Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist


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KULTURNOTIZEN

In der Türkei gedachte man letzte Woche des 100. Geburtstags des Staatsgründers Kemal Atatürk. Wie alle Nationalhelden handelt es sich auch bei Mustafa Pascha um eine Mehrzweckfigur, auf den sich sowohl die Militärs berufen können, eingedenk von 17 Jahren Mili- tärdiktatur des "Vaters der Türken", als auch die Politiker, de- ren Parteien Kemal entweder selbst gründete oder gründen ließ. Und auch die Terroristen dürfen Kemals gedenken, der einige hun- dert Traditionalisten aufknüpfen ließ, weil sie die falsche Kopf- bedeckung trugen. Ganz zu schweigen von Faschisten, denen Ata- türks exemplarische Genocide an Armeniern, Griechen und Kurden unvergessen sein dürften. Mit einem Wort: "Bundespräsident Car- stens würdigte Atatürk in einer Botschaft als Staatsmann europäi- schen Geistes." (dpa, 20. Mai) Die ganze Freie Welt beging hingegen den 60. Geburtstag des so- wjetischen Chefdissidenten Andrej Sacharow stocksauer darüber, daß diese "Stimme des Friedens" wegen ihrer Verbannung nach Gor- kij "kaum noch zu hören" ist, sieht man einmal von den bekanntge- wordenen Sympathieerklärungen Sacharows für das US-Geiselbefrei- ungsunternehmen im Iran und den NATO-Aufrüstungsbeschluß ab. Be- sonders perfide von den Russen, Sacharow nicht mehr "wissenschaftlich arbeiten zu lassen" (Süddeutsche Zeitung vom 21. Mai), wo doch dieser "kühne Geist" die Wasserstoffbombe ent- deckte und wesentlich zur Entwicklung der Menschenrechtswaffe beitrug. Insofern ist an dem Geburtstagslob Ronald Reagans schon was dran, daß wir heute ohne Sacharow nicht (ganz) da wären, wo wir sind. Lähmendes Entsetzen erzeugten letzte Woche Nachrichten aus Bre- men, denenzufolge das Schauspielhaus geschlossen werden soll. In der Tat ist die Begründung des Kultursenators abzulehnen: Von den unzähligen Gründen, die das Theater im allgemeinen und das Bremi- sche im besonderen, für seine Abschaffung am laufenden Band lie- fern, hat sich Herr Franko keinen einzigen ausgesucht, sondern nur eine Sparmaßnahme getroffen. Da wäre uns schon lieber, der Bremische Senat würde eingespart und mit ihm das ganze Staats- schauspiel. Wer brauchte dann noch ein Theater? zurück