Quelle: Archiv MG - KULTUR FILM - Von Wim Wenders u.a.
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Münchner Hochschulzeitung Nr. 8, 13.05.1980
Das China-Syndrom und die Enthüllung des Geheimnisses der Was-
serstoffbombe
SCIENCE UND FICTION MADE IN USA
Gott sei Dank ist Harrisburgh passiert, sonst wäre aus einem,
schnöden, hysterischen Machwerk, einer melodramatischen Anti-
Atom-Schnulze" nie ein "mutiger engagierter, politischer Unter-
haltungsfilm" geworden, den auch Jane Fonda nicht hätte retten
können. So aber erweist sich die im außerfilmischen Bereich schon
hoch geschätzte Bürgerrechtskämpferin geradezu als die Idealbe-
setzung. Aus Sorge um ihr geliebtes California besinnt sie sich
als Soft-News-TV-Lady auf ihre Verantwortung, um sich gegen alle
Widerstände der "Multimächtigen", zur ehrlichen hard-story über
skandalöse Zustände in einem Kernkraftwerk und über kriminelle
Vertuschungemanöver der Atomstrom-Lobbyisten vorzuarbeiten. Und
auch "Angst, Streß und Einsamkeit" können sie nicht daran hin-
dern, sich für die "journalistische Wahrheit" und gegen
"beruflichen Erfolg" zu entscheiden.
Diesem Inbegriff der amerikanischen Tugend kann ein KKW-Ingenieur
natürlich nicht widerstehen er läuft über, bringt die authenti-
sche Enthüllungsstory über den KKW-Defekt, für die TV-Macher ei-
gentlich viel zu technisch, aber dennoch live on the air, wird so
ein Nationalheld, und dann tot; schließlich muß er für seine al-
ten Sünden auch bestraft werden. Soviel Mut und Tapferkeit auf
der einen Seite fordert geradezu die schleimigen, schmierigen,
dicken Ganoven auf, sich als die Betreiber der Kernkraftwerke an-
zusammeln. Solche Menschen können mit der Atomenergie nichts
Gutes im Schilde führen; daß denen was daneben geht, was sie dann
- typisch Gangster - vertuschen müssen, ist klar. Doch weil das
Gute auch in schlechten Filmen siegen muß, traut sich auch das
KKW nicht, bis nach China durchzuschmelzen, obwohl das der ein-
zige Knüller im Film wäre, aber darauf kommt's ja nicht an. Der
Filmkritiker kennt die Moral: "In James Bridges' Film redet man
nur von diesem Syndrom - es tritt Gott sei Dank nicht ein. Wir
kommen noch einmal davon." Wir danken dir, James.
Daß die amerikanischen Filme voll aus dem Leben schöpfen, beweist
Howard Morland: er i s t der unerschrockene amerikanische Jour-
nalist, der sich gar mit dem Pentagon anlegt, und monatelang vor
Gericht kämpft, nur um die volle Wahrheit in ungekürzter Fassung
veröffentlichen zu können. Schließlich schaffte er nichts Gerin-
geres, als das Geheimnis des Funktionsprinzips der Wasserstoff-
bombe zu lüften und im US-Magazin "Progressive" und im ebenso
progressiven "Spiegel" der unwissenden Öffentlichkeit zugänglich
zu machen. "Ohne Zugang zu geheimen Material" hat sich der Wis-
senschaftsjoumalist in "sechsmonatiger Recherche" drangemacht,
herauszubekommen, daß die H-Bombe im Innern eigentlich wie eine
Mohrrübe aussehen müßte, um durch eine Atombombe die Fusion des
Wasserstoffs entzünden zu können. Ob der Bericht naturwissen-
schaftlich korrekt ist, oder ob Washington den Abdruck schließ-
lich deshalb frei gab, weil Morlands Konstruktion eh nicht knal-
len würde sei dahingestellt. Interessant ist die Begründung die
er für seine Enthüllungsanstrengungen angibt "Nicht um irgendje-
mandem beim Bau der H-Bombe zu helfen", sondern "um einen Punkt
ganz deutlich zu machen Geheimhaltung um ihrer selbst willen
führt zu einem politischen Klima, das es dem Atom-Establishment
erst ermöglicht, sein Geschäft wie gehabt weiter zu betreibenden
Bau dieser Horrorwaffen."
