Quelle: Archiv MG - KULTUR KUNST/DICHTER - Kunst, Dichter, Intellektuelle
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Heinrich Böll +
DIE VERSTORBENE EHRE DER BRD
"Ich verstehe Deutsche nicht, die nicht- in Deutschland leben
wollen. Es ist unmöglich, das in einem anderen Land zu tun..."
"Ich bin ein Anarchist... einer, der keine Autorität über sich
anerkennt. Ich bin der Verfassung verpflichtet und zahle meine
Steuern..." (Der Dichter in seinem letzten Interview)
Selten ist die Leiche eines Künstlers so schön wie die von Böll:
erfolgreich u n d dezidiert kritisch war er - mit einem Wort
ein Bild deutscher R e d l i c h k e i t, und als solches auch
dem Ausland - auch und vor allem dem östlichen - gegenüber so gut
vorzeigbar. Und zu alledem - was ihn nun auch bei den Rechten an-
genehm macht - ist er jetzt auch noch tot.
Bei einer solch glücklichen Konstellation steht der
"künstlerische Wert" seiner Hervorbringungen außer Zweifel. Es
bleibt einem die feuilletonistische Mühe erspart, die gelungene
Form der wertvollen Botschaft aus dem "Werk" erst noch heraus-
zudröseln. Denn letztere liegt bereits in ihrer reinsten Form
vor, nämlich auf der platten Hand.
"Wie gut der Schriftteller Böll wirklich war, wird nach seinem
Tod neu diskutiert werden... Heute ist festzuhalten, daß und wie
sich dieser gute und gut schreibende Deutsche um seine Zeitgenos-
sen, seine Landsleute und sein Land verdient gemacht hat."
(Spiegel)
Der ansonsten gerne geschmäcklerische "Spiegel" verleiht dem Li-
teraten kurzerhand einen Verdienstorden, der höchste Repräsentant
der Staatsautorität, Weizsäcker, lobt ihn als "Anwalt der Schwa-
chen" und "Feind der Selbstgerechtigkeit", auch der Kanzler fin-
det Gemeinsamkeiten ("hat eigene Ansichten nie verleugnet"). Mehr
konnte Böll, dem die öffentliche Achtung gegenüber ihren wohlmei-
nenden Kritikern als d a s Kriterium der Integrität der BRD
galt, auch als Lebendiger nicht erreichen - so daß es schwer-
fällt, die allseitige Behauptung, er sei "z u f r ü h gestor-
ben", nachzuvollziehen. Das heißt allerdings nicht, daß Böll
selbst, hätte er all die gute Nachrede noch erlebt, diese ohne
Zeichen der Reserviertheit aufgenommen hätte; keine der öffentli-
chen Würdigungen versäumte es, als besonders reizvolle Eigenart
hervorzuheben, daß ihn öffentliche Würdigungen gar nicht so recht
zufrieden gestimmt hätten. Daß er den Gestus des
V o r b e h a l t s gegenüber den "Institutionen" nie lassen
mochte, war er seinem Beruf schuldig: Er war ja nicht nur ein
guter Deutscher, sondern ein s c h r i f t s t e l l e r n d e r
guter Deutscher.
Das fing damit an, daß er
"aus einem ziemlich langen Krieg nach Hause kam, fast nicht besaß
als die Hände in seiner Tasche, die Hände, mit denen er dann zu
schreiben begann." (Böll über Böll)
Soweit das Böllsche "Schlüsselerlebnis". Das Bezeichnende daran
dürfte allerdings weniger im Inhalt "seiner Tasche" bestanden ha-
ben, als vielmehr in dessen weiterer Verwendung. Während die
restliche "Kriegsgeneration" ihre Hände notgedrungen für den
"Wiederaufbau" zur Verfügung stellte, brachte Böll das Bedenken
zu Papier, daß man dies nicht so ohne weiteres könne. An der
"Restauration" kritisierte er dabei nicht das Ausbeutungs- und
Herrschaftsverhältnis als solches, das sich da so flott sanierte.
