Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist
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KULTURNOTIZEN
"Dallas" und "Denver"
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Woher die hohen Einschaltquoten für die bösen Spiele der Reichen?
Es ist nicht allein die alte, hier verschwenderisch bebilderte
Moral, daß Geld nicht selten den Charakter verderbe und allein
nicht glücklich mache (Blake Carrington hat einen schwulen Sohn,
eine zunächst mannstolle Tochter, die seinem Chef-Bohrer und dann
ihrem Psychiater wehmütige Augen macht); vielmehr liefern beide
Serien scheinbar die Bestätigung für den national-ökonomischen
Durchblick des Stammtischs: Die großen Vermögen wachsen durch die
unternehmerische Dynamik, und d a r u n t e r fallen (Gewalt
und Betrug. Nicht von ungefähr kommt die ganz normale Ausbeutung
weder bei "Dallas" noch in "Denver" vor. Statt dessen J. R. und
ein Clan-Chef, der seiner Begehrten folgenden Heiratsantrag
macht: "Wenn ich völlig von vorn anfangen würde, hätte ich nach
einem Jahr wieder die erste Million." Den Mehrwert i m B l u t
und das Geschäftemachen im C h a r a k t e r - das amüsiert an-
scheinend diejenigen, die als Arbeiter g e b o r e n werden und
a n s t ä n d i g arm sind. Und das u n t e r h ä l t nicht
nur - hier wird ein Stoff geboten, für den sich das breite Volk
auch noch leidenschaftlich engagieren soll. Jüngstes Beispiel:
Eine
Hemmungslose Gewaltverherrlichung
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in der "Bild"-Zeitung vom 11. November! Die brutalen Schlägersze-
nen in der Fernsehsendung "Denver-Clan" vom Vorabend benutzte
Deutschlands größte Tageszeitung zu einem als Zuschauermeinung
verkleideten offenen Plädoyer für Gewalt gegen Personen - und das
noch dazu als Schlagzeile auf Seite 1:
"Krystle schlug Joan. Zuschauer: 'Es war höchste Zeit'".
"Bild"-Kommentar: "Donnerwetter, war das eine Prügelei! Die mei-
sten Fernsehzuschauer jubelten."
Bei den ahgedruckten Zuschauerstimmen handelt es sich hoffentlich
ausnahmslos um Fälschungen gewaltgeiler "Bild"-Redakteure. Kann
man sich im Ernst vorstellen, daß Frau Petra Ackermann (27), Leh-
rerin aus Frankfurt, völlig ohne jeden persönlichen Grund einen
so abgrundtiefen Haß auf die US-Schauspielerin Joan Collins ent-
wickelt, daß sie folgendes meint: "Mir hat es richtig gutgetan,
daß die Collins endlich eins aufs Auge bekam!" Oder Jutta Berg-
mann (24), von Beruf Fotomodell: "Die Collins ist ein Ekel. Das
geschieht ihr Recht!" Höchstwahrscheinlich ist Fräulein Bergmann
Mrs. Collins nie im Leben begegnet!
Nein und nochmals nein! Es muß sich um E r f i n d u n g e n
handeln. Wahrscheinlich aus der Feder der gleichen Redakteure,
die für "Bild" den US-Überfall auf Grenada kommentiert haben
("Reagan schlägt zu!" Bravo.). Wenn sich diese Linie bei einer
Zeitung durchsetzt, deren Motto einst lautete "Seid nett zueinan-
der!", dann werden wir demnächst wohl auf der letzten Seite den
gezeichneten Spruch lesen müssen: Liebe ist... Wenn er ihr auf
die Nase haut bis sie blutet!
Otto in der Wende
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Spätestens wenn von der "Bild"-Zeitung ein Lob kommt ("Der Otto
macht vielleicht wieder was los!"), ist Vorsicht geboten, für
einen Blödler mit gelegentlichen satirischen Neigungen schon
gleich. Er hat sich dann nämlich den Witzen angenähert, für die
das deutsche Kulturblatt seinen Lesern 25,- DM bezahlt.
