Quelle: Archiv MG - KULTUR ALLGEMEIN - Vom Zeitgeist
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KULTUR - WIE GEHT DAS?
Liebhaber von Kultur wissen meist auch, daß sie schon ziemlich
lange währt. Besser ist sie darüber nicht geworden. So gut wie
alles von dem, was nicht ins Reich der Notwendigkeit gehört, er-
geht sich heute in einem recht eigentümlichen Gebrauch der Frei-
heit, die in kulturellen Belangen zum Zuge kommt.
Doch zunächst zur spannenden Frage, wann die Veranstaltung ange-
fangen hat. Los ging es mit der Kultur genau zu dem Zeitpunkt,
als für Zeit sie übrig war. Und das wiederum kam daher, daß die
Jungs und Mädels durch Arbeit und deren Produktivitätssteigerung
mit den Notwendigkeiten ihrer Lebensmittelbeschaffung fertig wa-
ren, ohne daß der Tag rum war und der Sandmann auf dem Zapfen-
streich bestand. Schon daran sieht man, daß Kultur eine äußerst
relative Sache ist. Ökonomische Notwendigkeit buchstabiert sich
nämlich sehr unterschiedlich, sie richtet sich nach dem Arsenal
von Mitteln, durch die ein Verein derer mit dem aufrechten Gang
die restliche Natur überlistet und seine Bedürfnisse definiert.
Diese sind eine ganz und gar von der Produktionsweise abhängige
Gewohnheit; die Entdeckungen der Archäologen machen deutlich, daß
gewisse Vorläufer unserer Freizeitgesellschaft bereits nach lä-
cherlichen Erfolgserlebnissen beim Sammeln und Jagen zum Höhlen-
malen übergegangen sind, weil sie sich überhaupt kein Gewissen
daraus machten, daß das Kugellager noch nicht erfunden war. Inso-
fern verdanken wir es der Relativität aller Kultur, daß sie so
früh angefangen hat.
Daß die Kultur so flott weitergeblüht hat, sieht auf den ersten
Blick wie ein Wunder aus. Denn die paar Einfälle, die im Verlauf
von Jahrtausenden hinzugekommen sind und an Werkzeugen wie Schuh-
mode, an Baustoffen und Verkehrsmitteln (PS) für Fortschritt ge-
sorgt haben, sind ja nicht einfach der Muße zugutegekommen. Erst
einmal haben sie den Kreis der Notwendigkeit erweitert, es mußte
nun nicht mehr nur gejagt und gesammelt werden, sondern auch ein
wenig getöpfert und gezüchtet, gehämmert und geschmiedet. Daß die
Musen dennoch einen Aufschwung abgekriegt haben, ist einer kul-
turträchtigen Laune der Geschichte geschuldet. Was die
P r o d u k t i v k r ä f t e n i c h t h e r g a b e n,
e r m ö g l i c h t e n d i e P r o d u k t i o n s v e r-
h ä l t n i s s e. Die matten Errungenschaften auf dem Gebiet
der Erzeugung materieller Güter waren zwar nicht geeignet, in
jedem Haushalt den Überfluß zu stiften, der den Geist zum Bau von
Pyramiden, zur einfühlsamen Zupferei an der Leier und zum
Ausdenken von Parabeln beflügelt. Durch die Teilung zwischen
"Verantwortung" und Arbeit, durch H e r r s c h a f t, mit der
produktive Leistungen in der Reproduktion der Gesellschaft die
eine Sache, ihre Nutznießung eine ganz andere werden, hat sich
das Wunder allerdings eingestellt. Das macht deutlich, daß die
Kultur in dieser zweiten Hinsicht schon wieder eine relative
Sache ist. Das Bedürfnis nach dem Guten, Wahren und Schönen ist
als Luxus in die Welt gekommen, und zwar bei denen, die das Reich
der Notwendigkeit beaufsichtigten, ihres Gemeinwesens Reichtum
verwalteten und mit dessen Mehrung planend, vorstandsmäßig befaßt
waren. Schon die Alten wußten, daß staatliche Machtausübung eine
schwere Bürde ist und nicht unter einschränkenden Bedingungen für
die Lenker leiden darf - materieller Wohlstand auf der Höhe der
jeweiligen Zeit war zu garantieren. Und wo der ist, steht der
Sinn nach Höherem.
In der Ökonomie mußte also keineswegs alles zum Besten stehen
oder auch nur einigermaßen gerichtet sein, damit ein Relief, ein
Wohlklang oder ein Reim entstand. Dank ihrer in den Produktions-
verhältnissen steckenden Produktivkraft hat die Kultur ihren Sie-
geszug allenthalben angetreten, wo sich Menschen ansonsten der
wüstesten Barbarei befleißigten. Es soll sogar Leute geben, die
sich daraus ein schlechtes Gewissen machen, weil sie sich sonst
nicht mehr guten Gewissens in ihre erbaulichen Genüsse von Sinn
und Form verbeißen könnten. Dabei läßt sich doch noch nicht ein-
mal der häßliche Vorwurf halten, daß die Kultur je ausschließli-
che Gaudi derer geworden ist, die das Sagen und ihre paar Besitz-
tümer hatten. Auf ein Monopol waren die geistigen, geistlichen
und geisterhaften Veranstaltungen nie berechnet, auch wenn sie zu
allen Zeiten die schöpferische Kraft und die Genußfähigkeit der
"Massen" enorm strapazierten.
