Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle


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       Künstler zu Polen
       

STARREN, STAMMELN, STARKE TÖNE

"Während im äußeren Völkerleben eine Epoche des zivilisatorischen Rückschlages, der Vertragsunwürdigkeit, Gesetzlosigkeit und des Dahinfallens von Treue und Glauben angebrochen zu sein scheint, ist der Geist in ein moralisches Zeitalter eingetreten, will sa- gen: in ein Zeitalter der Vereinfachung und der hochmutlosen Un- terscheidung von Gut und Böse. Das ist seine Art, sich zu rebar- barisieren und zu verjüngen... Wir wagen es wieder, Worte wie Freiheit, Wahrheit und Recht in den Mund zu nehmen; ein Übermaß von Niedertracht hat uns der skeptischen Schüchternheit davor entwöhnt." (Thomas Mann, Kultur und Politik, 1939) "Polen" ist das Stichwort des Literaten 82 und verwandter Gei- ster: Nicht daß er zu sagen wüßte, was dort eine Regierung mit ihrem Volk anstellt, wenn sie es gewaltsam zu einer Arbeit treibt, von deren Produkten es nichts hat außer der Gewißheit, daß sie für wichtigere staatliche Aufgaben da sind. Nein, denn sonst verfaßte er nicht eine Protestresolution nach der anderen im Namen einer Freiheit, für die sich im übrigen kein Pole etwas kaufen kann, sondern bekäme erst einmal einen Schreck vor seiner eigenen Herrschaft, die in puncto Arbeitszwang der "polnischen Wirtschaft" noch einiges vormacht, und entdeckte dann vielleicht, daß der freie Gebrauch eines "kreditabhängigen" Polen durch die Bundesrepublik der Grund für dessen wirtschaftliche Misere ist. "Polen" steht den Herren vom PEN-Club für ihr barbarisches Welt- bild von guter Freiheit und böser Unfreiheit, ganz so wie die staatliche Propaganda (West) es seit Adenauer sagt: freier Westen und freier Geist im Schulterschluß gegen den Osten. Da mögen die deutschen Professoren (wie ihre englischen, französischen etc. Kollegen) nicht abseits stehen. Wissenschaftliche Schulen, Fach- bereiche, ganze Universitäten sind von Abscheu ergriffen und be- schwören den guten Geist "partnerschaftlicher" Agitation gegen den Kommunismus: Die "polnische Sache" ist "unsere", so wie die deutsche Politik inzwischen tief nach Polen hineinregiert. Hier sind Staatsbürger par excellence am Werk, die sich das weltweite Gewissen ihrer imperialistischen Herrschaft machen und damit nach außen für deren ideologische Begleitmusik, nach innen für sau- beres deutsches Denken sorgen. Dabei sind ihnen passende Sprüche wie: "Nun, Volk, steh' auf, und Sturm, brich' los!" durchaus un- geläufig. Sie sind im Unterschied zu solch offenkundiger Kriegs- treiberei noch stolz darauf, in eigenständiger Verantwortung ei- nem "Frieden in Freiheit" zu dienen, bei dem ihr ganz persönli- ches Wort gegen den Osten sichere Gewähr dafür ist, daß die deut- sche Regierung ihre ostpolitische Offensive mit völliger Freiheit in Frieden mit ihrer Bevölkerung machen kann. Wie anders als mit d e m o k r a t i s c h e r Kriegshetze ließe sich erklären, daß ein Heinrich Böll die Öffentlichkeit anhält, ihre angebliche "Zurückhaltung" in Sachen "Freiheit und Würde des Menschen" in Polen aufzugeben und auf "Einmischung" zu machen: "Wir scheuen uns nicht, Einmischung zu praktizieren und um Einmi- schung zu bitten." Eine Regierung, die wie die deutsche dies längst in Polen prakti- ziert, muß sich ihrerseits zwar nicht erst öffentlich bitten las- sen, sondern kann "klug" auf ihre verantwortungsvolle Politik verweisen, allerdings ist ihr ein solcher Freibrief gerade