Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist

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       Der Aufgerüstete Intellekt:
       

GANZ FREI UND VOLL DAFÜR ZU SEIN

Daß die Kriegsvorbereitungen der NATO nicht auf dem Programm der Wissenschaft stehen, heißt keineswegs, daß sich nicht sämtliche Universitätsangehörigen ein Urteil darüber gebildet hätten. Um welche Meinung es sich dabei handelt, zeigt sich darin, daß der Antrag auf Diskussion so gut wie einhellig für abwegig erklärt wurde: die Rede von Kriegsvorbereitungen sei doch wohl stark übertrieben, die Lage jedenfalls im Moment nicht so brenzlig, daß man unbedingt über sie reden müsse - es seien doch Verhandlungen angekündigt etc. Daß nichts über das Thema bekannt war, was einen aus der Ruhe zu bringen hätte, läßt darauf schließen, daß die täglichen Nachrichten über Absichten und Strategievorstellungen der West- und Ostmächte mit unerschüttertem Vertrauen in die ei- genen Politiker gelesen werden. Wer die Selbstverständlichkeit der NATO-Rüstung angreift, muß sich zunächst nach seinem Geistes- zustand fragen lassen: ob wir denn nichts vom sowjetischen U-Boot in schwedischen Hoheitsgewässern gehört hätten? So geht der aka- demische Geist mit jeder Konjunktur des westlichen Feindbildes. Jede sichtbare militärische Aktivität der Russen gilt bereits als Skandal und möglicher Kriegsgrund, jedenfalls allemal als Grund zum Aufrüsten: während Schweden vorher als neutral galt, ist nach dem Zwischenfall klar, daß es im Prinzip zur NATO gehört, eintre- ten und aufgerüstet werden sollte - gerade weil es als neutrales Land in seinen Hoheitsrechten verletzt wurde. Auch die Intellek- tuellenschaft macht pünktlich jeden Fortschritt in den NATO- Sprachregelungen des Ab-jetzt-nicht-mehr-Gestatteten mit: war "Afghanistan" noch ein richtiger Einmarsch und, nachdem dies zum weltpolitischen Skandal erklärt, klargestellt, daß die SU sich keine strategischen Stützpunkte mehr leisten darf; steigerte sich die Sache mit "Polen" - die SU hat sich in ihrem eigenen Ostblock nicht mehr militärisch zu betätigen, ohne daß die NATO dies zum Anlaß für politische Erpressungen bis zum Krieg nimmt; gilt das Wort "SS20" seit Monaten als Beweis für die Angriffslust der Rus- sen; so ist mit dem "U-Boot" eine Ebene erreicht, auf der die lä- cherlichste Aktion der Sowjets als überzeugender Grund, zum Los- schlagen gehandelt wird. So gilt der westlichen Öffentlichkeit Stufe für Stufe genau das als Störung des Weltfriedens, was die NATO gerade für fällig erklärt hat, um der SU Stück für Stück die Bewegungsfreiheit zu nehmen, - und genauso gilt's der Bochumer Intelligentia. Erst recht muß man als Verrückter oder/und absichtlicher Verfäl- scher anerkannter westlicher Weltanschauung gelten, wenn man be- streitet, ein unversöhnlicher Gegner sowjetischer Unfreiheit sein zu müssen und etwas dagegen hat, sich für den Genuß der Frei- heitsrechte als Objekt staatlichen Kriegskalküls behandeln zu lassen. Daß die Freiheit noch unter jeder Herrschaft dieser Welt darin besteht, was die Polizei erlaubt, ist dabei ganz unwichtig; für den Nationalisten dagegen ist wichtig, daß die Untertanen der feindlichen Nation nicht dem gleichen Recht unterworfen sind wie man selbst, so daß ihm die Notwendigkeit der gewaltsamen Befrei- ung aus dem Unrechtsstaat einleuchtet, sobald es ihm der eigene Staat gesagt hat. Dabei entspricht die praktische Bedeutungslo- sigkeit der Freiheit im Alltag des Staatsbürgers