Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist

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KULTURNOTIZEN

Eine "Fortbildungswoche" in Sachen Psychotherapie und Jugend stand letzte Woche in Lindau auf dem Programm. Laut "Süddeutscher Zeitung" vom 27. April stieß dabei Horst-Eberhard Richter "als derzeit wohl prominentester Seelenheilkundiger in der Bundesrepu- blik" auf folgendes ihn - "der zudem der gegenwärtigen Führungs- schicht in Bonn politisch verbunden ist" - erstaunende "Paradoxie": "Kaum irgendwo sonst findet man hektischen Ehrgeiz, Größenideen und aggressiven Durchsetzungswillen ähnlich geballt wie in den Hochburgen der Politik." Ob man das sonst noch wo "finden" kann sei dahingestellt, in Bonn fällt das deswegen auf, weil sich solche Charakterzüge vor allem in einer "Hochburg der Politik" ausleben lassen, weswegen Rich- ters Antrag, "diese Paradoxie zu entlarven, sollten wir Psycho- therapeuten tüchtig mithelfen", zwar unter kritischen Parteigän- gern der Zunft Anklang finden, die "Delegierten des SPD-Parteita- ges" aber kalt lassen wird, was der SZ-Berichterstatter befürch- tete. Wo kritisches Seelenkundlertum heute seine Affinität zum Dissens findet, plauderte der Heidelberger Studentenwerkspsycho- hygieniker Jürgen Bopp aus: Der Protest solle nicht als "neurotisches Ausreagieren" interpretiert werden, sondern - ebenso psychologisch als "durchaus gesunde Reaktion auf reale Be- drohungen". Hausbesetzungen und Friedensdemonstrationen als Psy- chotherapie - so gesehen wäre es tatsächlich "beunruhigend, wenn es diese Jugendunruhen nicht gäbe,... resümierte Bopp." Amnesty prangert Hinrichtungen ohne Gerichtsurteil an. - Dies Er- gebnis einer "internationalen Expertenkonferenz der Gefangenen- hilfsorganisation" letzte Woche in Holland (epd vom 4. Mai). "Der holländische Außenminister Max van der Stoel bezeichnete die Hin- richtungen ohne Gerichtsurteil als die schwerste Form der Men- schenrechtsschändung." Der rechtsgläubige Zynismus dieser Herren Menschenrechtsverweser kennt anscheinend keine Grenzen. Sollen wir Herrn van der Stoel eine rechtlich einwandfreie Hinrichtung nach Musterprozeß an den Hals wünschen? Pater Ernesto Cardenal, der bei einem Besuch in Berlin (Hauptstadt der DDR) den Dialog zwischen Christentum und Marxis- mus vorantrieb ("Das Reich Gottes... verstehe ich als die vollen- dete humanistische Gesellschaft... Weiterleben nach dem Tode be- deutet, sich heute für andere Menschen zu engagieren, denn in ih- nen vermag ich fortzubestehen."), ist von der katholischen Kir- chenzeitung drüben scharf darauf hingewiesen worden, daß das Reich des Herrn nicht von dieser Welt ist, weshalb seine Kirche vor Anbiedereien an die irdischen Herren, in denen sie eine Kon- kurrenz wittern, nicht entschieden genug warnen kann. Originell ist dabei die Kritik des Sandinismus, die, dem "St.-Hedwigs- Blatt" einfällt: "Denn der Schatten, der durch eine den Glauben der Kirche verfälschende Aussage auf den Priester fällt, fällt auch auf den Dichter, auch auf den Minister." Darauf wären selbst wir nicht gekommen, daß an nicaraguanischen Zuständen der Abfall eines Dichters vom Dogma des Priesters als Minister schuld ist! zurück