Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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Horst Bienek in der Großen Aula
Ein Autor als Gesamtkunstwerk
VERTRIEBENER LAGERINSASSE DICHTER
Albert von SCHIRNDING, Feuilletonist der Süddeutschen Zeitung,
meinte tags darauf, BIENEK wäre die W a h r h e i t nicht
schuldig geblieben. Daran kann man sehen, wann man dieses an der
Universität ansonsten äußerst ungebräuchliche und wuchtige Wort
benutzen. Normalerweise gilt es als totalitär, wahr und falsch
unterscheiden zu wollen. Die Wahrheit ist aber offensichtlich
dann geboten, wenn in der Bundesrepublik lebender Dichter unter
dem sowjetischen Kommunismus leidet und mitleidet Die Wahrheit
ist es, wenn BIENEK drei Sachen auf der Welt kennt: Die Russen,
Dichter, denen sie das Schreiben verbieten, und vor allem
s i c h als Betroffenen. Er fühlt sich nämlich durch seinen Le-
bensweg berufen, auf das unermeßliche Leid derer hinzuweisen, die
in ihrem Heimatland nicht mehr gegen das kommunistische Regime
hetzen dürfen.
1. Der Autor über sich selbst
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Horst BIENEK sprach über sich. (Auch das befriedigte den Herrn
von der Süddeutschen Zeitung in puncto Niveau: "Einstweilen
sprach Bienek glücklicherweise die längste Zeit von sich
selbst.") Seine Kindheit und Jugend findet er heute noch ziemlich
bedeutsam, auch für fremde Zuhörer. So bot er Schwülstiges (Der
katholische Pfarrer wollte immer Genaueres über seine unkeuschen
Gedanken und Taten wissen) und die für die in Ostdeutschland ver-
lebte Kindheit offenbar obligatorischen Naturidyllen (Auf Eis-
schollen hüpfend, beinahe ertrunken; mit nackten Füßen durch die
Rapsfelder; die Knie von Brennesseln "gepeitscht". Und was fehlt
hier noch? Na? Richtig! Der Jasminduft wurde pflichtgetreu abge-
liefert!)
Das sehr poetisch in unpersönlicher Darstellung. Der Autor sprach
nämlich von sich in der 3. Person Singular. Aber Gott sei Dank so
deutlich, daß auch Kulturbanausen wie wir gemerkt haben, daß es
nicht sein Freund Ernst war, mit dessen Anekdoten er einen belä-
stigte. Nun, in einer Literaturvorlesung, in der der Geist gleich
ganz distanzlos als Poet daherkommt, muß es offenbar sein, daß
die belanglosesten Lebensdaten, kaum werden sie von einer Promi-
nenz für mitteilenswert befunden, nicht nur für interessant ge-
halten werden (was ungerecht gegen die Onkels ist, deren Kriegs-
erinnerungen man sich nie oder nur unter heftigem Stöhnen an-
hört), sondern auch noch für bedeutungsvoll.
Horst BIENEK macht aus seinem Geburtsort Gleiwitz (Richtig! Der
mit dem Sender.) seine dichterische Berufung, und schon soll man
die Geburt eines Horstl in einem Grenzort zwischen Deutschem
Reich und Polen heute auch nur für erwähnenswert halten.
