Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist
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DER DEUTSCHE INTELLEKTUELLE UND SEINE LIEBE ZUM VOLK
Ende der 80er Jahre haben westdeutsche Intellektuelle ihre Liebe
zu den Massen entdeckt. "Das Volk" steht hoch im Kurs - und zwar
das in den Staaten des ehemaligen Ostblocks. Begeisterung ist
aufgekommen für ein "Volk ohne Angst", das mit "Mut" und "Kraft"
und "voller Hoffnung" sich als "Held" betätigt und kaum vorstell-
bare "Wunder" vollbracht haben soll. Menschen, die noch nie gegen
einen Vorgesetzten oder einen Professor ein Widerwort gewagt ha-
ben, erklären sich da auf einmal zu Anhängern einer "Revolution";
auf die Revolution d r ü b e n lassen sie nichts kommen, weil
sich schließlich s i e zu ihren Anhängern erklärt haben.
Und das alles nur, weil Deutschland und die NATO einen Erfolg zu
verbuchen haben.
Idealistische Deutungen,
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durch den real existierenden Imperialismus bewiesen
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"Völker kämpfen um ihre Freiheit ... aus Hitlers Krieg und
Stalins spätimperialem Wahn stammende Ketten abgeschüttelt ...
die Menschenrechte der Freizügigkeit, der freien Meinungsäußerung
und der freien Wahlen endgültig (so hoffen wir alle) durchgesetzt
..." usw.
Diese wohlwollende Interpretation wird als Kompliment unter-
schiedslos an die verschiedensten Leute verteilt. Zum Beispiel an
- Polnische Nationalisten, die mit Demos und Streiks ihrer Herr-
schaft die Machtfrage gestellt haben und angesichts der durch
westliche Wirtschafts- und Kreditbeziehungen ruinierten Ökonomie
nichts für dringlicher halten als eine original polnische, garan-
tiert russenfeindliche, mit dem Segen der katholischen Kirche
versehene Regierung, die die Ein- und Unterordnung Polens ins
westliche Lager betreibt;
- DDR-Bürger, die immer brav und mit opportunistischem Gemecker
alles mitgemacht haben, solange bis ihnen durch auswärtige Poli-
tiker in Ungarn und der Tschechoslowakei die Möglichkeit geboten
wurde, das einzigartige Sonderangebot der BRD anzunehmen, einen
bundesdeutschen Paß zu erhalten und mit den Segnungen des Kapi-
talismus ihr Glück zu versuchen;
- islamische Aseris, die das Zusammenleben mit Armeniern für un-
erträglich halten, weil diese keine Aserbeidschaner sind und sich
beim Beten nicht auf den Boden werfen, sondern auf den Knien rum-
rutschen und ihren obersten Heiligen nicht Allah nennen, und
christliche Armenis mit den umgekehrten Vorlieben;
- Nationale Minderheiten und Mehrheiten in Rumänien, die sich ihr
kümmerliches Dasein als ein einziges Verbrechen ihres bewunderten
Staatsführers haben erklären lassen, und zwar seit Ceausescu als
letztes Hindernis für den beschlossenen Abmarsch des Ostblocks in
die offenen Arme des Westens übriggeblieben war.
Kein westdeutscher Intellektueller hält die Beweggründe der auf-
ständischen Massen im Osten für befassungswürdig. Erst recht gibt
es keinen Bewunderer der Völker drüben, der sich auch nur eine
Stunde lang mit den wirklichen Anliegen dieser Leute gemein ma-
chen wollte - wer mag denn schon zur Schwarzen Madonna von
Tschenstochau beten, Andersgläubige schlachten oder auch bloß
nach drüben gehen, um schwarz-rot-goldene Fahnen durch Leipzig zu
tragen. Ein deutscher Intellektueller jedenfalls nicht. Der hat
ja hierzulande genügend zu tun. Nämlich mit seiner
"revolutionären Anstrengung", den unzufriedenen Massen drüben,
die ihren Herren die Gefolgschaft aufkündigen, den Einsatz für
lauter wundervolle Werte wie "Freiheit", "Demokratie", "Humani-
tät", "Menschenrechte", "aufrechten Gang" und die "kapitalisti-
sche Menschennatur" nachzusagen.
Diese ziemlich volksfremde Begeisterung für fremde Völker hat
keine Chance, sich zu blamieren. Deutsche Intellektuelle können
sich das übertriebenste Zeug ausdenken - sie werden durch "die
Realität" einfach nicht widerlegt. Sie haben nämlich eine ganz
andere Realität als die wirkliche Aufregung enttäuschter Massen
drüben auf ihrer Seite. Das ist der Sieg, den der Westen in den
Staaten des ehemaligen Ostblocks gegenwärtig erringt. Den impe-
rialistischen Politikern des Westens ist es ja auch völlig
gleichgültig und kann es auch scheißegal sein, was die Völker
drüben sich denken und wünschen. Deren Aufruhr kriegt seinen maß-
geblichen politischen Inhalt durch die Weltpolitiker der NATO und
die Ostpolitiker der BRD verpaßt. Für den Triumph des Westens ist
tatsächlich alles funktional, was den "Realen Sozialismus" der
Sowjetmacht zersetzt und beendet.
Und genauso wie der Imperialismus v e r f ä h r t, so
d e n k e n deutsche Intellektuelle. Wo westliche Politiker Mas-
sen von aufgeregten Bürgern als nützliche Idioten
b e n u t z e n, da wissen die intellektuellen Idioten des We-
stens sich aufgerufen, dieselben Leute als Freiheitshelden zu
b e w u n d e r n. Die Liebe zum Volk fällt ihnen ganz leicht,
weil sie die geliebten Völker für die leibhaftige Verwirklichung
ihrer eigenen Feuilletons halten.
