau die sieht Grass immer da am Werk, wo ihm die Resultate des stinknormalen Geschäftemachens ans Humanum kratzen. Ob er sich wohl schon einmal - nur kurz - überlegt hat, daß selbst die liebevollste, rücksichtsvollste, behutsamste und vor allem selbstloseste Einführung der Marktwirtschaft nichts daran ändert, daß dann die "Gesetze der Marktwirtschaft" gelten und nicht die der Heilsarmee? Vermutlich nicht. Sonst käme er wohl auch nicht darauf, den Ruf des DDR-Volkes nach der D-Mark und der Marktwirtschaft als Werk erfolgreicher Bestechung zu interpretieren: "Weil jedoch der Zwiemacht aus Zwietracht, die nun Einheit werden sollte, der einigende Gedanke fehlte, wurde den Rufern nach staatlicher Einheit der materielle Teil ihres Wunsches durch ein Versprechen faßlich gemacht ... Die versprochene D-Mark. Die harte Währung. Die glückverheißende Münze. Der Gedankenersatz und Alleskleber. Das Wunder in Neuauflage. - Seitdem ist nur noch vom Geld die Rede, wenngleich eine Zeitlang salbungsvoller maulgehurt wurde und das Doppelgespann 'Würde und Anstand` den Karren ziehen mußte. Doch würdeloser und unanständiger hätten die deutsche Ein- heit und deren Gefährt nicht eingepeitscht und vorangetrieben werden können." Würdelos und unanständig ist alles, weil jeder nur ans Geld denkt, anstatt an - ja, an was denn eigentlich? Wo das ganze deutsche Ost-Volk das dringliche Bedürfnis angemeldet hat, end- lich in den Genuß einer richtigen Herrschaft und ihres richtigen Geldes zu gelangen, da hält Grass ausgerechnet diesen untertäni- gen Idealismus für den Triumph eines - freilich schnöden - Mate- rialismus. Der mag ihm zwar bei den jahrelang von der glitzernden Warenwelt Ausgeschlossenen für sich schon einleuchten. Aber wenn die Hiesi- gen bei ihm nur ans Ausnutzen und an das Geld denken, das sie ma- chen können, dann findet er das ausgesprochen degoutant. Der na- tionalistische Wahn von "Deutschland einig Vaterland" ist ihm kein Jota Kritik wert. Aber, daß die DDR zu einem "Schnäppchen" degradiert und nicht mit Würde und Anstand und in schicklicher Karenzzeit in die marktwirtschaftlichen Arme genommen wurde: das hält er für den wahren Kern des Elends. So kann man sich auch die Welt nach dem Maßstab des eigenen, unverwüstlichen Glaubens an die menschenfreundlichen Wirkungen deutscher Politik zurechtle- gen. Man bedauert die armen DDR'ler, weil sie, statt mit mora- lisch einwandfreier Sozialpolitik bedient zu werden unverdienter- weise schon wieder Opfer geworden sind. Und bewahrt sich so seine schlechte Meinung über einen Kohl, weil nämlich der den deutschen Brüdern das Hirn statt mit Freiheitgleichheitbrüderlichkeit mit Gedankenersatz- und Glücksversprecher-Marks zugestopft hat. II. "Aber auf mich hört ja keiner!" ----------------------------------- "Dabei fing alles so günstig an." Die Zersetzung des Ostblocks machte rasante Fortschritte; die "Wir sind das Volk"-Leute kippen den SED-Staat; die Berliner Mauer kippt auch; den Intellektuellen aller Länder weht der Atem der Geschichte auf den Schreibtisch, und sie wollen der Macht beim Schmieden des Staates helfen. Grass z.B. hätte gerne eine Konföderation gehabt. "Eine Konföderation der beiden deutschen Staaten ..., die sich nach freiem Volkswillen, 5 oder 7 Jahre später in einen Bund deutscher Länder hätte verwandeln können." Solch ein "nachdenklicher, deshalb behutsamer und langsamer Weg zur Einheit" werde "uns Deutschen und unseren Nachbarn erträgli- cher sein als der sich anbahnende Schweinsgalopp samt vorausseh- barer Flurschäden..." Kann schon sein, daß einigen die Zeit zum Um- und