Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist
zurück
Gast-Rhetoriker Prof. Dr. Walter Jens gibt sich die Ehre:
EIN INSIDER ÜBER DIE ELITE ALS AUSSENSEITER
Keine politische, sondern eine kulturelle Veranstaltung war das
sensationelle universitäre Ereignis in der letzten Wahlkampfwo-
che. An vier aufeinanderfolgenden Tagen präsentierte die Univer-
sität der mit reichlich Hamburger Prominenz - von Loki Schmidt
über Siegfried Lenz bis Wissenschaftssenator Meyer-Abich durch-
setzten inner- und außeruniversitären Öffentlichkeit ihr neuestes
Schmuckstück: den Rhetorikprofessor Walter Jens. Dieser war an-
gereist, um mit seiner bereits andernorts erprobten Vorlesung
über "Lebensläufe deutscher Außenseiter" dem Unterhaltungsbedürf-
nis des gebildeten Hamburger Publikums Rechnung zu tragen. Mit
welchen Botschaften Walter Jens seine Zuhörer begeisterte, so daß
in dem bis auf den letzten Platz gefüllten Hörsaal A des Hauptge-
bäudes eine so lebhafte Atmosphäre aufkam, wie sie heutzutage
keine Studentenvollversammlung mehr zustandebringt, sagt alles
über die geistigen Bedürfnisse der alten und neuen akademischen
Elite, die hier glänzend auf ihre Kosten kam.
An den Biographien von Rahel Levin-Varnhagen, Rosa Luxemburg, Os-
kar Maria Graf und Klaus Mann führte Jens vor, welche intellektu-
elle Perspektive man einnehmen muß, damit aus einer jüdischen Sa-
londame, aus einer wort- und schreibgewandten Kommunistin, aus
einem linken Heimatdichter und aus einem schwulen Schriftstel-
ler(sohn) höchst ehrenwerte Repräsentanten deutschen Geistes und
deutscher Kultur werden: Man muß alle biographischen Begebenhei-
ten, Taten und Äußerungen der jeweils betrachteten Person konse-
quent als Hinweis darauf interpretieren, wie besagte Person darum
ringt, die Personifikation der Botschaft zu sein, auf die Jens
hinauswill: daß es einen ganz schönen Charakter braucht, um es zu
einer bemerkenswerten Persönlichkeit zu bringen. Kunstfertigkeit
ist verlangt, wenn es darum geht, dies an einer Handvoll Figuren
als deren ganz und gar unverwechselbare Biographien abzuziehen.
Sie besteht in der Überhöhung noch der banalsten Taten - von Kat-
zen lieben bis in Kaschemmen hausen - zu besonderen Leistungen.
Eine Außerordentlichkeit, die der Tat nie und nimmer zu entnehmen
ist, sondern ihr dadurch verliehen wird, daß sie von einem dahin-
terstehenden besonderen Charakter zeugen soll. Der Ertrag dieser
Perspektive liegt in der Schmeichelei des elitären Bewußtseins,
die Bewährung bestehe nicht einfach darin, die selbstverschriebe-
nen Lebensmaximen zu befolgen, sondern recht eigentlich in der
Fähigkeit, all die lächerlichen Widersprüche, Gefährlichkeiten
und Dilemmata auszuhalten, in die man mit seinem Entschluß, sich
an seiner auferlegten Verantwortung messen zu lassen, angeblich
gerät.
Jens' Einfall, diese Thematik an "Außenseitern" abzuziehen, hat
für sich, das atemberaubende Ringen um Integrität als auergewöhn-
liche und deshalb verkannte Größe zu präsentieren - und so ein
Sortierungsmerkmal für kleine und größere Charaktere als Lob kon-
sequenter Treue zu sich selbst einzuführen.
Das Publikum konnte sich ohne große Mühe Außenseiter hin oder her
- in den Besprochenen angesprochen fühlen und wiedererkennen.
Denn offensichtlich traute der Redner seinen Zuhörern ja durchaus
zu, sich - von ihm geleitet - auf die exorbitanten Höhen der je-
weils verhandelten Wertentscheidungen und -konflikte zu schwin-
gen. Und damit konnte es nicht ausbleiben, daß sich beim Audito-
rium mindestens soviel Bewunderung wie für die Außenseiter und
ihren professoralen Fürsprecher - für sich selbst einstellte.
