Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist

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       Ein heißer Renner im deutschen Laden für politische Kultur
       

ANTISEMITISMUS

Ein Gespenst geht um in Deutschland-West, und alle guten Deut- schen fahnden nach ihm. Es heißt Antisemitismus, und wie bei al- len Geistergeschichten scheiden sich die Zeitgenossen in zwei ri- valisierende Lager. Die einen wollen das Gespenst gesehen haben, die anderen nicht. Diese anderen stellen sich stur und behaupten, es gäbe den Spuk ja gar nicht. Das macht wiederum die einen schwer betroffen, denn sie haben schließlich einen bösen Geist gesehen, vor dem sie nicht heftig genug warnen können. So legen sie einen Zahn Verantwortung zu und zeihen die Zweifler eines un- verantwortlichen Leichtsinns, der dem Gespenst in die Hände ar- beite. Denn das eben wäre die Lebens- und Wachstumsbedingung des Antisemitismus, daß ihn so wenige sehen mögen. So könne er sich bequem breit machen, und wie das ausgeht, hat man ja gesehen. Damit ist das Programm fertig - für Ein nationales Rührstück ------------------------ Es handelt in sämtlichen Akten davon, wie "wir" uns an der Befol- gung des kategorischen Imperativs zu schaffen machen, der da ge- bietet, "aus Auschwitz zu lernen". Die Besetzung ist kein Pro- blem, weil so ein Volk eine beachtliche Laienspielgruppe abgibt. Es ist sogar mit dem Vorzug ausgestattet, daß es durch seine ge- sellschaftliche Gliederung eine natürliche Rollenverteilung auf- weist. Die dramatis personae beherrschen zudem ihre Rollen sehr gut, weil das Stück schon seit der Gründung der BRD auf dem Spielplan steht. Die Neuinszenierung 1986 wurde fällig, als zwei C-Politiker Äußerungen taten, die den Juden gewisse moralische Defekte zuschreiben; hinzu kam die Präsentation eines anderen Theaterstücks, in dem es von einem reichen, aber nicht ganz ehr- lichen Juden wimmelt. Im 1. Akt geloben alle, nichts für Antisemitismus übrig zu haben. Selbst die, die ihn angesichts der erwähnten Entgleisungen der Saison nicht am Werk sehen, beteuern laut, daß sie im Falle ein- schlägiger Entdeckungen schwer was dagegen hätten. Die morali- schen Aktivisten dagegen warnen sich und andere dumm und dämlich davor, die Vergangenheit in Vergessenheit geraten zu lassen. Auschwitz und die Namen anderer Konzentrationslager kommen immer wieder als Kürzel dafür vor, wo es hinführt, wenn wir den Antise- mitismus übersehen. Dichter und Denker verlangen "Trauerarbeit", manche von ihnen stellen Behauptungen des Typs auf: "Nach Ausch- witz kann man nicht mehr..." - dichten, Cello spielen, philoso- phieren etc. Diese Angeber widerlegen sich gewöhnlich durch ihre hauptberufliche Tätigkeit selber. Manche Teilnehmer der Debatte geraten in den Verdacht, durch ihre frühere Tätigkeit unglaubwür- dig zu sein. Ihre Entschuldigung nimmt das Grundthema wieder auf: Sie hätten von der Judenvernichtung nichts gemerkt, weil sie an der Front oder in einem anderen Amt mit ihrer Karriere befaßt ge- wesen seien. Einigen von ihnen kann bewiesen werden, daß sie as gewußt haben müssen, weil sie beteiligt gewesen sind. Sie wech- seln mit Schimpf und Schande das Amt, und sie tragen damit zur optimistischen Grundstimmung bei: Schließlich sind sich alle darin einig, daß die Bundesrepublik kein Drittes Reich nicht ist. Die Debatte