Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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AEL FB 09, Juli 1982
Aktionseinheiteliste der Fachschaften und undogmatischen Linken
MUSS DIE BEFASSUNG MIT DEN SCHÖNEN KÜNSTEN
UNBEDINGT IN WELTFREMDHEIT AUSARTEN?
Wenn man sie wissenschaftlich betreibt - überhaupt nicht. Dann
stellt sich nämlich heraus, von welchen Idealen sich künstleri-
sche Phantasie leiten läßt, wie ihr Handwerkszeug beschaffen ist
und daß ihre Betätigung noch zu allen Zeiten ein Reservat
gesellschaftlichem Luxus darstellt, zu dessen V e r e h r u n g
kein Anlaß besteht.
Wenn man natürlich mit der Verehrung anfängt und in der künstle-
rischen Freiheit das Höchste zu entdecken meint, was der men-
schliche Geist so zustande gebracht hat, dann sieht die Sache et-
was anders aus. Dann genießt jeder K u n s t h i s t o r i k e r
und M u s i k l i e b h a b e r in der Betrachtung seiner Ge-
genstände gleich sich selbst und dünkt sich der Muse auf den Fer-
sen. Dann gebärden sich Professoren als Bekenner und wandelnde
Sinnbilder geistigen Geschmacks; dann pochen sie statt auf Erklä-
rung auf Einfühlung und setzen sich vom gewöhnlichen "Banausen"
dadurch ab, daß sie ihre ästhetische Deutungswut zum Schlüssel
für ein verborgenes Reich künstlerischen Sinns verklären, den sie
selbst erfinden:
"Ein Fettstuhl von Beuys ist nur ein Stuhl mit Fett. Erst wenn
ich mich frage, was für eine Bedeutung hat das historisch, für
die Zukunft und für mich, dann ist es Kunst... Wenn ich m i c h
dadurch ein Stück selbst erfahre... Wer nicht s p ü r t, daß
ein Fettstuhl in seinem Environment Kunst ist, dem geht dafür aus
Gründen seiner Sozialisation, seiner Bildung oder auch nur seiner
mangelnden ästhetischen Sensibilität die Fähigkeit dazu ab... der
sollte Fliegen fangen." (Piel)
Wer sich beim Nachdenken über Kunst und ihre Leistung nicht wie
ein zweiter Beuys aufführt und von einer nachzuempfindenden
Menschheitsbotschaft a u s g e h t, sondern die künstlerischen
Selbstzeugnisse und ihre hemmungelose Ausdeutung nüchtern analy-
siert, der ist für einen Kunstprofessor primitiv und geistlos.
Ein sehr sensibles Urteil! Dann übersieht diese zweifelhafte
Freude am Geschmack auch gern, wie nah doch die künstlerische
Phantasie alle Jahrhunderte hindurch mit ihren Idealen dem herr-
schenden Betrieb verpflichtet war, sei es im früheren Lobeadienst
an Kirche und Fürsten, sei es heute in der subventionierten Frei-
heit, menschliche Seinszerissenheit, eigenes Leiden an der Welt,
Friedensideale oder andere moralische Einbildungen zu malen, zu
schmieden, modellieren und zu komponieren. Immer gleich mensch-
lich die Einfälle, immer gleich hoffähig der Geschmack. Aber auch
wer nicht daran glaubt, könnte innerhalb der Kunstwissenschaft
feststellen, mit welchem Unsinn sich die dort getroffenen Ge-
schmacksurteile begründen. Da wird mit der größten Selbstver-
ständlichkeit christlich gemalt und komponiert, avantgardistisch
inszeniert und progressiv vertont. Als ob das alles Eigenschaften
von Kunstwerken wären, die darüber hinaus noch ihre Güte verbürg-
ten. Welch ein ungeheures Wagnis wird da in Lehrveranstaltungen
besprochen, wenn einer mit einer Kadenz aufräumt, die andere drei
Jahrhunderte zu Tode geritten haben. Welch humane Gesinnung läßt
sich da einer Skulptur unterjubeln, wenn nur die antike Tradition
einerseits beachtet, andererseits überwunden ward. Wozu man sich
mit der biederen Unterscheidung von Alt und Neu und der Spannung
zwischen beiden doch begeistern kann.
Da loben wir uns die Ehrlichkeit der T h e a t e r w i s s e n-
s c h a f t l e r, sofern sie nicht gerade selber Aufführungen
proben und intepretieren. Dem Verdacht, vom Theater, dem Spaß,
den es bereitet, und der Botschaft, die das Publikum aufsaugen
soll, etwas wissen zu wollen, treten Männer wie Lazarowitsch mit
elektrophysiologischen Methoden entgegen - wenn sie nicht gerade
ein Hauptseminar über das "Happening" veranstalten. Wer sich
allen Ernstes die Frage zum Problem macht: "Überlagert ein
sinnlicher oder sprecherischer Eigenausdruck den Ausdruckswillen
eines Schauspielers störend", der sollte sich einen Schauspieler
ohne Stimme mieten. Und mit der "Befragungsmethode des
'Eindrucksdifferentials' in der empirischen Theaterforschung"
(Lehrangebot dieses Semester) ist weder über Wert und Unwert noch
gar über den Charakter eines Theaterstücks und seiner Aufführung
ein richtiges Urteil zu erlangen. Da werden nur die subjektiven
Eindrücke des wohlwollenden Betrachters mit viel pseudo-
wissenschaftlichem Klimbim in eine Meßgröße verwandelt. Geistige
Erschütterung der Stärke 10 auf der Seelenbeben-Skala?
Statt sich "die Münchener Residenz als Spiegel der europäischen
Kunstgeschichte" und "K.A. Hartmann und das Münchener Musikleben
von 1930-1960" zu G e m ü t e führen zu lassen, ist es also an-
gebracht, mal einen kritischen G e d a n k e n auf das Münche-
ner Universitätsleben 1982 und auf die genußvollen Pseudoargu-
mente der Kunstwissenschaft als Spiegel der Fadheit
künstlerischer Freiheit zu verschwenden.
P.S.: Das heißt auch eine Wahlstimme für die AEL! Denn diese
Stimme ist wirklich meßbar und zählt - für einen Sprecherrat, der
nicht die "musische Interessenvertretung der Studenten" für den
Nabel der Welt hält, während sich die politischen Verwalter der
Weltordnung gerade ziemlich offen gewalttätig aufführen. Die AEL
tritt nämlich dafür ein, in der Befassung mit dem höheren Blöd-
sinn nicht gleich einen Anlaß für tiefgründigen Blödsinn als Wis-
senschaft zu sehen und - auch und gerade nicht beim Studium -
Kunst und Musik nicht unbesehen für etwas Besseres und Zeitlo-
seres zu halten als die Welt der laufend eingeschränkten Interes-
sen und politischen Händel. D i e s e "schnöde" Welt bringt
doch das Reich des schönen Scheins hervor und verklärt s i c h
in ihm! Das zu kritisieren ist keine Kunst, kein Luxus, sondern
Notwendigkeit, also eure Unterstützung wert!
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