Und er illustriert deshalb "die schädlichen Folgen der
H-Bomben-G e h e i m h a l t u n g" für die öffentliche Diskus-
sion, der die Amtomwaffen mit solcher Taktik von Anfang an entzo-
gen worden" seien, "zum Vorteil all jener, die mit ihnen Politik
machen" und der "Waffenfabrikanten", "die sich hinter dieser Ge-
heimhaltung verschanzen, wenn danach gefragt wird, was sie ei-
gentlich vorhaben" (na, was wohl?).
Mal abgesehen davon, daß der ehemalige Pilot der US-Airforce wohl
wissen dürfte, daß es die top-seeret-orders nicht um ihrer selbst
willen gibt, ist es ja auch immer ein offenes Geheimnis gewesen,
daß die USA solche Waffen erprobt und massenweise baut. Umgekehrt
gerade in einer Zeit, in der das politische Klima nicht mehr vom
sogenannten Vietnamtrauma belastet ist und täglich öffentlich de-
battiert wird, ob nicht den Sowjets schon längst mal mit diesen
Produkten made in USA ein Lichtlein aufgesetzt gehört wie weiland
den Japsen in Hiroshima ..., gerade dann gibt es für die Ge-
schäfte dieses besonderen Industriezweiges keine Hindernisse.
Ein wahrer Jornalist: Weil die "Gefahren des Fallouts nach Bom-
bentests kein nationales Thema" mehr sind, überlegt er sich, was
denn sonst noch den atomaren Nerv der Zeit treffen und nebenbei
ihn selbst bekanntmachen könnte:
"Der stetig wachsende wissenschaftliche und technische Kenntnis-
stand, der die Anti-Atomkraftbewegung erst ermöglicht hat, ist in
gleichem Maße wichtig für eine wirksame Wiederbelebung der öf-
fentlichen Diskussion über die Atomwaffen. ... Die Beschäftigung
mit Einzelheiten macht uns dabei erst deutlich, daß diese Waffen
wirklich existieren. Die größte intellektuelle Hürde liegt nun
einmal darin, daß viele Leute Atomwaffen nur als ein abstraktes
Instrument zur Verwirklichung defensiver oder offensiver Absich-
ten betrachten, aber nicht als reale Gegenstände. Der menschliche
Verstand ist überfordert bei der Vorstellung, daß ein Apparat von
der Größe eines Surfbretts alle Gebäude in einem Umkreis von et-
lichen Kilometern zerstören kann. Dabei werden diese Massenver-
nichtungsmittel von ganz gewöhnlichen Menschen in ganz gewöhnli-
chen Städten fabriziert."
Diesen ganz gewöhnlichen Menschen erzählt dann der ungewöhnliche
Morland in allen Einzelheiten, wie die Sprengkraft und der Fal-
lout der H-Bombe zustande kommen, denn 'das Gewußt-wie' stellt
auch die Frage nach dem Warum". Das Warum der Kernwaffen ist je-
doch noch niemandem ein Problem gewesen und wer sich nicht späte-
stens aufgrund der längst exemplifizierten Wirkungen dieser Ge-
räte gegen sie stark macht, wird dies auch nicht tun, wenn er
weiß, daß sie nicht größer als ein Surfbrett sind. Doch ein paar
kritische Spiegelleser werden sich schon finden, die die Diskus-
sion mitmachen, ob es dem "mächtigsten Land der Welt" nicht bes-
ser ansteht, Bomben mit ein bißchen mehr Sprengkraft aber dafür
weniger Fall-out zu produzieren, oder ob nicht gerade die Neutro-
nenbombe die humanere Waffe sei, für die Morland die sachverstän-
digen technischen Umrüstungatips liefert.
Amerika ist schon toll: Als Kernkraftgegner geht man zur Jane ins
Kino und bestärkt sich in seinem Urteil, daß die Atomkraft-Lobby
aus einer Bande von unmoralischen, geldgierigen Hyänen besteht,
die durch anständige Menschen ersetzt gehören, damit niemand zu
Schaden kommt, und die Strahlerbomben kann man jetzt endlich
streng naturwissenschaftlich ablehnen, weiß man doch nun, wieviel
Zehntelsekunden von der Initialzündung bis zum ersten Fallout
vergehen.
Doch in Deutachland ist alles ganz anders.
(Zitate: SZ vom 22.2.80, Spiegel 10/80)
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