zeugt von Wachsamkeit und Besserung eines ganzen Vol- kes. Der amtierende Bundespräsident faßt in einer Jubiläumsrede das gute Gewissen zusammen, das sich aus dem ausgiebig breitge- tretenen schlechten Gewissen zu formen beginnt. Der 2. Akt verzeichnet einen jähen Rückschlag. Gewisse ältere Herrschaften, deren Ruf unter der öffentlich-rechtlichen Vergan- genheitsbewältigung leidet, sind die Sache leid. Sie halten eine Fortsetzung für übertrieben und ungerecht, und sie sagen es auch mit dem ihnen eigentümlichen Charme, der stets mit einem guten Gewissen einhergeht: Die hätten es leicht, historische Wühlarbeit zu betreiben, die nicht dabei waren. Zumindest sollten die Jünge- ren die "Gnade der späten Geburt" schätzen; die hat es ihnen näm- lich erspart, die Schwierigkeiten des Mitmachens auf sich zu neh- men. Mit diesem Entlastungsangriff, dem auch Kanzler und Präsi- dent ihre Anerkennung nicht versagen, geraten sie aber an die Richtigen. "Was? Vergessen ?" - "Kommt nicht in die Tüte!", er- bost sich das ZK der Juden in Deutschland. Die israelische Kul- tusgemeinde wird putzmunter, zumal sie sich ideell um eine statt- liche Anzahl deutscher Bürger vermehrt, die gerade von einem Ho- locaust-Film wahnsinnig betroffen sind. Das sitzt. Der Präsident spricht ein schöngeistiges Machtwort - "Wir dürfen und können und wollen und sollen nicht vergessen...", im Fernsehen wird der Ho- locaust-Film von lauter selbstzerknirschten Schwachköpfen beredet - "Wir sind sprachlos" -, und beim fälligen Israel-Besuch reut den Kanzler und den Kanzlerkandidaten die deutsche Geschichte. Außer einigen Waffengeschäften werden auch noch Kränze hingelegt, während in der alten Reichshauptstadt ein "Zentrum für Antisemi- tismus-Forschung" die Ernsthaftigkeit des guten Gewissens unter- streicht. Ganz nebenbei kommt über diese Institution ans Licht, daß bislang offenbar überhaupt noch nicht bekannt ist, wie Anti- semitismus geht und warum es ihn gibt. Das macht aber den strei- tenden Parteien gar nichts aus, denn die haben viel zu tun mit der "Verantwortung für die Folgen der Geschichte. Im 3. Akt erfahren die guten Deutschen, die meinen, mit ihren blendenden Beziehungen zum Staate Israel und ihrem Erinnerungs- wachhaltungstheater genug der Reue absolviert zu haben, daß sie schief gewickelt sind. Die Initiative geht von noch besseren Deutschen sowie den im Lande organisierten Juden aus. Der M a ß s t a b, den sie an die deutsche Politik anlegen, ist ja offiziell anerkannt worden. Man darf und soll schließlich in die- sem Lande verlangen, daß es samt seinen Insassen die Juden re- spektiert und sich d a r i n wohltuend von seinem Rechtsvorgän- ger unterscheidet. Dieser Maßstab ist sehr streng, weil er auf jeden anderen Gesichtspunkt verzichtet mit dem man deutsche Poli- tik und Wirtschaftskunst gewöhnlich zu kritisieren pflegt. Seine Anwälte treten als P r ü f e r d e r d e u t s c h e n S z e n e auf - einer Szene, in der die Distanzierung von den Judenmorden zu Inbegriff der "Faschismuskritik" geworden ist. Und was müssen sie feststellen, die Einpunkt-Saubermänner? Wieder ein alter Nazi immer noch im Amt! Noch eine Hakenkreuz-Schmiererei! Und die lockeren Sprüche von Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens! Schließlich kulturelle Entgleisungen wie das Theaterstück mit der falschen Figur! Also