Der erste Grund dafür ist schon wieder ein ökonomischer. Irgend-
wer mußte für das Bedürfnis nach Bild und Ton, Palast, Totenbe-
hausung und Vers ja t ä t i g werden. Das bloße
B e d ü r f n i s nach sinnlicher Darstellung herrlicher Ideen,
welche die kleinen und große Reiche der Weltgeschichte zum Ver-
dienst verklären, als das Werk der jeweils amtierenden Götter be-
singen oder schlicht von der Güte eines Fürsten Zeugnis ablegen,
bringt nämlich gar nichts hervor. Daß Könige keine Philosophen
sind und umgekehrt auch nicht, haben im alten Griechenland die
Denker dialogisch beklagt. Das war sehr undankbar, weil sie dem
Bedürfnis nach ihrer Kunst schließlich ihren Arbeitsplatz ver-
dankten. Ein nüchterner Blick auf das Gesetz von Angebot und
Nachfrage hätte ihnen lässig die Augen öffnen können. Da haben
sich Ägypten, Mesopotamien, Griechenland und Kreta garantiert
nicht von Byzanz und Florenz unterschieden: Herrschaften
w ü n s c h e n Kultur, g e m a c h t wird sie in allen Gat-
tungen von Kulturschaffenden, die dann ihre Schulen bilden.
Der zweite Grund führt endlich weg von der politischen Ökonomie.
Der Bedarf an Geist und Würde, die Nachfrage nach Denkmälern für
den Blütecharakter des jeweiligen Interregnums ist sicherlich ein
"Selbstzweck", insofern aber enorm auf Mitteilung aus. Jedenfalls
haben es die Sponsoren aller Kultur nie darauf abgesehen, die
Produkte ihres Gönnertums p r i v a t zu genießen - immer kam
es ein bißchen darauf an, daß die sinnlichen oder reinen Ideen
gesellschaftlich, völkisch, eben a l l g e m e i n verputzt
werden. Wenn Generationen am Arbeitsplatz Pyramide zuschanden ge-
worden sind, dann haben die anderen hinterher an den Tetraedern
die Ehre ihrer Rasse immerhin schlagartig erfaßt, samt der des
Königshauses. Ein Marathonlauf ist kein Langstreckenrennen, son-
dern ein beispielhafter Einsatz fürs Vaterland, der verdichtet
gehört und wurde. Kultur mag den herrschenden Betriebsleitern der
Abendländer aller Kulturkreise ein dringendes Desiderat gewesen
sein - gemünzt war sie allemal auch auf den Verzehr der Unterta-
nen. Mögen sie auch der Mittel entbehren, um sich einen Tempel
oder eine Grabstätte zu bestellen - einen Reim wollten sie sich
zu allen Zeiten darauf machen, daß sie nichts zu bestellen hat-
ten.
In ihrer "Funktion", durch die sie allen ohne Rücksicht auf so-
ziale Unterschiede etwas bringt, ist die Kultur also über jede
Kritik erhaben. Dafür weisen sie ihre Botschaften erneut als eine
äußerst relative Sache aus. Ihre Geschichte besteht aus einer
riesigen Sammlung von Zeugnissen dafür, welche sozialen Charak-
tere es im Einsatz des absoluten Geistes wie weit gebracht haben.
Ahnenkult
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Schwieriger als die Frage, wo die Kultur herkommt, ist das Pro-
blem, wie sie geht. Ganz früher ging sie noch leicht: Hier ein
Bildnis des vierten Sprosses einer Dynastie, dort ein begeistern-
des Orakel, ein netter Kriegsgesang, ein paar Gebetsformeln - und
fertig war die Laube. Herrscher und Priester orderten zusätzlich
noch ein paar Armreife beim Handwerk, das eine oder andere Ehren-
mal und Altäre, so daß die so subventionierten Branchen auch an
Erfahrungen im Umgang mit dem widerspenstigen Material reicher
wurden - und alle waren schwer zufrieden beim Betrachten der vor-
züglichen Produktionen.
Später wurden die Ansprüche dann höher. Mit den Fertigkeiten der
Produktion wuchsen die Bedürfnisse; durch militärische Auslands-
reisen lernte man die Reichtümer und Techniken der jeweiligen
Barbaren kennen, natürlich auch ihre bisweilen vergnüglichen Sit-
ten, Teppiche, Pferde und Frauen. Von den Kriegen wollte nun man-
cher Staatsmann einen geschönten Bericht haben, damit es dann
möglichst viele erfahren; Glück und Pech des nationalen Vereins
war den Göttern mitzuteilen, die jetzt nicht nur gut Wetter und
Fruchtbarkeit herbeizuführen hatten. Da vieles noch nicht so
recht klappte, war es selbstverständlich, daß der nun einmal un-
terhaltene Stand derer, die sich aufs Singen und Sagen verstan-
den, auch darüber seine Gedanken machte. Ein enormes Philosophie-
ren hub an, während Penelope mit ihren Mägden auf einer Vase dem
Spinnen huldigte, was für die Antike charakteristisch ist. Ge-
nauso wie ihre Orakel, Tempel und Hexameter.
Noch später - der Christengott hatte die Gemüter damit beein-
druckt, daß es außer ihm sowieso keinen anderen gibt - brachte es
die Kultur zu neuen Höchstleistungen im Kirchenbau, die die Er-
träge der zeitgenössischen Agrikultur bei weitem übertrafen. Rit-
ter zogen durch die Landschaft des Mittelalters, und an Höfen
verkehrten Spielleute, Troubadours mit manch derbem Liedchen.
