Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 17, 10.06.1980
Wolf Biermann trällert in Bremen
JODEL-DODEL-DÜÜH, ES KLAMPFT SO LINKS
"Tief bewegt sein ist was Schönes
Besser ist sich selbst bewegen.
Immer soll ich...
Mit Schlägen auf die Klampfe
Dir die Taten tuten,
die Du selbst nicht tust"
jammerte Wolfi, unterlegt mit schrägen Akkorden, vor 3000 Fans.
Der Refrain "Da geh' doch lieber schlafen! " wurde von niemandem
ernst genommen. Auch von ihm nicht. Also machte er weiter. Daß
sich von ihm alle eine Scheibe abschneiden können, singt er ja
selbst: sich immer nur von einem wildfremden Menschen Taten vor-
tuten zu lassen, die man selbst nicht tut - kann man so heute
links sein?
(Bild von Freddy)
Das ist nicht Wolf BIERMANN. So würde er nie auftreten. Dazu ist
er schon viel zu lange im Showgeschäft. Wenn Freddy meint
"Hauptsache, die Kasse klingelt", ruft Wolf aus dem Wald zurück:
"Lieder machen keine Geschichte. Die Geschichte macht sich ihre
Lieder." - und schon klingelt die Kasse, das Publikum ist nur et-
was anders. Den Trick hat er von seinem Sangesbruder, dem Welt-
geist.
BIERMANN dagegen ist gut. An jeder Kampffront, beim Stahlstreik,
demnächst in Nicaragua, zupft er an seiner Klampfe herum und sagt
dazu auswendig gelernte Texte auf, daß es mit diesem Gesange
nicht getan sein darf. So vollbringt er Tat um Tat, obwohl er
auch nur tutet. Man merkt es deutlich, wie sich hier ein linker
Intellektueller nicht nur mit Partitur und Zupfgeige, sondern
darin mit seiner Gesinnung abquält: Wohlklänge, musikalisch gese-
hen Akkorde, zupft er nur, um sie durch die herrlichsten Disso-
nanzen wieder zu zerstören - und dieses Werk vollendet der Mei-
ster zielstrebig immer damit, daß er seinen sechs Saiten nur noch
Quatsch entlockt. Der Grobian, der sagen will er damit soviel:
schaut her, ich mach's mir nicht leicht. Als Linker einfach im
schönsten Wohlklang mit der Welt zu sein, geht so nicht. Wozu ist
man denn Linker? Also muß schon mal der schräge Otto herhalten,
der anzeigt, daß man mit ihr hadert. Aber nicht zu sehr, denn
sonst wird kein Liedchen mehr daraus:
"Daß wir hier noch zusammensetzen können und Lieder singen - ein
Vorteil, den ich nicht gering schätze."
'Na klar, bei der Gage!', denken hier nur böse Menschen. Es wäre
auch nur die halbe Wahrheit. Das selbstquälerische Getue des Bar-
den kann man zwar gegen entsprechendes Entgelt für Feten und Kon-
gresse bestellen, aber im Unterschied zu Karl Dall meint er wirk-
lich, was er singt: daß ein kritischer Geist 1980 nicht einfach
für die Verhältnisse sein darf, sondern sich in Distanz zu ihnen
begibt; sonst hat er nichts, an dem er sich ab- und wieder bis zu
ihnen hin vorarbeiten kann.
Um diese mühselige Arbeit des Gedankens im Showbusiness überzeu-
gend vorzuführen, hat Wolf BIERMANN sich im Laufe der Jahre auch
noch ein paar Tränensäcke und etliche Furchen im Gesicht zugelegt
- Gitarre spielen konnte er ja noch nie. An seiner Physiognomie
hat er penibel einstudiert, was er dann prompt auch noch singt:
welch große Probleme sich ein Linksintellektueller selbst in den
Weg legt, wenn er sich schweren Herzens doch entschließt, dafür
zu sein: "Ich muß mich zur Wahl verhalten."
Als Genuß kann sich dieses Getue nur ein Publikum zubereiten, das
in dieser Angelegenheit nicht viel anders denkt - wegen der Musik
kämen nicht einmal Dilettanten des Metiers, und Intellektuelle
sind sie allesamt. So stellt sich ein, was ansonsten dem Ritual
der Heiligen Messe vorbehalten ist: einer betet vor, die anderen
sind andächtig, und der Klingelbeutel für Nicaragua kreist, weil
man sich im Geiste einig ist - zumindest für die zwei Stunden ist
man eine linke Gemeinde.
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