Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist

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       Bremer Hochschulzeitung Nr. 14, 06.05.1980
       
       Im Feuilleton der BHZ:
       

DAS BREMER KULTUREREIGNIS - DER 1. MAI

Keine Frage: das diesjährige Kulturleben in der Hansestadt er- reichte am 1. Mai seinen bisherigen Höhepunkt. Die künstlerischen Leistungen, die an diesem Tage geboten wurden, stellten an Auf- wand und Ausstattung alles andere in den Schatten. Nicht nur, weil die Maifeier der adäquate Abschluß einer gefällig inszenier- ten Kultur w o c h e war (eine gut abgestimmte Co-Produktion der bewährten Teams von DGB und DKP); nicht nur, weil sich pünktlich zum 1. Mai das für Freilichtaufführungen unentbehrliche gute Wet- ter einstellte; nicht nur, weil die bunte Mischung aus Show, Mu- sik und gehobener Unterhaltung gekonnt gemacht war, sondern vor allem, weil das kulturelle Ereignis Nr. 1 zugleich als d a s g e s e l l s c h a f t l i c h e Ereignis Bremens gelten darf. Es war die Stimmung der Harmonie und der Zusammengehörigkeit, die diesem Tag sein heiteres Gepräge gab. Der Rezensent muß gestehen, daß auch er sich dem esprit des "Wie geht's denn so?" und "Lange nicht gesehen" nicht entziehen konnte, und manchem alten Bekann- ten, den er seit dem 1. Mai 1979 nicht mehr gesehen hatte, ver- söhnlich gestimmt ein Druckerzeugnis abkaufte. Ganz im Stile mo- derner Theaterinszenierungen wurde dem Publikum die aktive Mit- wirkung bei der Ausgestaltung nicht übel genommen. Der Protago- nist des feierlichen 1. Mai, Detlev HENSCHE, hauptberuflich Vor- standsmitglied einer Gewerkschaft, fand sich in der Rolle des Entertainers ausgesprochen gut zurecht. Er verstand es, die zahl- reichen großen und kleinen Anliegen, die sich an diesem sonnigen Donnerstag in Bremens Stadtmitte ein Stelldichein gaben, in seine launige Ansprache einzubauen. Fir brachte viel und damit manchem etwas mit knappen Losungen wie: "Wir fordern das Recht auf ungeteilte Aussperrung aller Rekruten- vereidiger im Kampf der Frauen für die 35-Stundenwoche und gegen die Rechtsentwicklung an der Gesamtschule in Gorleben und anderswo." Soviel entschiedene Verbindlichkeit rechnete ihm die Theaterge- meinde hoch an; so war der denkbar schlechte Eindruck der letzt- jährigen Maifeier mehr als vergessen. Schauspielern und Publikum ist zu bescheinigen, daß sie sich mühten, das aufgeführte Stück "Zum 90. Mal den 1. Mai" aus der Enge des Themas herauszuführen. Nicht unerwähnt bleiben darf bei alledem der Festumzug, dieses Jahre wieder eine Demonstration im besten Sinne dieses so oft mißbrauchten Wortes. Bremern und Butenbremern wurde dabei erfreu- lich offen demonstriert, wie wenig an der Bremer "Sturheit" dran ist. Von ungewohnter Kreativität war die Idee, einmal am Tage der Arbeit Karneval zu feiern. Es wäre dem Zug zu wünschen gewesen, daß mehr Bremer die Straßen gesäumt hätten, allzureich waren die optischen und akustischen Effekte. Was wurde nicht alles geboten: Franz-Josef Strauß überlebensgroß in Pappmachee, dem ein Kinder- garten mit Rattenmasken hinterherschwänzelte; die Tomatenketchup- kriegsopfer, oder die ganz und gar lebendigen, in eine große Ki- ste gestopften Kleinkinder, die den Mangel an Kinderkrippen ein- drucksvoll verkörperten. Anregungen genug für die Regisseure des Goethetheaters! Ganz zu schweigen von den mitgeführten Plakaten und Transparenten mit Aufschriften wie: "Zweiradindustrie schafft sichere Arbeitsplätze", "Hände weg vom Ladenschluß", "Rettet die Garlstedter Heide" und "Rettet den NDR". Oder einfach nur das schlichte, aber einprägsam "Buh!". Die Lacher auf ihrer Seite hatte eine fröhliche Gruppe nett ge- schminkter junger Männer mit ihrem schelmischen Plakat: "Der Staat hatze ja nicht alle!" Es stimmte also alles an diesem festlichen Maianfang. Umso unver- ständlicher erscheint dem Rezensenten die Aufregung über den Auf- tritt der polizei-gewerkschaftlich organisierten Ordnungshüter im Anschluß an die Maifeier vorm Naturfreundehaus. Wer wollte es ge- rade ihnen verdenken, daß auch sie an diesem Tag der Arbeit ein- mal ihr Vergnügen haben wollten. Wäre nicht ein wenig mehr Ver- ständnis diesen Kollegen gegenüber angezeigt gewesen? Stattdes- sen: überall ein großes Aufhebens wegen einiger Knochenbrüche und Festnahmen. Sollte man nicht viel eher von einer rundum gelunge nen Generalprobe sprechen? *** Original und Falschmeldung -------------------------- Harald PUNDSACK, DKP-Kreisvorsitzender, ist nach unbestätigten Meldungen aus gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen aus der DKP ausgeschlossen worden. Stein des Anstoßes für die parteiinterne Säuberungswelle soll sein ironisch-bissiger Kommentar in einer Werbewurfsendung für das Maizeltkulturfest seiner Gruppe gewesen sein: "Wenn ich gefragt werde, welches der Programme an den 5 Tagen am meisten zu empfehlen ist, - ich könnte es beim besten Willen nicht sagen." (Maizeit '80, DKP) Der Shanty-Chor "Hart Backbord" soll außerdem Rechtsmittel gegen den Kreisvorsitzenden eingelegt haben. zurück