Im Gegenteil: In dem bescheidenen Auskommen, das seine Zeitgenos-
sen im Dienst an dem nachmaligen "Wirtschaftswunder" fanden, wit-
terte er einen schnöden E r s a t z - für die
G e s i n n u n g, die ihnen jetzt eigentlich nottäte:
"Außer Materiellem, und ich möchte fast sagen, außer krassem Ma-
terialismus (hat) man diesen Menschen nichts geboten. Das kann
natürlich nicht gutgehen."
Dabei wäre der verlorene Krieg d e r Anlaß für das deutsche Ge-
meinwesen gewesen, sich zu Herzen zu nehmen, was der
"Trümmerliterat" für dessen eigentlichen Daseinszweck hielt:
seine Selbstbekehrung zu einer Organisation tätiger Reue, die
durch allseitiges Wälzen der gemeinschaftlichen S c h u l d dem
eingefleischten Katholiken den Gefallen tun sollte, dessen Vor-
stellung vom Staat als einer G e w i s s e n s a n g e l e-
g e n h e i t wahrzumachen.
Die neue deutsche Demokratie gewahrte jedoch in den Trümmerhau-
fen, als die sich die Wohn- und Arbeitsstätten ihrer Untertanen
zunächst darboten, durchaus nicht das, was der Literat in sie
hineingelegt hatte: ein Sinnbild für die "Fragwürdigkeit tradier-
ter Werte". Sie ließ diese vielmehr einfach beiseite räumen und
blieb bei dem "Wert", den ein Staat in einem verlorenen Krieg al-
lemal "findet": die Produktion von Reichtum wieder in Schwung zu
bringen und damit zu sanieren, was allein "fragwürdig" geworden
war: das Gewicht der Staatsgewalt gegenüber der restlichen Staa-
tenwelt. In dieser ordinären Zwecksetzung ließ sie sich auch da-
durch nicht irritieren, daß der zutiefst deutsche Böll sich of-
fenbar in den Kopf gesetzt hatte, ausgerechnet Deutschland sei
dazu berufen, gegenüber den allgemeingültigen Prinzipien der Ge-
walt eine rühmliche Ausnahme zu machen:
"Er lebte eine M ö g l i c h k e i t, schrieb sie uns zu Herzen
- eine a n d e r e Möglichkeit zu sein, auch: d e u t s c h
zu sein." (FR)
So blieb sein herzensguter Nationalismus denn auch stets eine
a n d e r e Art, deutsch zu sein: Böll wurde e n t-
t ä u s c h t e r Deutscher, "Dissident im eigenen Land" (FR),
und versah in der Folge diese Tätigkeit, indem er a) die
Eigenarten und Wirkungen der imperialistisch ambitionierten Demo-
kratie stets als spezifisch d e u t s c h e charakterliche Un-
arten rubrifizierte, unter denen b) er selbst als spezifischer
Deutscher immer g a n z p e r s ö n l i c h litt.
"Die Deutschen beängstigen mich bis zum heutigen Tag mit ihrer
Gründlichkeit und Ordnung. Es wird mir Angst vor unseren Erfol-
gen, vor dem Ausmaß unserer wirtschaftlichen und militärischen
Kraft."
"Es ist das Recht, möglicherweise sogar die Pflicht, der amerika-
nischen Regierung, energisch - gelegentlich brutal - ihre Inter-
essen zu vertreten. Die Frage ist nur, ob diese Interessen mit
denen Deutschlands übereinstimmen. ... Man schämt sich angesichts
dieser Anbiederung und Untertänigkeit der Union ja geradzu, ein
Deutscher zu sein. Zum Glück sitzen dort (in der amerikanischen
Regierung) Amerikaner... besser als diese deutschen Radfahrer..."
Der beispielhafte Gewissensmensch ist ja schließlich nicht gegen
den imperialistischen Zweck selber: Auf Seiten des Machers ent-
deckt er dessen gutes Recht mit dem Odium des Mitmachers mag er
sein gutes Gewissen jedoch ungern belastet sehen. Als beispiel-
haft national denkender Gewissensmensch versteht er das Mitmachen
seiner eigenen Herrschaft in diesem Sinne als persönliche Zumu-
tung, gegen die er sich durch den Vorwurf des b l o ß e n Mit-
machertums - der (un)nationalen Charakterlosigkeit, der e r
sich nicht anschließen will - verwahrt.