Aber auch das Besinnliche kam nicht zu kurz: Kruzifixe und Ikonen
waren vom Ural bis an den Atlantik zu haben, weil Kreuzzüge und
andere Missionen zu mancher Wende geführt hatten. Philosophiert
wurde nun im Zeichen der Dreifaltigkeit, aber natürlich latei-
nisch und daher immer der Antike eingedenk. Bibelübersetzungen in
alle Zungen machten Furore, außerdem Heidnisches.
Aufgrund der Vervielfältigung der kulturellen Leistungen, die
sich dann ereignete, ist es unmöglich, den folgenden Perioden
auch nur annähernd gerecht zu werden; wie sollte eine so kurzge-
faßte Kulturgeschichte auch möglich sein, ohne die
B e d e u t u n g der Igor- und Nibelungenlieder, der Dome und
Skulpturen, die ihnen auf dem Fuße folgten und schnurstracks auf
Renaissance und Humanismus hinführen, aufs Erschrecklichste zu
vernachlässigen?
Fest steht, daß unsere Vorfahren durchaus gewußt haben, wie Kul-
tur geht! Ebenso, daß sie trotz unveränderter Prinzipien auf dem
Felde ihrer gesellschaftlichen Voraussetzungen und Dienste immer
mehr zu Wege brachten, so daß sie schließlich selbst nicht mehr
genau wußten, wozu ihre Werke bestimmt waren. Zu ihren kulturel-
len Beiträgen haben sie sich zunehmend verkehrtes Zeug eingebil-
det, aber das hat sie enorm beflügelt in ihrer Schaffenskraft.
Das hat die Kulturschaffenden und -betrachter von heute zu einem
grandiosen, tragikomischen Fehlschluß verleitet. Gebannt von der
Fülle, die sich in der Kulturgeschichte angesammelt hat, ist ih-
nen eingefallen, daß Kultur von colere kommt. Das stimmt zwar
nicht, weil - wie berichtet - die Kultur von ganz wo anders her
kommt. Aber es fordert heraus. Der Auftrag zum Hegen und Pflegen,
den die Etymologie erlassen hat, will schließlich befolgt sein.
Und der Gegenstand, dessen sich ein Kulturfex annimmt, so er sich
zum Pflegen berufen weiß, steht auch fest. Es ist die Kultur, die
von colere kommt.
Auf diese krumme Tour haben wir es am Ende des zweiten Millenni-
ums soweit gebracht, daß ein Dritteil der ganzen Veranstaltung in
der P f l e g e d e r T r a d i t i o n besteht. Ganze Wis-
senschaften machen sich daran zu schaffen, den überkommenen Be-
stand nicht nur zu sichten und zu katalogisieren; sie verehren
ihn und schwören darauf, daß sie lauter Entdeckungen zu vermelden
haben, ohne die etwas Hinterheriges und Heutiges partout
"n i c h t z u d e n k e n" sei. Damit meinen sie nie die im
Zuge des herrschaftlichen Wunsches nach Kultur freigesetzte Pro-
duktivkraft des Wissens - mancher Einfall von zu Erbauungslei-
stungen abgestellten Typen hat ja eine fundamentale geometrische,
phsysikalische oder agronomische Einsicht dargestellt. Kultur-
pfleger interessieren sich für Newtons Physik bestenfalls als Zu-
behör und "Ausdruck" seines Menschen- und Gottesbilds! Wo der
Stammbaum der Kultur recherchiert wird, geht es nie um das eher
banale Festhalten von Leistungen, die gleich oder später zum Be-
standteil, weil Mittel des "Reichs der Notwendigkeit", der Ökono-
mie, geworden sind. Da kennt man sich aus: Das Gepflegte ist al-
lemal in der Sphäre des guten Geschmacks, der sinnreichen Mensch-
heitsideen und ihrer Bebilderung zu Hause - also von der Welt der
Arbeit wohl zu unterscheiden. (Daß sich bisweilen wohlmeinende
Volksfreunde zur Rede von der bäuerlichen, Arbeiter- oder Volks-
kultur herbeilassen, widerspricht dem gar nicht: diese Kenner ha-
ben nur entdeckt, daß auch das gewöhnliche Leben mit einer gehö-
rigen Portion von Sinnfragen und -antworten abgewickelt wird,
also die gewöhnlichen Leute auch nicht "ohne" sind und ihnen das
zur Ehre gereicht!)
Was an Elementen der Produktivkraft des Wissens so zusammenkam,
auch das, was bau- und kriegstechnisch so erfunden wurde, wird
bei der neuzeitlichen Totenverehrung vornehm e r w ä h n t, um
zur Bedeutung zu gelangen. Man denkt sich als Kulturhüter, also
in der Rolle des Erben, wozu jedes Kulturgut vergangener Tage die
Q u a l i t ä t d e s E r b e s als seine vorzüglichste Eigen-
schaft schon einmal nicht mehr los wird. Angetreten wird das Erbe
durch einen Beweis, der die Übernahme des Besitzes rechtfertigt.
Die K o n t i n u i t ä t, in die sich die Fachleute und Ama-
teure des Überbaus stellen, fordert den Nachweis der Verwandt-
schaft, und der geht auf dem Gebiet des Guten, Wahren, und Schö-
nen allemal über Demonstrationen der K o n g e n i a l i t ä t.
Dieses Verfahren, das seine der Habgier im gewöhnlichen Leben
nachgebildete intellektuelle Selbstsucht überhaupt nicht ver-
steckt, ist in doppelter Weise unverschämt.
