Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist

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EINE NATION WIRD KRITISCH GEFEIERT

(Ausstellung ist Beitrag des deutschen Städtetags unter wissen- schaftlicher Leitung von Kulturreferent Glaser / Differenz zu Leistungsschau der BRD, die das Bundesarchiv im Auftrag der Bun- desregierung erstellt hat - siehe beigefügter Artikel) Anläßlich des 40. Jahrestags des Grundgesetzes werden wiedermal scharenweise Schüler durch eine Ausstellung geschleußt, die sich unter dem Titel "Soviel Anfang war nie" mit der Kulturgeschichte der unmittelbaren Nachkriegszeit befaßt. Die Zitate von drei deutschen Emigranten, die zu Beginn und Ende der Ausstellung zur Besinnung mahnen, geben das Motto dieses Museumsrundgangs wieder: Während Regisseur Langhoff von der Zerstörung der deutschen Städte Rückschlüsse auf die innere Zerrüttung der deutschen Seele zieht und Theodor W. Adorno seiner Skepsis Ausdruck verleiht, ob angesichts der faschistischen Schreckensherrschaft Kultur über- haupt noch möglich sei, gibt das Zitat von Thomas Mann dessen un- verbrüchlichen "deutschen" Optimismus wieder: "Es ist trotz allem eine große Stunde, die Rückkehr Deutschlands zur Menschlichkeit.(...) Deutsch war es einmal und mag es wieder werden, der Macht Achtung, Bewunderung abzugewinnen durch den menschlichen Beitrag, den freien Geist". Kaum muß eine deutsche Regierung, die einen Großteil ihrer Bevöl- kerung für die Größe deutscher Macht in Krieg und Frieden benutzt hat, abdanken, weil sie dem Kriegsgegner nicht gewachsen war und wird ersetzt durch eine neue Herrschaft, überschlagen sich deut- sche Kulturdenker in der Sorge um die Identität des deutschen Volkes und ihr Verhältnis zur Macht. Sie entdecken eine innere Zerrüttung der Deutschen, ergehen sich in kulturellen Ergüssen über die Beschwörung der Unmöglichkeit ihrer weiteren kulturellen Ergüsse und suchen die Chance zu neuer Bewunderung der Macht. Zweifellos hat die BRD-Regierung als Exportnation andere Verfah- rensweisen bei der Benutzung ihrer Untertanen als ihr faschisti- scher Vorgänger, der die Chance für deutsche Weltgeltung im mili- tärischen Schlagabtausch durchzusetzen suchte: Die Freiheit des Geistes kann wirken, sofern sie sich der Demokratie verpflichtet weiß, für Staatskritiker gibt es Demonstrationsrecht, Verfas- sungsschutz, Polizei ordentliche richterliche Aburteilung und Stammheim, Inländer, Ausländer und Behinderte werden gleicherma- ßen als benutzbares Menschenmaterial anerkannt und erhalten die gnädige Erlaubnis, leben zu dürfen (gleichgültig, ob sie das Geld dafür haben). Mit Gesetz, Recht und dem entsprechenden Gewaltap- perat wird so die "neue demokratische" Identität der Deutschen von Anfang an durchgesetzt und gewährleistet. Gemäß den neuen politischen und ökonomischen Zielen der Nach- kriegsregierung wurde vom Volk der Gehorsam eingefordert: Als Ab- schwören von der vorangegangenen Herrschaft, indem sie diese als "Un"-politik sehen und sich für die Toten dieser Regierung. mit- schämen. (Nicht zuletzt war gerade dieses Nationalbewußtsein, auf das der Nachkriegsdeutsche von Regierung und Alliierten ver- pflichtet wurde: der Glaube an eine nationale Gesamtschuld, die es zu sühnen gilt, ein Hebel für die reibungslose Durchsetzung der Ansprüche von seiten der neuen Regierung.) Die Radikalität der Gesinnungsschnüffelei heutiger wie damaliger Intellektueller entbehrt hier nicht einer gewissen Unverschämt- heit: An den Trümmerfrauen, Flüchtlingen und Arbeitslosen fällt ihnen ausgerechnet das Elend einer deutschen Seele auf, für die sie die geistige Sorgepflicht übernehmen. Jenseits des staatlich gesetzten Zusammenhangs der Bewohner bundesdeutschen Hoheitsge- bietes gehen sie auf die Suche nach einer freiwillig gewählten geistig-seelischen Heimat des Volkes in der Demokratie. Vom Idea- lismus einer staatlichen Gewalt, die aus dem Herzen der Menschen fließt, wird die Nachkriegsgeschichte beurteilt. Und da diese Identität ohne jede Kalkulation auf ein eigenes Interesse weder im Faschismus noch in der Demokratie je existiert hat, wird nach allen Seiten hin problematisiert, kritisiert und eine gehörige Geschichtsverfälschung