schleudern sie ihre trotzigen Parolen denen entgegen, die der Buße genug getan zu haben glau- ben: "Wehret den Anfängen; sonst geht's wieder los!" Vehement stehen sie zu der Auffassung, daß ein Staat wegen der Duldung an- tisemitischer Vorurteile schließlich beim Pogrom landet. Das zwingt die Verantwortlichen zum Handeln, und sie machen ein Ge- setz gegen die "Auschwitz-Lüge". Die nazistischen Wehrsportgrup- pen werden kontrolliert und strafrechtlich hergenommen, die ent- gleisten Beamten werden versetzt und Gerstenmaier wird beerdigt. So haben die bloß guten Deutschen mit ihrem neuen Staat wieder die Initiative an sich gerissen, und alles ist wieder gegen Anti- semitismus. Betont wird die Einheit durch noble Gesten von promi- nenten Deutschen: Sie erzählen bei jeder publikumswirksamen Be- handlung der Judenfrage, bei ihnen in der Familie wären schon seinerzeit jede Menge Juden vor dem Zugriff der Nazis versteckt worden. Widerstand muß damals schwer in gewesen sein, bis in die höchsten Sprossen der faschistischen Karriereleiter. Von diesem Geist der Versöhnung ist der 4. Akt getragen. Außer den Semiten sind jetzt - noch so gut wie alle Deutschen Antianti- semiten. Da sie und das Berliner Institut immer noch nicht wis- sen, wie so eine Sorte Rassismus geht, halten sie das Ganze nach psychologischer Beratung für ein i r r a t i o n a l e s V o r u r t e i l mit bösen Folgen. Damit sich die Vergangenheit auch in Zukunft nicht wiederholt, beschließen sie, ihre Differen- zen bezüglich gesehen/nicht gesehen hintanzustellen. Statt dessen wenden sie sich der vorbeugenden Impfung der Jugend gegen das Vorurteil zu. Dabei kommt es zu einem D e m e n t i d e s s c h l e c h t e n J u d e n, dem nur eines zu entnehmen ist: die L o g i k d e s R a s s i s m u s. Das acht aber keiner Partei was aus, weil ein positiver Rassismus halt eine feine Sa- che ist. Wenn an den Gebrechen deutscher Geschichte laborierende Köpfe vermelden, soundsoviele Juden wären Soldaten gewesen, gute sogar, mit Auszeichnungen und für Deutschland gefallen, sind alle Beteiligten des Stückes heilfroh. "Jetzt ist das Verbrechen Hit- lers und anderer Deutscher aufgedeckt, weil der Dienst von Juden in deutschen Uniformen für die deutsche Sache sein Vorurteil wi- derlegt!" freut sich Galinski im Gespräch mit seinem Schwager Goldstücker. Und ein Rabbi, der gerade des Weges kommt, kennt alle deutschen Professoren, die Juden waren. Was die Juden der deutschen Kultur alles gegeben haben, weiß er auch - und nur ein zufällig vorübergehender Marxist, der weder über Juden noch über Deutschland Vorurteile hat, wundert sich: "Was ist denn eigent- lich daran sympathisch, für Deutschland zu kämpfen, zu fallen oder zu studieren?" murmelt er in seine Flugblätter. Sie handeln von den neuen Sicherheitsgesetzen, von Ausbeutung und Imperialis- mus - des neuen Deutschland. Auch dessen aktueller Rassismus und seine Auslese kommen vor. Und die Frage, warum es so wenig Anti- Antikommunisten gibt, obwohl doch das Reich mit seinen braven Mitmachern, innen wie außen, nicht schlecht aufgeräumt hat mit Kommunisten... Beim Anblick dieser Flugblätter fällt es den Fanatikern der Ju- denfrage wie Schuppen aus den Augen: Wieder einer jener Unbelehr- baren, die das Lernen aus der Geschichte nicht können; die nicht einmal wissen, wo man die "Kontinuität der