Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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MSZ-Pietäten
4 NEKROLOGE, 1 WÜRDIGUNG
Romy Schneider und Rainer Werner Fassbinder - wie wir sind sie in
den sechziger Jahren aufgebrochen, die Welt zu verändern. 1968
schieden sich unsere Wege; während Romy nach Paris ging und
fortan auf Claude Sautet und Michel Piccoli setzte, Rainer Werner
auf Hannah Schygulla und das Bundesfilmförderungsgesetz, hatten
wir uns für Marx, Engels und Lenin entschieden. Unsere Wege
trennten sich, doch wir haben weder Romy Schneider noch Rainer
Werner Fassbinder ganz aus den Augen verloren, wobei auch jetzt
nicht verschwiegen werden soll, daß wir uns sie immer noch lieber
angeschaut haben als seine Filme. Anderen unter unseren Lesern
mag es genau umgekehrt gegangen sein. Und wir behaupten nicht,
auch und gerade nicht angesichts der tragischen Umstände, daß der
Erfolg uns schon deshalb Recht gibt, weil wir noch weitermachen.
Herbert Quandt hat sich mit mehreren Seiten Todesanzeigen in al-
len seriösen Tageszeitungen ebenfalls unlängst verabschiedet. Was
soll man zu ihm groß sagen? Außer zum Mehrheitsaktionär bei BMW
hat er es zu nichts Großem gebracht. Genau genommen war er nicht
einmal ein Schreibtischtäter, weil er nur die Dividenden ein-
strich, die andere für ihn aus denen herausholten, die wahr-
scheinlich allein deshalb nicht zum Trauern angehalten werden,
weil sie gar nicht wissen, daß es ihn gab. Die Einsamkeit des Ka-
pitalisten beim Couponschneiden - das ist nicht einmal ein Film-
stoff und an der Last des unternehmerischen Risikos ist er si-
cherlich nicht gestorben. Im Tode noch ist er ein einziger Witz
auf die alberne These, eine "Handvoll Monopolkapitalisten" seien
an allem Schuld. Wird bei BMW noch gearbeitet, Steuern bezahlt,
Abgaben entrichtet oder nicht? Wer baut denn die 4-türige 6er Se-
rie - na eben!
Nicht verblichen ist der ÖTV-Vorsitzende Heinz Kluncker, obwohl
sich die Kommentare zu seinem "überraschenden" Rücktritt wie Ne-
krologe lesen. Die öffentlichen Arbeiter haben vom Ausscheiden
ihres "Interessenvertreters" keinen Schaden - wer immer sein(e)
Nachfolger/in werden wird, an der Politik auf Kosten der Arbeiter
ändert sich nichts. Bedauerlich ist Klunckers Ausscheiden eher
für die Bourgeoisie: Der Mann tat ihr den Gefallen, so auszuse-
hen, wie es sich die hämischste Rancune gegen einen Gewerk-
schaftsfunktionär selbst im Traum nicht gelungener ausmalen kann.
Daß weder die Gemeinheit, die vom Arbeitervertreter freiwillige
Askese als moralischen Ausweis verlangt, recht hat, noch die Ar-
beiter bemerkt haben, daß zu der ihnen von ihren eigenen Vertre-
tern abverlangten, tarifvertraglich vereinbarten Askese, die
starken Sprüche eines Kluncker paßten wie die Schlägerei zur Bau-
ernhochzeit - das machte den Kluncker wirklich zu einer der
"eindrucksvollsten" Figuren der westdeutschen Gewerkschaftsbewe-
gung.
Noch am gleichen Tag eingegraben wurde Saudi-Arabiens König Cha-
lid nach seinem Verscheiden. Als "Ölscheich" fing er an und als
"weiser, verantwortungsbewußter Staatsmann" (Kanzler Schmidt)
ging er von hinnen. Das reicht auch schon als Nachruf, weil die
Konjunkturen seiner Biographie ganz in die Zuständigkeit des Im-
perialismus fallen.
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