Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle


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       Münchner Hochschulzeitung Nr. 17, 01.07.1981
       
       Diskussionsveranstaltung der MG
       

"WIR BAUEN UNS EIN NEUES HAUS VOLL GLÜCK UND HARMONIE!"

(Peter Alexander) So einfach mag ein zeitgemäßer Architekturstudent die Baufrage nicht sehen. Wozu diese "Biedermann-Bauweise" führt, könne man ja an den "Bausünden der Nachkriegszeit" studieren, ist sein Argu- ment. Glück und Harmonie, mit solchen verstaubten Kategorien kann man in der modernen Architekturdebatte keinen Stich machen. Zur Begründung dafür, daß man selber richtungsweisende Häuser plant; reicht es auch keinesfalls aus, einfach mit dem Kalauer "menschliches Bauen" zu kommen; der wird doch noch von jedem, der sich nicht gerade auf Hundehütten spezialisiert hat, für sich re- klamiert. Zur Demonstration der eigenen Qualitäten muß man sich schon was Originelleres einfallen lassen. Und für die Originali- tät schafft das Studium die besten Voraussetzungen. Im teamwork muß jeder mit sozio-, psycho- und sonstigen (un-)logischen Krite- rien Pläne durchdiskutieren, und wehe dem, der sich dabei auf Pe- ter Alexander beruft. Was von den Resultaten dieser Debatten um den angemessenen, zeit- gerechten etc. Baustil zu halten ist, soll in der Diskussion ge- klärt werden. Dazu einige Fragen: 1. Wie schafft es Hackelsberger, aus der Tatsache, daß die Fassa- den der Neuen Pinakothek nur verkleidet sind, folgende Schlüsse zu ziehen? "Das Beispiel Neue Pinakothek zeigt, wie ein Künstler, der etwas ganz Besonderes beabsichtigt, unversehens die Doppelbödigkeit, gedankliche Unsauberkeit, ja Heillosigkeit unserer Jahre bloß- legt: Das Partizipieren an den Ergebnissen der technisch-materia- listischen Kultur, das hilflose, 'verdruckte' Erleiden, das Zu- decken der Probleme, die nur durch größte Wahrhaftigkeit zu be- wältigen wären, das durch Reichtum und Produktivität möglich ge- machte, aber moralisch und ethisch nicht verantwortete Entweichen des Als-ob, in die Unverbindlichkeit des Scheinbaren." (Südd. Zeitung) Macht man sich so in der Architektur interessent? Oder gibt es den Übergang von der Steinplatte zur "Heillosigkeit unserer Jahre" wirklich? 2. Daß übereinander gestellte Steine sagen 'Wir sind für Faschis- mus/Stalinismus' ist in der Architektur eine unbestrittene Be- hauptung. "Das Wort aus Stein - Zur Funktion und Wirkung der Ar- chitektur im Dritten Reich" hieß unlängst ein Vortrag von Prof. Petsch. Gibt es 'das Wort aus Stein' auch demokratisch und wie sieht dieser Stein aus? 3. "Die farbige und architektonische Gestaltung des neuen Zellen- trakts in Stadelheim soll die Selbstmordrate der Häftlinge redu- zieren..." (SZ) Mit dieser Behauptung will die moderne Architek- tur ihr "psychologisches Einfühlungsvermögen" unter Beweis stel- len. Es fragt sich also, ob der Häftling sich wegen des tristen Grau oder womöglich gerade wegen der vielen Farben aufhängt. Es könnte ja sein, daß die Bundheit ihn erst so richtig traurig macht? Oder sollte der gute Mann ganz andere Gründe haben? 4. Der soziale Wohnungsbau muß "abspecken"! Ein guter Architekt sieht darin sofort seine Chance war er doch immer schon gegen die "unkommunikativen Hochhäuser". Gibt es die vielbeschworene Iso- lierung in diesen Kästen wirklich? Und wenn ja, ist ein Gemein- schaftsklo - so die neuere Vorstellung über das Abspecken im so- zialen Wohnungsbau - die Lösung? 5. Architekten entwickeln allerorten Baumethoden zum Selberma- chen, zur "Identifikation mit dem Bauwerk". Inwiefern helfen diese Vorschläge zum "Abrücken von falschen Bedürfnissen"? Worin bestehen eigentlich diese falschen Bedürfnisse? Warum sollte man eine selbstgebaute weiße/bunte Wand mehr lieben als die der Bau- firma? 6. Einer der neuesten Schlager ist die Biotektur. Entdeckt hier die Architektur die Ökologiebewegung, um sich was Brandneues ein- fallen zu lassen, oder "ist dieses Haus der Zukunft die ökologi- sche Insel in einer feindlichen Umwelt"? Biotekten behaupten na- türlich letzteres und meinen, damit ihren Beitrag zu einer Revo- lutionierung der Gesellschaft geleistet zu haben. Fragt sich nur, ob das mit Architektur geht? Die Diskussion dieser Fragen findet statt am Donnerstag, 2. Juli, 17.00 h Treffpunkt HS 2360 zurück