Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist

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JETZT AUCH GOLO MANN EIN WENDEHALS

Die historische Wissenschaft hat sich, konfrontiert mit einer welthistorisch neuen Lage namens "friedliche Eroberung" der DDR, ebenfalls zu Wort gemeldet. GOLO MANN, der mit genügend Renommee sowie einem ausreichend berühmten Vater ausgestattet ist, so daß er allein schon deswegen nicht Gefahr läuft, mit Kohl verwechselt zu werden, hält sich viel darauf zugute, daß er alles genauso ma- chen würde wie der Bundeskanzler: "Ich würde in diesem Fall jedenfalls mit einer Konföderation be- ginnen." Kaum das Stichwort "Konföderation" aus Bonner Reden abgelauscht, schon kann er, der er sich früher immer "gegen eine Wiederverei- nigung im ursprünglichen Sinne ausgesprochen hat", nicht mehr um- hin, über lauter historisch verbürgte Beweise der Güte des neu ins Auge gefaßten nationalen Erfolgsweges zu stolpern: "Mit Ausnahme des Bismarckreiches und der ihm folgenden unseligen Weimarer Republik ist das Deutsche Reich eigentlich immer ein fö- deratives gewesen, und längst nicht so schlecht, wie seine natio- nalistischen Feinde unter den Historikern, wie etwa Treitschke, behauptet haben. Daß das ganze deutschsprachige und nicht- deutschsprachige Mitteleuropa neutral bleiben konnte im Krim- Krieg Frankreichs und Englands gegen Rußland, der, wenn sie nicht neutral geblieben wären, ein Weltkrieg geworden wäre, das war dem Deutschen Bund zu verdanken. Das ist nur ein Beispiel; ich könnte auch für das 18. Jahrhundert Beispiele nennen und ebenso für das 17. Jahrhundert." Da klärt historischer Sachverstand p u r auf, was es aus der Geschichte zu lernen gibt - auch wenn kaum einer so hölzern und leicht überschaubar gehalten die heutzutage anstehenden Lehren dahersagen kann wie der Herr Golo: 1. historisches Prinzip: ------------------------ Deutschland war immer schon föderativ, "mit Ausnahme von ..." all den Zeitabschnitten, in denen es eben mal anders war. Abgesehen von der ergreifenden Dummheit dieses Arguments wird daran das Be- dürfnis des Historikers deutlich, von einem Faktum auf ein Prin- zip zu schließen, das für den Weg der deutschen Nation bedeutsam sein soll. Nachdem er diesen Weg der Nation ausschließlich als Erfolgsweg zu deuten gewillt ist, ergibt sich daraus zwingend 2. historisches Prinzip: ------------------------ Konföderation ist immer schon gut g e w e s e n, also i s t sie auch g u t. Damit ist die geschichtliche Lehre im Grunde fertig, die aus der deutschen Vergangenheit der Nation von heute die Perspektiven weist. (An die unselige Spaltung des föderativen Vaterlands im 30-jährigen Krieg muß man sich allerdings erinnern, wenn die geschlossene Übernahme des wiedervereinigten Deutschland in die NATO ansteht.) Es gilt 3. historisches Prinzip: ------------------------ Konföderation ist überhaupt das bewährte Rezept, mit dem die deutsche Nation zu ihrem Erfolg gelangt sein soll. Das sieht man nämlich zum Beispiel daran, daß ein föderatives Imperium sich da nicht auf Weltkriege einlassen muß, wenn es sie nicht wirklich selber führen will. Von daher liegt in diesem Prinzip alles be- schlossen, was die BRD um ihres heute ins Auge gefaßten Erfolges willen zu tun hat, und die historische Kunst hat ihr Werk voll- bracht. Ein Blick zurück in die Geschichte adelt einen Rechtsti- tel, unter dem der Imperialismus von heute daherkommt. Das gute Deutschland muß gereinigt werden von jedwedem bösen Ver- dacht und als guter Historiker weiß er da auch guten Rat: "Ich würde dringend davor warnen, den Namen 'Deutsches Reich' noch einmal zu gebrauchen. Das ist absolut veraltet. Bundesrepu- blik war ein sehr guter Einfall. Sie werden sagen, zwei Worte können doch nicht erschrecken; doch sie können es!" Bundesrepublik war wirklich ein prima Einfall - der könnte glatt von ihm sein. Großdeutschland gibt es nicht, bloß die BRD wird ein bißchen größer. Wer wird sich da schon in die Hosen scheißen? zurück