Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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Erich Fried - schlechter Dichter, guter Mensch
EINE ZIERDE FÜR DEN SELBSTGENUSS DER ECHTEN VERANTWORTUNGSETHIK
Für sein Schaffen hat man E. Fried mit dem Georg-Büchner-Preis
geehrt und damit zweierlei zum Ausdruck gebracht: Nicht nur ein
Dichter sollte da mit Lorbeer behängt werden, sondern einer, der
in und mit seiner Kunst zugleich die Aura verströmt, schwer auf
der Seite des menschlich-gesellschaftlichen Fortschritts zugange
zu sein.
1. Künstler und Werk
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L y r i k e r sind im Prinzip harmlose Menschen, da sie sich dem
Begriff ihrer Kunst gemäß - ausschließlich mit sich selbst
beschäftigen. Die wechselvollen Stimmungen ihres Gemüts wie die
ihnen entspringende Sicht von diesem und jenem sind ihnen
wichtig, ebenso das beständige Üben der Fertigkeit, beidem mit
viel poetischer Phantasie gefällig Ausdruck zu verschaffen. Sie
pflegen mit ihrer Kunst garantiert niemandem zu schaden, zu
nutzen aber regelmäßig ebenfalls nicht, da sie ja gar nicht an
der Kundgabe von Einsichten, sondern an der Präsentation ihrer
l a u n i g e n S i c h t e n feilen.
Hiervon macht der Dichter E. Fried keine Ausnahme - auch er
pflegt nach Form und Inhalt ausschließlich s i c h als Thema.
Gegen Vergessen
Ich will mich erinnern
daß ich nicht vergessen will
denn ich will ich sein
Ich will mich erinnern
daß ich vergessen will
denn ich will nicht zuviel leiden
Ich will mich erinnern
daß ich nicht vergessen will
daß ich vergessen will
denn ich will mich kennen
Denn ich kann nicht denken
ohne mich zu erinnern
denn ich kann nicht wollen
ohne mich zu erinnern
denn ich kann nicht lieben
denn ich kann nicht hoffen
denn ich kann nicht vergessen
ohne mich zu erinnern
Ich will mich erinnern
an alles was man vergißt
denn ich kann nicht retten
ohne mich zu erinnern
auch mich nicht und nicht meine Kinder
Ich will mich erinnern
an die Vergangenheit und an die Zukunft
und ich will mich erinnern
wie bald ich vergessen muß
und ich will mich erinnern
wie bald ich vergessen sein werde
Andererseits erhebt sich die Frage, w o m i t sich der Dichter
da eigentlich zum Thema macht - schließlich wird dem auch der
Grund seiner Meriten zu entnehmen sein. Und da muß man sogleich
feststellen, daß man da nur wieder bei ihm und seinem Willen lan-
det, s i c h z u m T h e m a z u m a c h e n: Er setzt von
sich die Vorstellung ins Bild, daß er es schwer mit dem Vergessen
und Erinnern habe; verschweigt dessen Wovon und Woran zugunsten
der Prätention, es mit beiden jedenfalls schwer zu haben; über-
höht sein Leiden hieran 1. durch den Gestus, es auch wirklich be-
ständig konservieren zu müssen, 2. hierbei sehr allein zu sein
und 3. mit nichts Gelinderem als "Vergangenheit" und "Zukunft"
befaßt zu sein - und krönt seine Prätention zum Schluß mit dem
Hinweis darauf, man solle sie als letzte Zuckung gegen die Macht
des Vergessens und so wohl als M a h n u n g würdigen. So baut
sich das dichterische Ich zu einem einzigen G e s t u s v o n
V e r a n t w o r t u n g auf - und das macht Fried schon zu ei-
nem b e s o n d e r e n Lyriker: Er hat von sich nicht mehr zu
sagen bzw. zu beschwören, als daß man ihn als einen einzigen ver-
lebendigten Ausweis einer s c h l e c h t h i n g u t e n
G e s i n n u n g verstehen solle. W o r a n diese sich zu
schaffen macht und sich darüber ihre Güteklasse verdient, ist
gänzlich unerheblich: Für den Dichter ist die unbedingte Glaub-
würdigkeit seines Gestus beschlossene Sache, weil er in seinen
Zeilen s e i n g a n z e s I c h zur Pose schierer Verant-
wortlichkeit aufgespreizt hat und so die moralische Klasse der
Person auch schon die Zweifelsfreiheit aller Inhalte verbürgt, zu
deren Gunsten und in deren Namen die Person sich selbst in die
Pflicht nehmen will.