Der "besorgte Beobachter und treue Kritiker der BRD", der "ihr
auf unvergeßliche, unerläßliche Weise ins Gewissen geredet hat"
(Spiegel), fand an den Machenschaften der BRD-Herrschaft von den
Adenauerschen Nachkriegs- bis zur Kohlschen Vorkriegsära stets
e i n Thema: daß diese es ihm schwermachten, sich mit der amtie-
renden Obrigkeit - insbesondere der christdemokratischen - cha-
rakterlich gemein zu machen. Zwar hatte d a s gar niemand von
ihm verlangt - Böll ließ es sich jedoch nicht nehmen, zeitlebens
die H e r r s c h a f t an den Maßstäben der Tugenden zu mes-
sen, die sie ihren U n t e r t a n e n abverlangt, und den al-
bernen Befund, daß sie in dieser eingebildeten Moralkonkurrenz
schlecht abschneidet, als persönliches Exempel vorzuführen. Gegen
die von oben verkündete und im Volk praktizierte Moral - den
Glauben in die Unerläßlichkeit der eigenen Unterordnung - setzte
er die von ihm extra gelebte Fiktion einer ganz freiwilligen,
durch keinerlei äußere Beschränkung erzwungene Tugendhaftigkeit,
und gedachte die Obrigkeit samt ihrer "karrieretüchtigen" Unter-
tanenschaft dadurch des bloßen "Lippenbekenntnisses" zu überfüh-
ren.
Um jeden möglichen entsprechenden Verdacht an die eigene Adresse
- es handle sich bei seinen moralischen Einlassungen etwa auch
nur um die verbrämte Form eines eigenen Interesses - gleich im
Ansatz auf seine Urheber zurückfallen zu lassen, hielt er es
stets für geraten, sich auf den höchsten Herrn zu berufen, von
dem bekanntlich auch die irdische Obrigkeit ihre Macht nur ausge-
liehen hat. Nachdem er in seinen frühen Jahren schon den Ruf der
christlichen Prinzipientreue dadurch sicher gestellt hatte, daß
er der klerikalen Mafia im Namen ihres eigenen Ahnherren an den
Karren fuhr, konnte man sich auch bei jeder folgenden Böllschen
"Einmischung" sicher sein, daß sie darauf abzielte, "der deut-
schen Gesellschaft den Stachel urchristlicher Provokation ins
Fleisch zu setzen" (FR). Zu besonders eindrucksvollen Dokumenten
gottgefälliger Einfalt verhalf ihm namentlich der wiederholt
praktizierte Einfall, der BRD-Herrschaft, wenn es ihr gerade aufs
d e m o n s t r a t i v e "Durchgreifen" ankam, mit der Vorhal-
tung zu kommen, sie lasse die überlegene Größe vermissen, die sie
viel eher durch "Gnade" beweisen würde. Dabei kam es ihm allemal
auf nicht mehr als auf eine Geste an; schließlich mißfiel ihm ja
an der Macht ausdrücklich deren zur Schau gestelltes
S e l b s t b e w u ß t s e i n.
"Mein Gott (!), was ist das für eine Demokratie. Dabei hatten die
Oberschnauzmichel Barzel und Schmidt ihre Katze doch schon im
Sack. Konnten sie es denn nicht gut sein lassen, konnten sie
nicht ein bißchen 'gnädig' sein? Sie konnten es nicht, keiner
konnte es: ein schnöder Verein. Mit diesem Wort sind die Bundes-
tagsdebatten über die Notstandsgesetze abgetan: schnöd. S o
schnöde wäre Adenauer nicht gewesen: bei einer solch überwälti-
genden Mehrheit... hätte er wahrscheinlich ein bißchen Gnade wal-
ten lassen." (zu den Notstandsgesetzen)
"...keinerlei Signal dafür, daß sie für so etwas wie 'Amnestie'
plädieren oder gar 'Gnade vor Recht' erwirken wollen: kein Signal
dafür, daß sie diese Schande auslöschen wollen. Im Gegenteil: Der
Tonangeber in Baden-Württemberg, der außerdem noch einen hohen
Wahlsieg aufweisen kann, weicht keinen Millimeter zurück... läh-
mende Wirkung..." (zum Radikalenerlaß)
Gegen die alberne Empfehlung, durch V e r z i c h t auf die
Durchsetzung des herrschaftlichen Interesses zu beweisen, daß man
die Macht v e r d i e n t, setzten die Vollstrecker der Rechts-
staatlichkeit den Beweis, daß sie nicht minder prinzipienfest
sind. Als Böll anläßlich des als "Deutscher Herbst" bekannten Ex-
empels des staatlichen Gewaltmonopols meinte, zumindest einer -
er nämlich - müsse doch "Ulrike Meinhof Gnade oder freies Geleit
anbieten", mußte er erleben, daß auch Seichbeuteleien urchristli-
cher Provenienz zu staatsfeindlichen Manifestationen geraten kön-
nen, wenn der Rechtsstaat und seine öffentlichen Propagandisten
es so wollen.