Erstens schämen sich die berufenen Anwärter aufs Erbe mit ihren
Interpretationen überhaupt nicht, wenn sie entdecken, daß noch
der letzte Schrott des überlieferten Bestandes durch i h r
V e r s t ä n d n i s v o n i h m seine Weihe erhält. In den
kursierenden Deutungen alter Kunst und Philosophie machen sich
erwachsene Leute des 20. Jahrhunderts gemein mit den Werken und
Gedanken von Kulturschaffenden vergangener Tage, die über zwei
bis fünf "Ideen" (Gott, Kampf, Ernte, toter Urahn, böser Geist,
Königin) verfügten und sich mit der Darstellung dieser weltbewe-
genden Vorstellungen noch ziemlich hart taten. Mit der Registrie-
rung und Entzifferung ist es für die modernen Anbeter ebensowenig
getan wie mit der Ergründung des Warum und Wie der alten Produk-
tionen. Solche nüchterne Beurteilung würde schließlich nicht je-
nes Staunen und Bewundern zulassen, das von der
F ä h i g k e i t d e s I n t e r p r e t e n zeugt, sich in
dem Kanon von Kulturgütern heimisch zu fühlen, den Archäologie
und Philologie zutage gefördert haben.
Fremd, abwegig, primitiv, leierkastenmäßig und dumm darf einem da
nichts vorkommen. Da wird zur Not auch einmal die Relativität zur
damaligen Produktivkraftentwicklung bemüht, um die "Leistung" ins
rechte Licht zu rücken und der Subjektivität des modernen Sinnsu-
chers den Genuß zu verschaffen, auf den sie so scharf ist: Zuerst
will sie sich kompetent machen in Sachen Würdigung des Kulturob-
jekts, damit selbiges mit dem mühsam erzeugten Schein seiner Be-
deutung auf den zurückstrahlt, der es so kongenial zu beleuchten
verstand.
Die Früchte der eigenen Tradition sind also keineswegs respek-
tiert, wenn man in eine Basilika hineingeht, die Engel und Kreuze
schön oder zu dick findet, vielleicht sich Rechenschaft über die
Technik, die Proportionen etc. ablegt, um dann wieder hinaus und
ins Wirtshaus zu gehen. Ganz zu schweigen von einer Beurteilung
des gedanklichen Gehalts christlicher Schriften, die sich ausgie-
big mit Himmel und Hölle auseinandersetzen; von einem Schluß auf
die dürftigen ethischen Überlegungen übers Erlaubte und Verbotene
im Denken wie im Leben will beim Studieren griechischer Philoso-
phen kein Professor etwas wissen eher schon gelangt er zu der Be-
hauptung, diese Kinderschule des moralischen Denkens enthalte in
nuce und überhaupt genau die Gedanken, die er selbst für die al-
lerwichtigsten und gelungenen hält. Vor dem Verdacht, daß es sich
bei einem Denker des 20. Jahrhunderts nicht gerade um einen hel-
len Kopf handeln kann, wenn er sich mit nichts anderem herum-
schlägt als mit den kindischen und gläubigen Weisheiten, die ein
Inder, Grieche oder mittelalterlicher Christ in grauer Vorzeit
auch schon einmal hingekriegt haben, fürchtet sich da keiner.
Kultur geht eben andersherum man pflegt sie, indem man an sich
selbst auf Teufel komm raus belegt, wie sehr sie in Kraft ist.
Zweitens schämen sich die Vereinnahmungskünstler umgekehrt auch
nicht, eine offensichtliche Nicht-Übereinstimmung zwischen ihrem
Geistesleben und dem, das aus den Objekten ihrer Verehrung
spricht, zu erschlagen, indem sie ganz brauchbare Leistungen ein-
fach verpassen. D i e B e r u f u n g a u f d i e
T r a d i t i o n, die auf den Verwandtschaftsnachweis aus ist,
bekennt sich sogar offensiv zu ihrem Subsumtionsbemühen, wenn sie
vor allem in Sachen Literatur und Philosophie dazu übergeht, eine
B e t r a c h t u n g s w e i s e - die eigene, originelle - für
das Passende zu halten. Wofür, wird da offen ausgesprochen. Na-
türlich soll die M e t h o d e, der hausgemachte
G e s i c h t s p u n k t, der aktuell, von heute aus "sich auf-
drängende" Bezug der Überlieferung Botschaften "entreißen", zu
denen sie von sich aus nie in der Lage wäre. Die Beispiele sind
Legion, sagt man da, und stehen in kilometerlangen Bibliotheken
herum. Studierte Menschen sind gewöhnt daran, nach dem Faschismus
alle Dichter und Denker anders zu sehen, so daß manche mit ihren
Gedanken glatt für das "Unheil" verantwortlich sind. Die Welt
steht leicht auf dem Kopf, und so mancher Professor erlebt in
seinen Deutungen immer nur das eine: genau das, was ihn an der
Welt von heute aufregt und zu prinzipiellen Gedanken herausfor-
dert; hat Balzac bzw. Dostojewski auch schon beschäftigt. Daß
Kant und Hegel die Probleme ihrer brotgelehrten Nachfolger und
sonst keine gewälzt haben, sich darin garantiert nicht von Hei-
degger und Habermas unterscheiden, gilt in dieser Ecke des Be-
triebs als ehrenwerter Bericht über die Lektüre der Alten. Von
denen überhaupt erst ihre Interpreten mühsam herausbekommen, was
sie wie gedacht haben, weil sie selbst kein zureichendes
"Bewußtsein" ihrer Methode hatten. Wie gesagt - diese Methode,
Kongenialität zu stiften, geht über manch brauchbare Idee hinweg,
spart sich dafür, wie die erste Abteilung auch, das prüfende Ur-
teil; sie ist die Unterscheidung von richtig und verkehrt los und
hat damit einen sichere Erfolg in der Tasche. Den Nachweis, daß
im höheren Blödsinn von heute neben dem Dümmsten auch das ge-
scheite "Erbe" f o r t l e b t.
