Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist
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Veranstaltungskommentar "Wissenschaft und Friedenssicherung"
Walter Jens an der Uni:
VON KÜNSTLICHER ELOQUENTIA BESOFFEN!
"Ich finde es nicht schändlich, ein gebildeter Bürger zu sein."
(Walter Jens)
Zur Veranstaltungsreihe "Wissenschaft und Friedenssicherung" war
er geladen, der Rhetorik-Professor. Über den herrschenden Frie-
den, in dem Ausbeutung, Armut und Hunger zum Alltäglichen gehö-
ren; über den Frieden, der bekanntlich zum Aufrüsten genutzt
wird; über die Absichten der Politik, die Kriegsvorbereitung zum
Dauerprogramm erhoben hat - über all das hat er nicht geredet.
Denn erstens war er dazu nicht eingeladen er sollte - vielmehr
die gebildete Friedenskultur bereichern -, und zweitens wäre er
nicht Walter JENS, wenn er zur politischen Lage in Sachen Krieg
und Frieden Stellung genommen und darüber debattiert hätte. Wal-
ter JENS ist sich für so etwas zu schade; so etwas scheint unter
seinem Niveau zu liegen. Walter JENS denkt nicht über die beiden
Seiten der Politik, Krieg und Frieden, nach (so, daß ihm viel-
leicht sogar etwas Gescheites dazu einfiele) - er hält Reden, in
denen die begriffslosen Worthülsen Krieg und Frieden und die Mo-
ral, mit denen sie besetzt sind (gut-böse), Versatzstücke sind
für seine aufgebauschte Laberei, die er für seine Kunst der Rhe-
torik hält. Walter Jens sollte (oder wollte - egal) über Erasmus
von Rotterdam reden. Dieser Mann aus Holland hat im 16. Jahrhun-
dert gelebt und damals, weil er Christi Botschaft vom Frieden
sehr ernst nahm, gegen die kriegerischen Umtriebe der Fürsten,
des Papstes und seiner Christlichen Kirche gewettert und in die-
sem Sinne etliche Schriften verfaßt, die von der Kirche auf den
Index gesetzt wurden. Daneben war er aber auch so christlich, daß
er einen Verteidigungskrieg für gerecht und den absoluten Pazi-
fismus für nicht in Ordnung befand. Damit wäre über diesen Mann
schon alles gesagt, und man könnte seine Geschichte wieder weg-
stellen. Zur Erhellung über die Zwecke der NATO, über die Gründe
und Verlaufsformen des Ost-West-Gegensatzes trägt der gute Eras-
mus kaum etwas bei. Selbst Kriege führt die Kirche heute nicht
mehr, obwohl man nicht übersehen kann, daß ihre moralische Unter-
stützung der NATO ziemlich offensiv ist. - Aber der erbauliche
Reden haltende und die rhetorische Kunstform des 'In die Länge
Ziehens' liebende Walter JENS hat den christlichen Kauz von vor
470 Jahren zu einer glatten Stunde ausgewalzt. Er wäre ja nicht
Walter JENS, wenn er nicht aus der Ideologie des Vorbilds (um das
sich, genaugenommen, heute kein Schwein mehr kümmert) ellenlange
Entwürfe über Jahrhunderte hinweg in Sätze zimmern könnte. Walter
JENS zog rhetorische Bögen von Erasmus zu Bonhoeffer, Barth und
Tillich, die allesamt - obwohl evangelisch - den alten Humanisten
aus den Niederlanden irgendwie fortgesetzt haben sollen. Die Bot-
schaft lautet: Ein Vorbild ist ein Vorbild, wenn es Bedeutende
gibt, die mal an es erinnert haben. Thomas Mann ward auch ver-
knüpft mit dem aus Rotterdam. Selbst der Sozialist August Bebel
soll 1912 am Grab des Erasmus rumgestanden haben, wg. Frieden,
was den alten Friedensfreund aus dem 16. Jahrhundert wohl deshalb
ehren soll, weil die Sozialdemokraten etwas später, 1913 oder
1914, die deutschen Kriegskredite parlamentarisch gebilligt ha-
ben. Aber auf letzteres kommt es ja nicht an. Walter JENS möchte
sich und seinen Zuhörern den alten christlichen Friedensfreund
Erasmus als "Botschaft für heute" vorreden. Man soll sich mit je-
mandem befassen, der einem nun wirklich nichts mehr zu sagen hat.
Also machte Walter JENS zwischen seinen gefuchtelten Sätzen einen
konkreten Vorschlag: Man solle auf den Gymnasien statt Caesar
lieber Erasmus übersetzen; man solle vielleicht eine
"Friedensbibliothek des 16. Jahrhunderts" einrichten. Ein echter
Kunstredner wie Walter Jens zeichnet sich eben auch dadurch aus,
daß er praktische Vorschläge macht.
Doch selbst diese großartige Nutzanwendung der Lektüre des alten
Humanisten war nicht das eigentliche Erlebnis, das Walter JENS
vermittelte. Der Redner wollte mit seiner Rede S t i l zeigen.
Was Erasmus von seiner eigenen Schreibe verlangte: "weder Ge-
schmeide noch Lumpen"; wie Walter JENS den Alten beurteilte:
"Erasmus focht mit dem Florett." - das waren bewußt gesetzte Hin-
weise auf die Qualität des Rhetorikers Walter JENS. Der gestiku-
lierte mit Händen und Haaren, weil es ihm eben nicht auf die Ge-
danken ankommt. Der trug Wörter und Sätze des Erasmus so vor, daß
man nicht mehr wußte, ob Walter JENS Erasmus oder sich zitierte.
Der Eindruck war gewollt. Eine kunstvolle Rede sollte es sein,
mit der sich der eitle Fatzke am Rednerpult prostituierte. Das
war der ganze Sinn der Vorstellung. Die Zuhörer waren schwer be-
eindruckt, und Walter JENS genoß den Applaus.
Und wieder ist der Frieden ein Stück sicherer geworden!
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