Anstatt sich der Einsicht auszusetzen, daß G e w a l t das Kri-
terium der Moral ist, blieb sich der gute Mann in diesen wie in
ähnlichen Fällen lieber selbst treu und glaubte, die Anfeindun-
gen, die er durch seine Distanzierung von den Begleitmaßnahmen
staatlicher Aufräumaktionen - der Gesinnungshetze - auf sich zog,
durch seine hohe Meinung von der Demokratie entwaffnen zu können:
"Oh, ihr Anwälte der Freiheit, wollt ihr wirklich so etwas wie
eine Karnickelgesellschaft, die ihr gleichzeitig nach geistiger
Erneuerung" (nach welcher wohl?) "ruft und euch auf christliche
Werte beruft?"
"...sonst sacken wir - ich sage wir, die Bundesrepublik in diesem
Fall - sacken wir wirklich in einen verödeten Staat ab, was die
Leute gar nicht wollen - ich unterstelle das keinem..."
Es ist also beileibe nicht so, daß der redliche Böll wenigstens
den Verdacht der H e u c h e l e i hätte wirklich gegen die
"Mächtigen" und ihre öffentliche Meinung verwenden wollen. Auch
der übelsten Hetze begegnete er stets damit, daß diese doch gar
nicht so gemeint sein k ö n n e; könne doch auch die Gegenseite
sich der Gemeinsamkeit in den Werten, die auch sie im Munde
führe, schlechterdings nicht entziehen.
Freilich hätte er, wenn er wirklich einmal einen noch so periphe-
ren G e g e n s a t z zur Herrschaft aufgemacht hätte, auch von
der Stilisierung seiner eigenen Person zu einem Musterbild seiner
Romanfiguren Abstand nehmen müssen: von der Selbststilisierung
zum Inbegriff des gutwilligen, auf jeden Fall h a r m l o s e n,
aber doch immer mißverstandenen und daher u n b e r e c h-
t i g t e r w e i s e "an den Rand gedrängten" Zeitgenossen, der
schon dadurch, daß er solches erdulden muß, als ein bleibender
Vorwurf gegen die allseits drohende "Schnödigkeit" herumläuft. So
war sein ganzes öffentliches Auftreten, seine geradezu penetrante
Tour, die Schafsnatur als Überlegenheit vorzuführen, dazu
angetan, den Nachweis der Glaubwürdigkeit seines Generalthemas zu
führen: daß das höchste und zugleich am meisten bedrohte Gut die
"Würde" des Untertanen ist, und daß die Herrschaft sich selbst
den besten Gefallen tun würde, wenn sie dessen Dienstbereitschaft
nicht nur in Anspruch nehmen, sondern sie ihm auch - klein und
rein wie er ist - mit der ihm dafür gebührenden "Achtung"
entgelten würde.
Da Böll diese Belehrung als persönliches Exempel durchexerzieren
wollte, legte er schließlich auch dann, wenn i h m darob öf-
fentliche Anerkennung zuteil wurde, eine demonstrative Distanz an
den Tag. Als das "Gewissen der Nation", als das er sich andauernd
hervortat, wollte er dem Vernehmen nach nicht gelten.
"Die Literatur als moralische Auskunftei zu gebrauchen, ist eine
unzulässige Vereinfachung."