2. Das Leben des Autors: Dichter sein dagegen sehr
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Horst BIENEK ist aber glücklicherweise nicht nur in diesem ge-
schichtsträchtigen Städtchen geboren, sondern auch noch daraus
vertrieben worden und hat sich mit einer nicht weiter erläuterten
Opposition in der DDR sowjetische Lagerhaft eingehandelt. So
sieht er nicht nur in seiner Kindheit
"Religion, Sexualität und Faschismus"
am Werk, sondern immerzu, weil er auch sein Leben für eine ein-
zige Wiederholung seiner Kindheit hält. Eine ganz tiefe Wahrheit,
daß er zum Dichten geboren war und die Verhältnisse nicht so wa-
ren. BIENEK beherrscht die Kunst der rückblickenden Angeberei,
die den Willen zum Dichten als Berufung und lebenslange Drangsal
ausmalt, an der sich Lagerhaft und Einschränkung kindlicher Se-
xualität gleichmäßig beteiligen. So werden alberne Pubertätser-
lebnisse, die andere Menschen wegen ihrer jugendlichen Dummheit
lieber verschweigen, nicht nur ausgeplaudert, sondern unter wuch-
tige Bedeutungen subsumiert: Sexualität, Unterdrückung. Und be-
scheiden gibt sich der Dichter mit einer solchen Kindheit, Ju-
gend, Lagerhaft und Exil als Sinnbild für den modernen Menschen
überhaupt.
"Der Exilant, heißt es, ist die Schlüsselfigur unserer Zeit" -,
postuliert BIENEK. Und:
"Ihr ganzes Erdendasein war ein einziges Exil."
bramarbasiert FRÜHWALD in seiner Einführung nach BIENEK über Else
LASKER-SCHÜLER und feiert die Entdeckung des Dichters als
"lazarenische Existenz". In dieser 'Wahrheit' sollen sich moder-
ner Mensch, Dichter und irgendwelche finsteren, exististentiellen
Situationen gar nicht unterscheiden.
Und gerade deswegen, weil die dichterische Botschaft eines Horst
BIENEK ganz und gar gleichgültig Vertreibung aus dem Osten und
Vertreibung aus der Kindheit -
"Sind wir nicht alle Vertriebene aus dem Königreich unserer Kind-
heit?" -
aufführt, ist sie wunderbar eindeutig. Unterdrückte Individuali-
tät - da weiß man schon, welche Militärstiefel gemeint sind.
3. Ein Problem des Autors: Warum erzählt er überhaupt von sich?
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Soweit also die übliche Bescheidenheit eines lebenden Dichters,
der nicht nur sein Leben nicht für sich behalten kann, auch wenn
er danach gefragt wird, sondern anschließend auch noch eine ge-
schlagene Viertelstunde öffentlich darüber räsoniert, warum er
das gemacht hat. Die uns nicht vollständig einleuchtende Antwort
lautete irgendwie, weil er sowieso in seinen Kunstwerken schon
immer über sich schreibe:
"Ich bin drin und zugleich nicht.... Ich rede von mir und einem
anderen.... Ich bin in allen meinen Figuren. ..."
Aber angesichts seines überwältigenden Interesses an der Objekti-
vität, die ihn umgibt, reicht das offensichtlich noch nicht.
Herrn von SCHIRNDING hat diese Selbstbespiegelei übrigens zu fol-
gender Darstellung hingerissen:
"Die Dialektik des Autors, der sich in alle möglichen fremden Fi-
guren verwandelt, sich an sie verliert und sich doch immer nur
selbst beschreibt, die poetische Paradoxie des 'Ich bin, der ich
nicht bin', bildete nicht nur den Inhalt von Bieneks Ausführun-
gen, sondern prägte auch ihre Form. In der autobiografischen
Tarnkappe überschritt er fast unvermerkt die Grenze vom Ich zu
den anderen, den Exilanten von heute." ( Alle Zitate von SCHIRN-
DING aus der SZ vom 15.1.87)
Aber hier irrt er. Vom dichterischen Standpunkt aus, der es als
überaus ehrenwertes Anliegen ansieht, seine subjektiven Auffas-
sungen formvollendet mitzuteilen, ist kein "Übergang" mehr nötig,
um in die politische Hetze gegen die Sowjetunion einzustimmen:
Sie verbiete doch Dichter! Und so mußte man sich den auserlesenen
Standpunkt zu Gemüte führen, mit dem BIENEK - lange vor Kohl -
die Sowjetunion verurteilt:
4. Dichter im Lager, Dichter im Exil
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Die Sowjetunion verbiete auch nur die Erwähnung von Pasternak.