Einen Grund hat der beflissene Umgang mit de Erbe freilich auch.
Das Resultat der Geschichte und ihrer Leistungen sind schließlich
allemal "wir"; darin eifert die kulturelle Traditionssuche sehr
getreulich den Betrachtungen nach, die ihre profane Abteilung der
Geschichtsschreibung anstellt. Daß die Rechte und Pflichten, die
großen und kleinen M i s s i o n e n von "uns" Heutigen aus der
Geschichte kommen, aus der sich keiner stehlen kann; daß die Kau-
salität vergangener Ereignisse und nicht etwa ökomische und poli-
tische Willen und Interessen sehr gegenwärtiger Art dafür verant-
wortlich ist, wo's lang geht, ist das Credo der gewöhnlichen Ge-
schichtsbetrachtung, die dem Fortschritt von Macht und Herrschaft
und den ihm einbeschriebenen Wechselfällen lauter Aufträge ab-
lauscht. Diese sind politischer Natur und betreffen die Ansprüche
der Nation nach innen und an den Rest der Welt. Auch auf diesem
Feld der Kultur herrscht jene doppelte Unverschämtheit in der
Aufbereitung der Gedanke : Da scheut sich keiner, aus den
"Leistungen" der Leuteschinder der Vergangenheit die Rezepte für
sein Vorgehen abzuleiten - umgekehrt wird den Machern von gestern
und vorgestern, manchmal ganzen Völkern genau das Versagen in Be-
langen zur Last gelegt, die sie garantiert nicht kannten, weil es
die programmatischen Ideen von heute sind. Mit ein paar handfe-
sten A b s t r a k t i o n e n v o n d e n h i s t o r i-
s c h e n Umständen, von den U n t e r s c h i e d e n, jedoch
gelingt das Kunststück; Athen und Sparta, Rom und sämtliche
deutschen Reiche fremder Nation beweisen es: Teilung schlecht -
und da macht es überhaupt nichts aus, daß die Geschichte, einmal
als fortwährende Bereinigung von Teilungen betrachtet, die von
Kriegen ist.
Das "wir", auf das sich die kulturelle Traditionspflege zu ziel-
strebig hinbewegt, ist kein anderes. Mit ihrem Bemühen, "uns" als
Produkt und legitimen Verwalter der herrlichsten Werke des Men-
schengeistes vorzuführen, - acht sie sich um genau die
A u s s t a t t u n g "des Menschen", "des Lebens", "des Gei-
stes" verdient, die ihm neben und zusätzlich zu seinen ökonomi-
schen und politischen Diensten zusteht. Die Lüge i h r e r Ab-
straktion ist sehr einfach gestrickt: Sie sieht von der Relativi-
tät der Kultur ab und bespricht sie als d e n Zweck, das Haupt-
und Generalanliegen, in dessen Verfolgung das Menschengeschlecht
nichts anbrennen lassen darf. Das Bewahren ist die Pflicht, und
das daraus erworbene Verdienst ist die große Auszeichnung,
K u l t u r zu haben. Als hätten sich Geschäft und Gewalt erst
dann, dadurch aber ganz enorm, g e l o h n t, wenn außer der
Regierung und dem Geld auch noch Kultur 'herrscht', ergeht sich
die Überbaufraktion der moderne Klassengesellschaft in einer bru-
talen Idealisierung dessen, was als wesentlich zu gelten hat. Sie
tut so, als sei das Mehr oder Minder an K u l t u r d i e
S i g n a t u r e i n e r G e s e l l s c h a f t und ihrer
Konjunkturen, und sie mißt noch die letzte Barbarei in Vergangen-
heit und Gegenwart an diesem Kriterium, also daran, was sie für
die Bildhauerei, für Sang und Klang sowie für die Reimschmiede-
kunst ü b r i g hat!
Und diesen Maßstab lassen sich die Herrschaften gerne gefallen -
sie haben enorm v i e l ü b r i g f ü r d e n S i n n d e s
L e b e n s, der als eine ansehnliche Masse von vergegenständ-
lichten goodies und beauties daherkommt. Diese zeugen zusammen
mit den guterhaltenen oldies vom unsäglichen W e r t d e s
L e b e n s, wie er sich in einer Kulturnation Bahn bricht. Die
Gewährung und Pflege von Kultur ist so allemal ein staatliches
Angebot zur B e w ä l t i g u n g d e r n a t i o n a l e n
S i n n f r a g e, das den Untertanen getrennt von den "Fragen"
des Arbeitens, Wohnens, Heiratens und Sterbens offensteht, ein
paar Arbeitsplätze schafft und den freundlichen Stiftern Lob, Ehr
und Preis einbringt.
Pomp and Circumstances
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Staatsmänner, die immer auch auf der Suche nach guten Gründen für
ihren Laden sind, finden in modernen Hauptstädten der Welt ein
bißchen k u l t u r e l l e P r a c h t genauso bestechend wie
damals die Herrscher und Priester von Babylon. Der Aufwand zeugt
immerhin von der Güte des Gemeinwesens schon dadurch, daß er
Überfluß vorstellt - man braucht ja nur zu vergessen worüber.
Dieses Kompliment gewinnt noch an Gewicht, daß der Überfluß nicht
für irgendetwas, sondern für schöngeistige Wunderwerke aufgeboten
wird. Insofern sind sie zur Finanzierung einer stattlichen Anzahl
von Kulturbeauftragten der Nation und eines dazu gehörigen Be-
triebs bereit - für sie fällt ja auch persönlich eine Portion
Glanz ab, wenn der Staat eine gute Figur macht.
