Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle


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       Der Veranstaltugskommentar
       

"ZWISCHEN AFFENFELS UND BARRIKADE"

So lautete der launige Titel einer für alle Beteiligten gelungen verlaufenen SPD-Show im TAT. Die zwei Stars waren der gesamtdeut- sche Edelbarde Biermann ("früher habe ich mit knirschendem Ku- chenzahn SPD gewählt, heute wähl ich die Grünen") und SPD-Wahl- kampfleiter P. Glotz ("aber die Zweitstimme gibst Du der SPD!"). Etwaige politische Differenzen waren marginal angesichts der ge- meinsamen Grundüberzeugung, daß Kohl und Konsorten mit ihrer "restaurativen, edlen Einfalt" einem "starken Westdeutschland" schlecht zu Gesichte stehen - zumal sich beide hinsichtlich des Themas der Veranstaltung, des Verhältnisses von Politik und Kunst, auf ihre Art sehr einig waren. Glotz ("ich bin ein SPD-Rechter") ließ den "im Herzen Kommunist gebliebenen" Biermann den Vormittag damit bestreiten, sich als Künstler zu produzieren, der "politisch was mit der Welt vorhat", dabei aber Wert darauf legt, dies auf sehr "private" Art und Weise in Gedichten niederzuleben. In Wort und Lied pries Biermann sich als unverwechselbare Persönlichkeit, als einen "Menschen mit aufrechtem Gang", der allen Anfeindungen und Ansprüchen seitens Politik, Dichterkollegen und politischen Freunden zum Trotz immer "sich selbst treu bleibt". Die Inszenierung dieses Charakterbil- des zehrt dabei noch heute von seiner wechselvollen DDR-BRD-Vita - was nicht ohne die kleine Ironie abgeht, daß gerade an Bier- manns Ausbürgerung aus der DDR in die BRD schlagend deutlich wird, wie abhängig der Liedersänger, der sich auf seine freie Persönlichkeit so viel einbildet, vom politischen Kalkül des DDR- wie des BRD-Staats ist. Wenn ein Biermann sich darin "selbst treu bleibt", dann bejammert er sich als gesamtdeutsches Künstlerschicksal, das ob des Ost- West-Gegensatzes ohne politische Heimat dasteht; dann fordert er deswegen "aufrechten Ganges" von "aufrechten" Männern in der SPD, sie sollten mit "Westdeutschlands Kraft" im Rücken den "historischen Tendenzen auf Demokratisierung in der SU" zum Durchbruch verhelfen. Diese künstlerisch autonome Aufforderung zur subversiven Einmischung im Osten freut den Politiker Glotz. Biermann leitet das NATO-Programm aus seiner ganz höchstpersönli- chen "Hoffnung" auf eine "Liberalisierung" des Ostens ab und dichtet die Kampftitel des freien Westens wie Menschenrechte, Sacharow und Afghanistan in moralische Menschheitstitel um, deren ideeller Macht sich auch der "änderungsfähige, junge" sowjetische Parteichef Gorbatschow nicht entziehen könne. Dieser Idealismus ist für den Politiker die passende Vorlage, ganz realistisch die politische Gewalt, nach deren Verwaltung er strebt, als die ein- zige wirkliche antikommunistische Macht ins Spiel zu bringen: Mit dem Hinweis, Gorbatschow versuche nur, "Schaden zu begrenzen", warnt Glotz vor der "Falschen" Hoffnung auf den freiwilligen De- mokratisierungswillen des feindlichen Führers und verweist die "richtige" Hoffnung auf Systemveränderung im Osten auf eine Ost- politik made by SPD. Niemand ist leichter einzuseifen als ein Künstler. Biermanns Wunsch, von der maßgeblichen Politik seine künstlerische Tour anerkannt zu wissen ("ist die Politik eigent- lich schöpferisch?"), sich als Künstler menschlich akzeptiert zu wissen - so schwärmte B. davon, einst in Wien mit Kreisky schwe- dische Volkslieder gesungen zu haben - diese untertänige Sehn- sucht nach ein paar Streicheleinheiten seitens der Mächtigen wußte Glotz zu bedienen: mit Rau "Volkslieder singen!" Anderer- seits hatte der SPD-General auch eine Vorlage parat, damit Bier- mann trotz der ersehnten politischen Nestwärme den Gestus der ei- genen (künstlerischen) Freiheit vorführen konnte: "das Bundesver- dienstkreuz für Biermann" (Glotz ) wäre der Pseudofrechbeit des Barden "ein Tritt in die Eier" (Biermann). So trugen beide dem Bedürfnis des anwesenden Publikums Rechnung, im Künstler Biermann sich als nützlichen Idioten der Politik mit ungeheuer viel Durchblick und Selbstbewußtsein zu beklatschen. Glotz, indem er frank und frei bekannte, sein Dialog mit dem Dichter diene nur dem Zweck, daß das Publikum den SPD-Rau zu sei- nem Herrn bestelle ("dies ist natürlich eine Wahlkampfveranstal- tung der SPD") - eine Offenheit, die ihm sein potentielles Stimm- vieh mit Applaus dankte. Biermann, indem er "uns kleinen Idioten" mit der Stimmabgabe "sehr viel Entscheidung über die Rolle der BRD in der Weltpolitik" zusprach - eine Lüge, die "kleinen Idio- ten" immerhin erlaubt, sich im Glanz einer erstarkten Weltmacht selbst ungeheuer groß und wichtig vorzukommen. zurück