Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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Heinrich Böll, Bild, Bonn, Boenisch
DIE VERUNGLIMPFUNG DER BONNER POLITIK DURCH IHREN SPRECHER,
ENTLARVT UND AN DEN PRANGER GESTELLT DURCH DEN IDEELLEN
GESAMTSPRACHWART DER DEUTSCHEN NATION
Heinrich Böll hat einen Skandal ausgemacht, der keiner geworden
ist: Der ehemalige "Bild"-Chefredakteur Boenisch als Regierungs-
sprecher. K e i n Skandal wäre es für Böll gewesen, wenn Boe-
nisch und "Bild" weiter gemeinsam gehetzt hätten; der Skandal ist
auch nicht die Regierungspolitik, die Boenisch jetzt vertritt,
auch nicht, wie er das macht, sondern ausschließlich, daß e r
es tut.
Aus Bestürzung darüber hat Böll 200 alte "BamS"-Kolumnen durchge-
fleddert und daran bemerkenswert wenig festgestellt. Wenig, weil
Böll, Superdemokrat, der er ist, Boenisch dessen politischen
Standpunkt gleich rundum als dessen gutes Recht zugesteht und
sich ausschließlich auf 'unsaubere Durchführung' verlegt. Partei-
enkonkurrenz, Politikerverehrung und -verunglimpfung, Opposition
und Stimmungsmache, eben Meinungspluralismus, all das ist Böll
heilig. Meint er doch gerade, diese feinen Institutionen gegen
Benützer von der Art Boenischs verteidigen zu müssen.
"Primitiv-Bonmotismus in Meinungsmulm gehüllt... Boenischs
demagogische Taktik bestand darin, nur seine Meinung zu sagen,
immer so, daß man dahinter Tatsachen wittern konnte, die er nicht
beweisen mußte..."
Als ob in der gesamten Öffentlichkeit jemals etwas anderes ver-
breitet würde als Meinungen, als die Subsumtion der Vorkommnisse
unter die Maßstäbe und Ideale demokratischen Regierens, als ob
sich "Zeit" oder "Süddeutsche" von "Bild" ausgerechnet durch be-
glaubigte Tatsachen unterscheiden ließen, pflegt Böll das hohe
Ethos der ehrbaren Presse. Ob "seriöser Journalismus" die
Brandt/Bahrsche Ostpolitik damals als Verrat an der Nation angif-
tete oder Boenisch dasselbe Urteil für seine Klientel mit Bahrs
jüdischer Herkunft illustrierte - Böll will da gewaltige Unter-
schiede sehen. Boenisch hat bei BamS nichts anderes betrieben,
als dem gesunden Menschenverstand des kleinen Mannes die staats-
zersetzende Wühlarbeit der Linken, Ausländer, SPD, Gewerkschaften
und anderer sittenwidriger Subjekte nebst ihren positiven Gegen-
stücken in Politik und Alltag vorzuführen. Wo aber eine SPD-sym-
pathisierende Moralwachtel einen Könner in Sachen faschistischer
Moral sezieren will, kommt etwas anderes heraus: Dem Mann fehlt
das "Niveau", nämlich der politische Geschmack von Böll. Boe-
nischs M e t h o d e n beherrscht Böll nämlich ebensogut. Boe-
nischs Argumente unter der Gürtellinie mißfallen ihm dermaßen,
daß er sie postwendend umkehrt:
"...daß er sich für den hübschesten aller Schreiber hält (Mein
Gott, hat der Sorgen!)..." "Kein Intellektueller..."
Und die Untersuchung der Politik nach anständigen und verkommenen
Subjekten ist schließlich Bölls ureigenes Steckenpferd. Was hat
diese primitive Type im Kanzleramt verloren?
Was hat sie da wohl verloren? Daß gerade ein BamS-Kolumnist ganz
ausgezeichnet zur geistig-moralischen Wende paßt und im Unter-
schied zum früheren amtlich-diplomatischen Habitus dem immer an-
spruchsvolleren deutschen Nationalismus auch schon mal mit Motten
Hetzreden Ausdruck verleiht, dieser einfache Gedanke wäre Böll
wahrscheinlich zu niveaulos. Er verlegt sich lieber auf dunkle
Verschwörungstheorien.
"Bild regiert jetzt mit." "Weiß denn der Bundeskanzler immer noch
nicht, wen er sich da angelacht hat..." "Ich wage sogar zu be-
zweifeln, daß er hinter der Regierung steht..."
Und der schlimme Strauß steht schon wieder als Drahtzieher im
Hintergrund ohne ein einziges Argument, was denn Strauß ganz an-
ders machen würde als Kohl, was Kohl ganz anderes meint als Boe-
nisch. Es dräut Gefahr. Bei soviel umständlicher Unkerei ist der
Verdacht nicht zu vermeiden, daß sich Böll sauwohl fühlt in die-
ser Republik. So wohl, daß ihn nicht mehr quält, als daß deren
ehrwürdige Politik heutzutage durch das Organ eines ehemaligen
Bildmachers hindurch muß. Logischerweise bleibt auch nur ein Op-
fer übrig: die deutsche Sprache. Nach Böll verlangt sie neuer-
dings, daß nur sittlich astreine Gedanken, Demokratieideale sei-
nes Zuschnitts in ihr gesagt werden.
Weil Böll sich mitten in seinem Buch beklagt, es sei ihm nicht
gelungen, Boenischs Weltbild zu fassen zu bekommen, und weil ihm
seine standesbewußten intellektuellen Rezensenten ausgerechnet
darin beipflichten, Boenischs schriftstellerische Hauptsünde sei
"griffige Schwammigkeit" (Frankfurter Rundschau), er sei "weder
ein politischer Kopf noch ein begabter Schreiber" (Frankfurter
Allgemeine), eine kleine Richtigstellung. Boenisch h a t bzw.
bekräftigte ein Weltbild, ein äußerst p r ä z i s e s und
schlagfertiges. Eine solche moralische Unterweisung der Massen
gelingt nur einem eminent p o l i t i s c h e n Kopf und einem
für diesen Zweck eben auch begabten Schreiber.
"Wenn die Massen p o s i t i v zur staatlichen Gewalt stehen
und zugleich u n z u f r i e d e n mit der praktizierten Poli-
tik sind, dann liegen sie richtig. Die Aufgabe der Massenblätter
besteht darin, ihnen die S c h u l d i g e n zu nennen... Die
Entlarvung dieses Gesindels fordert geradezu den Trost heraus,
den wertvolle Bürger verkörpern - die es eben auch überall gibt.
Die Moral dieser politischen Berichterstattung läuft darauf hin-
aus, daß jeder anständige Bürger noch anständiger bleibt, mit dem
Staat zufriedener und seinen Schädlingen und Schmarotzern gegen-
über unversöhnlich..." (Marxistische Gruppe, Der bürgerliche
Staat, Paragr. 10, Reihe Resultate Bd. 3).
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