Eingewöhnen zu knapp war. Aber was eigentlich soll ein "freier Volkswille", der "die Einheit" will, denn dann anderes wollen als "Einheit"? Und was, bitteschön, soll sich an der ändern, wenn sie sich über die Verwandlung der deutschen Bundesländer zu einem Bund deutscher Länder einstellt? Und wenn man schon den "Schweinsgalopp samt voraussehbarer Flur- schäden" moniert, dann sollte man sich mal entscheiden: Entweder man mag die Flurschäden nicht, die der Import von Grundeigentum, Lohnarbeit, Bankenwesen auf der einen und der sozialstaatlichen Betreuung der Folgelasten auf der anderen Seite nach sich ziehen; dann kann's einem scheißegal sein, in welchem Galopp dieser Im- port vonstatten geht. Oder man meint, der "Schweinsgalopp" wäre das Übel, insbesondere wegen der Ressentiments, die darüber im Bild der lieben ausländischen Nachbarn wachwerden; dann soll man aber auch über die "Flurschäden" die Schnauze halten. Wenn schon Kapitalismus, dann schon volles Rohr. Und ohne die Notwendigkei- ten, die er setzt, ist er leider nicht zu haben. Denn was stellt ein Grass, dem das Import-Tempo nicht paßt, sich eigentlich vor, welche politischen, ökonomischen und sozialen Errungenschaften eine Konföderatin mit 5 - 7 Jahren Bedenkzeit zuwegegebracht hätte? Welcher einigende Gedanke soll's denn sein, der dann - langsam, langsam - herausdebattiert worden wäre? Sozialismus und Planwirtschaft vielleicht? Na also! III. Das neue Deutschland: leichtfertig und rückfällig ------------------------------------------------------ Unter der Ägide eines Kanzlers, dessen "ohnehin Ungeschlachtes sich zur Überlebensgröße ausgewachsen hat", sieht Grass für seine Vorstellung von einem geistigen deutschen Miteinander, das sich wie eine Erfüllung des Erlösungswunsches des ostdeutschen Volkes vom Los sozialistischer Knechtung ausnimmmt, keine Chancen. Kohl in seiner Gefräßigkeit, "Lambsdorff / de Maiziere", die die Geschäfte der Treuhandgesellschaft nach "gängiger Ganovenmoral" besorgen, und die bösen Buben aus der Wirtschaft, das sind für ihn Repräsentanten einer Politik, die für Verrat an demokrati- scher Moral stehen: "Leichtfertig wurde an beiden Parlamenten vorbei der erste Staatsvertrag durchgepaukt. ... Wem wird noch immer nicht bange, wenn täglich deutsche Rückfälligkeiten demonstriert werden, wenn mühsam erlernte demokratische Tugenden über Nacht ihren Kurswert verlieren, ... wenn sich - schon wieder einmal - die größte Oppo- sitionspartei wegduckt, weil sie befürchten muß, nach leisestem Widerstand 'vaterlandslos` gescholten zu werden?" Am Staatsvertrag selbst, in dem all jene Verhältnisse kodifiziert sind, die Grass als "soziale Ungleichheit", "Deklassierung von Menschen" usw. anprangert, hat er nichts auszusetzen; aber ihn zwei Legislaturperioden lang in beiden Parlamenten paulskir- chenmäßig zu debattieren, das hätte da, wo ein Parlament seine eigene Auflösung beschließt, schon wenigstens sein müssen. So aber konnte die Bildung des ersten gesamtdeutschen Parlaments gar nicht anders, als an beiden Parlamenten vorbeizugehen, und ein schlimmerer Verstoß gegen den Paralmentarismus ist ja wohl nicht vorstellbar. 