Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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Marxistische Studenten Zeitung, 21.01.1982
Teach-In
GEIST UND MACHT '82
Dichten und Denken für Deutschland
1
Polen 1982. Reagan beschließt Sanktionen gegen die Sowjetunion,
die sein Programm des welthistorischen Niedergangs des Kommunis-
mus einen Schritt weiterbringen; der deutsche Kanzler betont, daß
ohne ihn als Gläubiger östlicher Verbindlichkeiten aller Art gar
nichts "greife". Soweit die M a c h t. Und der G e i s t? Ein
Böll bestreitet einige Minuten Tagesschau mit dem uralten Litera-
tentrick, es habe "ihm die Sprache verschlagen". Nicht etwa Rea-
gans und Schmidts Beschlüsse, sondern Polen. Exakt auf Sendezeit
fällt ihm dann doch das rechte Wort ein: "Entsetzen". Na also,
dieser Mann weiß genau, was sich wozu gesagt gehört. Wäre dieser
Geist jemals vom Niedermachen von Leuten durch staatliche Gewalt
so "entsetzt" gewesen, daß es ihm sein prämiertes Berufsorgan
"verschlagen" hätte, dann wären auch z w i s c h e n Ungarn
'56, CSSR '68 und Polen '82 keine Ansichten dieses Clowns er-
schienen.
2
Dabei hatte dieser Dichter des "Freien Westens" gar keine staat-
lichen Direktiven zu erfüllen. Und doch entnimmt er selbst seine
subtilen sprachlichen Wendungen der Diplomatie der heimatlichen
Macht: "Wir scheuen uns nicht, Einmischung zu praktizieren und um
Einmischung zu bitten."
Das sagt er gleich nach der Kunstpause der Ergriffenheit. Das
hierzulande verbriefte Recht des Geistes, nur dem Subjekt ver-
pflichtet zu sein und sich auch nur als subjektive Meinung vor-
tragen zu dürfen, benutzt Böll zu geheuchelter Naivität - "Die
Angst vor Einmischung verstehe ich nicht" -, um ganz unverdächtig
für einen Kreuzzug der Freiheit zu plädieren, den die Macht so
noch gar nicht auf die Tagesordnung gesetzt hat. Die kritische
Distanz des Geistes zur Macht geht heute offenbar so, daß er der
Macht mangelnden Einsatz für die hehren Ziele vorwirft, die er
der Politik andichtet.
3
Die staatlich verordnete Freiheit wollen Deutschlands Dichter und
Denker nicht dazu mißbrauchen, ihren Geist zu Urteilen über die
Machenschaften der Politik anzustrengen. Wer auf Bonner Kredit-
und politischen Erpressungen mit dem NATO-Militär in der Hinter-
hand schielt, weil er hier so frei "entsetzt" sein darf, der heu-
chelt nicht nur Ahnungslosigkeit über Ziele und Wirkungen staat-
licher Machtausübung, sondern dokumentiert seine Liebe zu einer
Macht, die es ihm freistellt, sie für ein Vollzugsorgan edler mo-
ralischer Regungen zu halten und sie daran zu messen. Das geht
nur, wenn der Geist die harte Wahrheit staatlicher Macht lieber
als seine Sünde auf sich nimmt, als sie zu verurteilen.
"Wir (!) sind... als Sklaven eines falschen Fortschrittsbegriffs
fähig uns selbst zu vernichten."
So redet Grass über die westlichen Kriegsvorbereitungen und ist
damit kein einzelner Dichterexot, der von Berufs wegen die Welt
mit seinen Romaneinbildungen verwechselt. Auch Wissenschaftler,
die zum "Ausbruch aus dem Irrenhaus" mobilisieren oder das Denken
von der "Zweckrationalität" befreien wollen, weil die cruise mis-
sile einen Rechner an Bord hat, sind fähig, das Verhältnis von
Herrschaft und geistigen Bütteln auf den Kopf zu stellen. Kein
Wunder, daß dieses eitle schlechte Gewissen sich zu einem guten
wandelt, wo der Erfolg westlicher Regierungsgeschäfte es erlaubt,
ihnen in Polen einen guten Zweck zu attestieren. So macht der
Geist seine nationalen Konjunkturen.
4
Während den bundesdeutschen Dichtern und Denkern daheim Geist und
Macht zusammengehen, sie den G e i s t anklagen, wenn sie mit
der Politik nicht umstandslos zufrieden sein wollen, und die
P o l i t i k begrüßen, wenn der Geist zu ihr passen darf, ist
drüben alles anders:
"Die auf Frieden gerichtete Politik der DDR... schädigt auch die
eigene Glaubwürdigkeit." (de Bruyn)
Drüben m u ß man nämlich an den offiziellen Friedenswillen
glauben, während man hier an den Willen zum Frieden - in Frei-
heit, versteht sich - appellieren d a r f. Obwohl die
M e n s c h e n drüben, vor allem ihre Dichter und Denker, wer-
den von den hiesigen für fast noch besser als sich selbst gehal-
ten...
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