Geschichte" hochhalten muß, die deutsche Nation mit Rechten versieht - und wo man sich von Hitler distanziert! Bei den Bolschewiste lag er doch richtig! Der 5. Akt beschäftigt die Akteure mit der Erarbeitung des letzt- lichen Ergebnisses jenes Lernens, das aus der Geschichte kommt. Der o b l i g a t e P h i l o s e m i t i s m u s wird in öf- fentlichen Diskussionen mit Zweiflern an der Lektion inthroni- siert. Diese schöne Idee, daß man als Deutscher die Juden achten und ehren soll, hat ebenso wenig wie der Antisemitismus etwas mit R a s s e, biologisch gesehen, zu tun. Sie kommt auch in unserem Stück richtigerweise mit dem Spruch: "Die sind klasse, die Is- raelis!" daher - und von lauter Leuten, von denen man anderes er- wartet. Zumindest, wenn man sich nicht in Rassismus auskennt. Um drastische Nachhilfe in Richtung "konstruktiver und zeitgemä- ßer Rassismus" zu erzielen, bemüht unser Stück die Teichoskopie. Ein Mauerschauer namens Springer unterhält sich mit seinem Kolle- gen Spiegel. Sie blicken nach Israel, wo das jahrhundertelang ge- schundene und auserwählte Volk inzwischen einen gelobten Staat unterhält. Sie sehen etwas Krieg, den Israel mit großer Bravour erledigt. Wie der Blitz fährt das kleine, aber tapfere Volk zu Auswärtsspielen - und haut dort Land und Leute kurz und klein. So wird das kleine Land immer größer, mit der Erweiterung seiner Grenzen wachsen auch die Gefahren; es gibt viel zu tun, im Kibbuz und in Wehrdörfern, beim Siedeln und Verteidigen. Zumal ein an- deres, in der Gegend verstreutes Volk unverständlicherweise ver- sucht, sich gegen die vorbildlichen Taten der endlich verstaat- lichten Juden zu wehren. Aber nach dem Bericht unserer Mauer- schauer schiebt sich da nichts, Israel hat Freunde und von denen Waffen und Geld genug, die nationale Gesinnung stimmt obendrein. Das alles rührt die deutsche Szene zum Erbarmen. "Geht in Ordnung und ist Recht" lautet eine erste, zurückhaltende Meinung. Dem pflichtet ein ansonsten eher antisemitisch gestimmter Deutscher bei, weil "Blitzkrieg" und "kurzer Prozeß" mit dem Gesindel auch in Bagdad, Entebbe und anderswo. Ein Linker besinnt sich darauf, daß er weniger links als d e u t s c h e r A n t i f a- s c h i s t war und ist. Ihm leuchtet es sofort ein, da er einer geschichtlichen Erblast zufolge Juden gar nicht kritisieren darf. Wenn sich die als n a t i o n a l e M a n n s c h a f t benehmen wie die radikalsten Teams zu ihren Blütezeiten, dann heißt's dreimal überlegen. Für die nötige Sensibilität ist ein Mensch zur Stelle, der a l s linker, deutscher Jude zum Kronzeugen taugt: Während Deutsche schwere Schuld auf sich geladen haben, liegt das Lebensrecht da hinten ganz auf der Seite Israels; licence to kill gehört dazu, wofür sonst soll das gute Volk über Jahrhunderte weg gelitten haben... Schließlich endet das Stück damit, daß ein anderer deutscher Linker von einer Reise ins gelobte Land zurückkommt und vor der israelischen Kul- tusgemeinde einen Vortrag über den prima Sozialismus hält, den er im Kibbuz, in Wehrdörfern und an der Klagemauer am Sabbat erleben durfte... Eine Alternative zu diesem Theater? ----------------------------------- Die gibt es schon. Aber sie eignet sich nicht für das Theater. Weder für das von deutschen Nationalisten, die mit einem billigen Geständnis in der Judenfrage das Programm des neuen