Dieser Kulturbetrieb hat zwei Abteilungen, eine spektakuläre und
institutionalisierte. Letztere heißt "Bildung und Erziehung" und
befaßt sich damit, auf den verschiedenen Stufen der Auslese, die
hierarchisch sortierte Bildungsanstalten darstellen, immer ent-
sprechend kindgemäß das kulturelle Erbe der Nation zu pflegen.
kommt es, daß fast jeder einmal ein paar Dichterworte auswendig
gelernt hat und auf die Zusicherung bauen kann, die ihm ein Leh-
rer mit auf den Lebensweg gibt - Goethe und Schiller seien super.
Wenige lassen sich ihr Abitur einen Durchgang durch ein paar Dra-
men kosten, besinnungsaufsatzmäßige Prüfung des rechten Verständ-
nisses inklusive Klassenfahrt zu Kirchen aus zwei, drei Epochen
gibt es auch, und der Geschichtsunterricht ist schon fast so be-
scheuert wie eine Uni-Vorlesung. An den Hochschulen dann das ganz
originelle, immergleiche Ringen um den Sinn, der in den verschie-
denen Kulturgattungen offenbar ganz wegen uns und für uns ver-
staut ward. Abweichende Weisen des Umgangs mit dem Kanon der zu-
ständigen Fächer kommen nicht vor, obgleich die Methoden der
Sinnfindung, ihre Betonung und vor allem die bevorzugten
"Aspekte" ein fröhliches pluralistisches Gewimmel bilden. Das
kommt in einer modernen Universität nicht etwa von staatlicher
Zensur der Lehrmeinungen - die interessieren ihn wegen der mögli-
chen Polizeiwidrigkeit erst, wenn er einen Beamtenlehrer oder do-
zenten bei einer falschen politischen Demonstration erwischt hat.
Nein, bei uns ist die Kultur so frei, daß sie sich in ihren mehr
oder minder prominenten Vertretern selbst sauber hält. Die merken
sofort, wenn einer seine Argumente nicht aus der Pflicht der
Wertschätzung gegenüber seinen Objekten bezieht und sie teilen
ihre Ablehnung stets als Gebot mit, das sich auf die Einhaltung
der methodischen Regeln des Argumentierens in einer freien Wis-
senschaft richtet. Diese Hygiene in der wissenschaftlichen Kul-
turbetreuung funktioniert blendend, vom Seminarreferat bis zum
Habilitationsverfahren, so daß jede Einstellungsfrage zu einer
Frage der Einstellung wird, die in "wissenschaftlich" kontrol-
lierter Form zu Protokoll gegeben werden muß. Auch hier rührt es
die Verwalter des Erbes gar nicht, daß nach ihren Kriterien ihre
höchstpersönlichen Berufungsinstanzen (sagen wir mal Leibniz,
Fichte, Kant, Hegel und so) von ihnen noch nicht einmal einen Se-
minarschein für ihre Leistungen bekämen. Das geht mit absoluter
Gewißheit aus der Art und Weise hervor, wie über die Größen ver-
gangener Tage mit formalem Respekt nur geredet wird, damit die
Verachtung für die paar richtigen Gedanken um so mehr den Epigo-
nen und ihrem an Objektivität desinteressierten Kultus ihrer Bot-
schaft zum Durchbruch verhilft.
Die spektakuläre Abteilung liebt der demokratische Staat genauso
wie seine Vorläufer. Er ist denen erstens sowieso überlegen, weil
er es in jeder Hinsicht weitergebracht hat und darüber hinaus die
kulturelle Staffage vergangener Tage als eine einzige Ansammlung
freiheitlicher Wegweiser und Weichen hin zu sich in Anspruch
nimmt. Insofern werden Jubiläen von Gebäuden, Geburts- und Todes-
tage von anerkannten Größen zu wahren Orgien repräsentierter na-
tionaler Dummheit, die sich wegen des federführenden staatlichen
Bedürfnisses - "ohne dies und den wären wir heute nicht auszuden-
ken" - "wir verdanken uns...", und darum geht es ja wohl - ein
Stelldichein gibt. Umgekehrt läßt es sich auch der demokratische
Staat - der ja zum Kapitalismus gehört, in dem bekanntlich auch
aus der Kultur sämtlicher Güteklassen ein Geschäft mit ganz an-
ders gegliederten Preisklassen wird - nicht nehmen, aus Repräsen-
tationsbedürfnis bei der Schaffung von Kultur auch selbst mitzu-
mischen. Da gibt es Theater und Opernhäuser zu erstellen, zu re-
novieren und zu subventionieren, den deutschen Film zu fördern,
den deutschen Schlager über die öffentlich-rechtlichen Anstalten
ins rechte Erfolgslicht zu stellen - und das alles nur, weil das
R e c h t d e r N a t i o n, alle Ansprüche, die sie sich in
der Welt von Politik und Wirtschaft anmaßt, so aussehen soll wie
eine durch k u l t u r e l l e L e i s t u n g e n v e r-
d i e n t e E h r e, die Anerkennung nach sich zieht.
