Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 71, 12.04.1983
Wochenschau
KULTURNOTIZEN
"Auch Komödianten begleiten die Witwe" lautete die sinnige
Schlagzeile, einen britischen Dampfer betreffend, der mit Witwen
und Waisen des Falklandkrieges unterwegs ist zur Besichtigung der
glorreichen Schlachtfelder auf eben diesem Eiland. Was Premiermi-
nisterin Thatcher ihren Untertanen kraft Gewalt abverlangt hat -
Opfer für die Nation zu bringen, ist eine süße Pflicht! -, haben
die Überlebenden unter ihnen sich ganz fraglos als Gefühl zueigen
gemacht. Die Stimmung an Bord ist ausgezeichnet:
"Während der fast 2000 Kilometer langen Fahrt werden die Witwen
und Anghörigen von britischen Schauspielern und Komödianten un-
terhalten, unter ihnen Janet Brown, die es meisterhaft versteht,
Premierministerin Thatcher täuschend ähnlich zu imitieren. An
Bord befinden sich auch Floristinnen, die aus 5000 mitgenommenen
Blumen Kränze und Gebinde für die Gräber herstellen." (Weser-Ku-
rier 8.4.)
Jetzt fehlt nur noch, daß der Kahn auf Grund läuft, und der eng-
lische Humor wäre perfekt.
***
Zum Thema Suff und Parlamentarismus hat sich der grüne Bundes-
tagsabgeordnete Joseph "Joschka" Fischer geäußert. Daß ausgerech-
net ein Alt-Sponti der Verwechslung anheimfällt, in übelster
Weise gegen geistige Getränke zu hetzen und den Parlamentarismus
abzuknutschen, halten wir für bedenklich, aber gerecht:
"In einem Interview für das Frankfurter Sponti-Organ "Pflaster-
strand" nennt Fischer den Bundestag "eine unglaubliche Alkoholi-
kerversammlung, die teilweise ganz ordinär nach Schnaps stinkt".
Man sehe die Abgeordneten "bechernd und zechend in der Kantine,
mit jeder Stunde weiter unter den Tisch rutschend". ... Trotzdem
hält Fischer das Parlament nicht für überflüssig. Er empfinde den
Parlamentarismus als den "Versuch des regulierenden
Interessenausgleichs von sozialen Klassen und Gruppen, die sonst
mit nackter Gewalt aufeinander losgingen"." (dpa)
An welche Wohltat der Gesetzgebungsmaschine denkt der Gute ei-
gentlich, die durch den Suff der Parlamentarier zu Fall gebracht
worden wäre? Den nackten "Interessenausgleich" an der Startbahn
West muß der Mann im Suff miterlebt haben, sonst wäre ihm die
uniformierte Gewalt des Parlamentarismus doch aufgefallen. Das
stinkt ganz ordinär nach der lieblichen Ideologie von Demokratie,
die seine Parlamentsnachbarn mit ihrer Schnapsfahne unentwegt um
sich verbreiten.
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