45 Jahre lang hat die deutsche Demokratie "mühsam" "Tugenden" ge- lernt. Und jetzt, wo sie endlich gesamtdeutsch komplett ist, pfeift sie glatt auf selbige. Dann wird es wohl mit dem mühsamen Lernen soweit nicht her sein - oder Grass liegt mit seiner Vor- stellung von den erlernten Tugenden reichlich daneben. Aber was macht er? Er weint ihnen natürlich hinterher: Wo sich z.B. die Tugend des D i s k u r s e s heute weitgehend als der öffentlich rechtlich geregelte Austausch gleicher Meinun- gen darstellt; wo der mündige Bürger sich tatsächlich endlich als mündig erweist, weil ihm ganz von allein einleuchtet, daß die BRD über jeden Zweifel erhaben ist, - was man am ersatzlosen Unter- gang ihrer DDR-Alternative ja sieht -: Da vermißt ein Grass schmerzlich den Schein, daß sich ein "Ja" zu Deutschland immer nur als Ergebnis kritisch durchleuchtender und wohlabgewogener Stellungnahmen einzustellen habe. Wo er an seiner "Oppositionspartei" und ihrer Rolle als Alterna- tive fürs Regieren von Deutschland bemerkt, daß sie weder einen leisen noch einen lauten Einwand gegen Großdeutschland hat und genau darin ihrem Begriff alle Ehre macht -: Da beklagt er den Verlust des parlamentarischen Schwindels, an den er so gerne noch geglaubt hätte, nämlich daß die Konkurrenz von Parteialternativen auf eine inhaltlich andere Ausübung der Macht berechnet wäre. Alle Aufgaben, die Grass der Demokratie zugedacht hat, verdanken sich eben einzig und allein s e i n e m Wertekanon, für dessen tendenzielle Verwirklichung e r die Demokratie hält. Und weil er von seiner Moral in Sachen demokratischer Anstand genauso überzeugt ist wie von der überzeitlichen Gültigkeit der demokra- tischen Ideale, gelangt er ausgerechnet dort, wo sein Staat im Namen dieser Werte praktisch wird und ein ganzes Land einsackelt, dazu, als größtes Verbrechen den Verrat an den demokratischen Tu- genden zu geißeln, an denen er geistig Wacht hält. IV. "Geschieht euch recht, wenn's mich friert!" ----------------------------------------------- Daher sieht sich Grass genötigt, im Namen aller Ideale des bun- desrepublikanischen Demokratiehimmels der aktuellen Politik die kalte Schulter zu zeigen: "Kein vielfältiger Bund deutscher Länder, dessen Bürger ich gern wäre, hat Zukuknft; ein Monstrum will Großmacht sein. Dem sei mein Nein vor die Schwelle gelegt." Das war sie also jetzt wert, die Betränung der neuen Armut drü- ben, das Lamento über soziale Mißstände und Kaltherzigkeit des "Profits": Daß sich einer hinstellt und sich beschwert, sein Staat mache es i h m nicht so gemütlich, wie er es gerne hätte. Anklagend blickt Grass auf seine Regierung und schleudert ihr sein trotziges "Mit mir nicht!" entgegen. Ein enttäuschter Idea- list übt sich halt in Liebesentzug; dem Staat die eigene Gefolg- schaft praktisch aufkündigen, hat er natürlich nicht vor. Er glaubt eben so sehr an den schönen Schein, mit dem seine Republik ihre Taten bekränzt und für den er sich zuständig sieht und wei- terhin zuständig sehen will, daß er, je mehr er sein Vertrauen in die Politik enttäuscht sieht, umso verbissener an seinen Idealen festhält und sich ziemlich als einer der letzten Aufrechten vor- kommt. Dergestalt selbstgeadelt weiß er auch mit Pathos zu ver- schmerzen, daß er mit seiner Auffassung ziemlich allein ist: "Oft mit Leidenschaft, kritisch zustimmend und während Jahrzehn- ten unverdrossen, so habe ich mich bis heute als Verfassungspa- triot begriffen. In seiner Machtfülle wird der neue Staat einen solchen Patrioten kaum vermissen." Das ist nicht inkonsequent. Denn wer Zeit seines Lebens in Herr- schaft und Gewalt so etwas ähnliches wie d i e zuständige In- stanz für menschelndes, gehobenes und ästhetisch wertvolles Mit- einander sehen will und sich selbst als die Instanz kultiviert hat, die für diesen Schwindel bürgt, der ist b e l e i d i g t, wen ihm die Politik sein politisches Harmonieideal versaut. Und weil er von dem nicht lassen will, straft er Kohl mit seiner gan- zen Verachtung. (Zitate aus ZEIT Nr. 15.10.90) zurück