Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist
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"HAT DIE HOFFNUNG NOCH EINE ZUKUNFT?"
Zu diesem Thema befragte DIE ZEIT "Wissenschaftler, Künstler, In-
tellektuelle" und den Bruder des Bundespräsidenten, weil zum Jah-
reswechsel, wieder einmal Besinnlichkeit auf der Tagesordnung
stand. Die Befragten sind auch, wie verlangt, i n s i c h ge-
gangen - hier der Ertrag, der dabei h e r a u s kam:
Robert Jungk:
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"Meine Hoffnung sind die Vielen, die bisher stumm geblieben sind,
die Zornigen, die sich empören, sind die Spinner, die ganz andere
Träume wagen. Mitten in der schlechten Gegenwart... entstehen
Keimzellen brüderlicher und schwesterlicher Gemeinsamkeit."
Und was, wenn "die Vielen", die demnächst wieder ihren Atom- und
Raketenkanzler wählen, auch noch ("bisher stumm") öffentlich be-
kanntmachen würden, warum sie das gut finden? Aber was soll's!
Der Mann hegt ebenso unbestimmte ("ganz andere") wie haltlose
("Träume") Erwartungen. Und das ist auch kein Wunder, weil er die
Wirklichkeit in seiner ignoranten Tour nur als negatives Abzieh-
bild ("schlechte Gegenwart") eben dieser seiner Erwartungen zur
Kenntnis nehmen will. Nur konsequent, daß er sich dabei auf
Gleichgesinnte stützt, die er nicht einmal daraufhin prüfen will,
ob sie auch dasselbe vorhaben wie er, und denen er offenbar jeden
Unsinn durchgehen läßt. Immerhin: Eine der beiden
e h r l i c h e n Antworten - dieser Mann läßt sich in seiner
Hoffnung vielleicht noch e n t t ä u s c h e n; und das gehört
doch zum Hoffen, oder? Die zweite ehrliche Antwort von dem Poli-
tologen,
Kurt Sontheimer:
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"Ich gehöre nicht zu der Generation, die Ende der sechziger Jahre
auf das Prinzip Hoffnung gesetzt hat. Mir kam die Situation der
Bundesrepublik, ja sogar der Welt, nicht so unerträglich vor, daß
man unbedingt darangehen mußte, sie zu revolutionieren, um etwas
anderes ins Werk zu setzen - damals nicht und heute auch nicht...
Wer auf die Hoffnung als Prinzip setzt, hat nichts Reelles in der
Hand. ... Wer jedoch im Ringen mit der Wirklichkeit für das Bes-
sere und Richtige sich einsetzt, den läßt die Hoffnung nicht im
Stich."
Meint Sonti "die Situation der Bundesrepublik" oder die Situation
i n der Bundesrepublik? Als Politologe kann er das anscheinend
nicht unterscheiden. Jedenfalls fühlt er sich als Bundesrepublik
so wohl, daß er nicht "etwas anderes" sein möchte "heute auch
nicht"! Er braucht keine Hoffnungen. Zum Schluß noch der Dialek-
tinger, daß, wer die Hoffnung nicht braucht, von ihr "nicht im
Stich" gelassen wird - fein gemacht! Der Rest der Mannschaft hat
sich in erlesenen intellektuellen Heucheleien ergangen. Zwei Bei-
spiele:
Robert Spaemann:
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"Welche Hoffnung? Zielt die Frage auf unsere Hoffnungen im Plu-
ral, so gibt es keinen Grund, warum wir nicht heute und morgen
ebenso hoffen sollten wie gestern; hoffen auf Gesundheit... hof-
fen, daß nicht immer das Schlimmste eintritt und daß uns ein
dritter Weltkrieg erspart bleibt. ...
Ist mit "Hoffnung" die Erwartung des Unerhörten gemeint, die
Ewartung dessen, "was kein Auge gesehen, kein Ohr gehört hat, und
was in keines Menschen Herz gedrungen ist", so wird es auch in
Zukunft Menschen geben, die dieser biblischen Verheißung glauben
und andere, die nicht glauben. Und wer daran glaubt, "in Ewigkeit
nicht zuschanden" zu werden, ist zweifellos besser daran als der
Ungläubige.
Zielt diese Frage aber auf die säkularisierte Form dieser Hoff-
nung, so gibt es, wie mir scheint, nur eine Antwort: Diese Hoff-
nung hat - hoffentlich - keine Zukunft. Der Gedanke, die irdische
Geschichte werde so etwas wie ein Äquivalent des Himmelsreichs
hervorbringen, war immer schon gegen jede gesunde Vernunft... mit
zuviel Blut bezahlt... Darum ist die "große Hoffnung" nur als re-
ligiöse gerechtfertigt."
Was erstens die kleinen Hoffnungen anbelangt (von wegen Gesund-
heit, "das Schlimmste", "dritter Weltkrieg" und so), so halten
"wir" sie für recht und billig ("Warum sollten wir nicht?"). Bil-
lig im doppelten Wortsinn: Man darf, u n d (oder weil?) es fol-
gen keine Ansprüche aus dieser doofen Gutgläubigkeit. Die "große
Hoffnung" aufs Jenseits zweitens ist auch "gerechtfertigt":
W e i l (sic!) die diesseitigen Mächte von dieser Geisteshaltung
in ihrem Schalten und Walten unbehelligt bleiben; (und wer's
glaubt; ist auch noch "besser daran"). Drittens: Der
M a r x i s m u s hingegen, den dieser christliche Philosoph
sich als "säkularisierte Form" der Bewältigung seines Erbsünde-
problems vorstellt, ist nicht "gerechtfertigt": Die "irdische Ge-
schichte" hat man als Schicksal anzunehmen. Die kostet nämlich
nicht "zuviel Blut", sondern nur soviel, wie sie nun einmal ko-
stet. Prost Neujahr! Schließlich:
Carl Friedrich von Weizsäcker:
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"Ich sage nur, daß ich aus der Hoffnung lebe; daß ich den naiven
Optimismus der vergangenen Jahrzehnte für einen Irrtum gehalten
habe und die Entdeckung, daß es so einfach nicht ist, wie man ge-
dacht hat, für einen Gewinn ansehe."
Dieser Bruder kennt den feinen Unterschied zwischen realitätsge-
mäßer "Hoffnung" und "naivem Optimismus": Das eine ist ein Le-
bensmittel, vom anderen kann man enttäuscht werden. Bleiben nur
die Fragen: Wer ist "es"? Was ist "man"? Und wie hoch ist der
Profit? Gar nicht "so einfach"!
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