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Münchner Hochschulzeitung Nr. 1, 09.11.1983
KULTURNOTIZEN
Akribie in Rüstungsfragen?
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Angesichts der düsteren Weltlage klingt das Vorlesungsangebot des
Physikprofessors GOTTSTEIN nicht schlecht. Er gibt zweistündig
(Do 17 - 19, Schellingstr. 4, R E 8) "Atomwaffen, Technik, Stra-
tegie, Rüstungskontrolle". Hoffentlich gelingt ihm während des
kommenden Semesters wenigstens eine theoretische Aufklärung der
umsichgreifenden Vorkriegsstimmung. Der Beginn war aber ausge-
sprochen langweilig, es sei denn, man befindet eine Diskussion
für interessant, bei der es darum geht, ob in der von GOTTSTEIN
angegebenen Anzahl von 145 strategischen Bombern der UdSSR der
Typ "Backfire" nun enthalten ist oder nicht. Nichts gegen Fakten,
Zahlen und Statistiken über die Aufrüstungsmaterie, aber viel-
leicht sollte GOTTSTEIN seine Vorlesungszeit nicht mit der
zeitraubenden Bekanntgabe unzähliger Daten verschwenden, sondern
das Durcharbeiten einschlägiger Handbücher den Studenten zur
Hausaufgabe machen, sich dafür von Anfang an mit der Theorie der
Kriegsplanung beschäftigen. Fordert nicht die dargestellte Funk-
tionsweise der Waffen zu Schlüssen über die damit verfolgten po-
litischen Zwecke heraus? Worin bestünde denn sonst die Aufklä-
rung? Bis jetzt ist es so, daß Herrn GOTTSTEIN theoretische Sätze
quasi nur als Nebenbemerkungen unterlaufen, die uns zudem stark
verbesserungsbedürftig erscheinen. So läßt sich von seiner Erklä-
rung des Doppelbeschlusses der NATO: -
"Ein k l e i n e r Fortschritt in der Rüstungspraxis. Hier hat
man wenigstens Rüstungsvorhaben öffentlich angekündigt und
zugleich eine Art Diskussion darüber angeboten." (sinngemäß) -
eigentlich nur sagen, daß man das liebevolle Verständnis für die
Aufrüstungsbegründungen der NATO, weil sie veröffentlicht wurden,
auch nicht zu weit treiben sollte.
Konrad Lorenz
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wird diese Woche achtzig Jahre alt, von denen er nach eigenen An-
gaben die längste Zeit unter Graugänsen und Dohlen zubrachte.
Ihm mag dieses Leben ja Freude bereitet haben, aber deswegen
gleich die "Verwirklichung des Menschen" darin zu sehen, die ge-
stellten Aufgaben und Forderungen so zu erfüllen, daß man darin
aufgeht, ist schon ein eher tierischer Gedanke:
"Es ist eine Gnade der Schöpfung, daß jedem Menschen etwas, was
er meisterhaft kann, Spaß macht. Die Funktionslust gibt es schon
bei den Tieren so hat man Affen gelehrt. Schlösser aufzusperren,
was eine ziemlich komplizierte Sache ist. Das Schlösseraufsperren
ist bei diesen Affen zu einer wahren Leidenschaft geworden Der
Mensch, der bei der Arbeit pfeift und singt, ist die Verwirkli-
chung des Menschlichen. Ohne Funktionslust wäre die Arbeit eine
Qual." (Stern Nr. 45)
Luther-Feier
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war letzte Woche in Mainz mit Carstens und Bischöfen aus beiden
deutschen Staaten. Hinterher beklagten sich Erhard Eppler und
Helmut Gollwitzer bitter, daß die "aktuelle Problematik des Rü-
stungwahnsinus" nicht zur Sprache gekommen sei. Gerade hierzu
könne man weiß Gott bei Luther und in der Bibel fündig werden.
Diese Kritik geht daneben, weil gerade in den immerwiederkehren-
den Beschwörungen von "Freiheit und Verantwortung eines Chri-
stenmmenschen" noch dazu im "Gewissenskonflikt zwischen Glauben
und Pflicht" fortlaufend jene s t a a t s b ü r g e r l i c h e
Einstellung gefeiert wird, mit der sich politische Herrschaft im
Frieden und im Krieg erfolgreich ausüben läßt. Die Festredner wa-
ren also durchaus bei der Sache. Ebenso wie US-Präsident Ronald
Reagan, der seine Politik ganz unvermittelt und buchstäblich
durch die Offenbarung des Johannes bestätigt sieht:
"Apocalypse now
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Ronald Reagan hält es nach Darstellung eine Washingtoner Lobbyi-
sten für durchaus möglich, daß sich die Welt gemäß der Offenba-
rung Johannes dem Jüngsten Gericht und der Entscheidungschlacht
von Harmagedon zwischen Gut und Böse nähert. Thomas Dine, Ge-
schäftsführer eine für gute Beziehungen zwischen den USA und Is-
rael werbenden Komitees, sagte, Reagan habe ihn am 18. Oktober
empfangen und ihm erzählt, daß er am Abend zuvor mit den Eltern
eines in Beirut ums Leben gekommenen US-Marineinfanteristen ge-
sprochen hat Der Präsident habe das Gespräch mit den Worten fort-
gesetzt: 'Wie Sie wissen, gehe ich immer wieder auf eure alten
Propheten im Alten Testament und auf die Anzeichen zurück, die
Harmagedon ankündigen. Ich ertappe mich dabei, daß ich mich
frage, ob wir die Generation sind, die erlebt, wie das auf uns
zukommt. Ich weiß nicht, ob Sie in letzter Zeit eine dieser Pro-
phezeiangen wahrgenommen haben. Aber glauben Sie mir, sie be-
schreiben ganz gewiß die Zeit, die wir jetzt erleben.' (AP)"
Die "Süddeutsche Zeitung" vom 31. Oktober bringt dies als
A n e k d o t e aus der Weltpolitik und tut damit so, als sei
Reagans Glaubenserfahrung ein A b e r g l a u b e jenseits der,
bzw. eine übertriebene ideologische Zugabe zur Realpolitik. Das
ist ein typisch journalistischer Irrtum: In der Sache sagt der
Bibelforscher Reagan haargenau das Gleiche wie der Präsident der
Weltmacht Nr. 1. Sich über die Metaphorik zu mokieren ist nichts
als der Luxus professioneller Machtanbeter die mit dieser immer
einverstanden sind, solange ihnen die Kritik gestattet wird, die
Macht sei nicht geistvoll genug.
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