Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle

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HAMBURG RUFT JENS

Der Beschluß der Hamburger Universität, Vermächtnis und Renommee einer "Bürger-Uni" durch eine neu einzurichtende "G.E. Lessing- Professur für öffentliche Wissenschaft" zu pflegen, geriet unver- sehens zum öffentlichen Spektakel. Anlaß dazu war weniger die Ab- sicht von politischem Senat und Universität, mit der "Widmungsprofessur" die "Kluft zwischen akademischen" und den vom lukrativen Geschäft mit dem höheren Blödsinn ausgeschlossenen Bürgern "verkleinern" zu wollen, als vielmehr die "leidenschaftliche Persönlichkeit" W. Jens, dem diese Unterneh- mung angetragen werden soll, und der darüber einmal ohne unmit- telbares Zutun ins "Kreuzfeuer" kam. Die Verfolger ------------- dieses "Hochgebildeten, dieses Asketen (?), dieses Schwärmers": CDU, sympathisierende Professoren und Springer-Journaille, die in dem "Extremisten im öffentlichen Dienst", wie Jens sich publi- kumswirksam in der Ausschmückung der eigenen billigen Radikalität gefällt, in zweckgemäßer Interpretation des Sachverhalts den Antritt eines "Rhetorik (eben!)-Professors in Sachen Eurokommu- nismus" mutmaßten, in der Bürgerschaft groß anfragen ließen und wieder einmal die geistige Unterwanderung der Demokratie zugange sehen: "Das Lehrprogramm von W. JENS läßt sich also voraussehen: Mit Kommunisten soll man zusammenarbeiten, den Antikommunismus be- kämpfen, Feinde unserer politischen Ordnung zu Lehrern ernennen, diese Ordnung als einen Hohn auf die Verfassung bezeichnen, das Bundesverfassungsgericht mißachten, die Bundeswehr als Feinde der Freiheit ansehen - und das alles angesichts der Ereignisse in Afghanistan (!) und der Verfolgung der Kämpfer für Menschenrechte in Osteuropa." (WELT, 5.5.80) Und das zu Zeiten, wo deutsche Schriftsteller sich in Briefen an den Kanzler um die rechte Verteidigung der Nation bekümmern! Als ob Professor Jens mit seinen öffentlichen Selbstanklagen "Wir Ex- tremisten", mit denen er sich schon damals beim Bundespräsidenten für dessen Verständnis für den kritischen Geist aufs freundlich- ste bedankte, und mit den radikalen Eitelkeiten des Geistes - "Jawohl, wir sind radikal, radikal im Denken und radikal in der Absage (1) an die Gewalt" - je etwas anderes beabsichtigt hätte als das zurschaugestellte Entzücken am Geist der eigenen Kritik. Der "Fall Jens" war mithin perfekt. Die Verteidiger --------------- des "streitbaren Unabhängigen" ließen es sich nicht nehmen, den Verdacht, mit dem CDU und journalistische Hilfstruppen den Rheto- rik-Schauspieler aus Tübingen belegt hatten, auf allen Ebenen zu entkräften. Zugunsten des freien Geistes galt die öffentliche Sympathie ganz dem mit den Insignien ausgestatten W. Jens, mit denen die Intelligenz der Nation zu Rang und Würden kommt: "Sein Ruf als Philologe, Autor, Übersetzer, mehrfaches Akademie- mitglied und vielfacher Preisträger ist unantastbar" (das Men- schenecht des Geistes!). "Man brauchte Seiten, wollte man alle seine Verdienste aufzählen." Beste Voraussetzung also, sich auch dem k r i t i s c h e n Geist dieses "großen Sohnes" Hamburgs verpflichtet zu zeigen. Eine Aufgabe, die für die Freie und dem "Geist der Toleranz" auf- geschlossene Hansestadt erwartungsgemäß Bürgermeister Klose über- nahm, der die Pose des Aufgeklärtseins gegenüber seiner studier- ten Wählerschaft bei den entsprechenden Gelegenheiten aufmerksam zu pflegen weiß. In seiner Rede vor der Hamburger Bürgerschaft breitete er gekonnt die bei intellektuellen Begutachtern