direkt der Vehe- menz, mit der er dieses Ideal seiner Fügsamkeit vertritt. Im Osten hingegen malt man sich schamlos eine Welt aus, in der man keinen Schritt ohne Stasi-Überwachung machen dürfe. Vor allem ge- nießt man dort keine Meinungsfreiheit, während man hier täglich dreimal seinen unveräußerlichen Gegensatz zu unserer Gesellschaft kundtut und anarchistische Parolen in den Hörsaal schmettert, wann immer es einem paßt. So macht man sich zum nützlichen Idio- ten der eigenen Herrschaft: man erklärt schlicht und einfach die Grundsätze des feindlichen Regimes für unmenschlich und vice versa: an der Demokratie möge der Rest der Welt genesen (und wenn der Befehl kommt, dann stirbt man wenigstens dafür, nicht für die Volksdemokratie). Unter dem Stichwort "Unfreiheit" pflegt heute schon ein jeder die Russen nach einem Maßstab zu beurteilen, der den Vorzug hat, daß sie, e g a l was sie tun, schlecht aus- schauen: schicken sie ihre Dissidenten in den Westen - Dichter im Exil; behalten sie sie - Ausreiseverweigerung; lassen sie sie veröffentlichen - Schwächezeichen! Der freie demokratische Geist ist also unbestechlich, was die Roten betrifft: wenn sie ihm schließlich mal keine Angriffsfläche bieten sollten, dann ver- stellen sie sich eben. Da können friedensbewegte Kreise durchaus mithalten. Das alte NATO-Ideal, die Russen möchten sich doch freiwillig entwaffnen, macht sich die Bewegung neuerdings vollinhaltlich zu eigen: als Opponenten der westlichen Aufrüstung fordert sie den Warschauer Pakt zum Verschrotten der SS20 auf. Nicht wahr: allgemeine Abrü- stung wäre wohl schön, aber die Russen müßten schon den Anfang machen. Im Unterschied zu denen, die ein unfreiheitliches U-Boot in fremden Gewässern allemal für einen ehrenvollen Kriegsgrund halten, tragen doppelseitige Rüstungsgegner ihr Vertrauen in die bundesdeutsche Politik als Mißtrauen gegen den weltweiten "Rüstungswahnsinn" vor. Ihre Diskussionsbeiträge: "Alles Wahn- sinn!" - "Man muß eben gegen Gewalt überhaupt sein!" sind Stel- lungnahmen, die angesichts dessen, daß einen die Politik täglich eines Besseren belehrt, auf dem Ideal bestehen, daß Gewalt kein Mittel der Politik sein d ü r f e - Schluß draus: die Politiker sind wahnsinnig geworden, haben ihre Verantwortung für das Leben ihrer Untertanen vergessen (und/oder werden ihrer wildgewordenen Militärs nicht mehr Herr). Die Essenz dieser Argumentation: es sei undenkbar, daß das westliche Militär einem politischen Inter- esse dienen könnte; oder umgekehrt: daß freiheitlich-demokrati- sche Staaten anderen Mächten mit Gewalt ihren Willen aufzwingen wollten. Daß ausgerechnet Basisgruppler in einigen Vorlesungen die Nase vorn hatten, wenn es darum ging, die MG hinauszuekeln, steht da- her der Friedensbewegung nicht schlecht an. Wer sich nämlich we- der der herrschenden noch der friedensbewegten Variante des bun- desdeutschen Nationalismus anbequemt - der muß sich vorwerfen lassen, ein Russenfreund zu sein; und "einseitig" ist noch das harmloseste Schimpfwort, das er hört. Natürlich sollen wir auch gleich nach drüben gehen, und zwar wegen Undankbarkeit gegenüber der demokratischen Freiheit, jederzeit unsere Meinung sagen zu dürfen; da sie prinzipiell gilt, darf man sie nicht mißbrauchen, indem man sie in der Vorlesung wahrnimmt. Und schließlich gibt es noch ein "Argument", das ist erzdemokratisch und deswegen auch ein klassischer Antikommunismus: "Ihr seid doch eine Minderheit. Stimmen wir also ab." zurück