Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle

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DE ENTE ESSENTIA MUSCAE OBSCENAE ODER: VOM ENGAGEMENT DER SCHMEISSFLIEGE

Daß Schriftsteller, Künstler und sonstige üblicherweise mit Höhe- ren ringende Existenzen, die 1972 für den SPD-Kanzler Willy B. an allen Ecken Sympathie-Werbung betrieben, weil dieser Mann mit den Frieden- und Freiheitsgeläut in den Köpfen deutscher Bürger so gekonnt Politik zu machen verstand, im Wahljahr 1980 keine "Wählt-Helmut"-Knöpfe tragen (Grass ausgenommen), ist nicht etwa ein Zeichen politischen Desinteresses nach über 10 Jahren SPD- Herrschaft, sondern Ausdruck eines g e h o b e n e n Bewußts- eins der Intelligenzler, die sich - ein Erfolg jener Politik - im heutigen Deutschland a n e r k a n n t fühlen. Heutzutag schreibt man nämlich aus "der besonderen Verantwortung der Deutschen für den Frieden" (Grass und Co.) Briefe an seinen Kanzler - pardon, man "wendet sich" natürlich vertrauensvoll "an die Regierung der Bundesrepublik Deutschland", und zwar weil diese Form dem Anliegen, "über die Zukunft der beiden deutschen Staaten mitzuentscheiden (!)", gemäßer ist. Daß Schmidt seinen Bölling den "Offenen Brief" ein "unausbalanciertes Dokument" nen- nen ließ, war nicht weiter schlimm, da die Regierung, die i h r e politischen Gewichte längst anders gesetzt hatte, grade dadurch das Gesamtverhältnis für alle Beteiligten - auch für die Briefschreiber - "ausbalancierte". Daß ein solcher Konsens für die weitere Zusammenarbeit nur ge- deihlich sein kann, zeigte tags darauf der schöne Erfolg unserer Katja Ebstein beim internationalen Ausscheidungssingen der Euro- vision in Den Haag, der um so höher bewertet werden muß, insofern er mit politischem Augenmaß als z w e i t e r Platz hinter Ir- land als einem Land errungen wurde, das dank solcher Ehre seinen bescheidenen Part im Konzert der Großen nun mit gesteigertem Selbstwertgefühl spielen kann. Es ist klar, daß die häßlichen Töne, die unlängst ein Strauß (lat. struthiocamelus) gegenüber den verdienten Meistern deut- scher Kulturarbeit ausstieß, bei den als "Ratten und Schmeißflie- gen" apostrophierten keinen Jubel auszulösen vermochten. In der Tat sind die Kulturleistungen der Schmeißfliege (lat. musca ob- sena) vergleichsweise unerheblich, und welche armselige Ratte hätte sich je wie Günther Grass mit seiner dümmlichen Kritik pro- filiert an einer "amerikanischen Regierung, die spätestens (!) seit Vietnam jedes Recht (!) auf moralische Apelle verloren hat" ? überhaupt, die Tiervergleiche: Ist es nicht (Verzeihung!) eine Viecherei, wenn ausgerechnet der Stierkämpfer von der Goltz im Deutschen Fernsehen den alten Palästinakämpfer und Araberfresser Begin ein "Schwein" nennt? Und daß Franz-Josef "mit diesem Sau- stall aufräumen" will, ziert ihn ebenfalls nicht. Aber darauf war er ja auch gar nicht scharf, als er mit wohlfeilen faschistischen Sprüchen den Beifall eines Publikums provozierte, daß ihm die nächste Wahl gewinnen helfen soll. Die beschimpften Kulturschaffenden mochten sich indes darüber noch längst nicht zu der Einsicht durchringen, w i e in der Re- publik, die sie so gern als ihre bezeichnen, Politik wirklich g e m a c h t wird - nämlich ohne sie. Getreu ihrem Selbstver- ständnis, daß es auf nichts so sehr ankommt, wie auf ihren kriti- schen Senf (von dem sie auf ihre eigens einberufene Schriftstel- lertagung in München extra ein paar Töpfchen mitgebracht hatten), nutzten sie das Ratten-und-Schmeißfliegen-Zitat, um damit eine Diskussion über sich selbst und die Bedeutung ihrer von Strauß despektierlich behandelten Existenz anzuzetteln. Den Beweis, daß es sie als den Nährboden der Demokratie geben muß, führen sie mit gekonntem Erkenntnisinteresse anhand der auch von Strauß nicht bestrittenen Tatsache, daß es sie in diesem Staat g i b t - und zwar zahlreich. Die "Freiheit-statt-Strauß"-Aktivisten pochen darauf, das Ratten-Urteil ihres Gründungsmitgliedes dürfe auf keinen Fall bloß dem Engelmann gegolten haben: Ratten ist nämlich Plural! Wieso sonst sollten sie sich so darüber empören, daß der Kandidat nicht mit ihnen vor Gericht will (Mann, das wäre eine Publicity!)