Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist
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Bremer Hochschulzeitung Nr. 78, 14.06.1983
Wochenschau
KULTURNOTIZEN
Der neue Regierungssprecher
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"Das ist neuer Rekord. Und was für einer. Zwischen Flensburgs
Balle-Rum und Münchens Löwenbräu versäuft ein Volk von einig'
Trinkern jährlich seine Armee... Und wenn wirklich mal die Russen
kommen, erschießen wir sie mit Dornkaat und Bier." (Boenisch,
5.12.76)
Dasselbe seriös:
"- Der Wirtschaft fehlen Mut und Optimismus.
- Dem Staat fehlen Milliarden.
- Dem Sparer fehlt der Glaube an die Zukunft.
- Und das Volk ballert einen." (Boenisch)
Boenisch hat sich ganz zurecht für sein neues Amt unter Kanzler
Kohl qualifiziert.
Bis auf den letzten Satz ist nämlich keiner wahr. Aber der Ex-
BILD-Chef hatte einen guten Riecher für den Zeitpunkt, wo sich
dergleichen Anwürfe schickten: V o r der Regierung Kohl näm-
lich. Gestimmt haben sie nie. Heute wie neulich werden die Russen
mit Raketen erschossen, der Staat hat Milliarden, alle sollen
laut Tagesbefehl aus dem Kanzleramt an Deutschlands Zukunft glau-
ben. Bis sie antreten und ins Gras beißen dürfen, sollen sie ru-
hig einen ballern, - vorausgesetzt, der Fiskus hat ihnen noch die
Mücken dazu gelassen.
***
Zum "Freundschaftsspiel" Jugoslawien - BRD in Luxemburg ist den
Fußballern aus dem kommunistischen Jugoslawien - pikanterweise
von einer amerikanischen Militärkapelle - die falsche National-
hymne vorgeblasen worden: die des verflossenen serbokroatischen
Königreichs, dessen Beseitigung Titos Partisanen viel Blut geko-
stet hat. Im Zeichen und zur Ehre dieses alten Reiches mochten
die Jugos nicht antreten
- was ihnen wüste Beschimpfungen des Fernsehkommentators Klein,
seines Zeichens HSV-Fanatiker, eingetragen hat. Als Deutscher hat
man es da ja auch einfacher. In Opposition zum Hitler-Reich hat
die BRD nie gestanden; und ob die zuständige Militärkapelle die
1. oder 3. Strophe spielt, ist erstens für einen deutschen Fuß-
baller schwer zu entscheiden und zweitens sowieso gleichgültig...
A propos deutsche Fußballer: Paul Breitner ist jetzt endlich
"abgetreten" und hat zum Abschluß noch 'mal kräftig seine popu-
läre Profi-Ideologie verbraten von wegen: Der Spieler muß durch
Einsatz und Erfolg sein Gehalt rechtfertigen. Daß das Gehalt ei-
nes Fußball-Profis dessen Einsatz allemal rechtfertigt, das ist
sowieso klar. So, herum soll's aber nicht Vorbild für die arbei-
tenden Massen sein, die die Fußballstadien füllen. Umgekehrt soll
man sich ausgerechnet am Sportkrüppel und -millionär Paule die
Lüge klarmachen, daß die Marktwirtschaft Knochenarbeit angemessen
belohnt!
A propos Lüge: Ein langes Wochenende lang hat die evangelische
Kirche Deutschlands auf ihrem "Tag" in Hannover alles das bewäl-
tigt, was an der kirchlichen Friedensbewegung noch wie Protest
gegen die Obrigkeit ausgesehen haben könnte. Statt um Kritik an
einer kriegsträchtigen Politik und um Gegnerschaft gegen die da-
zugehörige Aufrüstung ist nur noch um lila Tücher gestritten wor-
den. Und auch das bloß deswegen, weil ein paar Pfaffen reaktionär
genug waren, sich sogar noch an dieser symbolträchtig gemeinten
Halsbedeckung zu ärgern. Den maßgeblichen Bischöfen war die harm-
loskindische Natur dieses Überbleibsels von Protest gleich klar.
So konnte die evangelische Schafsnatur mit farbigem Halsband
einen vollen Erfolg verzeichnen.
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