2. Botschaft
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Daß diese leere moralische Figur von einem Ich, das sich groß
gibt, weil es ganz einer gar nicht ausgesprochenen Verpflichtung
gerecht sein will, in der l y r i s c h e n Form ihrer Einklei-
dung g e r e c h t bedient ist, ist einerseits gar nicht zu be-
streiten: Die ist ja die Sphäre, in der sich das Subjekt nur mit
dem Kriterium s e i n e r Maßgeblichkeit bewaffnet und entspre-
chenden Ausdruck verschafft. Andererseits aber ist genau das auch
der Grund für die Verlogenheit der Friedschen Poesie: Das Ich,
das da so groß tut und redselig von den Mühen berichtet, einem
selbst aufgemachten Maßstab gerecht zu werden, bezieht seine
ganze Größe aus der Fraglosigkeit dieser Maßstäbe und spechtet
nur darauf, in ihrem beständigen Einholen a l s - womöglich
auch noch letzter - g u t e r M e n s c h gewürdigt zu sein.
Die ganze Bedeutsamkeit, die der Dichter von sich fingiert, lebt
folglich bloß von den vorgestellten Maßstäben und Werten, die
einen Menschen zu einem g u t e n machen; und die Form, in der
diese Fiktion daherkommt, ist bloß das Vehikel, seiner Prätention
den Schein einer unverbrüchlichen Authentizität abkaufen zu sol-
len. So wird beides wechselseitig ins Recht gesetzt, der Poet
durch die Maßstäbe geadelt und diese dadurch, daß sich ein Mensch
so ganz zu ihnen bekennt.
Doch heißt die Kriterienlosigkeit dieses Manövers alles andere,
als daß es einem Kriterium nicht doch verpflichtet wäre. Es ist
nämlich e i n e S a c h e, zu vereinzelten "Themen des
p o l i t i s c h e n Zeitgeschehens" Stellung zu nehmen; womög-
lich auch - aus welchen Gründen auch immer - g e g e n politi-
sche Machenschaften Partei zu ergreifen, weil sie einem nicht
recht sind; dabei womöglich auch den Rahmen des demokratischen
Geschmackskonsenses zu durchbrechen, weil man entschieden an
d e n m o r a l i s c h e n G r u n d s ä t z e n f e s t-
h ä l t, aus denen man seine Kritik beziehen will: Darüber ließe
sich wenigstens noch insofern streiten, als über die Richtigkeit
der erhobenen Einwände und der Begründung der Kritik ja noch zu
befinden wäre. Eine g a n z a n d e r e S a c h e jedoch ist
es, den S t a n d p u n k t d e r e i g e n e n g u t e n
Ü b e r z e u g u n g u n d s o n s t n i c h t s bei all dem
zum Besten zu geben, wozu man kritisch Position beziehen möchte,
und diesem Standpunkt eben dichterisch Gestalt zu verleihen: Was
immer nämlich dann "kritisch" vermeldet wird und so einen Dichter
mit dem Prädikat "engagiert" beehrt, ist bloß noch das Pochen auf
das Recht der eigenen Moral, das sich an allen praktischen
Ereignissen, auf die man einsteigt, nur noch wetzen möchte. So
erklärt der Moralist Fried sich unter dem Titel
"A n t i f a s c h i s t" zum überparteilichen Richter in Sachen
"demokratischer Vergangenheitsbewältigung" und steigt auf deren -
wie es scheint - V e r l o g e n h e i t ein. Und der
D i c h t e r Fried mit seiner Ode "Gegen Vergessenheit" stellt
klar, daß die Demokratie in ihm und s e i n e r M o r a l den
berufenen Kämpfer schon hat, den sie braucht.
Unter dem Titel "M e n s c h l i c h k e i t" scheut Fried sich
nicht, die staatliche Gewalt g e g e n den "Terrorismus" in die
Verurteilung miteinzubeziehen, die für gewöhnlich letzterem aus-
schließlich gilt - und versteht dies nicht als Kritik am Rechts-
staat, - gleich, ob richtig oder falsch -, sondern als Zeugnis
dafür, daß Rechtsstaatlichkeit eine Frage ü b e r parteilicher
Gesinnung ist, für die wiederum er sich berufen vorkommt. Und
wiederum bezeugt dies ein G e d i c h t
Und weil ich
gegen die Rechten und Rechtsradikalen bin
bin ich gegen
Linke
die denken
daß sie besser sind als die Rechten
Und weil ich gegen sie bin
denke ich manchmal
ich habe ein Recht zu denken
daß ich doch besser als sie bin
Der Haken dieses "kritischen Engagements", das in Frieds Dichtung
jüngst seine Ehrung fand, ist immer derselbe und keineswegs eine
bloße, aus der Kunst-Form herrührende Formsache: Wenn noch jede
vorgebrachte kritische Stellungnahme zu irgendwas ihren Ausgangs-
punkt darin hat, daß der Kritiker sich als zu ihr prinzipiell be-
rechtigte Instanz aufbaut und zur Vorstellung bringt, dann ist
sie damit auch schon gelaufen. Dann hat Kritik ihr Kriterium gar
nicht in dem, was da über die Sache zur Sprache gebracht werden
soll, sonder bloß noch in dem, der sich zu Wort meldet - der für
die Güte seiner Wortmeldung deswegen auch gänzlich
u n s a c h l i c h werben kann, nämlich in der Form der Poesie.
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