Die Kulturdeppen freut das, und es steht noch nicht einmal fest,
ob sie wegen des Geldes so dienstbar liefern und repräsentieren -
oder ob sie wirklich ihren Dienst am Gemeinwesen für so wesent-
lich halten, daß ihnen auch materieller Lohn gebührt. Kaum einer,
der sich über einen Orden und so Zeug nicht freuen würde obgleich
er damit schon ein bißchen kulturelles Richteramt in Staatshänden
anerkennt. Kaum einer, der sich deshalb nicht auch in die Jury
verantwortungsbewußt berufen ließe. Die wenigen Leute, die sich
mit Kulturellem aus individueller Neigung befassen und die
"Prostitution", die "Bestechlichkeit" von Kultur(trägern) bekla-
gen, wenn sie das banale Zusammenspiel bemerken, täuschen sich
aber: Anders ist der ganze Kulturladen, als öffentliche Veran-
staltung jedenfalls, nicht zu haben. Die dritte
R e l a t i v i t ä t der Kultur, ihre Dienstfertigkeit ist eine
Konsequenz ihrer zweiten, jener, die von den Produktionsverhält-
nissen kommt, und nur die Kehrseite der Anerkennung, auf die noch
jeder Schöngeist seufzend aus ist. Müssen tut er sicher nicht,
aber wenn er es nicht darauf anlegt, i d e e l l w i e
m a t e r i e l l v e r k ä u f l i c h e W a r e zu liefern,
ist er an seiner geliebten Kultur nicht beteiligt. Dann kann er
sich seine Einfälle bezüglich des sinnlichen Scheinens der Idee,
seine Skizzen und Romanentwürfe gleich sparen, Wissenschaft trei-
ben - womit er auch aus der Universität heraus wäre - und dem Ka-
pitalismus heimleuchten. Mit Kultur ist diese schöne Sache zum
Beispiel gar nicht möglich; selbst dann nicht, wenn einer Kultur-
kritik betreibt, was immer auf die Besserung von Sinn und Form
hinausläuft. Die Prüfung, ob eine Theateraufführung, ein neues
Stück S p a ß m a c h t, ist für einen Kritiker genauso wie
für staatliche Bildungsgewissenswürmer nämlich etwas, was außer-
halb des Bereichs gehört. Gefragt gehört da schon eher, ob die
Neuheit Ehre einlegt - für das Haus, für seine Tradition, für
"unseren" kommunalen, regionalen, nationalen oder abendländischen
Standard. Und solche Fragen darf man auch dort stellen, wo ein-
deutige und keiner Frage mehr würdige Spektakel abgezogen werden.
Wenn zum Beispiel der Papst kommt und der Staat nicht mit Kunst
und Philosophie, auch nicht mit Hymne und Marsch - linke Trommel,
großer Fuß -, auch nicht mit Nobelpreisträgern kommt, sondern
seine Mannschaft und seine kulturelle Reserveelite dazu zur
großen Koalition mit dem Glauben antreten läßt. Tut-Ench-Amen.
Leider ist es mit der hier in aller Kürze beweinten "Funktion"
der Kultur - sie ist nationale Ausstattung - noch nicht getan.
Repräsentation wird nämlich auch nur veranstaltet, damit es alle
sehen. Das Lob der Herren ist allemal auf sein Echo berechnet,
auf Menschen "draußen im Lande" und auswärts, die mit der Bot-
schaft auch etwas anzustellen wissen - also in der Lage und be-
reit sind, das Getue zu genießen und sich in der kulturellen
Heimstatt, die ihnen geboten wird und die sie mit ihrer wirkli-
chen verwechseln dürfen, einzurichten.
Diese Übung ist nicht jedermanns Sache. Einige kommen nicht dazu,
weil sie erst einmal mit der Einteilung von Geld und Arbeitszeit
befaßt sind. In ihrer Freizeit sehen sie, ganz auf Unterhaltung
aus, lieber den Krimi als das Kulturmagazin, das einen Inszenie-
rungsskandal vom Zaun bricht. Verpaßt haben sie dabei ganz be-
stimmt nichts. Der "Nutzen" der Kultur fürs wirkliche Leben ist
ihnen entgangen und ein Irrtum ist ihnen schwerlich nachzuweisen.
Andere, wenige landen im Rahmen des musealen oder hochschulischen
Kultus wenigstens auf einem Arbeitsplatz, der ihnen einige Mühen
erspart und vielleicht sogar eine Neigung zum beruflichen Inhalt
werden läßt. Solange sie ihre Papyri friedlich studieren, ihre
Bibliotheken und Akademien in Schuß halten, sich nicht überan-
strengen bei den Karteien fürs neueste ostfälische, westfränki-
sche oder altbulgarische Wörterbuch, lassen sich diese Menschen
samt ihrer Borniertheit gut aushalten. Ein bißchen lästig wird
die Sache allerdings, wenn Angestellte der nationalen Fußnote
Kultur, nur weil sie der Staat nicht missen will und zu seiner
höheren Ehre unterhält, aus einem Kulissenschiebergeschäft der
Herrschaft etwas ganz anderes machen: einen Beweis für die Unent-
behrlichkeit ihrer werten Person; wenn sie dazu übergehen, sich
und ihren Beitrag zum menschenwürdigen Dasein so sehr gutzuhei-
ßen, daß sie den Ihnen gar nicht bekannten "Nutzen" für die Ge-
sellschaft in die Forderung übersetzen, nach ihnen hätten sich
alle zu richten.
Pride and Prejudice
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Um Kultur zur individuellen Ausstattung zu machen, bedarf es ei-
ner Gewohnheit, die man auch Bildung des guten Geschmacks be-
zeichnet. Diese in besseren Elternhäusern zusammen mit den Wir-
kungen der Schulerziehung schnell erworbene Fertigkeit läuft dar-
auf hinaus, daß sich ihre Besitzer bei jedem Haus und jeder
Straße, bei jedem Buchdeckel und bei jedem Socken, bei fremden
Leuten schon gleich, die aufregende Frage stellen, ob ihnen das
Objekt der zufälligen Ausschauung auch gefällt. Solche ästheti-
sche Erziehung kann böse enden, soll hier aber nur als Boden da-
für betrachtet werden, daß die aufbauende Schulung funktioniert.