Sie zwinge Dichter durch das Exil dazu, auch noch in fremden
Sprachen zu dichten. Wenn sie nicht gleich ganz vergessen sind,
weil ungedruckt.
Na klar: Ein ganzes Auditorium voller Menschen, die hier nie ih-
ren Mund aufmachen und absolut daran gewöhnt sind, jegliche Oppo-
sition in der Bundesrepublik unter polizeitaktischen Gesichts-
punkten zur Kenntnis zu nehmen (War die Demo friedlich? Ein Ver-
kehrshindernis? Oder hätte man sie nicht gleich vorher verbieten
sollen?), hält es nicht mehr aus ohne das Menschenrecht auf dau-
ernde Kritik - in der Sowjetunion. Und der Autor, der so kritik-
wütig ist, daß er gleich anfangs darauf hinweisen ließ, daß er
erst nach Abschluß seiner Vorlesung in 5 Wochen zur Diskussion im
kleinen Rahmen schreiten will, kriegt keine Luft mehr - drüben.
Dabei denkt er - ganz demokratisch - immerzu an einen Menschen-
schlag, der ganz besonders leidet: die Dichter, und suggeriert
die besondere Gemeinheit des Regimes, sie wegen des
D i c h t e n s zu verfolgen. Als ob nicht brave Menschen hüben
wie drüben in Frieden gelassen würden. So ganz ohne Opposition
wird wohl auch in der Sowjetunion niemand verfolgt. Aber drüben,
da müßte es unbedingt das Menschenrecht aufdauernde Kritik und
Systemhetze geben. - Die Dichterliebe zum letzten. - Wenn es
BIENEK schon so herzzerreißend um seine Klassenbrüder geht, dann
soll er sie doch vorlesen. Soll er doch für ihre Gedanken werben,
zeigen, daß sie so gut sind, daß man sie unbedingt lesen muß.
Dann können - doch auch deutsche Bürger Russisch lernen, wenn man
die Substanz dieser wunderbaren Literatur anders nicht erwischt.
Aber nein: Verfolgt sind sie. Das spricht für ihr künstlerisches
Niveau. Und so zählt BIENEK lauter russische Namen auf, die er
genauso gut erfunden haben könnte, in der Sicherheit, daß sein
Auditorium, das eh gelernt hat, Sacharow zu schreien, auch noch
bei Pasternak im Geiste mitseufzt. Dabei ist der schon tot.
(Seinen Prüfstein für Gorbatschows Glasnost, ob Pasternak heraus-
komme, kann er übrigens einpacken: zum einen liegt seit 1982 eine
zweibändige Prosa- und seit 1985 eine einbändige Lyrikausgabe
vor, und zum zweiten arbeitet eine Kommission daran, daß der an-
tikommunistische Schmachtfetzen "Doktor Schiwago" dem Sowjetbür-
ger schleunigst zugänglich wird.)
Kein Wunder, daß BIENEKs Dichterliebe entschieden
n a t i o n a l tickt. Vom Imperialismus verfolgte Schreiber-
linge haben keinen Platz mehr in seinem Herzen:
Frage der AZ: Hören Sie auch die Schreie aus Südamerika, Afrika
und Asien?
BIENEK: "Dafür fühle ich mich nicht zuständig. Ich kann doch
nicht über drei chilenische Flüchtlinge in Berlin reden, wenn ich
weiß, daß 800 Schriftsteller und Journalisten aus dem Osten in
München in einer fremden Sprache schreiben. Und es gibt eine
ganze Reihe, die überhaupt nicht gedruckt werden." (AZ vom
7.1.87)
Was für ein individueller Einfall, als Vertriebener in West-
deutschland - sogar auf deutsch - die Feindbildpflege der Regie-
rung literarisch zu betreiben.
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