Quelle: Archiv MG - KULTUR FILM - Von Wim Wenders u.a.
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Ein Nachtrag zum letzten Semester
KRIEG UND KINO
"Manche meinen, Krieg und Kino kann man nicht verwechseln. Werch
ein Illtum!" (Frei nach Ernst Jandl). Man kann sogar aus dieser
Verwechslung akademisches Kapital schlagen. Ein erfolgsträchtiges
Buch und eine gut gefüllte Einführung im Rahmen der "Film-, Fern-
seh-, und Theaterwissenschaften" kommen dabei noch allemal her-
aus. Paul Virilio und Heide Schlüpmann sind der Beweis, ersterer
in Gestalt des der Veranstaltung zugrundeliegenden Werks "Krieg
und Kino. Zur Logistik der Wahrnehmung". Ein paar Kostproben dar-
aus, der Einfachheit halber paraphrasiert:
"Man redet vom 'Fotoschuß'; Kameraerfinder nannten ihre Geräte
'astronomische Revolver' oder 'Standhaubitze'; filmtechnische Ap-
parate dienten als Simulator zur Ausbildung von Kampffliegern,
und ein früher Filmfritze bannte im Auftrag der Reichsmarine
Schießübungen aufs Bild; Filmgesellschaften und Produktionsstät-
ten wurden auch durch das Propagandainteresse kriegführender
Staaten ins Leben gerufen, und Filmleute stellten ihre Kenntnisse
in den Stand patriotischer Frontberichte; Napoleon soll einmal
gesagt haben, Krieg sei die Fähigkeit zur Bewegung - das Kino
sagt schon im Namen, daß es um bewegte Bilder geht; die Schnitt-
und Montagetechnik arbeitet mit Überraschungseffekten - auch im
Krieg kommt es bisweilen sehr auf das Überraschungsmoment an usw.
usf. Kurzum: Krieg und Kino seien ein intensives Wechselwirkungs-
verhältnis."
Daß die Analogien an den Haaren herbeigezogen sind, macht gerade
den Witz aus. Daß dieser schlechte Witz salonfähig ist, erfordert
nur eines: Das Dogma der strukturalistischen Methode, je abwegi-
ger und widersinniger, um so aufschlußreicher und tiefgründiger
muß in der Geisteswissenschaft als respektable Auffassung gelten.
Und wer wollte bestreiten, daß das in der modernen Wissenschaft
so ist. Da schickt man noch die kleine kokette Problematisierung
vorweg, "ob Virilio nicht vielleicht zuviel assoziiere und sugge-
riere", und schon ist der Weg frei, mit Virilio tiefgründig über
die "strukturelle Identität" von Krieg und Kino zu assoziieren.
Und wo Kino letztlich Krieg ist, muß die Umkehrung auch erlaubt
sein: Findet heutzutage unter den Bedingungen elektronischen
Kampfgeräts nicht der Krieg sowieso als Kino statt, wo "der Kämp-
fer das eigene Tun am Bildschirm verfolgt"?! Ganz zu schweigen
davon, daß die Wirkung von Bob Hopes 'Lachsalven' mindestens so
tödlich ist wie echte Granaten: "Die Kinoentwicklung zerstört
Vernunft, Sinne und letztlich die Physis." - wußten schon Adorno
und Horkheimer zu vermelden. Na dann!
Den Spaß am Medium Film hat sich das Seminar trotz all der tödli-
chen Gefahr, die von Ihm ausgeht, nicht nehmen lassen. Das Be-
wußtsein, es in der Medienanalyse mit einem hochexplosiven Medium
zu tun zu haben, ist ja ein intellektueller Selbstgenuß ganz ei-
gener Art, ganz ebenso wie die überaus gelungene Verfremdung der
kriegerischen Gewaltanwendung zwischen Staaten in eine univer-
selle Existentiale die wie überall, so auch in der Kultursphäre,
naturnotwendig west. Den kleinen intellektuellen 'Schuß' um in
der Terminologie zu bleiben - nimmt man dafür doch gerne in Kauf,
nicht wahr?
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