des po- litischen Geschehens stets verfangende Heuchelei der dem Geist gegenüber r e s p e k t i e r l i c h auftretenden Politik aus: "Wer so verfährt, wie die CDU in diesem Hause, oder wer, bezogen auf Intellektuelle, von Ratten und Schmeißfliegen spricht, der betreibt eine Strategie der sich selbst erfüllenden Prophezeiun- gen, der drängt kritische Intellektuelle in eine extreme Ecke und empört sich dann, wenn die so (!) Angegriffenen aus dieser Ecke heraus heftig reagieren. ... Vielleicht tragen die Anfrage der CDU und die Debatte darüber dazu bei, daß wir lernen, uns um der Freiheit willen zu schämen." Der Verfolgte ------------- W. Jens weiß sich nicht nur durch das genierliche Gehabe eines Politikers in seiner moralischen Integrität geschmeichelt. Gerade die Attacken von CDU und Springer ("Ich möchte von der Springer- Presse nicht gelobt werden; also können ihre Beleidigungen mich nicht beleidigen.") haben es ihm angetan. Die Repräsentanten deutscher Kulturgröße wissen die häßlichen Töne durchaus zu s c h ä t z e n und kosten in ihnen die selbstbewußt verfertigte "Hommage an die Macht des Geistes" aus, wie nunmehr Jens sich zum eigenen "Fall" nachhaltig vernehmen läßt. Ihm kommt die angezet- telte Debatte Geist versus eine "konservative Politik", die der wohlgepflegten Illusion eigener Bedeutsamkeit für das Geschehen in der Republik schon seit je ohne große Sympathie gegenüberstand (mit den "Pinschern" haben die holden Mißstimmigkeiten angefan- gen!), recht gelegen. Er g e n i e ß t in ihr, mit gefälligen Anmerkungen aus der "Weltstadt" Tübingen versehen - "Welche Angst vor dem freien Wort" -, die V e r f o l g u n g seiner als "Aufklärung" mißverstandenen Phrasen durch die Macht, die er sich schon beizeiten ganz öffent- lich gewünscht hat. "Wir dürfen, zum ersten, nicht wehleidig sein. Selbst der infam- ste Angriff ehrt uns mehr als der Applaus, den man denjenigen zollt, die nichts als Hofnarren sind." (Historische Anmerkung: JENS verzerrt hier das Bild des Hofnarren. Diese waren seit je kritisch!) "Das zweite: Wir Schriftsteller, die wir uns als bür- gerliche Demokraten verstehen, sollten die Behauptung unserer Gegner, daß wir radikal seien, nicht als Beschimpfung sondern als Ehrenerklärung verstehen." Endlich ist es auch für W. Jens persönlich und politisch so weit! Die Koketterie mit der trutzigen Selbstlosigkeit für die edle Sa- che "unbequemer (!) Kritik" an Zuständen, die den freien Geist bewegen, gibt den raffinierten Genuß ab, mit dem ein Walter Jens s i c h im gelungenen Szenarium dieser "Hamburgischen Dramatur- gie" wohlfühlt: "Hamburg will etwas von mir!" Jens hat sich über- legt, wie das geht. Mittlerweile ist es beschlossene Sache, daß der Lehrstuhl für ihn eingerichtet wird - pro forma mit dem vor- geschriebenen Ausschreibungsverfahren. "In Kenntnis dieser Sachlage will Walter JENS sich nicht bewer- ben. Das ist eine Frage der Optik und wohl auch des persönlichen Stolzes." (ZEIT) Wie immer trifft die intellektuelle Besorgnis um den "liberalen Geist" die Wirklichkeit nicht. Denn Jens will die Demonstration der A n e r k e n n n n g des kritischen Geistes, auf die er aus ist, als Abbitte genossen wissen, die die Macht der ad per- sonam Jens verfolgten Kritik erweisen soll. Ein freier Geist wie Jens will schon wirklich b e r u f e n sein, andernfalls bringt er es lässig, weiterhin "lieber in der Weltstadt Tübingen" den eitlen "Traum vom herrschaftslosen Reich der wahrhaft Freien und Gleichen" aufzuführen. Wie wir erfahren haben, ziert sich derzeit auch Franz Becken- bauer! zurück