Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist
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Friedenspreis für Octavio Paz:
EIN KULTURELLER VERHERRLICHER DES IMPERIALISMUS
wurde letzte Woche in Frankfurt mit einem Preis belohnt. Der
Dichter heißt Oetavio Paz und hat den Friedenspreis des Deutschen
Buchhandels sicher nicht wegen seines passenden Namens bekommen.
Der Herr Präsident der Bundesrepublik Deutschland, selber der
geistigen Elite entsprossen, hat den Poeten aus Lateinamerika in
seiner Laudatio dafür gepriesen, daß er den "lateinamerikanischen
Horizont" der Europäer, die diese Weltgegend immer bloß mit
"sozialer Ungerechtigkeit und Armut", "Wirtschaftsbeziehungen,
Rohstoffen und Absatzmärkten" sowie "gigantischen Schulden" asso-
ziieren, um die folgende Einsicht bereichert hat: Wer sagt, La-
teinamerika sei "unterentwickelt", pflege ein "technokratisches
Vorurteil", denn:
"Imagination, Sensibilität, Liebenswürdigkeit, Sinnlichkeit, Me-
lancholie, eine gewisse Religiosität und ein gewisser Stoizismus
gegenüber dem Leben und dem Tod, ein tiefes Gefühl für das Jeh-
seitige und ein nicht weniger ausgeprägter Sinn für das Hier und
Jetzt... Lateinamerika ist eine Kultur." (Paz zitiert nach
Weizsäcker)
Wahrlich eine tiefe Erkenntnis! Elend und Gewalt, jene Entwick-
lungsprodukte also, die bei der Indienstnahme eines ganzen Konti-
nents für das Geschäft und die Gewalt des Imperialismus unweiger-
lich anfallen, können dem Lateinamerikaner gar nichts anhaben. Im
Gegenteil: D a r a n entwickelt diese Spezies Mensch überhaupt
erst menschliche Größe, ja ihre wahre Natur! So einfühlsam ist
Senor Paz, daß er im gebeutelten Campesino das Sinnbild an Tugend
schlechthin entdeckt, als hätten Leute, die Schwierigkeiten mit
dem Überleben haben, weil sie der Macht unterworfen sind, nicht
andere Sorgen. Und so einfühlsam ist der Herr Poet, daß er
s i c h s e l b s t als das geniale Sprachrohr dieser "Kultur"
feiern läßt, weil er - im Gegensatz zu den Campesinos - diese
Lüge in zig Gedichten auch noch zum intellektuellen Genuß aufzu-
bereiten versteht.
Ein lateinamerikanischer Dichter, der all das, was der imperia-
lismus mittels Militärdiktaturen oder nicht weniger zimperlichen
Demokratien in Lateinamerika mit Land und Leuten angerichtet hat,
als "bis in die Gegenwart dauernde Suche" d e r
L a t e i n a m e r i k a n e r "nach Identität und Legitimität"
glorifizier, der weiß auch, wie der ganze Kontinent endgültig zu
beglücken ist. In den Worten unseres feinsinnigen Präsidenten
liest sich das so:
"An Zentralamerika liest Paz das Mißgeschick der ganzen Ge-
schichte seines Kontinents ab: Unabhängigkeit führt zur Aufsplit-
terung, zur Vereinzelung, zur Schwäche. Die Folge davon ist wie-
derum eine Krise der Unabhängigkeit und fremde Intervention. Un-
recht und Elend dauern fort, gleich wer der Gewinner ist, der Ob-
rist oder der Guerillero. Paz analysiert und kämpft für den Weg
zur Demokratie in Lateinamerika. 'Demokratie und Unabhängigkeit
sind komplementäre und voneinander untrennbare Wirklichkeiten:
Die erste verlieren, heißt die letztere verlieren und umgekehrt'.
Erst wenn die Demokratie gewonnen ist, ist die Unabhängigkeit
vollendet."
"Unabhängigkeit" führt zur "Krise der Unabhängigkeit", und die
führt wiederum - ganz logisch? - zur "fremden Intervention" - ein
feines Paradoxen, das sich freilich ganz eindeutig auflöst: Die
"Unabhängigkeit" muß eben in den richtigen, sprich: demokrati-
schen Händen liegen, sonst ist sie keine. Logisch, daß andern-
falls den Hütern der Freiheit gar keine andere Wahl bleibt, als
die "Unabhängigkeit" mit allen Mitteln wiederherzustellen, oder?
Erst dann, wenn die Experimente ausgemerzt sind, die die
"Unabhängigkeit" für ein bißchen Freiheit von der demokratischen
Schutzmacht USA mißbrauchen, ist Lateinamerika frei!
Wie das "Mißgeschick der ganzen Geschichte seines Kontinents" im
Jahre 1984 ganz konkret aussieht, das wollte der ausgezeichnete
Literat aus Mexiko in der Paulskirche dann schon noch extra dazu-
gesagt haben. Originalton Paz, nicht etwa Reagan:
"Ich möchte noch darauf hinweisen, daß Frieden in dem Gebiet erst
dann tatsächlich wird wiederhergestellt werden können, wenn es
dem Volk von Nicaragua möglich ist, in wirklich freien Wahlen, an
denen alle Parteien teilnehmen, seine Meinung zu äußern... Aller-
dings ist es mit Wahlen, obwohl sie notwendig sind, allein nicht
getan. Auch wenn sich die Rechtmäßigkeit der Regierungen in unse-
rer Zeit auf das allgemeine freie und geheime Wahlrecht gründet,
müssen weitere Bedingungen erfüllt werden, damit eine Regierung
es verdient, demokratisch genannt zu werden: Gewährleistung der
individuellen und gesellschaftlichen Freiheiten und Rechte, Plu-
ralismus, und schließlich Respektierung der einzelnen Personen
und Minderheiten... wenn die politische Freiheit für die Salva-
dorianer kein Luxus, sondern eine lebenswichtige Freiheit ist,
warum dann nicht auch für das Volk von Nicaragua?"
Wahlen in El Salvador sind dem sensiblen Dichtergemüt ohne jede
"weitere Bedingung" Beweis genug, daß dort das Lebenselexier der
Lateinamerikaner, die Demokratie, zum Zug gekommen ist. Der Ter-
ror, dem ein Teil der Salvadorianer nach wie vor jeden Tag zum
Opfer fällt, ist seit dem Wahltag legitim!
Wahlen in Nicaragua dagegen können die hohen Ansprüche des Huma-
nisten Paz nie und nimmer erfüllen. Die Sandinisten haben es
schließlich versäumt, jener unterdrückten Minderheit vollständig
freie Hand zu lassen, die im Auftrag der USA in Nicaragua mit dem
erklärten Ziel Krieg führt, den nicaraguanischen Staat kaputtzu-
machen! Im Namen von Frieden und Freiheit; pardon: im Namen der
"lateinamerikanischen Identität" -, so ein "Totalitarismus" darf
nicht hingenommen werden; meint der Demokrat Paz. Da mag der ni-
caraguanische Volkswille am Wahltag noch so sehr für die Sandini-
sten votieren...
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