deutschen Staates hochleben lassen. Worin dieses Programm besteht, er- scheint ihnen unerheblich angesichts dessen, daß ein Judenpogrom nicht vorgesehen ist. Deshalb sind sie auch auf diesen nervtöten- den V e r g l e i c h mit der faschistischen Herrschaft so scharf, den sie Gott und der Welt als Kritik am Faschismus ver- kaufen. Noch für das Theater von Leuten, die keinen Satz zustandebringe, ohne "ich als Jude" zu denken. Auch diese Zeitgenossen haben kein Interesse zu prüfen, was die Republik daheim und auswärts im Rah- men ihrer ökonomischen und militärischen Allianzen so anrichtet. Dafür ist ihnen jedes Mittel recht, mit dem inzwischen der Staat Israel auf Lebensrecht macht. Denn was "unser besonderes Verhält- nis zu Israel" anbetrifft, so sind sie sich sicher, daß da eine weltpolitische Buße-Aktion vorliegt. Damit liegen sie voll auf der Linie der Selbstdarstellung, die zwei Staaten ihrer Rolle in einer flotten imperialistischen Arbeitsteilung verpaßt haben. Und sie sehen zielstrebig vom alten und neuen Feindbild ab, das diese wunderbaren Staatswesen exekutieren - die Opfer sind ja diesmal andere, oder? Handelseinig werden sich die beiden Fraktionen al- lemal - die einen sind begeistert von den schauspielerischen Ge- sten, mit denen sie ihrer Politik einen guten Geschmack andich- ten. Die anderen entnehmen diesem Stil das Recht auf eine Aner- kennung zumindest im Bereich von Stilfragen. Nur wenn sie dabei übertreiben und immer noch Zeichen von Sühne und Vergangenheits- bewältigung verlangen, wo deutsche Politik mit ihrer handfesten Gegenwart und Zukunft zu tun hat, fallen sie dem einen oder ande- ren Macher auf die Nerven. Dann wird auch einmal deren stilisti- sche Selbstzensur locker und einer läßt sich mit einem bösen Wort vernehmen, das ein Jude einfach nicht als Kompliment mißverstehen kann. Dabei wäre die Alternative so einfach. Man braucht nur einmal die P f l e g e d e r S t a a t s m o r a l zu lassen und zu klä- ren, warum das Dritte Reich die Juden verfolgt hat. Welche Maß- stäbe einen Staat und seine elenden Mitmacher dazu bewogen haben, diesen Rassismus zu praktizieren. Und schon wird eine Besonder- heit des Nazi-Staates alles andere als ein guter Grund dafür, seine P r i n z i p i e n zu übersehen, wenn sie von ein paar demokratischen Herrschaften weltweit praktiziert werden: Gerechtigkeit oder: Der faschistische Staat ------------------------------------------- vollzieht seine Auslese über Rassismus, Holocaust ------------------------------------------------- Am Kriegsprogramm und den für es zu erbringenden Leistungen, die der Führer ganz gerecht von jedem Stand nach seinen Möglichkeiten forderte, wurde das Volk gemessen. Sämtliche "wirren Ansichten" und "Wahnsinnstaten" des NS-Staates, die von humanitären Bestau- nern des Dritten Reiches so gerne gesammelt und dokumentiert wer- den, um mit der Empörung über derartige "Unmenschlichkeiten" ein bißchen Freude zu stiften über die Menschlichkeit der demokrati- schen Alternative, verdanken sich diesem Prinzip. Es ging um die banale Be- und Verurteilung sämtlicher Zeitgenossen gemäß der Antwort auf die alles entscheidende Frage: Wer ist bereit, bei diesem Staatsprogramm mitzumachen? Mit der Bereitschaft war erst einmal der W i l l e gefragt. Wer sich nicht positiv zu seinem Lebens- und Kampfauftrag stellte, zog