Für diese Publikumsbefriedigung erwies sich die Beschäftigung mit
Rosa Luxemburg, deren politische Schriften und Taten ansonsten in
der demokratischen Beurteilung nicht gerade die besten Noten er-
halten, als ebenso gut geeignet wie die Thematisierung der übri-
gen Biographien:
An einer 1912 veröffentlichten Reportage von Rosa Luxemburg über
die Opfer einer Lebensmittelvergiftung in einem Obdachlosenasyl
und über die zynische Anteilnahme diverser Vertreter der staatli-
chen Obrigkeit an diesem zum Skandal deklarierten Vorfall wollte
Walter Jens ausschließlich eines bemerken: den Ausdruck einer
ausgeprägten charakterlichen Disposition der Verfasserin zum Mit-
leiden mit den Erniedrigten und Beleidigten im Wilhelminischen
Deutschland. In einem Schwall schwülstiger Metaphern beschwor der
Rhetorikprofessor ein ums andere Mal die hohe moralische Motiva-
tion der Revolutionärin, die Größe ihres "Mitleids mit dem armen
Lazarus", ihrer Anteilnahme mit "den im Keller Verborgenen",
ihres Erbarmens mit "der geschundenen Kreatur" und machte mit dem
Hinweis auf das Opfer, das sich heute der Anteilnahme der Kommu-
nistin sicherlich erfreuen könne "ein Kind in der Sahelzone" -
darauf aufmerksam, daß sich letztlich jeder in der Nachfolge der
großen Moralistin befinde, der im vergangenen Jahr ein Scherflein
zur Afrika-Hungerhilfe beigetragen haben.
Diese Frechheit hat sich Jens nur getraut, weil die Luxemburg
schon einige Zeit tot ist. Sonst hätte er nämlich eine ihrer
"scharfen und schneidenden" Polemiken fürchten müssen, in der sie
es sich verbeten hätte, ihre Kampfansage an die kapitalistischen
Gründe des Elends mit einer trostspendenden Begleitung des Elends
durch salbadernde Verständnisheucheleien zu verwechseln. So aber
konnte sich Jens als Leichenfledderer betätigen, der auch noch
die Hinterlassenschaft, die er betreuen will, selbst definiert:
"Der Widerlegung des Diktums 'Mit uns Menschen hat auch niemand
Mitleid' galt ihr Leben und Schreiben; die Humanität dieser Ge-
sellschaft wird sich auch daran bemessen, inwieweit wir ihr Erbe
in Ehren halten."
Nachdem so aus der roten Rosa ein überdimensionaler bürgerlicher
Moralbolzen wurde, konnte es an die Konstruktion der Zerrissen-
heit gehen, die ja das Spannende an der Eintönigkeit hervorragen-
der Charaktere ausmachen muß. So kommt ihr Kommunismus in's
Spiel. Bei aller Konzilianz, diesen als Fortführung der bürgerli-
chen Höchstwerte mit anderen Mitteln zu behandeln, kommt Jens
nicht umhin, vor der drohenden Verlockung der Überteibung zu war-
nen. Kommunismus - eine gefährliche Gratwanderung:
"Die Parolen von 1789 wollten erweitert und universalisiert
sein... ihre Größe und ihre Grenzen liegen in der Radikalität,
mit der sie solche Thesen (! Klassenkampf als Diskussionsangebot)
unter Ausschaltung jeder Vermittlung... vertrat."
Wer wüßte nicht, daß, wer sich einem hohen Wert verschreibt,
leicht unduldsam wird gegenüber der schlechten Welt, mit der das
Gute aber schließlich "vermittelt" sein will? Aber keine Angst,
Rosa war dieser Gefährdung gewachsen und hat immer den Sinn für
die von Jens genehmigte Reihenfolge bewahrt:
"Erbarmen kam bei ihr immer vor Haß."
