Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 1, 12.11.1980
ARCHITEKTURSTREIT
Mit was für "Fachausdrücken" sich Architekten gegenseitig kriti-
sieren ist bemerkenswert.
Der Entwurf des Engländers STIRLING, der beim Wettbewerb
"Erweiterung der Stuttgarter Staatsgalerie" den ersten Preis er-
hielt, wurde von den Lokalgrößen BEHNISCH, KAMMERER und BELS
"undemokratisch unmenschlich, faschistoid und faschistisch" ge-
scholten.
Trotzdem die MARXISTISCHE GRUPPE gerade auf dem Gebiet der Poli-
tik über eine ganze Reihe von Koryphähen verfügt, ist es ihr bis
vor kurzem nicht gelungen, den Faschismus am Haus dingfest zu ma-
chen. Was wir bisher leichtfertig übersehen hatten, ist - daß
sich die Häuser mit ihren Benutzern unterhalten. Zugegebenermaßen
sind wir darauf nicht selbst gekommen, vielmehr brachte uns Herr
Gottfried KNAPP zu dieser Einsicht. Zurückgekehrt von der Bien-
nale in Venedig, schrieb er in der SZ:
"Der Wunsch, einen Bau auf Anhieb verstehen und benutzen zu kön-
nen, mit ihm über die angebotene Zeichen- und Bedeutungssystem
ein Gespräch führen, ihn als Individuum mit charakteristischen
Besonderheiten ins Gedächtnis aufnehmen zu können, hat durchaus
nichts Altmodisch-Gefühliges; das ist ein vitales, natürliches
Bedürfnis, in einer ständig töniger werdenden Umwelt."
Naja - da wird einem die Sorge von Olympia-BEHNISCH sofort klar!
Das ist doch wirklich zu blöd, wenn die Stuttgarter Staatsgalerie
mit Stirlings historisierenden Fassaden ihren Besuchern nichts
anderes zu sagen hat als z.B. "Führer, Volk und Vaterland" oder
"wollt Ihr den totalen Krieg?". Das macht ein Zeltdach nie. Hier
singen die Drahtseile eindeutig die Melodie der Freiheit.
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