sich den Verdacht der maß- geblichen Instanzen zu, ein F e i n d zu sein. So hatte jeder- mann den Beweis anzutreten, daß er dem Volk angehört, dessen Er- haltung die definierte Aufgabe des Staates war; denn als Anwalt von Interessen, womöglich gar wirtschaftlicher und die Volksge- meinschaft entzweiender Anliegen haben sich der Führer und die Seinen nicht verstehen wollen. Der politische Wille der Unterta- nen hatte sich als das Merkmal ihrer politischen N a t u r zu erweisen. Andererseits wollten die Nazis die Führer eines großen, zu seiner Erhaltung berechtigten und fähigen Volkes sein, mochten also dem Augenschein eines "verwirtschafteten", "verweichlichten", "verwahrlosten", der meisten Tugenden baren Volkes nicht ohne weiteres trauen. Ging nicht vieles, was ihnen an der moralischen Verfassung ihrer Zeitgenossen, an den Sünden sämtlicher Stände mißfiel, auf das Konto der Tatsache, daß denen schon seit länge- rer Zeit die richtige Führung gefehlt hatte? Wer sich zu der Mis- sion entschließt, Millionen dahin zu bringen, den richtigen Wer- ten zu reben, sie zur Erringung des ihnen gemäßen "höchsten Men- schentums" anzuleiten, "geistige Führung" (nicht Kohl, sondern Hitler, MK, 482) zu üben, und dabei dauernd behauptet, der Volks- gemeinschaft zu i h r e m Glück zu verhelfen, der kann nicht an der Tauglichkeit der für den Kampf vorgesehenen Massen leichtsin- nig zweifeln. Eine g e w i s s e n h a f t e A u s l e s e tut not, eine Überprüfung, ob die p o l i t i s c h e Natur der Ge- führten der gar nicht völkischen U m w e l t stattgehabter Staatszerrüttung zu verdanken ist oder auf A n l a g e beruht, also nur ihrer N a t u r entspringt. Der R a s s i s m u s der Nazis ist schließlich keine unglaubwürdige, durch irgendeinen biologischen Beweis je abgestützte Irrlehre, sondern eine sehr glaubwürdige staatsmoralische Auffassung von Tauglichkeit bzw. Untauglichkeit des Menschen für ein Staatsprogramm. Der Übergang von der schlechten Meinung über Individuen, Familien, Sipp- und Völkerschaften, die den an sie gerichteten Ansprüchen nicht ent- sprechen, zu dem Befund, sie s e i e n so, ist übrigens ameri- kanischen Christen wie persischen Moslems, aber auch deutschen Demokraten genauso geläufig wie einst dem Gröfaz. Daß er als Füh- rer des Deutschen Reiches mit dieser blutigen Ideologie ernst ge- macht hat, hat ihm den Ruf eingebracht, kein respektabler Staats- mann g e w e s e n zu sein. Zu Lebzeiten w a r er allerdings einer, wie andere auch, die gelegentlich Tausende und Millionen dafür bestrafen, daß sie einen falschen Herrn haben, also F e i n d e sind. "Der Jude" ---------- ist den Nationalsozialisten überall unangenehm aufgefallen. In jeder Abteilung der von ihnen übernommenen kapitalistischen Ge- sellschft konnten sie Leute ausfindig machen, die sich am Ideal der Volksgemeinschaft, dem Nutzen des Staates vergangen haben. Agenten des gemeinschaftszersetzenden Klassenkampfs, des materi- ellen Egoismus fanden sich in den Reihen der Besitzenden, wo sie auf Kosten der völkischen Schaffenskraft spekulierten, den ver- antwortlichen Gebrauch des Eigentums behinderten, eine Zins- knechtschaft ins Leben riefen, welche es den nationalen Arbeitge- bern verwehrte, ihrem Auftrag - Brot und Arbeit - nachzukommen. Darunter hat die N a t i o n, eben die Volksgemeinschaft gelit- ten und die