Doch Jens ging noch weiter in der Stilisierung der Revolutionärin
zur moralischen Überfigur:
Durch die hartnäckige Betonung der Kompromißlosigkeit, mit der
sich Rosa Luxemburg in den Dienst ihrer selbstlosen Liebe zur
Menschheit gestellt habe, rief der Professor den geläufigen Ver-
dacht hervor, ein derartiger moralischer Vollkommenheitswahn habe
etwas Über-, also Un-Menschliches an sich - nicht zuletzt sich
selbst gegenüber: gibt man sich nicht auf, wann man nur für an-
dere da ist? Wo bleibt eigentlich das Subjektive bei all dem
über-individuellen Höheren? Auch hier wieder: da ist nichts am
Werk als der bürgerliche Instinkt für die Ausgewogenheit, auf die
es in Fragen der Moral ankommt: etwas Egoismus - darunter ver-
steht ein Bourgeois noch allemal das Arrangement mit den herr-
schenden Verhältnissen; etwas Altruismus, d.h. einige geheuchelte
Vorbehalte gegen ebendiese Verhältnisse. Das ist eine gelungene
Mischung. Aber nur Altruismus? Schadet das nicht der Gesundheit?
Doch auch hier erweist sich Rosa Luxemburg als Virtuosin der
Jensschen Charakter-Methodik Sie hinterläßt Briefe, die sich für
Jens' Kammerdienerperspektive ausschlachten lassen:
"Wer, meine Damen und Herren, würde, wenn er es nicht wüßte, be-
haupten wollen, die agitatorische Rosa Luxemburg und die lyrische
Briefeschreiberin seien dieselbe Autorin?... auf der einen Seite
die Hohn- und Haßgesänge auf den infamen Kapitalismus, auf der
anderen Seite die Hommage an den kecken Vogel... dies macht die
enorme Spannweite im Charakter der Rosa Luxemburg aus."
Daß an dieser Stelle niemand im Auditorium auffallen wollte, daß
Jens' Staunen über die "Spannweite" im Charakter der Rosa Luxem-
burg gemessen an der Logik des von ihm selbst entworfenen Persön-
lichkeitsbildes ziemlich unangebracht war - warum sollte eine
Heilsarmistin nicht in ihrem Privatleben gerne Tauben füttern? -
lag daran, daß die Botschaft, für die diese Briefstellen herange-
zogen wurden, jeder im Klartext verstand: das Menschliche an Rosa
ist, daß sie auch Abstand nehmen konnte von dem ihr angehängten
Fanatiamus als Folge eines "unbegrenzten" moralischen Rigorismus.
Sie hat sich von ihrer Ereiferung über die "Infamität" des Kapi-
talismus nicht die kleinen Freuden des Alltags nehmen lassen. So
unverbissen war sie!
Die - Fähigkeit zur Distanz gegenüber einer moralischen Kompro-
mißlosigkeit, die zwar nicht gehen kann - von wegen "unver-
mittelt" aber der Glaubwürdigkeit ihrer Hingabe ans Mitleid gut
zu Gesicht steht - fürwahr eine charakterliche Höchstleistung,
die ein Kompliment verdient:
"Für große Werte stand sie im Privatleben ein; unter welchen Mü-
hen eine Existenz zu leben ist, in der Privatperson und zoon po-
litikon identisch sind..."
Und wem dies alles als Zeichen für die hohe moralische Integrität
dieser Außenseiterin immer noch nicht ausreichen mochte, dem lie-
ferte Walter Jens einen letzten schlagenden Beweis, gegen den
sich kein deutscher Intellektueller auszusprechen vermag: Rosa
Luxemburg war eine Dichterin. In ihren politischen Reportagen
mindestens in der Erzähltradition eines Georg Büchner stehend, in
ihren Briefen von einer "Fontaneschen Plauderlust" getrieben und
- "frei von Gefühlsseligkeiten" (der Rhetorikprofessor muß es ja
wissen) - von einer "Einfühlsamkeit wie sonst nur Rilke" beseelt
und überhaupt der Gefühlslage der modernen Lyrik nahestehend, ge-
hörte sie zum großen Heer der deutschen Dichter und Denker, und
das ehrte schließlich nicht nur sie, sondern auch die akademische
Elite 1987.
zurück