Woran ein revolutionsbegeisterter Intellektueller F r e i-
h e i t s d u r s t und D r u c k d e r S t r a ß e ausein-
anderkennt.
In ihrem revolutionären Einsatz für den Fortschritt der Freiheit
in der Welt kriegen die intellektuellen Volksfreunde des Westens
gewisse Konjunkturen überraschend genau mit. Ob die "Geschichte"
den "Durchbruch der Freiheit" oder ein bißchen was anderes auf
die Tagesordnung setzt, entnehmen verantwortungsbewußte Intellek-
tuelle den Pressemitteilungen ihrer Regierung. Deswegen ist auch
ganz klar, daß sich die Begeisterung für das "Volk" auch mal
wieder legt.
Der "Reformprozeß" in den Ostblockländern kommt voran, und das
beschert dem hochverehrten Volk in den Augen hiesiger Beobachter
ganz neue Aufgaben. Diejenigen, die gestern noch über Völker ju-
belten, die angeblich ihr Schicksal in die eigenen Hände genommen
und Geschichte gemacht haben, fühlen sich heute bemüßigt mitzu-
teilen, was sie ab sofort für eben diese Völker angebracht fin-
den.
Zum Beispiel in Polen: Arbeitslosigkeit, immer teurere Lebensmit-
tel, ein ständig wachsender Prozentsatz derjenigen, die unter dem
offiziellen Existenzminimum leben - Grund zum Streiken für ein
gescheites Auskommen haben die Polen mehr denn je. Geändert hat
sich jedoch "unsere" Stellung zur polnischen Regierung, die sich
in "unserem" Sinne um die Integration Polens in den Weltmarkt
verdient macht. Deswegen kann die geistige Elite der BRD nun auch
nicht umhin, die ehemals so beliebte "Solidarität" an ihre
Verantwortung in der Regierung zu erinnern und eine "Streikwelle"
für völlig unpassend zu halten - selbstverständlich nur im urei-
gensten Interesse des polnischen Volkes, das doch unmöglich das
nationale Rettungsprogramm ihrer Regierung gefährden wollen kann.
Zum Beispiel in der DDR: Nach Öffnung der Grenzen kommt der de-
facto-Anschluß der DDR an die BRD jeden Tag ein Stückchen weiter
voran. Bundesdeutsche Politiker debattieren öffentlich darüber,
wie trotz offener Grenzen DDR-Bürger zum Drübenbleiben angehalten
werden können. Damit ist klar, gewarnt werden muß vor falschen,
"eigennützigen", "rein materialistischen" Motiven fürs Übersie-
deln, und die Verhältnisse in der DDR gelten nicht länger als
"unerträglich", sondern als "unsere Heimat", um die man sich
gefälligst zu kümmern hat.
Schwieriger wird die Sache, wenn von nationalem Wahn beseelte
Massen sich auf ihre "religiöse und kulturelle Identität" beru-
fen, das Zusammenleben mit Angehörigen eines anderen Volksstammes
unerträglich finden, einen Austritt aus der Union der Sowjetrepu-
bliken fordern, einen Bürgerkrieg anzetteln und den Kremlchef vor
die Alternative stellen, den Zusammenbruch der sowjetischen Macht
inklusive internationaler Konflikte mit dem Iran zuzulassen oder
durch die Entsendung von Truppen zu versuchen, die nationalisti-
schen Metzeleien zu beenden.
Handelt es sich da um das verständliche "nationale Unabhängig-
keitsstreben unterdrückter Völker", die sich von den "Ketten der
imperialistischen Unterdrückung durch das Sowjetregime" befreien?
- Dafür spricht, daß die Schwächung und Auflösung der Sowjetunion
schließlich das politische Programm des westlichen Bündnisses
ist.
Oder handelt es sich etwa um "nationalistische Exzesse", die
durch das Militär beendet werden müssen, um "die Sicherheit der
Bürger des Staates" zu gewährleisten? - Dafür spricht, daß der
Bürgerkrieg im Transkaukasus die politische Macht Gorbatschows in
Frage stellt, der doch zumindest im Moment "unser Mann" in Moskau
ist und mit seiner Perestroika die Selbstauflösung des Sowjet-
blocks in Gang gesetzt und ordentlich vorangebracht hat.
Eine theoretisch zu klärende Frage ist das nicht, und schon gar
keine, die durch die geistige Elite der Bundesrepublik entschie-
den wird. Welche Auffassung die richtige ist, weil sie der poli-
tisch gültigen Definition der Weltlage entspricht, das wird durch
die maßgeblichen Politiker des Westens entschieden.
"Es gibt aber einen Unterschied zwischen dem friedlichen Streben
der baltischen Völker nach Unabhängigkeit und den Exzessen im
Transkaukasus. Washington hat darauf hingewiesen und Moskau zur
Wiederherstellung der Ordnung geradezu ermuntert. Die Regierung
Bush fürchtet, daß Gorbatschow jegliche Autorität verliert,
sollte er im Bürgerkrieg unterliegen." (SZ 18.1.)
Na also, da sieht man, wie nützlich ein klärendes Wort vom ober-
sten Chef des westlichen Bündnisses sein kann. Da weiß man doch
wieder, welche Unterschiede es in der Welt gibt!
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