Vorsehung beauftragt, einen Führer ins Amt zu winken, der dem kosmopolitischen Gebrauch des Geldes, un-deutschen Kapi- talisten also, Einhalt geboten hat. Undeutsch und dennoch in Deutschland zugange, das hieß, Anwälte einer fremden Nation und Mitglieder eines fremden Volkes mitten unter u n s; nicht bei sich tätig, da gar nicht willens, eine eigene Nation zu schaffen; nicht einmal fähig dazu, weil längst als Parasiten eingehaust bei fremden Völkern zu deren Schaden. In den Reihen der Arbeitenden ließen sich ebenfalls Leute entdec- ken, die es auf die Leistung für die Gemeinschaft, welche diesem Stand zukommt, überhaupt nicht abgesehen hatten. Als Gegner des Dienstes armer, ehrbarer, für die Nation aber unentbehrlicher Leute haben sie freilich keine Sympathie für die Schaffenden, die ihnen umgekehrt auch kein Wohlwollen zuteil werden lassen - es sei denn, die Schaffenden werden von der Parasitenabteilung I daran gehindert, für die Nation schaffen zu dürfen. Dann müssen sie nämlich für die Arbeit nicht nur leben, sondern auch um sie kämpfen; und diesen Kampf ums Brot mißbrauchen un-deutsche, der Nation nicht zugetane und zugehörige Volksfremde zur Stärkung ih- rer internationalen Macht wider die Gesundung der Nation. Daß auf diese Gesundung von den verantwortlichen Politikern nicht besser geachtet wurde, erlaubt angesichts solch ungeheuerlicher Umtriebe nur einen (Be-)Schluß: Die Verwaltung des Staates ist selbst un- terwandert - von Juden, denen an der Pflege "wehrhafter Demokra- tien" weniger liegt, um so mehr an pazifistischer Aufweichung. Internationales Geschäft und internationaler Klassenkampf, Bol- schewismus und Wertpapierhandel sind dingfest gemacht als Schäd- linge der Nation; vermeintliche wie tatsächliche Wirkungen ihres Treibens werden Individuen nicht nur zur Last gelegt; die einmal ermittelte negative Wirkung ihrer Taten wird zum unausweichlichen Resultat einer n a t ü r l i c h e n E i g e n s c h a f t der Urheber erklärt. Der wie auch immer durchgeführte Nachweis für die Zugehörigkeit zu einem Volkscharakter war ein vollzogener S c h u l d b e w e i s. Blut steht contra Nation, die ihre Rasse verteidigt und weiß, was sie zu tun hat. In diese Falle ist über die Untauglichkeit für den nationalen Auftrag durch den Stammbaum entschieden, der Beweis praktischer G e g n e r s c h a f t zum Staat des Volkes überflüssig. Das hat viele Juden das Leben gekostet, obgleich sie auf Widerstand gegen die neuen Herren gar nicht verfallen sind. PS: Daß diese Erklärung zu einfach ist, stimmt nicht. Auch wenn der scharfsinnige Einwand durch die Lande geistert, Antisemitismus hätte es doch auch schon vor Kapitalismus und Hitler gegeben. Diese Überlegung bildet den Auftakt zur Behauptung, daß tiefere und "allgemeinere" Gründe vorliegen müssen, wenn auf Juden losge- gangen wird. Leider können wir diesem Übergang zur welthistori- schen Motivsuche, die allemal beim "Menschen" und seiner Irratio- nalität landet, nicht zustimmen. Sollen die Denker ihre Bedenken doch dadurch ausräumen, daß sie klären, vor welchen Maßstäben und herrschaftlichen Ansprüchen sich die Juden in Altertum und Mit- telalter unbeliebt gemacht haben. Vielleicht kriegen sie sogar raus, was religiöse Überzeugungen schon damals mit Lebensrechts- und -raumansprüchen in der Welt, bei Herr und Knecht zu tun hat- ten! zurück