recht, denn sie kann nun mit dem kriegsbereiten "Vertrauen der Öffent- lichkeit" Politik machen und diesen Konsens mit ihren erwartungs- vollen Bürgern gleich noch dem Gegner im Osten hinreiben, der es seinerseits nicht verstehe, "den legitimen Ansprüchen des Volkes entgegenzukommen" (EG-Erklärung zu Polen). Feine Ansprüche der Bevölkerung sind das, für die der deutsche Staat sich seine freien Geister in der Öffentlichkeit bemühen läßt! Doch wozu hat er schon all diese kaum zu unterscheidenden Knittergesichter sei- ner Böll, Grass, Biermann usw. mit ihrem uniformen Hundeblick, wenn nicht zur Mobilisierung staatsergebener Gesinnungslosigkeit. "Polen" macht heute betroffen, so wie es gestern "Afghanistan" war und morgen irgendein anderes Land sein kann, das der Westen den Russen streitig macht und wofür er die Sympathie seiner kos- mopolitischen Bürger in Anspruch nimmt. Und die - nicht faul - teilen prompt mit, "die Linke habe den Emigrantenprozeß nicht verstanden, habe den Archipel GULag nicht zur Kenntnis genommen, sondern sich in in- tellektuelle Turnübungen geflüchtet". Diese hört wie üblich die Signale und ruft von sich aus "alle Demokraten, vor allem aber die deutsche Linke zum Protest auf gegen das polnische Militärregime!... Jetzt hilft kein diplo- matisches Taktieren mehr... Die bisher weithin geübte Zurückhal- tung gegenüber der polnischen Militärdiktatur ist durch nichts mehr zu rechtfertigen... Reichen die historischen Erfahrungen in Berlin 1953, Budapest 1956 und Prag 1968 nicht aus? Demokratische Sozialisten und Gewerkschafter dürfen nicht schweigen, wenn ir- gendwo in der Welt die Freiheit mit Füßen getreten wird - und ge- rade dann nicht, wenn dies im Namen des Sozialismus geschieht, dessen Ansehen damit geschändet wird", (Fetscher, Flechtheim, Grebing, Vilmar u.a.) Die geistige Linie ist also klar: Antikommunismus. Doch welch be- schwerlicher Weg, "im Namen des Sozialismus" die Freiheit gut zu finden! Aber Wendungen müssen im Dienst der deutschen Sache nun mal sein, was selbst des Sozialismus unverdächtige Literaten wie Grass und Böll umständlich vorexerziert haben. Standen sie nicht vor 2 Jahren erst "zur Verteidigung der Republik" auf ihren Bü- cherbarrikaden und mandelten sich gegen die "Reaktion" für ihre moralische Integrität auf, die sie in Deutschland für unverzicht- bar hielten. Heute dagegen sind sie zwar noch immer verzichtbar, doch das hindert sie nicht mehr, sich mit typisch literarischem Getue der geistigen Aufrüstung des freien Deutschlands anzudie- nen. Herr Grass kommt ja aus Danzig und wird wohl wissen, was er meint, wenn er unlängst als seine besondere Qualifikation für verantwortliches Staatsbürgerbewußtsein hervorhob, Schriftsteller hätten die Fähigkeit, längere Zeit "in Abgründe zu blicken". Der Dichter will uns vermutlich damit sagen, daß "Betroffenheit" eine Tugend ist, die von intensivem Starren kommt und hierzulande noch zu wenig verbreitet ist. Auch so kann man zur Avantgarde zeitge- nössischer Denker vorstoßen - nur denken darf man sich nichts! Die Propagierung des von der Welt "betroffenen" Denkens ist näm- lich das Bekenntnis zur Methode des Irrationalismus, von nichts etwas wissen zu wollen außer von der Gewißheit, daß man die Re- alität, die die Politik setzt, nur ohnmächtig als Wahnsinn regi- strieren kann - was moralische Parteinahme nicht nur nicht aus- schließt, sondern geradezu herausfordert. Von unseren Literaten wird das - siehe "Polen" - so mustergültig vorgeführt, daß sie heute