Nein, so einfach wollte er es dem Rest der Welt nicht machen,
s e i n e Predigten zu goutieren und sich dann damit womöglich
ihrer Gewissenspflicht zu entledigen! Da sei Böll vor, daß am
Ende gar die "Schnöden" seine Edelkeit dazu mißbrauchten, sie
sich unverdientermaßen an den eigenen Hut zu stecken. Da wäre ja
schließlich der ganze Wert der Literatur hin, wenn sie i h r e
Tour, der Herrschaft die Ehre zu erweisen, nicht als Herumreiten
auf ihrer h ö h e r e n moralischen Verpflichtung betriebe:
"Der Schriftsteller, der sich dem Mächtigen beugt, sich gar ihm
anbietet, wird auf eine furchtbare Weise kriminell, er begeht
mehr als Diebstahl, mehr als Mord":
er bewiese nämlich die Überflüssigkeit eines extra um die
G l a u b w ü r d i g k e i t der von den Mächtigen reklamierten
Werte besorgten Standes.
Als Vertreter eines besseren, geistigen Deutschlands, das sich in
der platten Beschränktheit seines Politikerpersonals nicht wie-
derzuerkennen vermochte, begriff Böll sich als D i s s i d e n t
in und für seine Heimat. Wo die Macher versagten, stand er für
die moralische Verantwortung der Bundesrepublik für die Welt ein.
Dieser selbst gewählte Auftrag wurde ihm nicht bestritten, und so
konnte Böll nicht umhin zu bemerken, daß seinesgleichen im östli-
chen Lager die Ehre nicht zuteil wurde, mit den Wahrheiten eines
Clowns einen anerkannten Platz im geistigen Leben der Nation zu
bekommen.
So kam der Schriftsteller ganz eigenständig zu dem Schluß, daß es
sich bei der UdSSR um ein beispielloses Verbrechen an den Men-
schenrechten handelt. Um das sichtbar zu machen und zu Abhilfe
aufzurufen, setzte er sich persönlich für den Glauben ein, der
Westen wäre ein geborener Hort für jede geistige Freiheit. Was
Solschenyzin und Sacharow dachten und wollten, war dabei neben-
sächlich, Böll setzte sich für ö s t l i c h e D i s s i-
d e n t e n ein. Persönlich befreundet war er mit Kopelew, der
als echter Russe und ehemaliger Kommunist zeitlebens deutsche
Literatur und Kultur geliebt hat und darüber fromm geworden war.
Mit den "kalten Kriegern" machte sich Böll nicht gemein. Er
sprach als Freund Rußlands und seines guten Volks und nahm das
Bekenntnis einer Schuld auf sich, für die er nicht verantwortlich
war, die er aber um so lieber auf sich persönlich bezog:
"Aus Schuld der Deutschen hatte Rußland einen ungeheuren Blutzoll
im letzten Krieg zu zahlen."
Damit hatte er sich das Recht erworben, den Ostblock, der mit Ge-
walt und Verfolgung moralische Rücksichten mit Füßen tritt, ge-
nauso zu tadeln wie alle anderen. Berufen konnte er sich darauf,
daß die so Angesprochenen den Antifaschisten Böll wertschätzten
und übersetzen ließen, als Beispiel einer einsichtigeren BRD, in
der sonst immer noch "der Revanchismus sein Haupt erhebt".
Das äußerste Mittel literarischer Gestaltungsmöglichkeiten, die
demonstrierte Sprachlosigkeit, hat Böll nur einmal eingesetzt.
Beim Verbot der Solidarnosc verschlug es dem Wortkünstler so
wirksam die Sprache, daß das gestammelte Entsetzen um so wirk-
mächtiger zum Zug kam. "Und es hat mir die Sprache verschlagen...
Das Wort, was mir am besten auszudrücken scheint, auch nur annä-
hernd, ist Entsetzen." Die zu diesem Anlaß so glaubwürdig vorge-
führte persönliche Betroffenheit zeugt davon, daß Böll ein Mei-
ster der literarischen Verfremdung war. Für ihn war die vorge-
führte Absetzung des Geistes von einer bloß geistlosen Gewalt das
Mittel, um beides um so besser miteinander verwechseln zu können:
"Wir scheuen uns nicht, Einmischung zu praktizieren und um Einmi-
schung zu bitten!"
Im besseren deutschen Geiste.
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