Die zielt auf ein bleibendes Interesse an schönen Sachen, welche
dann erst einmal zum Freizeitvergnügen wird: Bilder, stehende wie
bewegte, gemalte wie fotografierte, sollen schön sein und sind
ein Genuß; Töne desgleichen - einen Klavierunterricht hat man ja
auch noch gehabt - und Worte nicht minder. Damit ist schon das
Programm auf dem Weg, das sich dann als Studienwunsch regt - und
spätestens dann wird's kritisch. Der Übergang zur M i s s i o n
kündigt sich nämlich an, und damit die Meinung, bei all den un-
terhaltsamen Dingen ginge es um Wichtigeres als bloß um Unterhal-
tung. So entstehen die erst heimlichen, dann im Probelauf exeku-
tierten Wünsche, selbst ein bißchen Kultur zu schaffen - oder,
noch schlimmer, den Mitmenschen die tiefere und eigentliche Wer-
tigkeit des Zeugs nahezubringen. Da gibt es dann schon wieder
Vorbilder im vorhandenen Kulturbetrieb. Vorlesungen werden prompt
nicht an den Erklärungen gemessen, die sie bieten, sondern an ei-
nem sachfremden Kriterium namens "Genuß" - natürlich ein
"ästhetischer" Maßstab, der von Kulturprofessoren schwer gepflegt
wird, von wegen Kongenialität mit dem hochverehrten Objekt. Jedes
Bild eine kafkaesk gemahnende Metonymie, die auf dem Abstellgleis
des Bahnhof des Nichts in eine parkende, aber hermetisch abge-
schlossene Litotes kracht! Jeder Dichtersatz und Pinselstrich ein
Wagnis, das erst einmal jahrhundertelang seit den Mysterienspie-
len und dem Pikaresken außer im Decamerone keiner sich zu trauen
wagte! Und allenthalben jede Menge Humanismus!
Einmal auf diese schiefe Bahn gelangt, wissen sich gebildete In-
dividuen schwer zu unterscheiden vom Rest der Welt. Und das ist
angesichts des Blödsinns, auf den sie sich viel zugutehalten,
falsch und lächerlich; angesichts der Anerkennung, die dem Zeug
über die staatlich abgesegneten B i l d u n g s g ü t e r und
die zu ihnen gehörigen Werbespots der aktiven Kulturbetreuer zu-
teil wird, befinden sie sich jedoch schwer im Recht. Dieses
Selbstbewußtstein, sich in einer enorm bedeutungsschweren Angele-
genheit heimisch zu fühlen, ein Verständnis mobilisieren zu kön-
nen, wo andere passen und einfach nichts verstehen, ist
e l i t ä r. Und es beschränkt sich keineswegs auf die Leute,
die tatsächlich den Durchmarsch zur Präzeptorenriege - sei es an
den Hochschulen, sei es in den Feuilletons - schaffen. Diese Hal-
tung, teilzuhaben, halbwegs exklusiv, an dem Sinn, für den ande-
ren der Sinn fehlt, schminken sich auch die nach dem Abitur ins
gewöhnliche Leben eingetretenen anständigen Menschen in den Cha-
rakter, Studienräte sowieso und eben die meisten akademischen Be-
rufstätigen. Die andere harte Seite dieser Tugend liegt darin,
daß sie sich nicht nur demographisch in die Akademikergilde hin-
ein ausbreitet und wegen der Korrelation von Bildung und Erfolg
auch sonstwo bei ansonsten normalen Leuten Nachahmer findet; sie
ist ein Laster, das sich keineswegs auf die Erörterung von Kunst
und Tiefsinn eingrenzen läßt. Deshalb gibt es im 20. Jahrhundert
plötzlich Leute "mit Stil", welche die Katharsis der großen Kul-
tur samt ihrem Humanismus und ihres guten Geschmacks so gründlich
durchlebt haben, daß sie in Sachen Benimm und Humor, Kleidung und
Wortwahl, ja selbst beim Einkauf im Großmarkt und an der Tank-
stelle demonstrieren, daß sie anspruchsvoller sind als die ande-
ren. Sie laufen herum und führen sich ihrer Umwelt gegenüber auf
wie Vertreter einer einflußreichen Stiftung "Kulturtest" und ken-
nen sich - in sämtlichen einschlägigen Qualitätsmaßstäben total
aus. Die Lockerung der Sitten und Umgangsformen, die einst im
Knigge nachzulesen waren, hat schon stattgefunden. Durch die Ein-
haltung der damals vorgeschriebenen Regeln kann sich heute so,
leicht keiner mehr Komplimente einhandeln und gebildete Typen von
heute würden sie nach diesen Regeln weder wollen noch einfach
verteilen. Das Regelwerk ist erneuert worden, es gibt
T e c h n i k e n d e r S e l b s t d a r s t e l l u n g, an
die sich die meisten Menschen unter dem verheerenden Eindruck der
Kultur halten, weil sie an sie glauben. Leider ist ihre Wirksam-
keit letztendlich doch wieder an die Harmonie - nein, nicht des
S c h e i n s von Bildung mit dem w i r k l i c h e n esprit,
sondern - des Auftretens mit der objektiven Stellung in der so-
zialen Zwiebel gebunden, welche nach oben immer dünner zuläuft.
Aber das ist ja auch kein Wunder. Schließlich ist die Kultur von
Anfang an eine ziemlich relative Sache gewesen.
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