in Gang gesetzt. Alles, der Aufbau zerstörter Häuser, die Angleichung der Schuler- ziehung an die Maßstäbe demokratischer Herrschaft, ausländische sowie inländische Kulturprodukte etc, soll jetzt unter dem Ge- sichtspunkt betrachtet werden, ob sich hier wirklich die Entste- hung einer neuen deutschen Identität abzeichnet. Ausdruck dieser demokratischen Identität ist die Kultur. So scheinen sich alle Taten des Volks wie der Regierung von 1945 - 49 dem Generalanlie- gen der Schöpfung und Pflege einer demokratischen Kultur zu ver- danken. ( Der Aufbau der Ausstellung ist klassisch: 1. Nation kaputt = Kultur zerstört = Identität des Menschen zer- stört 2. Mühsam geht es mit Hausbau und Versorgung der Bevökerung auf- wärts = Zuerst kommt das Fressen, dann die Kultur Steht man vor einem Sunlicht-Plakat ("Hurra - Es gibt wieder Sun- licht-Seife") so bedarf es schon einer gehörigen Portion Phanta- sie, um z.B. mehr zu entnehmen, als das es eben wieder Seife zu kaufen gab und vorher wohl nicht.. 3. Umerziehung: = Einsicht in die Notwendigkeit einer neuen Kul- tur Da die Ausstellung den Eindruck vermittelt, als wäre der Zeit von 1945 - 49 die Entstehung einer ungeheuer reichhaltigen Kultur zu verdanken und man der Abbildung wirklicher Kulturprodukte weder das Demokratische noch den freien Geist so richtig ansieht (Eine Vitrine mit einer Unzahl von Publikationen steht für freien Geist - viel = frei?!, ebenso Jazz, weil er vom Ausland übernommen wurde.), wird sie als zu wenig kritisch empfunden. Vermißt wird "das notwendige(?!) Fragezeichen hinter "Soviel Anfang war nie" (vgl. Süddeutsche Zeitung vom 3./4.6.1989). Dies liefert das Ka- leidoskop von Veranstaltungen der Arbeitsgemeinschaft "Kultur im Großraum Nürnberg, Fürth, Erlangen, Schwabach" nach. Mit dem Lamentieren über einen "unehrlichen Konkurs", den Folgen einer "aufgepropften Demokratie" wird die Abwesenheit eines Na- tionalbewußtseins beschworen, das sich Demokratie - nicht als Staats- sondern als Lebensform - jenseits irgendeiner Kalkulation auf ein eigenes Interesse zum obersten Wert kürt. Entsprechend fallen auch die kritischen Fragen und Antworten aus, die z.B. auf dem dreitägigen Symposium des Bildungszentrums erör- tert wurden. Unter dem Motto "Vorwärts und fix vergessen" wird hier bereits in der Auftaktveranstaltung von Spaltungs-Historiker Christoph Kleßmann und seinem DDR-Kollegen Jürgen Kuczinsky ein Versäumnis "des" Deutschen bedauert: haben doch große Teile der Bevölkerung im Westen die Entscheidung der Alliierten zur deut- schen Teilung befürwortet und damit diesen "ersten Bruch der Identität der Deutschen" mitzuverantworten. Die gegensätzlichen politischen Ziele der Alliierten: Frontstaat gegen den Osten bzw. Sozialistischer Einheitsstaat tauchen hier bestenfalls noch als Verrat an der eigentlichen Aufgabe des deutschen Volkes auf, seine eigene natürliche Einheit zu stiften. In der Suche nach Bedingungen für die mangelhafte demokratische Gesinnung der Deutschen werden wahre Schreckensgemälde der Tradi- tion des deutschen Volks"geistes" entworfen: z.B. Jörg Friedrich, der die deutsche Identität in einem fast 100jährigen Opferbewußt- sein sieht, das aufgrund der Beendigung der Leidensgeduld in ge- meinsamen Aggressionswillen umzuschlagen droht. Und wer ist schuld? Die Unfähigkeit der Väter-Generation, sich zur Schuld zu bekennen: "Die Opfergemeinschaft leidet an einem charakteristischen Defi- zit: sie hat kein Organ für Täterschaft" Einen Nutzen hat diese Selbstdarstellung demokratischer Wissen- schaftler in Sachen demokratischer Gesinnungsschnüffelei schon: Jede Tat unseres demokratischen Staates nach innen oder außen (Umgang mit Staatsgegnern, Asylanten, Ausländern, Ostpolitik) läßt sich als in der Tradition begründeter Widerspruch zur Demo- kratie denken, ohne sich auch nur mit einem Zweck oder Inhalt dieser Politik zu befassen bzw. ein geschädigtes Interesse zu be- merken. Die Kollektivschuld steht fest und die Demokratie läßt sich auch weiterhin als etwas eigentlich richtig anheimelndes denken. In diesem Sinne, weiter so mit Herrn Wollenbergs Schlußwort: "Viel Anfang war nie oder war doch viel Anfang? Es gibt noch viel aufzuarbeiten." zurück