Otto hat's nicht gemerkt. Offenbar hat er sich die Wende zu Her-
zen genommen. Sollte er wirklich glauben, daß ein paar gelungene
Späße ü b e r die moralischen Unarten von Machern und Geschä-
digten auf deren Kosten gehen - um sich - im Zeichen der verord-
neten Harmonie jetzt zurückzuhalten? Oder waren die 3,5 sitzenden
Witze von früher nur Zufallstreffer? Weiß der gute Otto eigent-
lich, w a s er imitiert, wenn er Imitationen zur Belustigung
anbietet? Oder legt er gar keinen Wert darauf, das, worüber er
blödelt, auch blöd zu finden? Vielleicht liegt es aber auch an
etwas ganz anderem, daß seine Albernheiten so kindgemäß daherkom-
men. Das wichtigste seiner Hilfsmittel - die Ü b e r t r e i-
b u n g beobachteten Schwachsinns, die Fortsetzung von dessen
Logik, versagt. So verrückt wie seine Nachahmungen ist das Nach-
geahmte schon lange.
Freilich auch ein Grund, aufzuhören!
"Wetten, daß..."
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Die Technik der Verblödung geht hier so: Einer läßt sich eine
ortsspezifische Wette einfallen, und der Show-Master ruft "Das
ist ja eine fabelhafte Wette". Die Anwesenden dürfen haargenau in
diesem Moment Beifall klatschen. Wenn sie das verpassen, kommt
auch in den Wohnungen vor dem Kasten keine Freude auf. Dann
schreiben die Fernseher aus Stadt und Land an den "Gong" und an
die "Bild"-Zeitung.
Schreiben tun sie aber auch, wenn ihnen sonst etwas gefällt oder
nicht. Schwer beliebt ist, wenn ein Prominenter einen Menschen
mit absurdem Hobby für sich antreten läßt ("Herr Bürkli aus Ap-
penzell zündet in einer Minute mehr Briefmarken an, als der Welt-
meister im Briefmarkensammeln verkleben kann!"), verliert und
einen furchtbar guten Zweck hermacht: "Ich wasche die jungen Gi-
raffen im Ost-Berliner-Zoo!"
Nicht so beliebt ist, wenn die Wette ein laufendes Auto erfor-
dert. "Umweltverschmutzung!" Wenn irgendetwas herunterfällt, was
oben bleiben müßte. "Unfair!" Wenn ein Prominenter nichts Sozia-
les verspricht. "Hat keinen Sinn!"
Ganz bestimmt viel Sinn ist von der nächsten Sendung zu erwarten,
die aus der Stadthalle von Peking kommt. Tong Fei aus Shanghai
wettet für das Publikum: "Wetten, daß Sie bis zum Ende der Sen-
dung keine dlei Chinesen mit dem Kontlabaß auf die Bühne blin-
gen!" Am Schluß stehen dreißig Millionen Chinesen und 10 Millio-
nen Ukulelen auf der Bühne. Gina Lollobrigida verliert ihre Wette
und verspricht, am Sonntag mit Büstenhalter in einer Erdbebenge-
gend vorbeizuschauen.
Wahnsinnig lustig und sinnvoll!
"Rote Erde",
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ein Zechenfilm in 9 Teilen im ARD-Programm. Der deutsche Kumpel
wie er singt und lacht, das wäre nur Volkstheater, so muß er auch
noch k ä m p f e n, von 1866 bis 1919. Stilistisch eher an
Fassbinders "Berlin Alexanderplatz" orientiert (alles sehr dunkel
ausgeleuchtet, nicht nur unter Tage), erinnert die Story an eine
Schulfunksendung, in der "typische Figuren" sich Sentenzen aus
dem Sozialgeschichtsbuch um die Ohren schlagen - und, zur
"Unterhaltung", ein bißchen Blut und Boden (Zeugung, Geburt und
Heimaterde). Regelmäßig kracht's im Flöz, und an solchen
U n r e g e l m ä ß i g k e i t e n plus den eingerußten Gesich-
tern der Arbeiter (während der Steiger immer sauber bleibt!)
merkt man programmgemäß, daß es schon so etwas wie Ausbeutung ge-
geben haben muß - damals im 19. Jahrhundert, ehe die soziale
Marktwirtschaft dafür sorgte, daß auch einfache Hauer mit S i e
angeredet werden mußten.
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