mehr denn je als vernünftig, da realistisch gelten, wohin- gegen der Irrationalismus erst bei solchen Exotica wie der öden Sterndeuterei der Elisabeth Teissier beginnen soll. Unterdessen trägt er sich allseits geachtet in den öffentlichen Auftritten des Herrn Böll vor, der stammelnd gesteht, "seit dem 13. Dezember sei er einer partiellen Lähmung erlegen, habe es ihm die Sprache verschlagen! ... Ihm fehlten die Worte, aber er weiß, was er sagen will. Empörung über die Machtergrei- fung der Militärs in Warschau - natürlich, aber mehr als das. Be- troffenheit - auch das genüge nicht, Trauer auch, Wut auch. Ent- setzen sei das beste Wort, denn was in Polen geschehe, die Ver- letzung der Menschenrechte, das sei schlimmer als anderswo, weil unvorhergesehener. Was in Polen geschieht, ist entsetzlich." Da hat Heinrich Böll also wie der "Abgründe" ausspähende Günter Grass am Ende doch noch das erlösende Wort parat, auf das alle, die er für sein Gestammel eigens zur Pressekonferenz gebeten hatte, so sehnlich gewartet hatten - aber welche Botschaft! "Polen" hätte beinahe einen Dichter zum Schweigen gebracht! Schade wäre es um den rheinischen Schmierenkomödianten ja nicht gewesen, aber ein herber Verlust für Deutschland, das eine so de- monstrierte Betroffenheit seines Nobelpreisträgers im öffentli- chen Interesse nicht missen möchte: Wenn schon dem Sprachgewalti- gen die Worte fehlen - entsetzlich, wie das polnische Leid auf "uns" gekommen ist! Also protestieren "wir" gegen die Sprachlo- sigkeit, die so warmherzig vorgeführt wird, obwohl sie angeblich aus der Kälte kommt. Ganz ohne solche methodischen Verrenkungen und darum mit noch breiterer öffentlicher Wirkung fand der immer schon streitbare Kommunistenhasser Wolf Biermann zu starken Tö- nen. Leider hatte er sich zur Zeit der polnischen Ereignisse nach Frankreich abgesetzt, so daß ihm in der Pariser Oper zwar Frau Mitterrand und Ministerpräsident Mauroy Beifall spenden konnten, nicht jedoch das von, dem ostblockerfahrenen Vaganten etwas un- dankbar behandelte, da an und für sich dankbare deutsche Publi- kum. Schade, denn jetzt wäre die goldene Schallplatte dringewe- sen. So bleibt es leider bei der forcierten Poesie des Barden, die die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" verdienstvollerweise - wenn auch ohne Schneewalzermelodie - letzte Woche abdruckte: "13. Dezember Es war der Schnee, der Schnee, der Schnee In dieser Nacht fiel Schnee, General daß einer den anderen töte Im Neuschnee blüht das Blut so schön in seiner lebendigen Röte Wir hättens wissen müssen In dieser Nacht fiel Schnee, General Jaruzelski, mit all deiner List Jetzt schreit der Schnee die Wahrheit aus daß du ja der Bluthund bist Sechs Tage Arbeit Sechs Tage Streik Sechs Tage Krieg der Klassen Am siebten Tage Ruht Gott sich aus Jetzt kommt die dunkle Schweigezeit Und kommt das kalte Hassen Jetzt kommt zum Hunger Hilflose Wut Schuld war der Schnee, nein Schuld war die Nacht, nein Schuld war das schuldlose Blut Und Gott schlief tief in' Sonntag rein In dieser Nacht fiel Schnee, General die Reißzähne starren im Rachen Du machst für die Russen die Drecksarbeit und du mußt den Bluthund machen." Beachtlich immerhin, wie der etwas dunkle Sinn der meisten Zeilen vom Autor in lebhaften Kontrast gesetzt wird zu der aussagekräf- tigen hellen Röte des Blutes, das zweifellos für "uns" vergossen ward - vielleicht sogar zur Vergebung "unserer" Sünden, doch mit Kanzler Schmidts Hilfe können "wir" es ja nur besser machen. zurück