? Wieso sonst hätte ein Walter Jens das Bedürfnis, vor aller Welt auch zum Verein der Ratten zu gehören? So sieht das politische Bewußtsein eines deutschen Intellektuel- len 1980 aus: Seine Existenz ist ihm ein Politikum, ohne daß er sich fragen müßte, w a s er überhaupt tut. Journalisten wie En- gelmann, Literaten wie Grass oder Spaßvögel wie Udo Lindenberg sind unterschiedslos einfach dadurch der Segen dieser Republik, d a ß sie sind, wer sie sind, und ihr Tun darauf richten, es zu b l e i b e n. Wenn der CSU-Stoiber den Spruch losläßt, daß man das "Kunst- privileg" nicht "mißbrauchen" dürfe (na klar: Jedes Recht auf Freiheit beinhaltet seine Einschränkung), fällt ihnen deshalb nur das Lamento ein, mit Strauß gingen "gute Manieren, geistige Freiheit, soziale Gesinnung... (verloren) - alles in allem also eine Atmosphäre, in der sich der Schriftsteller w o h l f ü h l t, in der er ungestört arbeiten kann." (Taddäus Troll) Welche Bescheidenheit dieser Trollos, wo doch heute angeblich nicht nur die Bücher brennen, sondern schon die Vergasungsöfen bereitstehen: "Eigentlich wollten wir über den Schutz von Büchern sprechen, aber jetzt geht es schon um den Schutz von Autoren." (Bernt En- gelmann auf dem VS-Kongreß) Dank dieser kleinen Erfindung gibt es für das Belabern der holden Nöte des Geistes keine Grenzen mehr. Und so kann auch die Münch- ner AZ über den Schriftstellerkongreß im Hofbräuhaus befriedigt feststellen, daß "Strauß, Schmidt, Freiheit, Zensur, Staat, Medien, Grundrechte... wohl die am häufigsten gebrauchten Wörter auf diesem Kongreß" waren, was sich irgendwie auch als "Absturz in die Zeit der Sprachlosen" darstellen läßt, wenn man dabei die "Risse durchs Ganze" berücksichtigt. Unter Herbeibemühung eines "privat-famili- ären Faschismuserlebnisses in Spanien" ergibt sich die "'Kopfgeburt' eines Deutschland, in dem die Angst eine größere Zuwachsrate hat als die Bevölkerung" (Günther Grass) etc. pp. Keine Frage also, was die auf ihrem "Ungeziefer-Kongreß" gelei- stet haben: "einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Welt, in der wir le- ben müssen." Engagiert setzten sich die Experten mit ihren selbstgeschaffenen Hindernissen auseinander, richteten ihre "Sprache gegen den rüden Freund-Feind-Jargon"; "da wurde jede Geschmacksrichtung bedient", was summa summarum "mit Literatur im engen Sinne... natürlich nichts zu tun (hatte)," aber schlagend die Frage beantwortete, die sich der Kongreß als Motto gestellt hatte: "Literatur 1980 - wohin geht die Reise?" Na klar, sie geht um der Freiheit des deutschen Gemeinwesens willen weiter in der Kunst souveräner Blö- delei, die dankbar ist für jeden Anstoß von außen, der ihr Mate- rial liefert. Merke also: "Ein Rattenloch ist kein Vogelnest". oder wie wär's mit "einem assoziativen Text über die Freiheit: vom Freischild der Toilette zum Freizeichen am Telefon"? (Karlheinz Frank) Oder etwas handfester nach dem Muster von Walter Jens, der an der Judenvernichtung der Nazis mit gewohnter Meisterschaft einen g e i s t i g e n Aderlaß der Nation diagnostizierte? (KZ-Wal- terchen ist zum kritischen Dialog allzeit bereit) Mit ihrer Strauß-Kampagne bestätigen die Künstler einmal mehr ihre parasitäre Könnerschaft, Empörung zu heucheln, um sich dar- über die geistige Freiheit gegenüber einer Welt zu sichern, die ihnen das natürlich immer wieder zu wenig dankt. S i e ist es nämlich, die sich mit ihrer Kulturschickeria den Luxus höheren Blödsinns gönnt, den ihr ein Udo Lindenberg unter leichter Ver- kennung dieses Zusammenhangs entgegenschleudert: "Ich fordere, wie viele und immer mehr in diesem unseren Land, 'totale Demokratie'- und zwar sofort, sonst volle Panik auf der Titanic!!" zurück