Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist


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       Der Veranstaltungskommentar
       

EIN DEUTSCH-AMERIKANISCHER KULTURBEUTEL

war vorletzten Montag in Bochum zu bestaunen: Leo LÖWENTHAL, 80, aus Berkeley, einer der letzten Überlebenden der Frankfurter Schule, der früher auch einmal eine Zeitlang Revolutionär gewesen sein soll. Heute jedenfalls muß er sich zu Recht einen radikalen "Neinsager" "am Rande der etablierten Macht" schimpfen lassen. Diese Worte, als Begrüßung des alten Mannes gemeint, trafen genau den Kern: als Verkörperung des ungeheuren Löwenmutes, sich nicht umstandslos für die Macht erklärt zu haben, die ihm seine Gei- stesfreiheit erteilt hat, wurde er angekündigt - und die Betrach- tung, die solchermaßen empfundene "Marginalität" sei überhaupt gleich gar die "wichtigste Erlebnisform" des modernen Individu- ums, war der ebenso kindische wie eitle Inhalt seines Vortrags. In der Kunst nämlich, so LÖWENTHAL, liegt das letzte Residuum des Individuums, welches seine Freiheit gegen die Manipulation der Massenkultur zu verteidigen hat. Die Manipulation besteht, das brauchte an unserer Massenuniversität gar nicht weiter erläutert zu werden, schlicht darin, daß sie eben für die Massen gemacht wird, was dem Individuum keine Möglichkeit läßt, sich frei seine Freiheit in Distanz von den Massen zu suchen. (Irgendwie ist der Pleonasmus halt auch eine Form des Antikommunismus, Herr L. L.) Und zwar soll es das in der Literatur, welche die erwähnte Margi- nalität zum Inhalt hat, sowie - nach dem hierorts ebenfalls nicht unbeliebten Argument, daß ohne Individuum keine Revolution -- der "wahre Schlüssel für die Gesellschaft und für die Kritik an der Gesellschaft" ist. Als "Passionsgeschichte des Menschen in immer- währender Krise" hält die Kunst "transzendentale Motive wach", wozu die Politik (zum Beispiel oder wie?) "zunehmend ungeeignet" ist. Insofern wäre Adorno, Bloch et ceteris Genüge getan, zumal Herr LÖWENTHAL es nicht versäumte, sich abschließend für "eine Einheit von Theorie und Praxis" auszusprechen. Ordnen wir das Ganze doch mal materialistisch: 1. In Amerika ist das Fernsehen offenbar sehr laneweilig (lauter MM und RR 2. Die europäische Literatur "seit 1600" ist mehr nach LÖWENTHALS Geschmack. 3. Soweit kann man sich seiner Empfehlung ja anschließen, wenn man mag. Aber den Qualitätsunterschied zur Gefahr für die Frei- heit des Individuums zu erklären, ist doch ein bißchen viel Be- wußtsein für so wenig Sein. 4. Wer soll denn den Unsinn glauben? Die Massen natürlich nicht, gell? Also die Literaten, diese alten Neinsager? Naja, dann. zurück